Kunst Königin der Lüste
Den Bildern dieser Frau bescheinigt die Zeitschrift "Vogue" ein "sehr aktives Sexleben". Das ist schon mal ein guter Hinweis darauf, weshalb über die Werke der Malerin Cecily Brown so viel geredet wird - und eben nicht nur in der Fachpresse.
Brown, 39, eine Britin, die in New York lebt, hat sich zu einer echten Berühmtheit entwickelt, weil sie zugleich cool und offenherzig ist, eine Diva in Malerhosen. Ein typischer Cecily-Brown-Satz lautet: "Sex ist die treibende Kraft hinter fast allem, was so vor sich geht."
Ihre Kunst, alles andere als unumstritten, ist ganz sicher ein Ereignis, nichts, was man übersehen könnte. Davon werden auch die Hamburger Deichtorhallen profitieren, in denen jetzt die erste deutsche Ausstellung anläuft*. Doch lange stellte sich die Frage, wer aufregender ist, die Malerin oder ihr Werk.
Sie selbst wird erst mit Verspätung im Sommer anreisen, denn jetzt, kurz vor der Eröffnung in Hamburg, erwartet sie ihr erstes Kind, der errechnete Geburtstermin liegt schon ein paar Tage zurück. Vergangene Woche hat sie sich noch einen Umzug innerhalb von Manhattan zugemutet, heute ist sie verschnupft und, wie sie sagt, ein wenig nervös. An diesem Dienstagvormittag vor Ostern wagt sie sich nicht einmal mehr ins nahe Atelier, trotzdem bringt sie nichts davon ab, über Kunst zu reden.
Cecily Brown hat sich einmal eine "Drama-Queen" genannt, doch als solche könnte man eher ein klassisches Brown-Bild bezeichnen. Ihre Gemälde sind flirrend, manchmal wirken sie geradezu hektisch, jeder einzelne Pinselstrich wie ein Aufruhr. Die Action-Paintings von Jackson Pollock sind daneben Ruhezonen.
Ihre Inspiration schöpft sie aus der Kunst selbst: der mittelalterliche "Garten der Lüste" von Hieronymus Bosch, die kleinen amourösen Szenen des Rokoko, die 1780er Jahre, die 1980er, die Gegenwart, sie rast durch die Epochen und erzeugt dann Zeit- und Stilexplosionen auf der Leinwand.
Was man sieht, ist drastisch. Menschen beim Kopulieren, auf der Wiese, im Gebüsch, sonstwo, aber alles mehr oder weniger verwischt, verzerrt, oft bunt. In den vergangenen Jahren hat sich Browns Bildsprache verändert; sie ist, meistens jedenfalls, abstrakter und damit rätselhafter geworden.
Ihre Gemälde seien noch immer voller Sex, sagt sie in ihrer sehr diskreten britischen Tonlage, es gebe da zwar ganz klare Details, seit einer Weile aber male sie so lange weiter, bis die Eindeutigkeit in sich zusammenbreche. "Niemand soll denken, er habe das Bild schon nach einer Sekunde verstanden, Kunst ist komplexer als eine simple Penetration."
Dennoch, das Thema sei dasselbe geblieben, und wer sich mit ihrer Malerei auskenne, werde eine Menge Bekanntes und Vertrautes entdecken. "Wenn es zu abstrakt wird, dann vermisse auch ich die Figuren, ich will sie ja selbst sehen."
Natürlich erwarten auch alle anderen, die Sammler, das Publikum, sogar ihre Kritiker, immer nur das eine von ihr. Das und noch mehr.
Denn mit ihrer Karriere, ihrem Auftreten, selbst mit ihren familiären Verhältnissen lieferte sie immer wieder Stoff für Smalltalk in der Kunstwelt. Ihre Mutter ist die schottische Schriftstellerin Shena Mackay, die einst zum Ensemble der Londoner Swinging Sixties gehörte. Erst mit 21 erfuhr Tochter Cecily Brown, wer ihr leiblicher Vater war. Es handelte sich um einen alten Freund der Familie, den renommierten Londoner Kunstkritiker David Sylvester. Durch ihn, der inzwischen verstorben ist, lernte sie zuerst die Arbeiten von Francis Bacon und schließlich den Meister selbst kennen. Ein wenig Bacon schimmert, natürlich, auch in ihren eigenen Bildern durch.
Man hat ihr, der Königin der orgiastischen Szenen, einen Hang zum Exzessiven nachgesagt und ihr Leben als Abfolge von Anekdoten geschildert. Dass sich einer von Browns Freunden während einer Party in ihrem Atelier angeblich sogar umzubringen versuchte, wurde von der Presse als geradezu "Warholscher Akt" bezeichnet, weil sich auch im Umkreis des Pop-Art-Meisters Andy Warhol so manche schillernde Tragödie abspielte.
Brown hat es lange durchaus genossen, als Teil einer Glamourszene zu gelten. David LaChapelle, der Meister der anzüglichen Fotografie, hat sie sogar im Bikini abgelichtet. Für "Vanity Fair" legte sie sich im knappen T-Shirt auf den Boden ihres Ateliers. Sie sagte einmal, sie gehöre "Madonnas Schule des Feminismus an", und die verlange, sich nicht schlecht anzuziehen. Das habe aber nichts mit ihrer Arbeit zu tun.
Ein paar Kunstkritikern gefiel diese Form der Selbstinszenierung weniger. Die Fachfrau der "New York Times" zählte sie einfach nur zu den "B.Y.T.'s", den "Beautiful Young Things". Ein vernichtendes Urteil.
Heute ahnt Brown, "dass ich den Leuten schlicht auf die Nerven gegangen bin, dass sie nicht mehr unvoreingenommen auf meine Kunst schauen konnten". Sie hat den Architekturkritiker der "New York Times" geheiratet, was nicht heißt, dass die Hassliebe zwischen ihr und den Kunstrezensenten viel kleiner geworden ist. Die mögen sie kritisieren, ignorieren können sie Brown aber nicht.
Doch sie hat auch bekennende Fans, Chuck Close beispielsweise, der große amerikanische Maler. Was will man mehr? Brown betont jedenfalls: "Viele Maler werden Ihnen bestätigen können, dass für sie nur das Urteil anderer Maler zählt."
Letztlich malt sie genauso gut wie ihre männlichen Kollegen, nur eben wilder, anzüglicher. Das macht sie für die einen so populär, für die anderen so angreifbar. In der Neopostmoderne ist endgültig alles erlaubt, und Brown hat wie wenige Künstler heutzutage, vielleicht sogar als die einzige Malerin der Gegenwart, den Mut, diesen Freiraum konsequent zu nutzen. Das trifft im Grunde weniger auf die Motive, sondern vor allem auf ihren eigenwilligen Stil zu.
Ihre Arbeiten werden oft mit Bildern von Heroen der achtziger Jahre wie Julian Schnabel in Zusammenhang gebracht. Schon damals war viel erlaubt, eine gewisse Verspieltheit, viel Kitsch, eine ordentliche Portion malerischen Größenwahns.
Brown bietet das alles in gesteigerter Form. Bei ihr ist die Lust am Malen eine echte Sucht, das zeigt sie auch auf den Gemälden. Sie, der Workaholic, arbeitet stets an vielen Bildern gleichzeitig, es standen schon bis zu dreißig Leinwände unterschiedlichen Formats in ihrem Atelier herum, "aber in Zukunft will ich diese Zahl reduzieren, vielleicht auf zehn".
Das Schicksal hat sie zur richtigen Zeit nach New York geschubst, innerhalb der vergangenen Jahre stieg sie von dort aus zum Weltstar auf. Sie weiß, dass sich die "Kunstwelt, so wie wir sie kannten, gerade in Auflösung befindet". Aber sie wartet jetzt einfach mal ab, sie ist ja erwachsen geworden, und deshalb kann sie ganz ruhig zugeben, "dass ich auch eine Menge Glück hatte, das anderen, die es auch verdient hätten, versagt blieb".
Sie würde auch nicht leugnen, dass ihre Karriere ungewöhnlich ist. Die Malerei scheint nach wie vor überwiegend den Männern zu gehören, erfolgreiche Malerinnen sind - zumindest international - immer noch äußerst selten. Das erklärt den überscharfen Blick der Kritiker, rechtfertigt ihn aber nicht unbedingt. Vielleicht hat er ihr sogar geholfen, denn alles wirkte aus dieser Perspektive ein wenig aufmüpfig, sogar skandalträchtig - sie selbst ebenso wie ihre Kunst.
Letztlich ist ihr Werdegang dann doch eine einzige Erfolgsgeschichte. Die Macher des Kunstmarkts jedenfalls haben ihr Potential früh erkannt. Larry Gagosian hat sich ihrer angenommen, einer der mächtigsten, wohl auch geschäftstüchtigsten Galeristen New Yorks. Angeblich besteht seine Klientel aus den 2000 reichsten Leuten der Welt. Browns Bilder, von denen etliche in Vorzeigemuseen wie der Londoner Tate Collection hängen, haben auf Auktionen bis zu 1,6 Millionen Dollar eingebracht. Sie ist eine der Teuersten ihrer Generation.
Entdeckt wurde sie jedoch von Jeffrey Deitch, auch eine Größe der Branche. Er hat es ihr verübelt, dass sie zur Konkurrenz übergelaufen ist. Ihrer Karriere, dem Preisniveau ihrer Arbeiten, hat der Wechsel sicher genutzt.
"Auf uns kommen verrückte Versicherungssummen zu", sagt Robert Fleck und klingt dabei fröhlich. Vor kurzem ist er von den Hamburger Deichtorhallen auf den Intendantenposten der Bundeskunsthalle in Bonn gewechselt; für diese Schau kehrt er noch einmal zurück.
Er plant eine wuchtige ästhetische Konfrontation, denn zeitgleich eröffnet er eine Schau mit der Malerei des Österreichers Herbert Brandl, eines Landschaftsmalers.
In ihrem Atelier hilft Brown ein großer, transportabler Spiegel, ihre Gemälde immer wieder aus neuen Blickwinkeln zu betrachten. Dem Publikum in Hamburg dürfte der Kontrast zwischen den beiden ästhetischen Positionen von Brandl und Brown verdeutlichen, was bei dieser Künstlerin zählt: Unruhe auf hohem Niveau.
Ihre Bilder erzählen davon, wie elektrisierend Malerei ist. Auf den Wirbel um ihre Person kann sie inzwischen ganz gut verzichten.
* 25. April bis 30. August