Integration: Raus aus dem Hinterhof - DER SPIEGEL
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Integration Raus aus dem Hinterhof

Seit fast drei Jahrzehnten diskutieren Muslimvertreter und Politiker über islamischen Religionsunterricht an deutschen Schulen. Jetzt zeichnet sich eine pragmatische Lösung ab.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Spät am Vormittag, etwa in der Mitte der fünften Stunde, stoßen 16 muslimische Schüler in der Hauptschule von Dinslaken-Lohberg auf eine der großen Fragen von Religion und Toleranz.

Es geht um den Lichtvers in einer der wichtigsten Suren des Koran. "Gott führt zu seinem Licht, wen er will", lautet ein Satz aus der deutschen Übersetzung, die Islamkundelehrerin Lamya Kaddor gerade in der Klasse 10 A 1 verteilt hat. Und ein 16-jähriges Mädchen aus der letzten Reihe ist sich auch sofort sicher, wer damit gemeint sein soll: "nur Muslime".

Da hält es die Lehrerin, selbst eine gläubige Muslimin, nicht mehr hinter ihrem Pult. "Das ist Quatsch", ruft sie in den Klassenraum: "Denkt nach!" Es wäre doch "absurd", argumentiert Lamya Kaddor, "wenn Gott, der Schöpfer aller Menschen, mehr als zwei Drittel der Menschheit in die Hölle schicken würde, nur weil sie nicht als Muslime zur Welt kamen."

Solche Sätze aus dem Mund muslimischer Lehrkräfte zu muslimischen Schülern sind eine Rarität in deutschen Klassenräumen - obwohl Schul- und Integrationspolitiker längst erkannt haben, dass es enorm wichtige Sätze sind. Spätestens seit in den Wirkungsstätten islamistischer Hassprediger wie dem Multi-Kultur-Haus in Neu-Ulm religiös begründete, aggressive Aufrufe zum Kampf gegen Andersgläubige gefunden wurden, drängen auch Sicherheitspolitiker wie Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU): Es sei höchste Zeit, den über 750 000 muslimischen Schülern in Deutschland einen eigenen, staatlich beaufsichtigten und deutschsprachigen Religionsunterricht anzubieten.

Schäuble hat diese Erkenntnis zu einem Kernthema der seit 2006 tagenden Islamkonferenz gemacht, die das Zusammenleben von Christen und Muslimen in Deutschland entkrampfen soll. "Wir wollen diese Schülerinnen und Schüler nicht den unkontrollierten Hinterhof-Koranschulen überlassen", sekundierte kürzlich die hessische Kultusministerin Dorothea Henzler (FDP) - und startet nun einen neuen Anlauf für das in Hessen seit Jahren so ausgiebig wie erfolglos debattierte Unterrichtsprojekt.

Es wird auch Zeit. Angesichts des steigenden Muslimanteils in der Bevölkerung verträgt das Thema keinen Aufschub mehr. Nötig sind pragmatische Lösungen und ein Verzicht auf Maximalforderungen. Und einige der von Westbundesländern angeschobenen Modellversuche zeigen auch, wie Islamunterricht in deutschen Schulen etabliert werden könnte.

Die Frage ist indes: Auf welche Art Unterricht lassen sich die höchst heterogenen Muslimgruppen in Deutschland ein?

Jene Verbände, die sich zu einem "Koordinierungsrat der Muslime" (KRM) zusammengeschlossen haben, fordern schon seit Jahren islamischen Religionsunterricht als benotetes Schulfach. Sie drängen auf Gleichbehandlung mit den christlichen Kirchen und anderen Glaubensgemeinschaften - und können sich dabei auf das Grundgesetz berufen. Mit Ausnahme der Stadtstaaten Berlin und Bremen, für die eine Sonderregelung gilt, verpflichtet die Verfassung die Bundesländer, an öffentlichen Schulen einen Religionsunterricht anzubieten, der in Zusammenarbeit mit bestehenden "Religionsgemeinschaften" konzipiert und erteilt wird.

Doch von den islamischen Gruppierungen haben es bisher nur die zahlenmäßig eher kleinen Gemeinden der westlich orientierten Aleviten geschafft, einen Glaubensunterricht nach dem Vorbild des katholischen oder evangelischen Religionsunterrichts zu erkämpfen. Sie dürfen die im Unterricht behandelten Glaubensinhalte in Absprache mit den Kultusbehörden festlegen und darüber hinaus auch bei den Kriterien für die Lehrerauswahl mitreden.

Für die große Mehrheit der mehr als drei Millionen in Deutschland lebenden Muslime, die Sunniten und Schiiten, halten die Bundesländer dagegen bislang lediglich Versuchsprojekte vor: In Baden-Württemberg beispielsweise an nur 10 der rund 4700 allgemeinbildenden öffentlichen Schulen des Landes, in Niedersachsen an 29, in Rheinland-Pfalz an 3 Schulen.

