Prominente: Das Projekt Davorka - DER SPIEGEL
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Prominente Das Projekt Davorka

Jetzt, in der Zeit der Filmbälle, ist die Hochsaison für Starlets. Frauen wie Davorka Tovilo bewegen sich auf roten Teppichen, als wären sie auf dem Weg nach oben. Dabei sind sie nur die Statisten eines Geschäfts, das nach Nachschub giert.
Von Dialika Krahe
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Donnerstagabend, kalt, aber trocken, die Geschäfte rund um die Münchner Bayerstraße machen gerade Feierabend, als Davorka Tovilo, gläubige Katholikin, mal wieder beschließt, ihre Brüste an die Medien zu verkaufen.

Mit kleinen Schritten stöckelt sie auf den roten Teppich, der an diesem Abend ihre Bühne sein soll. Sie trägt ein transparentes Stück Stoff, das an einem Halsband aus rotem Lackleder befestigt ist. Tovilo nennt es Kleid, darunter ist sie nackt, bis auf ein paar Glitzer-Leggins, die an ihren Beinen kleben. Der rote Teppich führt in ein Kino, Multiplex, in dem gleich eine Filmpremiere stattfinden soll. Wenn das Geschäft gut läuft für sie, führt der Teppich auch in den "Münchner Merkur", in die "tz", in die "Bild"-Zeitung, vielleicht sogar in die überregionale Ausgabe. Führt auf die Startseiten von münchen.de, gmx.de und bild.de. "Davorka klickt gut", sagt sie, 10.000 Klicks am Tag, "das ist 'ne gute Quote."

"Denk dran, Davo", ruft ihr jetzt Peter von Schall, der Manager, hinterher und macht eine Geste, die ihr zeigt, sie solle ein Hohlkreuz machen, schön das Kinn hoch und die Brust raus, damit man sie im Blitzlicht besser sehen kann. Sie rollt die Augen, genervt, tut dann aber wie befohlen. Schließlich ist er der Manager, er weiß, was gut ist für das "Projekt Davorka".

Tovilo und ihr Manager leiten, wenn man so will, ein kleines Unternehmen. Eines, das auf rote Teppiche spezialisiert ist, auf Galaveranstaltungen und Filmpremieren. Das Produkt, das sie verkaufen, ist eine Busenphantasie, die nur existiert, sobald es Fotografen gibt und Fernsehteams.

Sie dreht sich in die Kamera, lasziv, lächelt ihr Scarlett-Johansson-Lächeln, und dann passiert es: Das Blitzlicht verschlingt sie. Von vorn, von der Seite, von unten und oben: "Schau noch mal über die Schulter", rufen die Fotografen, "hierher!", sagen sie und "wunderschön". Am nächsten Tag ist ihr Bild in den Zeitungen.

Davorka Tovilo, 30 Jahre alt, hat es in der Film- und Medienwelt zu dem gebracht, was man ein Starlet nennt. Jene Sorte Frau, der es auf wundersame Weise gelingt, berühmt zu sein für etwas, von dem niemand genau weiß, was es ist. Davorka Tovilo kann nicht singen, kann nicht tanzen, kann nicht gut schauspielern. Eigentlich hat sie nur ein geheimnisvolles Lächeln und ein paar Silikonbrüste zu bieten in Größe 75 D. Und die Bereitschaft, sich zu inszenieren, mal selbstbewusst, mal unterwürfig, manchmal hemmungslos, aber immer akribisch vorbereitet.

Es ist früh am Nachmittag vor der Premiere, Davorka Tovilo hockt, Gänsehaut auf dem nackten Rücken, auf einem Klappstuhl in einem Münchner Kelleratelier.

"Wenn man in die Zeitung will", sagt sie, "muss man denen was Besonderes bieten." Eine Idee müsse man haben, ein verrücktes Outfit für die Fotografen. Busenzeigen sei hilfreich, ja, aber es sei auch wichtig, wie man den Busen präsentiere. Deshalb soll ihr der Tätowierer heute "ein heißes Bodypainting malen, passend zum Film".

