Kino Sorgenfalten trotz Botox
Jeder Film hat die Schurken, die er verdient. Wenn Banditen Indianer überfallen, ist es ein Western. Wenn Killer auf Polizisten schießen, ein Krimi. Und wenn Psychopathen nach der Weltherrschaft streben, ist es ein Terroristen-Drama oder ein Film über Adolf Hitler. Die üblichen Verdächtigen eben. Wie beruhigend.
Dann kam die Finanzkrise. Seitdem sind viele unerwartete neue Bösewichte auszumachen. Die Stimmung brachte vor wenigen Tagen der Grünen-Politiker Werner Schulz auf den Punkt: "Die Leute haben heute mehr Angst vor ihrem Anlageberater als vor al-Qaida."
Ein deutscher Regisseur muss diese Entwicklung geahnt haben: Tom Tykwer, berühmt geworden mit der Bankräuber-Fabel "Lola rennt". In seinem neuen Thriller "The International", mit dem am Donnerstag dieser Woche die 59. Internationalen Berliner Filmfestspiele eröffnet werden, ist die Bank selbst der Räuber.
Mehr noch: Die Bank ist eine kriminelle Vereinigung, die Mord und Totschlag in Auftrag gibt; eine "bad bank", schlimmer als in den schlimmsten Alpträumen Peer Steinbrücks. Nur dass in "The International" kein Finanzminister die Heldenrolle übernimmt, sondern der britische Star Clive Owen ("Inside Man"). Steinbrück kommt nicht zur Premiere. Er kennt solche Geschichten wohl eh zur Genüge.
Doch die Finanzkrise liefert nicht nur den Stoff für den Eröffnungsfilm der Berlinale, des - nach Cannes - weltweit wichtigsten Kinofestivals. Die Krise wird auch das beherrschende Gesprächsthema sein auf all den Berlinale-Partys und Berlinale-Empfängen, bei den Festreden, Pressekonferenzen und beim Geschacher um Filmrechte und neue Produktionen.
Wird das Kino die wirtschaftliche Dürrezeit unbeschadet durchstehen? Vielleicht gar davon profitieren, weil es Eskapismus ermöglicht? Wie wird sich die Rezession langfristig auf die Unterhaltungsbranche auswirken? Tragen die traditionellen Geschäftsmodelle? Was muss anders werden? Diese Diskussionen dürften drängender sein als die Frage, ob Kate Winslet vielleicht zu sexy ist in der Rolle einer früheren KZ-Wächterin im Wettbewerbsfilm "Der Vorleser".
Die Krise trifft das Kino fast noch unerwarteter als die Wall Street. Bis gera- de eben noch hatte sich die Branche an den Bilanzen des vergangenen Jahres berauscht. Die US-Kinos vermeldeten 2008 mit einem Gesamteinspielergebnis von fast 10 Milliarden Dollar ein neues Allzeithoch und einen Zuwachs von rund zwei Prozent gegenüber dem Vorjahr. Auch in Ländern wie Kanada oder Italien lagen die Einnahmen der Kinos über denen des Vorjahrs; in Frankreich stiegen die Besucherzahlen um mehr als sechs Prozent.
Sogar die Kinos in Großbritannien, das besonders stark unter der Finanzkrise leidet, vermeldeten Rekorde: plus fünf Prozent. Verantwortlich dafür war unter anderem die Verfilmung des Abba-Musicals "Mamma Mia!" mit Hollywoods Grande Dame Meryl Streep. "Mamma Mia!" löste in Großbritannien "Titanic" als erfolgreichsten Film aller Zeiten ab.
Auch in Deutschland strömten 2008 fast zwei Prozent mehr Zuschauer ins Kino als im Vorjahr. "Das Wort Krise kennen wir nicht!", rief Steffen Kuchenreuther, Präsident der Spitzenorganisation der deutschen Kinobranche, vor zwei Wochen beim Deutschen Filmball in den Saal - und erntete frenetischen Applaus.
Sogar das gerade am Berliner Kurfürstendamm eröffnete Luxuskino Astor Lounge, das seinen Zuschauern breite Ledersessel bietet, zudem Champagner für bis zu 590 Euro, ist ständig ausverkauft, trotz saftiger Eintrittspreise von 15 Euro.