Am weitesten hat sich Nordrhein-Westfalen vorgewagt, zumindest flächenmäßig: 128 Schulen nehmen an dem 1999 gestarteten Modellversuch für Islamkundeunterricht teil. Lehrerinnen wie Lamya Kaddor aus der Dinslakener Hauptschule sind für ihre Schüler auch zu Ansprechpartnern in Alltagsfragen geworden. Ihr Job sei es, den Schülern dann zu erklären, dass der Islam oft mehrere Antworten geben kann, sagt Kaddor: konservative und liberale.

So hatte eine 16-jährige Schülerin in der 10 A 1 vor einigen Wochen wissen wollen, ob sie ein Kopftuch tragen müsse. Kaddor widmete dem Thema spontan eine Islamkundestunde und erzählte von der historischen Schutzfunktion des Kopftuchs vor der Begierde der Männer. Die Lehrerin, selbst ohne Kopfbedeckung, sagte auch ihre eigene Meinung: "Heute rennt mir in Deutschland kein Mann hinterher, nur weil ich schöne Haare habe."

Die Schülerin entschied sich schließlich gegen das Kopftuch, "weil das in dieser Gesellschaft nicht nötig ist". Zwei Klassenkameradinnen blieben bei ihrer Kopfbedeckung, aus muslimischer Tradition. Auch das ist für die Islamwissenschaftlerin Kaddor in Ordnung: "Die Schüler sollen bei mir lernen, selbständig über ihren Glauben nachzudenken und in Religionsfragen mündig zu handeln."

"Viele wünschen, dass ihre Kinder ein modernes Bild des Islam vermittelt bekommen"

Bei Schülern und Eltern kommt der Unterricht offenbar gut an. Wo er angeboten wird, besuchten ihn etwa 90 Prozent der muslimischen Schüler, heißt es im Düsseldorfer Ministerium. Ein Fach wie Deutsch, Sport oder christlicher Religionsunterricht ist die Islamkunde aber nicht. Sie ist ein freiwilliges Zusatzangebot, für das oft Lehrkräfte für muttersprachlichen Ergänzungsunterricht eingesetzt werden, die einen einjährigen Kurs in Geschichte und Brauchtum des Islam absolviert haben.

Islamunterricht (in Hannover): "Nicht erst am Sankt-Nimmerleins-Tag"

Islamunterricht (in Hannover): "Nicht erst am Sankt-Nimmerleins-Tag"

Foto: DDP

Alle Versuche, analog zum christlichen Religionsunterricht einen echten, "bekenntnisorientierten" Islamunterricht einzuführen, in dem etwa auch Gebete gelehrt werden können, sind in den Bundesländern gescheitert. Die Verantwortung dafür schieben sich Landesregierungen und islamische Verbände gegenseitig zu.

Die Länder hätten entweder die Anregungen der Verbände nicht aufgegriffen oder islamische Religionsgemeinschaften nicht anerkannt, beklagt etwa der vom türkischen Staat mitfinanzierte Islamverband Ditib. Die Kultusministerien mosern zurück, die Verbände hätten es bis heute nicht geschafft, eine von den Gläubigen eindeutig legitimierte Organisation auf die Beine zu stellen, die alle Anforderungen einer "Religionsgemeinschaft" erfüllt.

Islamexperten wie der in Ankara ausgebildete Frankfurter Theologe Ömer Özsoy halten das Gezerre um "echten" Religionsunterricht für ein großes Missverständnis. Feste Organisations- oder Gemeindestrukturen mit klar umrissener Mitgliedschaft seien den meisten Muslimen völlig fremd. Zumindest nach ihrer Mitgliederzahl repräsentierten die islamischen Verbände nur 10 bis 15 Prozent der in Deutschland lebenden Muslime. "Diese Verbände verfügen zudem häufig über keine fundierte theologische Kompetenz", sagt Özsoy. Manche ihrer Mitglieder werden vom Verfassungsschutz beobachtet.

Der Theologe schlägt deshalb vor, sich vorerst vom Bekenntnisunterricht im Sinne des Grundgesetzes zu verabschieden und dafür bundesweit einen vom Staat organisierten Islamkundeunterricht einzuführen - ähnlich wie in Nordrhein-Westfalen. Für die inhaltliche Ausgestaltung des Unterrichts sollten nach Meinung des Hochschullehrers ausschließlich Fachleute an den Universitäten zuständig sein: Islamwissenschaftler, Theologen und Pädagogen. "Die Universitäten sind der richtige Ort für eine transparente, nach wissenschaftlichen Kriterien geführte Debatte über Unterrichtsinhalt", sagt Özsoy, dessen Professur freilich zu einem großen Teil vom türkischen Staat bezahlt wird.

Gestützt wird Özsoys Position von liberalen Muslimen wie Ezhar Cezairli. Die Zahnärztin aus Frankfurt am Main ist Mitglied der von Schäuble initiierten Deutschen Islamkonferenz und sieht sich als Teil einer "schweigenden Mehrheit" der Muslime in Deutschland. "Viele wünschen sich, dass ihre Kinder ein modernes, aufgeklärtes Bild des Islam vermittelt bekommen", sagt die Mutter von zwei Töchtern.

