Show: Tränen mit Susie Simple - DER SPIEGEL
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Show Tränen mit Susie Simple

Vom hässlichen Entlein zum bewunderten Schwan: Nach dem Auftritt in einem britischen Fernseh-Talentwettbewerb wurde die 48-jährige Schottin Susan Boyle schlagartig als Gesangsstar weltberühmt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Normalerweise passiert in der Sozialsiedlung um die Straße Yule Terrace im schottischen Blackburn nicht besonders viel. Außer dass einmal am Tag Kenny Masons weißer Lieferwagen vorbeikommt.

Zum Zeichen, dass er da ist, spielt Kenny, wie ihn hier alle nennen, die Melodie von "Lichtet die Anker". Ein paar Menschen laufen dann aus ihren Häusern und kaufen bei Kenny einen Mars-Riegel oder ein Eis. Dass einer danach den Anker lichtet, kommt selten vor. Die meisten verlassen Yule Terrace erst mit dem Beerdigungswagen.

Vor der Hausnummer 37 muss Kenny seit letzter Woche ganz langsam fahren. Männer mit Kameras lagern auf der Straße vor dem grauen Haus. Manchmal klopft einer an die weiße Tür aus Plastik. Ein Mitarbeiter des Fernsehsenders ITV öffnet. "Sorry", sagt er, "aber Susan hat keine Zeit."

Es ist eine Szene, wie man sie vor den Anwesen von Amy Winehouse oder Britney Spears erlebt. Aber wer ausgerechnet Susan Boyle noch vor einem Monat einen solchen Zirkus vorausgesagt hätte, wäre für verrückt erklärt worden.

Boyle ist 48, arbeitslos und sieht nach eigenem Bekunden aus "wie eine Garage". Sie hatte noch nie einen Freund. Ihr Lebensgefährte ist eine zehnjährige Katze namens Pebbles.

Für einige Kinder der Siedlung war Boyle das ideale Opfer. Im Sommer warfen sie Eier an ihre Fensterscheiben, im Winter Schneebälle. Sie verspotteten sie als "Susie Simple" oder wegen ihres borstigen Kraushaars als "verrückte Negerin".

Letzte Woche entwickelte sich "Susie Simple" zu einem globalen Phänomen. Ihr Fernsehauftritt bei einem Talentwettbewerb in Glasgow verbreitete sich mit weltrekordverdächtiger Geschwindigkeit im Internet. Rund 80 Millionen Mal wurde der Clip auf YouTube angeklickt.

"Größer als Obama", schrieb begeistert die britische Boulevardzeitung "Daily Star". Um sie zu übertrumpfen, "müsste Sinatra von den Toten auferstehen", sagte der amerikanische Talkkönig Larry King auf CNN.

Wovon PR-Planer träumen, gelang Boyle durch Zufall. Normalerweise gleicht die Show "Britain's Got Talent" einem Circus Maximus im TV-Zeitalter. Oft präsentieren talentfreie Ruhmsucher Kunststücke, die komplett misslingen.

Ein Mädchen möchte seinen Hund dazu bringen, Handyklingeltöne nachzusingen. Ein Mann behauptet, sieben Tafeln Schokolade in einer Minute verschlingen zu können, und schafft nur vier. "Abscheulich" oder "komplette Zeitverschwendung", lautet dann das gnadenlose Urteil der Scharfrichter in der Jury. Das Publikum brüllt schadenfroh dazu.

Auf den ersten Blick schien Boyle wie eine perfekte Zielscheibe in dieser Freakshow.

Mit einem bräunlichen Kleid und der Startnummer 432 sah man sie hinter der Bühne vor ihrem Auftritt ein Sandwich verschlingen. Als sie ihr Alter verriet, rollten die Juroren mit den Augen. Unerschrocken ließ Boyle die Hüften kreisen und erzählte, dass dies "nur eine Seite" von ihr sei. Nun seufzten die Juroren. Das überwiegend junge Publikum begann zu johlen. Wieder jemand, der gleich zur allgemeinen Gaudi erniedrigt wird.