Starlets sind Geschäftsfrauen, ihre Schönheit ist ihr Kapital, die Inszenierung ihr Businessplan, ihre Währung die Aufmerksamkeit. Davorka Tovilo wird nie eine Paris Hilton sein, und doch: Beide arbeiten in demselben Gewerbe. Die eine ganz oben, die andere ganz unten.

Ganz oben, da steht man in New York auf dem roten Teppich, in Hollywood und L. A., und ein geübter Schlafzimmerblick reicht, um auch mal den bestbezahlten Schauspielern der Welt die Show zu stehlen. Ganz oben, da verlangt man geschätzte 150.000 Dollar "Appearance-Fee" für die Anwesenheit auf einer Party.

Ganz unten, da springt man in einem Dirndl aus 3.600 Meter Höhe und lässt sich dabei von Sat.1 filmen. Da ist man Teilnehmer der Wasserrutsch-WM auf ProSieben und erzählt den Fernsehzuschauern, ob es weh tut. Ganz unten, da bekommt man an einem guten Tag 500 bis 1.000 Euro, von Privatsendern, dafür, dass sie mit der Kamera dabei sein dürfen, ganz nah.

"Du siehst müde aus", sagt ihr Manager und begutachtet Tovilos Körper von der Seite. "Über die Augenringe, da müssen wir aber auch noch drübermalen." Von hinten zieht ihr der Tätowierer Linien auf die Schulter, erst ganz klein, Konturen nur, dann immer größer, bis ein schwarzer Rabe über ihren Rücken fliegt.

Das "Starlet Davorka" - ein Markenartikel

Im Starlet-Business gibt es drei Typen von Frauen, die Erbin, die Ex-Ehefrau und die Streberin.

Die Erbin trägt das Versprechen auf Ruhm von Geburt an mit sich. Sie heißt Hilton, Hearst oder Geldof und wird schon als Jugendliche von den Eltern durch das Blitzlicht geschleift.

Und dann gibt es noch die Streberin: kein Geld, keinen Namen, keinen prominenten Ehemann, aber den eisernen Willen, sich nach oben zu ackern. Sie braucht eine Strategie, mit der sie sich ins Blitzlicht schiebt. So wie Davorka Tovilo, Kind kroatischer Fabrikarbeiter aus einem Kaff bei Frankfurt am Main.

Zum ersten Mal schaffte es Davorka Tovilo in die Zeitungen, weil das Kleid, das sie zum Premierenabend von "Herr der Ringe 3" trug, eigentlich kein Kleid war, eher eine Art fleischfarbene Klarsichtfolie, durch die die Fotografen hindurchblitzten. Sie arbeitete damals als Hostess auf einer Kinomesse in Köln, um ihr Studium zu finanzieren, verteilte M&Ms für zehn Euro in der Stunde, und Peter von Schall, ihr heutiger Manager, damals Herausgeber einer Kinozeitschrift, sah sie, lud sie nach Berlin ein. Und führte sie in ihrem Transparentkleid über den roten Teppich.

Darauf fragte die "Bild" auf Seite 16: "Sind wir auf der ,Herr der Dinger'-Premiere?", und beide fühlten sich geschmeichelt.

Neben der Schlagzeile war Tovilos Foto abgedruckt, großformatig, größer als das von Schauspielerin Liv Tyler, größer noch als die Fotos der anderen Schauspieler. Sie erschien auch in anderen Zeitungen. "Ich hab Körbchen mit Köpfchen", wurde sie zitiert, und ihre Outfits wurden immer spektakulärer, immer freizügiger, die Auftritte häufiger. Das "Starlet Davorka" war geboren, ein Markenartikel.

Sie begriff: Das Geschäft der Starlets funktioniert wie ein strategisches Spiel mit vier einfachen Regeln. Erstens: Zeige möglichst viel von dir. Zweitens: Zeige dich oft. Drittens: Lege dir ein Markenzeichen zu (Brüste, Sprachfehler, Hilton-Blick). Viertens: Sorge regelmäßig für einen Skandal.

Je besser das Starlet diese Regeln beherrscht, desto höher die Liga, in der es spielt: In der Oberliga verdiente Paris Hilton geschätzte 150 Millionen Dollar in den vergangenen Jahren mit ihren Auftritten im Fernsehen, auf Partys, Galaveranstaltungen, mit Schmuck, Parfum und Prosecco in Dosen.

In den nationalen Ligen bemühen sich Frauen wie Verona Pooth, ehemals Feldbusch: prominent verheiratet und zur Werbe-Ikone hochvermarktet. Dahinter folgen Frauen wie Nadja Abd El Farrag, Künstlername Naddel, auch Bohlen-Ex, nur weniger erfolgreich: Dann sind da Jenny Elvers, Alida von "Big Brother", die wulstlippige Charity-Tochter Chiara Ohoven.

Und noch ein Stückchen weiter unten, Kreisklasse München, sitzt Davorka Tovilo auf einem Sperrholzbett in ihrer 40-Quadratmeter-Wohnung und fragt sich, wie viel dieses Spiel noch mit ihrem echten Leben zu tun hat.

Auf das Laken ihres Bettes schüttet sie die Dokumente ihrer Karriere aus einer Plastiktüte. Sie schüttelt die "Bild"-Zeitung aus der Tüte, die "Bunte", die "tz". Wirft die "Abendzeitung" hin, die "Süddeutsche". Interviews, Überschriften. Mehrere hundert Ausschnitte, sorgfältig von ihrem Manager gefaltet, übereinandergelegt und nach Datum katalogisiert.

"Ludert sich Davorka nach Hollywood?", steht da in großen roten Buchstaben. Oder: "Wie immer extrem an der Geschmacksgrenze vorbei". Oder: "Das Rote-Teppich-Luder".

"In Wirklichkeit bin ich ein moralischer Mensch", sagt Davorka Tovilo. Sie hockt im Schneidersitz da, nippt an ihrem Kombucha-Wellness-Drink, und man weiß nicht so genau, ob da gerade die Marke spricht oder der Mensch. Sie lebe vegan, engagiere sich für den Tierschutz. Sie sagt: "Eigentlich lebe ich wie eine Nonne." Sie spricht vier Sprachen, Deutsch, Kroatisch, Italienisch, Englisch. Manchmal zitiert sie aus dem Feuilleton der "Zeit". Sie hat studiert: zehn Semester Politik, amerikanische Kulturgeschichte, Kommunikationswissenschaften.

Tovilo zieht ein rotes Fotoalbum aus ihrem Kleiderschrank, versteckt unter mehreren Lagen T-Shirts, als fürchte sie, jemand könne ihr diesen Teil ihrer Vergangenheit stehlen: "Hier", sagt sie, "das war unser Haus in Kroatien. Ein hell verputztes Einfamilienhaus, umgeben von Gärten und Weiden." Sie lächelt dem Bild zu, sagt: "Als ich mit zwölf Jahren aus Kroatien nach Deutschland kam, da kam ich mir vor wie Alice im Wunderland." Alles schien möglich, vielleicht sogar eine Karriere als Star.

Sie lernte Deutsch, war gut in der Schule, doch die Eltern verschanzten sich in der kroatischen Gemeinschaft. Bibelstunden, kroatische Tänze, kroatisches Essen, eine strenge katholische Erziehung.

"Der rote Teppich", sagt sie, "war für mich so etwas wie der Weg in die Freiheit."

Der Manager fährt vor, steigt aus seinem silbernen Cabriolet, ein Münchner Zweimetermann. Er spricht oft vom "Wir", wenn er Davorka meint, nennt sie "unser Projekt", manchmal sagt er auch "unsere Vision".

Geld bekomme er für all die Arbeit nicht, sagen beide. Aber was für Interessen hat er dann? Er war mal verliebt in sie, erfolglos. "Die Davo ist mein Hobby geworden", sagt er. Und er lerne an ihr, wie man Starlets in den Medien richtig einsetze, wolle "einfach mal schauen, wie weit man mit der Davorka" komme.

Er organisiert ihre Auftritte, verschickt E-Mails an Journalisten, "Priorität hoch! Zum Welt-Vegan-Tag: Starlet Davorka versteigert sich selbst auf eBay." Der Manager konstruiert einen Markt der künstlichen Neuigkeit, und die Redakteure greifen gern zu. Die Selbstskandalisierung ist der sicherste Weg in den Klatsch.

Früher, als man die Regenbogenblätter noch Soraya-Presse nannte, da schafften es vor allem Mächtige, Erfolgreiche, besonders der Adel, in die Schlagzeilen. Da gab es einen Kult um Persönlichkeiten wie Queen Elizabeth II., Königin Silvia, Lady Di.

Doch seit das Privatfernsehen immer neue Figuren braucht und seit ARD und ZDF mit Formaten wie "Brisant" und "Leute heute" Quote machen und die seriösen Tageszeitungen den Wert der Boulevardnachricht entdeckt haben, seitdem ist die Nachfrage nach Promis größer als das Angebot. Also hat die Branche begonnen, sich ihre Prominenten künstlich heranzuzüchten. Früher wartete man geduldig auf den Zufall und seine 15 Sekunden Ruhm. Heute glaubt jeder, er habe ein Recht darauf, berühmt zu werden: Mehr als 30 000 bewarben sich für die jüngste Staffel von "Deutschland sucht den Superstar".

Wem es gelingt, in den Plantagen des Ruhms aufzufallen, der darf in die Boulevardpresse, darf zu "TV total", zu "Schmidt & Pocher", zu "Oliver Geissen". Der hat es geschafft, in dieser Medienmaschine, die funktioniert wie ein einziges, riesiges Davorka-Projekt.

Es gibt kaum jemanden, der die Karriere von Davorka Tovilo länger verfolgt hat als Markus van Appeldorn, Münchner Redakteur der "Bild", er sei es gewesen, sagt er, der sie hochgeschrieben habe.

Langfristig habe Davorka Tovilo nur eine einzige Chance, um dem Medienzyklus von schnellem Aufstieg und schnellem Fall zu entkommen, glaubt Appeldorn: "Sie muss sich jetzt einen Promi angeln", sagt er, das sei der nächste Schritt, "unvermeidlich".

Tovilo steht halbnackt in der WG ihres Designers, es ist Samstagabend, Mitte Januar, wenige Stunden vor dem Deutschen Filmball in München. Ein Kamerateam von "Explosiv" darf sie beim Ankleiden begleiten. Um den Fotografen etwas Besonderes zu bieten, erzählt Tovilo, habe sich ihr Designer etwas ganz Tolles ausgedacht: einen schwarzen Latexfummel, so hauteng, dass er beim Anziehen quietscht. Sie erzählt jetzt von der Sprecherausbildung, die sie seit einigen Wochen an einer Privatakademie macht. Außerdem nehme sie Schauspiel- und Gesangsunterricht. Es laufe gut, sagt sie.

Am Abend, als, nach acht Stunden Vorbereitung, für sie der Deutsche Filmball beginnt, fährt Davorka Tovilo mit einer silberschwarzen Mietlimousine vor den roten Teppich am Hotel Bayerischer Hof. Die Fotografen jubeln, als sie aus dem Wagen steigt, auch das ZDF interviewt sie, RTL, ProSieben, sogar jemand vom Bayerischen Rundfunk. Und für einen Moment fühlt es sich so an, sagt sie später, "als wärst du der echte Star". Dann kommen die anderen: Til Schweiger, Bernd Eichinger, Daniel Craig.

Das Starlet hockt an einem Tisch am Rand und sieht, wie die Schauspieler tanzen und Champagner trinken. Tovilo nippt an ihrem Wasserglas, ihr Latexkleid ist gerissen, und der "Bild"-Redakteur, noch rotgesichtiger als sonst, Biertulpe in der Hand, setzt sich zu ihr an den Tisch und macht einen anzüglichen Witz über ein Kondom. Tovilo lacht darüber hinweg, lacht auch über das Kleid und darüber, dass sie für den Rest des Abends nicht mehr aufstehen kann, macht artig ihr Hohlkreuz, Brust raus, lächeln.