Eine "furchtbare Vorstellung" wäre es für sie hingegen, wenn die islamischen Verbände Einfluss auf die Lehrpläne erhielten, sagt Cezairli. "Da sitzen zum Teil Leute von umstrittenen Organisationen drin, denen der Islam nicht konservativ und rückwärtsgewandt genug sein kann."

Abschreckendes Beispiel sind für Cezairli die Verhältnisse in Berlin. Dort hat sich die konservative "Islamische Föderation Berlin" (IFB), ein Zusammenschluss von zehn Moscheegemeinden, im Jahr 2000 das Recht erstritten, in Schulräumen Religionsunterricht anbieten zu können.

Zumindest am Anfang führte das zu erheblichen Verwerfungen und Misstrauen, auch in den Lehrerkollegien. Ein IFB-Lehrer habe sich mal geweigert, einer Schuldirektorin die Hand zu geben, heißt es im Schulsenat. Andererseits soll ein Islamlehrer in dem von ihm genutzten Unterrichtsraum einer Grundschule in Neukölln hinter dem Schrank eine Abhöranlage gefunden haben.

Die legalen Kontrollmöglichkeiten der Schulverwaltung sind bescheiden. Auf die Lehrpläne haben die Behörden keinen Einfluss. Sie verlangen lediglich, dass die Stunden in Deutsch gehalten werden und die Lehrer das große Sprachdiplom des Goethe-Instituts vorweisen können.

Auch wenn noch keine Fälle islamistischer Propaganda bekannt wurden, bleiben Islamwissenschaftler wie Michael Kiefer von der Universität Erfurt skeptisch: "Keine Religionsgemeinschaft sollte quasi Privatunterricht in deutschen Schulen machen dürfen." Kiefer verweist auf das "in jeder Hinsicht abschreckende" Modell in Österreich, wo Unterrichtsinhalte und Lehrpersonal ebenfalls allein von Islamverbänden bestimmt wurden. Bei einer Untersuchung, so Kiefer, kam heraus, dass mehr als 70 Prozent der Islamlehrer dort über keine pädagogische oder theologische Ausbildung verfügten. 21,9 Prozent von ihnen lehnten die Demokratie ab, weil sie sich nicht mit dem Islam vereinbaren lasse, und 18,2 Prozent zeigten Verständnis dafür, dass "Muslime, die vom Islam abgefallen sind, mit dem Tode bestraft" würden.

Unter den westdeutschen Kultusministern ist auch deshalb unumstritten, dass der Staat beim Islamunterricht im Boot bleiben muss. Nordrhein-Westfalen, Hessen oder Baden-Württemberg verfolgen zwar offiziell weiter das Ziel eines "echten" Religionsunterrichts in Zusammenarbeit mit den Verbänden. In Wirklichkeit ist vielen Fachleuten in den zuständigen Ministerien aber längst klar, dass eine akzeptable islamische Religionsgemeinschaft als Träger eines landesweiten Unterrichts auf absehbare Zeit nicht in Sicht ist.

Bayern will vom nächsten Schuljahr an möglichst vielen Schulen im Land einen islamischen Religionsunterricht nach eigenen, staatlichen Lehrplänen anbieten. Ausgearbeitet hat die Pläne ein ehemaliger Grundschulpädagoge von der Universität Erlangen-Nürnberg. Das Kultusministerium sucht nun nach lokalen islamischen Gruppen oder Organisationen, die dieses Konzept jeweils vor Ort mittragen.

Auch die Deutsche Islamkonferenz kann sich inzwischen einen Weg aus der Starre vorstellen. Als "Übergangslösung", heißt es in einem "Zwischen-Resümee" der Konferenz, könne man doch einfach so tun, als ob eine solche Religionsgemeinschaft vorhanden sei, und den Unterricht in unverbindlicher Absprache mit den Verbänden schon mal einführen. Schließlich ist dafür ein langer Vorlauf nötig: Über 2000 Lehrer müssten bundesweit ausgebildet werden, schätzen Experten, an den Hochschulen fehlen Studiengänge.

Die Islamverbände sind davon offenbar wenig begeistert: Sie befürchteten, dann dauerhaft aus dem Spiel zu sein, heißt es aus Kreisen der Islamkonferenz. Offiziell wollte sich der Koordinierungsrat der Muslime in Deutschland gegenüber dem SPIEGEL zu dem Modell nicht äußern.

In mehreren Landesministerien wird diese Marschroute insgeheim längst vorbereitet. "Wir halten das für den Königsweg", sagt eine zuständige Behördenchefin im Südwesten der Republik. Und auch Islamwissenschaftler Kiefer hält ihn für richtig: "Ein anderer Weg bleibt uns nicht, wenn wir islamischen Religionsunterricht in Deutschland nicht auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschieben wollen."