Aber dann begann Boyle zu singen. Den Juroren klappte das Kinn nach unten, Tränen stiegen in die Augen der Zuschauer, die letzten Töne ihres Songs "I Dreamed a Dream" aus dem Musical "Les Misérables" wurden vom Applaus begraben. Die Juroren stammelten Entschuldigungen. "Jeder war gegen dich", sagte eine. "Ich denke, das war der größte Weckruf aller Zeiten." Boyle begann vor Freude zu trampeln wie eine Lokomotivführerin, die nach drei Bier beim Kegeln die Bahn abgeräumt hat.

Wofür Hollywood dreistellige Millionenbeträge, ein Heer an Filmprofis und Stars wie Julia Roberts oder Richard Gere und mindestens 90 Minuten Erzählzeit benötigt, das gelang Boyle mit einem Clip, der rund 7 Minuten dauert.

Ihre Darbietung geriet zu einem Mini-Märchen, einem rührseligen Klassiker, der seine Wirkung von Aschenputtel bis zu Shrek selten verfehlt hat. Ein Außenseiter, den die Welt abgeschrieben hat, schafft es, sich durchzuboxen. Gegen die Gesetze der Schönheit, des Alters, der Herkunft. Nur durch Mut und Talent, das Jahrzehnte in einer Sozialsiedlung verschüttet lag.

Die Reaktionen im Internet beschrieben, wie die Underdog-Fabel in wirtschaftlich düsteren Zeiten die Stimmung von Millionen aufhellte. "Der Aktienmarkt hat sich erholt, und mit Susan Boyle kehren Optimismus und Inspiration in die Welt zurück", lautete eine Botschaft auf Twitter. Eine andere bekannte: "War gerade die 11324212., die weinte, als sie den Susan- Boyle-Clip auf YouTube sah."

Vor allem Frauen erkoren Boyle zur Widerstandskämpferin gegen die Zumutungen der modernen Medien- und Schönheitsindustrie. Die Schottin, die sich mit dicken Augenbrauen und einem Maulwurfsblinzeln auf eine grell ausgeleuchtete Bühne gewagt hatte, wurde zu einer heroischen Jeanne d'Arc gegen das Facelift-Zeitalter.

Ihr unfreiwilliger Aufstand gegen jene Gesetze weiblicher Attraktivität, die dazu führen, dass ab Mitte vierzig gerade noch Meryl Streep Chancen auf eine Hauptrolle hat, fand begeisterten Applaus - bis hin zum Entstehungsort des geairbrushten Beauty-Terrors: Kalifornien.

"Bitte, bitte, bitte, Susan!", flehte dort die Autorin Amy Wilentz. "Die älteren Frauen dieser Welt bitten dich: Nimm kein Pfund ab. Kauf keine neue Garderobe. Keine Strähnchen! Kein Botox! Rühr Kinn Nummer eins und Kinn Nummer zwei nicht an. Denk an Ella Fitzgerald und sing einfach weiter."

"Es gibt keine Grenze für sie"

Wenn jemand das Gegenteil von Hollywood auf einen Bierdeckel zeichnen müsste, würde er mit einer Skizze des Pubs vom Happy Valley Hotel in Blackburn ziemlich richtig liegen. Vielen Gästen sind im Laufe eines langen Guinness-Trinkerlebens ein paar Zähne abhandengekommen, trotzdem ist die Stimmung prächtig. Hinter der Theke steht seit 26 Jahren Jackie Russell.

"Einmal im Monat ist hier Karaoke", sagt Russell, "und wer jedes Mal auftrat, ist Susan. Wenn sie sang, hat sie alles andere vergessen."