Je schlechter die wirtschaftliche Lage in einem Land sei, desto mehr profitiere das Kino davon, meint Thomas Friedl von der neugegründeten Berliner Produktionsfirma UFA Cinema. Das Kino, so Friedl, erlaube "die Flucht aus der harten Realität".
Der Blick in die Geschichte zeigt allerdings, dass dies nicht stimmen muss. Während der Großen Depression in den dreißiger Jahren flüchteten die Zuschauer anfangs zwar tatsächlich in Massen aus der tristen Wirklichkeit in die Filmtheater. 1930, im Jahr nach dem Börsencrash, verzeichnete Hollywood die höchsten Besucherzahlen seiner Geschichte.
Doch der Boom dauerte nicht lange. Schon 1931 drehten die Amerikaner den Dollar dreimal um, bevor sie ihn an der Kinokasse ausgaben. Die Einnahmen der Studios sanken in den folgenden Jahren um 25 Prozent, fast ein Drittel der Kinos musste schließen. Nach dem Zuschauerrückgang brauchten die meisten Hollywood-Studios viele Jahre, ehe sie wieder schwarze Zahlen schrieben.
So wirkt das Mantra vom ewigen Krisengewinnler Kino, das in diesen Wochen von Theaterbetreibern, Verleihern und Filmemachern angestimmt wird, vor allem wie lautes Pfeifen in einem dunklen Wald.
Denn in Wahrheit gehen die Zuschauerzahlen weltweit langsam, aber stetig zurück: In den USA fielen sie in fünf der vergangenen sechs Jahre. Die so lautstark bejubelten Bilanzen stimmen nur dank höherer Kartenpreise. Auch die DVD-Verkäufe, wichtigster Einnahmeposten der Branche, sinken, allein in den USA um über fünf Prozent. Am Donnerstag voriger Woche offenbarte der französische Konzern Thomson, weltweit einer der größten DVD-Hersteller, eine existenzbedrohende Verschuldung. Jetzt sucht man nach "Lösungen mit potentiellen Investoren".
Staatliche Subventionen für die Unterhaltungsindustrie?
"Es ist schwer, die Sorgenfalten zu erkennen, wenn die halbe Stadt Botox benutzt", spottete das US-Magazin "Business Week" über die Konsequenzen der Krise für Hollywood, "aber die Angst ist da." Das Branchenblatt "Hollywood Reporter" kommentierte: "Die Zeiten des leicht verdienten Geldes sind offiziell vorbei."
Die Studios reagieren darauf wie andere Konzerne auch: kürzen, entlassen, sparen. So will Paramount künftig nur noch 20 Filme pro Jahr herausbringen - 2008 waren es noch 25. Die Konkurrenz NBC Universal verkauft ihren Ableger Rogue Pictures und kündigte an, im laufenden Jahr 500 Millionen Dollar einzusparen. Die Sony-Studiochefs wiesen ihre Mitarbeiter an, künftig in billigeren Hotels abzusteigen; Privatjets seien in Zukunft nur noch wenigen Superstars vorbehalten. Und Warner Bros. setzt gerade 800 Mitarbeiter vor die Tür, zehn Prozent des weltweiten Personals, und das trotz eines enorm erfolgreichen vorigen Jahres: Allein das Batman-Spektakel "The Dark Knight" spielte weltweit fast eine Milliarde Dollar ein.
Noch ängstlicher reagieren externe Geldgeber und Hedgefonds-Manager, die bislang die Finanzierung vieler Spielfilme überhaupt erst möglich machten. "Investoren, biedere Leute, die nicht aus der Filmbranche kommen, machen die Situation kompliziert", klagte Hollywood-Star Robert Redford in einem Interview mit dem "Wall Street Journal". "Die ziehen sich in letzter Minute zurück und lassen die Filmemacher im Regen stehen. Wo kommt jetzt das Geld her? Ich weiß es nicht."
