TV-Shows Holzwege zum Ruhm
Menderes Bagci könnte der melancholische kleine Bruder eines Disco-Türstehers sein. Der 24-Jährige aus Langenfeld hat mal "Tankwart gelernt" und ist jetzt "freiberuflich tätig" mit gelegentlichen Gesangsauftritten. Menderes kann vieles nicht. Besonders gut kann er nicht singen und nicht tanzen.
Trotzdem - oder eher deshalb - hat er mittlerweile eine Homepage mit Foto-"Gallerie", Autogrammkarten und einen Anwalt, der ihn ein bisschen managt. In einer Zelt-Disco in Raddestorf bei Minden flog Menderes vergangenes Jahr ein Bierglas an den Kopf. Spätestens seitdem weiß er, wie schmerzhaft der Weg nach oben ist.
Ausgerechnet seiner konsequenten Erfolglosigkeit verdankt er zugleich eine gewisse Popularität. In jüngeren Zielgruppen dürfte er bekannter sein als der amtierende Bundespräsident. Sie kennen ihn aus "Deutschland sucht den Superstar" ("DSDS"), der quotenträchtigsten Castingshow des deutschen Fernsehens.
Seit das Format 2002 erstmals ausgestrahlt wurde, bewirbt sich Menderes in jeder neuen Staffel. Jedes Mal fliegt er wieder raus - chancenlos, aber eben auch vor Millionenpublikum. Voriges Jahr sprach Oberjuror Dieter Bohlen ihm das erste Bewerbungsverbot in der "DSDS"-Geschichte aus. Aber man merkte selbst ihm eine Art irritierten Respekt an vor diesem Stehaufmännchen. "Es ist 'ne Sucht geworden", sagt Menderes.
Vergangene Woche startete die neueste "DSDS"-Staffel. Er tritt darin wieder auf, kann immer noch nicht singen und wird wieder nach Hause geschickt. RTL adelt ihn diesmal in einer neuen Rubrik namens "Die Unbelehrbaren". Man wird wieder über ihn lachen. Er ist ein Running Gag geworden. Ein Maskottchen der Erfolglosen, von denen es sehr viele gibt.
31.098 Kandidaten zwischen 16 und 30 Jahren haben sich diesmal beworben. Mehr als je zuvor. Viele von ihnen tun das auch deshalb, weil es immer noch besser ist, zehn Sekunden im Leben von einem Bohlen gedemütigt zu werden, als eigenen Enkeln später gar nichts erzählen zu können.
Wer am Ende zum "Superstar" gekürt wird, ist völlig egal, weil die Massen den Gewinner meist nach gefühlten drei Monaten wieder vergessen haben. Es geht nicht um das Ziel. Es geht um den Weg. Den nach oben weist "DSDS". Den nach unten das ebenfalls auf RTL laufende Dschungelcamp "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" Das eine begann vergangene Woche, das andere endete. Es sind die Antipoden des künftigen Showgeschäfts schlechthin. Beide sind mit das Erfolgreichste, was deutsche TV-Unterhaltung momentan zu bieten hat. Beide bedienen und missbrauchen den klassischen Starkult einerseits. Und beerdigen ihn andererseits professionell.
Man mag das furchtbar finden. Man mag sich wünschen, dass die Nation nur Deutschlandfunk hört, über den neuen Roman von Daniel Kehlmann debattiert (der sinnigerweise "Ruhm" heißt) und abends im Familienkreis Blockflötensonaten anstimmt. Aber das ist nicht die Realität.
"DSDS" und Dschungelcamp markieren nicht nur den breiten Massengeschmack, sondern zugleich Anfangs- und Endpunkt künftiger Karrieren: "DSDS" als zynisch inszenierter Himmel, in dem Prominenz und Plattenvertrag winken. Das Dschungelcamp als selbstironische Hölle, in der zehn Ex-Irgendwasse eine ziemlich letzte Chance bekommen, sich zu blamieren oder auf den Radar irgendeiner Art von Öffentlichkeit zurückzukehren.
Hier wird der nachwachsende Rohstoff Jugend verfeuert, dort verstrahlte Altlast wiederaufbereitet. "DSDS" bebildert dabei eine tieftraurig stimmende Hoffnung: Du kannst was werden, aber dann hast du den Mund zu halten und dich von RTL, Bohlen oder Plattenfirma zur Marionette umschrauben zu lassen. Das Dschungelcamp markiert fröhliche Hoffnungslosigkeit.
Aber beide Shows sind nicht deshalb so erfolgreich, weil sie Menschen demütigen. Wer sich von RTL in Australien mit Kakerlaken überschütten lässt, kennt das Mediengeschäft und versucht, wenigstens aus dem eigenen Elend Kapital zu schlagen.