Es sei immer der gleiche Ablauf gewesen. Boyle bestellte einen Viertelliter Limonade, griff nach dem Mikro und legte los: "Jesus Christ Superstar", "Cry Me a River" oder "My Heart Will Go on" von Céline Dion.

Kitschiges Zeug, bei dem die Gäste verdrängen konnten, dass die Zechen dichtgemacht hatten und auch die Automobilfabrik von British Leyland.

Kitschiges Zeug, mit dem Boyle ausblendete, dass ihr das Leben nie ein Freispiel geschenkt hatte.

Als Nachzügler von neun Geschwistern galt sie als Zurückgebliebene von Anfang an. Beeinträchtigt durch einen leichten Hirnschaden, weil sie bei der Geburt zu wenig Luft bekommen hatte, fiel sie in der Schule vor allem auf, weil sie von anderen verhöhnt wurde. Sie flüchtete in die Musik. Mit einer Haarbürste als MikroErsatz in der Hand sang sie Hits von Donny Osmond und Songs aus dem Musical "Grease". Wenn ihre Geschwister sie ärgerten, sagte die Mutter: "Lasst sie in Ruhe. Musik ist das Einzige, was sie hat."

Ihren ersten Job trat Boyle an, als sie 18 Jahre alt war. Sechs Monate dauerte es, als Küchenhilfe. Niemand verlängerte ihren Vertrag.

Sie blieb bei den Eltern, die ihr verboten, sich einen Freund zu suchen. Nachdem der Vater gestorben war, pflegte sie die Mutter. Als die 2007 starb, sagt Russell, sei Boyle in Depressionen versunken. Über die Jahre hatte sie bei einigen Talentwettbewerben mitgemacht, es aber nie ins Fernsehen geschafft. "Britain's Got Talent" war ihre letzte Chance.

Noch bis vor ein paar Jahren hätte man sie ebenso abblitzen lassen wie bei früheren Versuchen. Aber seit bei ITV im Jahr 2007 ein dicker Handyverkäufer namens Paul Potts mit einer Arie von Puccini den ersten Schritt zu einer Weltkarriere tat, war man etwas vorsichtiger geworden. Okay, Susan durfte.

Paul Potts befindet sich zurzeit in Australien, er hat neue Zähne und trägt plötzlich einen geschwungenen, dunklen Scheitel wie Clark Gable in "Vom Winde verweht". Er hat rund drei Millionen CDs verkauft, er sagt, dass er sich über den Erfolg von Susan Boyle freue. Nur ist Boyle inzwischen auch eine Konkurrentin. Und wenn es nach dem Internet geht, hat sie Potts bereits deklassiert.

Es gibt viele Menschen, die gewaltige Pläne mit Boyle haben. Einen Plattenvertrag und viele Millionen Pfund prognostiziert Simon Cowell, Erfinder der Show und Juror bei "Britain's Got Talent". "Es gibt keine Grenze für sie", schwärmt Englands bekanntester Agent Max Clifford.

Das übliche PR-Geschwätz eben. Aber so, wie es aussieht, sind sogar jene Marketing-Zyniker, die Boyle ihre kleine Chance gaben, zurzeit noch überrascht und verwirrt. Bis auf weiteres versuchen sie, Boyle in deren Haus unter Verschluss zu halten.

Wahrscheinlich quält sie die Frage, wie man einen Internet-Clip von sieben Minuten in eine Karriere ausdehnt, ohne das Märchen zu zerstören.

Es ist später Nachmittag in Blackburn, als vor Boyles Haus ein neuer roter Ford Fiesta hält. Eine Frau mit kurzen blonden Haaren steigt aus. Sie wirkt energisch. Sie sagt, sie sei die Nichte von Boyle. Ein paar Minuten später verlassen beide das Haus. Boyle geht eckig wie eine Traktorfahrerin, aber sie schweigt, als wäre sie Madonna.

Am folgenden Tag wird klar, was die energische Frau mit Boyle angerichtet hat. Sie muss sie zum Friseur gebracht haben. