Boxen Ach, Fidel
An einem verregneten Abend an der Nordsee um kurz vor Mitternacht geht die lange Reise des Kubaners Erislandy Lara, 25, zu Ende. Er klettert in einen grell beleuchteten Boxring in der Kugelbake-Halle in Cuxhaven. Lara trägt eine blaue Hose. Der Fotograf einer Lokalzeitung schießt ein paar Bilder. Lara lehnt sich in die Ringseile und guckt sich um in seinem neuen Leben.
Es war ein langer Weg von Havanna bis nach Cuxhaven. Lara flüchtete im Schnellboot über die Yucatán-Straße im Golf von Mexiko, mit gefälschten Papieren fuhr er über Land von Cancún nach Mexico City, er wurde erpresst, einmal wollte man ihn umbringen. Die Ränge in der Kugelbake-Halle sind spärlich gefüllt. Die Fans stehen am Imbissstand und essen Würstchen. Lara, 2005 Amateurweltmeister im Weltergewicht, wirkt, als habe er sich verlaufen in diesen Saal, in diesen Ring.
Sein Gegner ist ein blasser Lette mit Hüftspeck. Es ist ein Kampfabend in der Provinz, es gibt kein großes Geld zu verdienen, niemand wird hier mit einem Schlag berühmt. Aber es ist ein Anfang für Lara, ein Schritt auf seinem Weg zum WM-Titel bei den Profis.
Er blitzt den Letten kurz an und schlägt die Fäuste zusammen. Cuxhaven wird nur eine Durchgangsstation sein.
Kubaner gelten als die am besten ausgebildeten Boxer der Welt, elegant, schnell, technisch perfekt. 32 Olympiasiege hat Kuba geholt. Im Sozialismus von Fidel Castro sind ihre Möglichkeiten jedoch begrenzt, weil Kubaner nicht als Profis antreten dürfen. Deshalb hauen jedes Jahr die Besten ab über das Meer in den Kapitalismus. Wer das Ziel erreicht, dem winkt das große Geld. Kubaner sind im Boxen so begehrt wie Brasilianer im Fußball. Der Handel mit ihnen blüht. Es ist ein Geschäft mit der Hoffnung junger Männer, an dem Fluchthelfer in Kuba, Schlepperbanden in Mexiko und Promoter in Europa und den USA verdienen.
Nach einem Schlaghagel in Runde eins gewinnt Lara durch technischen K. o. Sein Promoter stürmt in den Ring und nimmt den Kämpfer in den Arm. Ahmet Öner, 37, der Chef des Hamburger Boxstalls Arena, war selbst mal Profi. Die meisten seiner deutschen Konkurrenten setzen auf billige Osteuropäer, Öner auf Kubaner. Er bewundert ihren Stil und Mut. "Wenn sie im Ring stehen, funktionieren sie wie Roboter, und sie haben auch keine Angst, die ganz großen Jungs zu boxen", sagt Öner.
Beste Kontakte nach Havanna
Der gebürtige Türke, der in Duisburg aufgewachsen ist, hat die beste Kuba-Connection im Boxgeschäft. Es gehören Anwälte dazu, Exilkubaner aus Deutschland, Kontaktmänner in Havanna und Zwischenhändler in Miami.
Als sich Ende 2006 die Olympiasieger Odlanier Solís, 28, Yuriorkis Gamboa, 27, und Yan Barthelemy, 28, nach einem Wettkampf mit dem Nationalteam in Venezuela absetzten und nach Kolumbien flohen, war Öner als erster Promoter vor Ort und legte dem Trio sein Vertragsangebot vor. Neun Kämpfer von der Karibikinsel treten mittlerweile für Arena an, der älteste ist Juan Carlos Gómez, 35, der am Samstag (ab 22.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) in Stuttgart gegen Vitali Klitschko kämpft und der erste kubanische Profi-Weltmeister im Schwergewicht werden könnte.