Zynismus ist allenfalls dort zu Hause, wo Bohlen wehrlose Schulkinderseelchen zerhäckselt. Vergangene Woche forderte der "Pop-Titan" die 16-jährige Katja auf, sie solle gefälligst niederknien vor ihm. Natürlich kniete das Mädchen - und kam eine Runde weiter. Aber mit solchen Demütigungen weiß die Generation Menderes schon ganz gut klarzukommen.
Und so widerwärtig ist die Menschheit auch noch nicht, dass sie nur noch dem Scheitern im Leben der anderen zuschauen will. Das glauben allenfalls die Kritiker der beiden Shows, die aber mit den Akteuren weit boshafter umgehen als die Macher selbst. Nein, es gibt zwei andere Gründe für die herausragenden Quoten.
Zum einen verheißen beide Formate gerade in der Ära einer merkwürdig abstrakten und offenkundig von ziemlich verlogenen Bankern und Managern angezettelten Wirtschaftskrise die Heimeligkeit einer überschaubaren Rest-Authentizität.
Viele Tränen der "DSDS"-Kandidaten sind echt, manche nächtlichen Geständnisse am Lagerfeuer des Dschungelcamps in ihrer schlichten Wahrhaftigkeit eindrucksvoll. Die stärksten Momente beider Shows sind jene, in denen sich der Zuschauer bei ehrlichem Mitleid erwischt.
Zum anderen hat das deutsche Publikum dank dieser beiden Formate endgültig begriffen, dass es sich seine Helden selbst basteln kann. Helden für einen Tag. Helden für 49 Cent pro Anruf. Es wählt sie hoch, es schmeißt sie raus. Es will Stars zum Anfassen und erschafft welche zum Angreifen. Dabei erobert es en passant ein einst elitäres Geschäft, das eh nicht mehr zeitgemäß ist. Wo sind denn heute noch die unnahbaren Halbgötter?
Deutsche Kulturkritiker bejammern gern, dass der hiesige Film keine Stars mehr generiere. Wie auch? Wenn man von Til Schweiger absieht, will das Kino primär Bildungsbürgertum bedienen, das eine überschaubare Nische bewohnt. Vielleicht ist es da nur konsequent, dass in der "DSDS"-Jury nun neben Bohlen und dem Musikmanager Volker Neumüller auch Nina Eichinger sitzt, Tochter des Filmproduzenten Bernd Eichinger.
Starruhm definiert sich über schiere Masse, die eine völlig zersplitterte Medienlandschaft aus Print, Hörfunk, TV, Internet, Podcast, Konzerten, Kino, Theater, Handy-Kommunikation heute kaum noch bieten kann. Selbst im Fernsehen taugen nur noch jene für den Olymp, die in der Ära von drei TV-Programmen und mindestens 20 Millionen Zuschauern aufgewachsen sind.
Künftig sehen die Holzwege zum Ruhm exemplarisch eher so aus: Start als Kandidat(in) bei "DSDS" (wahlweise auch "Popstars", "Das Supertalent" oder "Germany's next Topmodel"). Danach kurzzeitig eine eigene Personalityshow auf einem Kleinstsender. Es folgen Kurzauftritte als Quiz-Gast, Nebenrolle in einer Vorabend-Soap, ein paar Schlagzeilen über Bulimie, Drogensucht, Schwangerschaft oder Affäre mit einem anderen Casting-Sternchen. Der Rest-Ruhm wird zerkocht beim "Perfekten Promi Dinner" auf Vox. Am Ende wartet das Dschungelcamp.
Manche schaffen es dabei bereits extrem schnell von "DSDS" nach Australien: aktuell jener Transsexuelle, der bei Bohlen 2003 noch als tuntiger Lorenzo aus der Endrunde flog und nun - halbfertig auf dem Weg zur Frau - als Busch-Beauty Lorielle London überraschend viele Zuschauersympathien einheimste.
Früher hieß es, Qualität komme von Qual. Heute ist das Sich-quälen-Lassen die Qualität. Besondere Begabungen sind nicht mehr nötig, ja sogar hinderlich. Sie legen einen nur wieder auf eine Nische fest. Die Konsequenz ist: Nichtskönnen wird professionalisiert. So wurde Sandy Meyer-Wölden in Deutschland weltberühmt als geschäftstüchtigste Ex von Boris Becker.
Prominenz ist ein Spiel geworden, gespielt von einem Heer von Teilzeit-Ikönchen und Den-kenn-ich-doch-Gesichtern. Und? Für viele gibt es Schlimmeres.
Am Mittwoch kann man Menderes zuschauen, wie Bohlen ihn wieder zusammenfaltet. Er ist ein netter, einsamer Junge. Irgendjemand müsste ein bisschen auf ihn aufpassen. Er sucht gerade einen neuen Produzenten. Er will es auch nächstes Jahr versuchen. Sein Anwalt hofft jetzt auf etliche neue Buchungen.