Kino Entsicherte Handgranate
Das Ende ist bekannt, deshalb beginnt der Film damit, er baut die Spannung gleich in den ersten Bildern bis zum Äußersten auf. Der Einstieg als fulminanter Höhepunkt: Was danach kommt, ist nur noch der Weg in den Tod.
Jacques Mesrine, Frankreichs legendäre Gangstergestalt der sechziger und siebziger Jahre, ein Mann, der zu seiner Zeit die Phantasien beflügelte, ein Medienstar, der die Polizei narrte, ein blutiger Rebell, der die Staatsmacht herausforderte, stirbt an einem grauen Novembertag 1979 im Kugelhagel der Polizei. War es eine Hinrichtung? Gar Mord? Oder Notwehr?
Mesrine hätte sich jedenfalls keinen anderen Schlusspunkt gewünscht. Seine Karriere als herausragender Bandit hatte er wie einen Film inszeniert, als ständigen Ausbruch aus dem Gefängnis der schäbigen Wirklichkeit, aus der er stammte. Niedergeschossen an der Porte de Clignancourt, selbst schwerbewaffnet, aber ohne Chance gegen die Häscher des Kommissars Robert Broussard, der ihn seit Jahren jagte. Am Steuer seines BMW fuhr er ahnungslos in die Falle, programmiert wie ein Versuchstier im Labor, dessen Überlebensinstinkt von unsichtbaren Mächten außer Kraft gesetzt ist. "Das nächste Mal kommt es darauf an, wer als Erster zieht", hatte Mesrine dem Kommissar bei einer ersten Festnahme sechs Jahre zuvor gesagt und ihm Champagner spendiert.
Die Polizisten, versteckt unter der Plane eines Kleinlasters, eröffnen das Feuer ohne Vorwarnung, zumindest im Film. Fotos der Leiche wurden - damals noch ungewöhnlich - in sensationeller Aufmachung veröffentlicht. Für die Staatsmacht war der Tote eine Trophäe, für das Volk, vor allem für die Zukurzgekommenen der Gesellschaft, bekam er die Aura eines Märtyrers. Mesrine ging in die französische Kriminalgeschichte ein als eine Art moderner Robin Hood, obwohl er nie etwas von seinen Beutezügen an die Armen verteilt hatte. Er schaffte es, geliebt zu werden, ein Ganove mit Haltung, Witz und Ideologie.
Es verwundert nicht, dass Stars wie Jean-Paul Belmondo und Alain Delon, beide große Darsteller einsamer Wölfe, sich für die Figur interessierten. Aber erst Vincent Cassel hat sie wirklich verkörpert - mehr als nur gespielt. Für die Rolle des "Public Enemy No. 1" musste er sich auch physisch verändern, er nahm 22 Kilo zu, was ihm schwerer fiel, als das Gewicht wieder zu verlieren. "Ich erkannte mich nicht mehr im Spiegel, wenn ich morgens aufwachte", erzählt er, "ich war fett, hatte eine blasse Gesichtsfarbe, Ringe um die Augen, gefärbte, schmutzige Haare."
Die etwas verkommene Hässlichkeit war wichtig, um die Verwandlung des jungenhaften Ganoven in ein zugleich reißendes und gehetztes Wesen glaubhaft darzustellen. Auf keinen Fall wollte er Mesrine als Helden spielen, vielmehr die Widersprüche und Paradoxien einfangen zwischen dem, was der Gangster wirklich war, und dem Bild, das er von sich vermittelte.
Cassel, 42, hat das gleiche Alter wie Mesrine bei seinem Tod. Die Elite des französischen Kinos ist bei diesem atemlosen, in packenden Abschnitten gedrehten Actiondrama dabei: Gérard Depardieu, Mathieu Amalric, Cécile de France, Ludivine Sagnier und Gérard Lanvin. Natürlich sind solche Namen mehr als Staffage, und doch bilden sie eine Galerie für den alles dominierenden Cassel, der eine ungeheure Energie ausstrahlt, eruptiv und unberechenbar. Der reale Mesrine scheint zum Schauspieler seiner selbst zu werden, Dokumentation und Fiktion verschmelzen.
Dem Regisseur Jean-François Richet, 42, ist mit diesem filmischen Kraftakt eine Synthese von klassischem französischem Gangsterfilm im Stil Jean-Pierre Melvilles und amerikanischem Thriller nach dem Vorbild von Martin Scorsese gelungen. Fast vier Millionen Zuschauer sahen die Saga bisher in Frankreich, gut 40 Millionen Euro hat die Produktion gekostet. Darin steckte ein großes Wagnis, denn der an riskante Pokercoups gewöhnte "Asterix"-Produzent Thomas Langmann, Sohn des berühmten Filmemachers Claude Berri, bestand darauf, die 20 Jahre währende Karriere des Verbrechers Mesrine in zwei Teilen ins Kino zu bringen ("Mordinstinkt" und "Todestrieb" lauten die deutschen Titel, von denen der erste diese Woche anläuft).
Für Langmann, 37, erfüllte sich mit dem seit Jahren gehegten Projekt ein Jugendtraum. Er war zehn oder elf, als er die Autobiografie des Gangsters verschlang, die Mesrine aus dem Gefängnis heraus zwei Jahre vor seinem Tod veröffentlicht hatte ("L'instinct de mort"): "Das Buch lag auf meinem Nachttisch."
An Cassel als Protagonisten dachte er von Anfang an, "er hat das Charisma, er strahlt die Emotion aus". Der Umworbene zögerte zunächst und verwarf einen ersten Drehbuchentwurf, der ihm zu viel Heldenverehrung, zu viel Bonnie and Clyde enthielt. Cassel bestand auf einem Spiel von Licht und Schatten; er fürchtete, die Legende könne noch einmal politisch missbraucht werden von den jugendlichen Strolchen der brodelnden Vorstädte. "Mesrine ist immer noch eine entsicherte Handgranate", räumt auch Langmann ein.
Aus dem imaginären Bewusstsein der Nation ist der Mythos 30 Jahre danach noch nicht ganz verschwunden. Mesrine fasziniert gerade, weil er unfassbar bleibt: ein schillernder böser Junge, der gewaltgeschärft aus dem Algerien-Krieg heimkommt, verführerisch und gefährlich, kleinbürgerlich und anarchistisch, ein psychopathischer Ehrenmann und ein Schuft, ein liebender Vater und ein schlechter Gatte - und immer ein wilder Abenteurer in einem verlorenen Kampf.
"Er wusste, dass er kein Held war", sagt Cassel. Zusammen mit Regisseur Richet hat er die Facetten eines Monsters zusammengefügt, ohne sich für die eine oder die andere Seite zu entscheiden.