Öner sagt, er überrede keine Boxer zur Flucht. Er war noch nie in Kuba. Aber er hat gute Informanten auf der Insel. Wann immer einer der Top-Boxer abhauen will, weiß es Ahmet Öner aus Hamburg-Groß Borstel als Erster.
Lara hatte im Juli 2007 seinen ersten Fluchtversuch unternommen. Zusammen mit Doppelolympiasieger Guillermo Rigondeaux, 28, setzte er sich bei einem Discobesuch während der Panamerikanischen Spiele in Rio de Janeiro ab. Öner hatte einen Tipp bekommen und war sofort zur Stelle. Aber dann gaben die beiden Flüchtlinge auf. Der Druck der Behörden war zu groß, sogar Castro persönlich hatte sich eingeschaltet.
Lara und Rigondeaux kehrten zurück nach Kuba und erhielten Berufsverbot, sie lebten isoliert in Armut mit ihren Familien. Sie verkauften ihre Goldmedaillen, um Lebensmittel zu bekommen. "Es war ein Dasein ohne Sinn", sagt Lara.
Im November 2007 signalisierte er einem Zwischenhändler Öners in Havanna, einen zweiten Fluchtversuch unternehmen zu wollen. Auch Rigondeaux sei bereit. Öner sagte zu, für die Kosten aufzukommen. Der Deal stand.
Im Boot Richtung Mexiko
Es gibt einige Bars in der Altstadt von Havanna, in denen man Kontakt zu Fluchthelfern aufnehmen kann. Lara und Rigondeaux tauchten ab. Als die Polizei anfing, sie zu suchen, waren sie bereits bei Bauern in den Bergen untergekommen. In einer sternklaren Nacht brachten Männer sie an einen Strandabschnitt, wo schon ein Schnellboot wartete. Rigondeaux überlegte es sich im letzten Moment anders. Lara stieg in das Boot und fuhr mit 20 anderen Flüchtlingen Richtung Mexiko.
Von der Westspitze Kubas sind es über das Meer 200 Kilometer bis nach Cancún. Jedes Jahr werden Hunderte Kubaner auf dieser Route von mexikanischen Schleppern ausgefahren. Zwischen 10.000 und 15.000 Dollar kostet die Passage. Unter den Kunden sind viele Sportler, vor allem Baseballspieler, die in der US-Profi-Liga anheuern wollen. Für sie verlangen Schlepper deutlich mehr.
Lara hatte sich als einfacher Passagier angemeldet. Während der Fahrt flog auf, dass er ein bekannter Boxer ist. Statt der vereinbarten 15.000 Dollar verlangten die Schlepper nun 200.000 Dollar. "Oder wir schmeißen dich ins Meer."
Die Schlepper sitzen im nördlichen Teil von Cancún, dort, wo die Fähren zur Isla Mujeres ablegen, Fischer leben hier, die Touristen bleiben in den teuren Hotels an den Stränden im Süden Cancúns. Einer der einflussreichsten Bosse ist ein kleiner Mann mit kräftigen Armen. Sie nennen ihn "El Enano", den Zwerg. Auf Geschäftsreisen bringt er gern seine Frau und die drei Kinder mit. Aber man sollte sich nicht täuschen.
Nach ein paar Tagen erschien ein Unterhändler aus Deutschland in Cancún, um zu verhandeln. Die Männer einigten sich auf eine Ablöse für Lara in Höhe von 40.000 Dollar. Als Übergabeort schlug der Zwerg eine alte Lagerhalle am Hafen vor. Der Unterhändler lehnte ab.
"Angst?", fragte der Zwerg.
"Nein. Aber ich bin auch Profi", sagte der Unterhändler.
"Die besten Boxer einer Generation sind im Westen untergekommen"
Der Unterhändler sitzt in einem Berliner Restaurant vor einer Tasse Kaffee. Er trägt einen schwarzen Anzug, er ist Anwalt, Boxfan, spricht Spanisch und kennt sich gut aus in Lateinamerika. Er ist ein besonnener Mann mit wachen Augen, der nicht will, dass sein Name in der Zeitung steht. Öner sagt über ihn, "er ist mein wichtigster Mann".
