Global Village Das Schlachtfeld von Heathrow
Linda McCutcheon zeigt auf ihren frisch polierten braunen Parkettboden und sagt: "Hier wollen sie den Beton hinschütten für die dritte Landebahn, der Rest unseres Dorfes soll unter Terminal 6 verschwinden."
Sogar der Friedhof, auf dem ihre Großeltern liegen, soll von einer Rollbahn begraben werden, sagt sie.
Mrs. McCutcheon, 63 Jahre alt, angelt zwei Kartoffelchips aus einer Tüte, ohne dabei zu bröseln. Ihre Feinde sind Schmutz, Unordnung und Gordon Brown.
Einen Diktator nennt Mrs. McCutcheon den englischen Premierminister, seit dessen Regierung beschlossen hat, den größten Passagierflughafen Europas noch größer zu machen. Die Zahl der Starts und Landungen auf Heathrow würde, wenn der Beschluss Wirklichkeit wird, pro Jahr von 480.000 auf 700.000 steigen. Mit 27 Millionen Tonnen CO2 im Jahr würde der Airport dann so viel Dreck produzieren wie etwa Kuba heute.
Das rote Backsteinhaus mit der hellblauen Haustür, auf das Mrs. McCutcheon sehr stolz ist, würde plattgemacht werden, es müsste Platz machen für die Welt, ebenso wie die anderen 700 Häuser des Dörfchens Sipson.
Es ist das erste Mal in ihrem Leben, dass Mrs. McCutcheon Protestplakate klebt und Flugblätter verteilt. Sie arbeitete früher in einer Bank, zog drei Kinder auf in Sipson, war einer jener guten Geister, die ein Dorf zu einer Gemeinschaft formen: Sie organisierte die erste Kindergruppe, half beim Schulkarneval, kümmerte sich um die Senioren. Heathrow liegt nur ein paar hundert Meter jenseits der Autobahn, aber es war trotzdem weit weg. Die Jets starteten nicht Richtung Sipson, und wenn Mrs. McCutcheon auf ihrem braunen Sofa die Beine hochlegte, hörte sie kein Geschirr im Küchenschrank klirren.
Sie führte ein Leben, in dem die Zeit stillstand. Es war wie vor 42 Jahren, als Mrs. McCutcheon sich mit ihrem Mann in Sipson niederließ. Die Gegend galt noch als der Gemüsegarten Londons, auf den Feldern versteckten sich Kaninchen, und im Kaufmannsladen musizierte, wenn er gut aufgelegt war, Mr. Wittington auf einer Fahrradpumpe.
Doch selbst wenn man Heathrow nicht hören konnte, das Monster fraß sich ins Land. Und die Politiker? Beschlossen, versprachen, brachen ihre Versprechen. 1978 gaben sie Terminal 4 in Auftrag mit der Auflage, dass die Zahl der Flüge 275.000 pro Jahr nicht überschreiten dürfe. Zwei Jahre später wurde die Auflage gestrichen. Als man im Jahr 2001 Terminal 5 beschloss, versicherte der zuständige Planungschef, dass eine dritte Startbahn "völlig unzumutbar" sei. Jetzt soll Sipson dafür abgerissen werden.
"Wir werden das verhindern, zusammen mit Emma", sagt Mrs. McCutcheon. Emma ist die Schauspielerin und Oscar-Preisträgerin Emma Thompson, sie zählt zu den Wortführern einer bunten Bürgerbewegung, die den Ausbau des Flughafens stoppen will.
Emma hat zusammen mit Greenpeace und dem konservativen Ökoaktivisten und Milliardärssohn Zac Goldsmith einen subtilen Plan ausgearbeitet: Sie erwarben, gleich hinter dem Dorfpub "King William IV", ein Grundstück, eine unscheinbare Wiese.
Sie ist nur halb so groß wie ein Fußballfeld. Aber sie soll nun in tausend kleine Stücke geteilt und an andere Flughafengegner weiterverkauft werden. So hat die Regierung tausend Gegner mehr.
"Wir werden das stoppen, selbst wenn wir hierherziehen und Gemüse anbauen müssen", sagt Emma Thompson. John Sauven, der Chef von Greenpeace Großbritannien, denkt noch größer. "Sipson", verspricht er, "wird zum Schlachtfeld unserer Generation."
Die Frage ist, wer am Ende die besseren Waffen hat. Welche Argumente tragen. Denn dass ein Dorf einfach ausgelöscht wird, passiert ja auch in England nicht einfach nur zum Spaß.
Die Regierung sagt, dass der CO2-Ausstoß aller Flugzeuge, die in Heathrow landen dürfen, um 55 Prozent niedriger sein wird, bis die neue Landebahn 2020 in Betrieb geht. Der Ausbau wird, solange er andauert, 60.000 neue Arbeitsplätze schaffen. Heathrow ist eine Hauptverbindung Europas mit den Wachstumsmärkten der Zukunft, mit China und Indien. Die neue Landebahn, sagt der Verkehrsminister, sei wichtig für den langfristigen Wohlstand des Landes.
Die Frage an Mrs. McCutcheon also ist, ob es nicht sinnvoll sein kann, ein Dorf zu opfern, um ein Land zu retten. Linda McCutcheon greift noch mal in ihre Chipstüte. "Alles Unsinn", sagt sie. Ein Drittel der Passagiere, die Heathrow derzeit ansteuern, würden hier nur landen, um umzusteigen. An solchen Leuten verdienten bloß British Airways und die Duty-free-Shops.
Mrs. McCutcheon öffnet die Tür zu ihrem Garten. Tomaten und Gurken baut sie hier im Sommer an, und wenn auch die weiße Wäsche auf der Leine beim Trocknen oft grau wird, sagt sie, ihr Gemüse schmecke gut. Die Abendluft riecht nach einem Autotunnel. "Das ist der Flugzeugtreibstoff", sagt Mrs. McCutcheon.
Vielleicht wird ihre Beharrlichkeit am Ende belohnt. Boris Johnson, der konservative Bürgermeister von London, hat neulich verkündet, dass er keine Dörfer plattmachen möchte, sondern am liebsten Heathrow selbst.
Er denkt an einen modernen Flughafen, gebaut auf künstlichen Inseln in der Mündung der Themse, wo es keine Menschen gibt und keine Privatgrundstücke.