Aus Indien vielleicht? Regisseur Steven Spielberg versucht seit Monaten, Kredite von 750 Millionen Dollar für sein Studio Dreamworks aufzutreiben. Involviert in den Deal sind der Bollywood-Konzern Reliance Big Entertainment des indischen Milliardärs Anil Ambani sowie die US-Bank JP Morgan Chase. Eine schwierige Angelegenheit in diesen Zeiten. Auch sonst macht Spielberg die Finanzkrise zu schaffen: Er gehört zu den Opfern von Bernie Madoff. Der Wall-Street-Betrüger schädigte eine Spielberg-Stiftung um Millionen.
Schon wird der Ruf nach staatlichen Subventionen für die Unterhaltungsindustrie laut. "Wie wär's mit einem Blockbuster-Bailout?", schlägt Peter Bart vor, Chefredakteur des Branchenmagazins "Variety". Er erlebt die Folgen der Krise gerade im eigenen Haus: Vergangene Woche musste das Blatt, das vor allem von Werbeanzeigen der Filmstudios lebt, die Entlassung von 30 Mitarbeitern bekanntgeben. Entsprechend zornig teilt Bart nun aus: "Wenn sogar diese Idioten in Detroit die Hand aufhalten" - gemeint sind die US-Autohersteller, die milliardenschwere Staatshilfen verlangen -, "warum dann nicht auch die Künstler?"
Man kann natürlich auch einfach in Detroit einen Spielfilm drehen - so wie Clint Eastwood. "Gran Torino" heißt sein neues Meisterwerk, das in diesen Tagen beunruhigend visionär wirkt (Deutschland-Start: 5. März). Hollywoods zähester Haudegen spielt darin einen pensionierten Arbeiter der Ford-Werke, der den Niedergang von Detroit in seiner Nachbarschaft erleben muss. Die weiße Mittelschicht ist weggezogen, asiatische und schwarze Gangster terrorisieren das Viertel - bis der alte Mann quasi im Alleingang den Kampf aufnimmt: "Runter von meinem Rasen!"
Eastwood, Jahrgang 1930, hat noch persönliche Erinnerungen an die Große Depression: "Es gab damals nicht viel Arbeit. Die Leute kamen kaum über die Runden, aber sie waren härter." Heute dagegen dominiere die "Pussy-Generation", lauter Waschlappen, sagte er in einem Interview.
Auch auf der Berlinale laufen einige Filme, welche die Krise des Wirtschaftssystems aufgreifen. Michael Winterbottoms Dokumentation "The Shock Doctrine" etwa, die auf dem Bestseller der Globalisierungskritikerin Naomi Klein beruht, will zeigen, wie westliche Regierungen und Konzerne von Kriegen in der Dritten Welt profitieren. Der deutsche Regisseur Hans-Christian Schmid verfolgt in "Die wundersame Welt der Waschkraft" den Weg von Handtüchern und Laken aus Berliner Luxushotels nach Polen. Und der Abschlussfilm "Eden à l'ouest" des griechischen Regisseurs Constantin Costa-Gavras begleitet einen Migranten auf einer Odyssee durch ein Europa, in dem Arbeit ein bedrohlich knappes Gut wird.
Doch außerhalb des Festivalbetriebs setzt das Kino bisher vor allem auf die alte Erfolgsnummer: Lachen gegen die Angst. So verzuckert "New in Town", soeben in den USA gestartet, das Liebesleben einer Managerin (Renée Zellweger), die - jeder Film hat die Schurken, die er verdient - eine Fabrik schließen soll. Gerade noch rechtzeitig verfällt sie dem örtlichen Gewerkschaftsboss (Harry Connick jr.). Und der Disney-Film "Shopaholic - Die Schnäppchenjägerin" (Deutschland-Start: 12. März) porträtiert eine junge Journalistin (Isla Fisher), die in New York wie im Rausch Schuhgeschäfte und Boutiquen leerkauft, obwohl ihre Kreditkarte längst ausgereizt ist.
Eine geschmacklose Phantasie in diesen Zeiten? Von wegen. Die junge Frau kennt sich schließlich in Wirtschaftsfragen aus: Sie arbeitet bei einer Finanzzeitschrift.