Der Anwalt hatte schon öfter mit mexikanischen Schleppern zu tun. "Man entwickelt irgendwann einen Sinn dafür, wie man mit diesen Leuten am besten umgeht", sagt er. Er schlug die Lobby eines Hyatt-Hotels in Cancún als Ort für die Übergabe vor. Tagsüber herrscht hier viel Publikumsverkehr. Es ist ein guter Ort, um sich mit Leuten zu treffen, denen man besser nicht trauen sollte.
El Enano kam in Begleitung zweier Bodyguards. In einem Koffer wurde das Geld übergeben. Lara war frei. Dann macht der Zwerg ein Angebot. Es gebe da einen Direktflug von Cancún nach Düsseldorf, den man "unter Kontrolle" habe. Er könne auch die nötigen Papiere für Lara besorgen. Öners Unterhändler willigte ein. Doch am Tag des Abflugs kam der mexikanische Präsident zu Besuch nach Cancún, der Flughafen war eine Festung. Man änderte den Plan. Lara wurde nach Mexico City gebracht. Dort wurde er von Polizisten bei einer Kontrolle angehalten, die Ausweisung nach Kuba drohte. Auch darum kümmerte sich der Anwalt, 1000 Dollar Bestechungsgeld reichten, um das Problem zu lösen.
Ahmet Öner steht in seinem Trainingsgym in Groß Borstel. Er guckt Gómez beim Sparring für den Kampf gegen Klitschko zu. Öner ist bekannt für sein Temperament. Bei einem Kampfabend eines Konkurrenten aus Hamburg lieferte er sich mal eine Schlägerei mit Ordnern, von denen er sich provoziert fühlte. Sein Sohn geht in denselben Kindergarten wie der Sohn von Vitali Klitschko. In den vergangenen Wochen habe er, so erzählt es Öner, den Weltmeister Klitschko dort hin und wieder abgepasst, um ihn zu fragen, ob er feuchte Handflächen bekomme, wenn er an den Kampf gegen Gómez denke. Die Leute aus dem Klitschko-Lager finden Öner nicht so sympathisch.
"Ach, der Fidel"
In einem von Natur aus eher unseriösen Milieu gilt Öner ob seiner Geschäftsgebaren als besonders umstritten. Und auf Kuba sieht man in ihm eine Art Staatsfeind. Man wirft ihm Menschenhandel vor. Als er Lara unter Vertrag nahm, schimpfte Castro persönlich über die "deutsche Mafia", die den stolzen Söhnen Kubas den Kopf verdrehe.
"Ach, der Fidel", sagt Öner und zieht sein Sakko zurecht. "Castro sollte sich mal überlegen, warum die Jungs abhauen. Sie wollen einfach nur ein besseres Leben. Deshalb kommen sie zu mir."
Der Handel mit den Kubanern ist ein Spekulationsgeschäft mit Menschen. Sobald es ein Boxer an die Spitze bringt, kann man mit ihm viel Geld verdienen. Das Risiko tragen allein die Kämpfer. Wenn sie bei der Flucht erwischt werden, sind sie erledigt. Die Promoter hingegen warten einfach nur auf den nächsten Kandidaten.
Wenn bekannt wird, dass Boxer raus wollen, beginnt ein grotesker Wettlauf um die Rohdiamanten. Promoter aus aller Welt schicken ortskundige Vermittler nach Havanna, die meisten haben Vorverträge dabei, die die Kandidaten unterschreiben, noch bevor sie das Boot einer Schlepperbande besteigen.
Öners Spezialagent für solche Einsätze ist eine Frau mit einem beeindruckenden Dekolleté und einer tiefen Stimme, sie ist eine gebürtige Kubanerin und lebt in Süddeutschland. Auch sie möchte nicht, dass man ihren Namen kennt. Ihren letzten Einsatz hatte sie vor einigen Monaten, als es hieß, Olympiasieger Rigondeaux wolle nun doch flüchten, er hatte damals bei Laras Flucht ja einen Rückzieher gemacht. Es seien noch drei Kumpel, auch gute Boxer, mit dabei. Sie verabredete sich mit den Männern irgendwo auf dem Land. Bei der Fahrt dorthin wurde ihr etwas mulmig, weil sie plötzlich von drei Männern in einer dunklen Limousine verfolgt wurde. An einer Abbiegung hielten die Männer die Frau an. Es waren Polizisten, aber sie wollten nur flirten. Sie hat dann die Unterschriften der Boxer für die Vorverträge bekommen, einen Tag später saß sie bereits wieder im Flugzeug zurück nach Europa.
"Wie Kinder im Spielzeugwunderland"
Die Kubaner, die bei Arena boxen, reden nicht gern über ihre Flucht. Sie sagen, sie wollen die Familien in ihrer Heimat nicht noch weiter in Schwierigkeiten bringen. Der Westen ist für die meisten von ihnen erst mal ein Schock. Der Wohlstand, all die Möglichkeiten. "Sie benehmen sich wie Kinder im Spielzeugwunderland", sagt Öner.
Gómez, der sich 1995 beim Chemiepokal in Halle absetzte, verprasste sein Geld, das er als Weltmeister verdient hatte, er soll sieben Kinder mit sechs Frauen haben, einmal war er wegen Kokainkonsums gesperrt. Lara, der mittlerweile wie die meisten Arena-Kubaner in Miami lebt, bekam Probleme mit dem Alkohol, Schwergewichtler Odlanier Solís hörte nicht mehr auf zu essen und nahm 20 Kilogramm zu.
Yuriorkis Gamboa hat es bislang von allen am weitesten gebracht. Er wird in den USA als K.-o.-König gefeiert, der Pay-TV-Sender HBO überträgt seine Kämpfe. Neulich boxte er in einem Casino in der Nähe von Las Vegas. 50 Leute gehörten zu Gamboas Gefolge, er selbst lief rum wie ein Rapper, behängt mit Ketten und protzigen Ringen. Als Leihwagen hatte Gamboa sich einen Bentley bestellt. Vor seinem Kampf sang seine Frau im Ring einen Latino-Rap. "Man muss die Jungs beschäftigen, am besten mit ständigem Training unter Feuer halten, damit sie nicht auf dumme Gedanken kommen", sagt Öner.
Das Geschäft mit den Kubanern ist schwierig, ständig passieren überraschende Dinge. Vor fünf Wochen bekam Öners Anwalt, der Unterhändler, einen Anruf aus Miami. Rigondeaux und die drei anderen Boxer, die den Vorvertrag mit Arena unterzeichnet hatten, seien bereits in Florida. Neben Rigondeaux waren es Yudel Johnson, 27, Silbermedaille in Athen 2004, Yordanis Despaigne, 29, WM-Dritter 2001 und 2003, sowie der Nachwuchsboxer Yunier Dorticós, 23. Sie waren erst nach Cancún und dann weiter an die Grenze gebracht worden. Dort kletterten sie über den Zaun und stellten sich einer US-Patrouille.
Die besten Nachwuchs-Kämpfer werden versteckt
Es kam heraus, dass Boxer in Miami die Flucht organisiert und die Ware dann gleich mehreren Promotern angeboten hatten. Öner muss sich die vier Boxer nun mit dem US-Promoter Don King teilen.
Die besten Boxer einer Generation sind jetzt im Westen untergekommen. Lara hat mittlerweile vier Profi-Kämpfe gemacht und alle gewonnen, Experten glauben, er könnte bald Weltmeister werden. Aber auf Kuba ist Boxen ein Volkssport, längst schon wächst eine neue Generation heran. Zum Chemiepokal in Halle, einem der großen Amateurturniere, kamen dieses Jahr keine Kämpfer aus Havanna, bei der Amateur-WM in Italien wird Kuba wohl nicht antreten.
Fidel Castro habe Angst, dass weiterhin stolze Söhne Kubas dem Land den Rücken kehren könnten, meint Öner. "Sie versuchen nun, sie zu verstecken", sagt er und lacht.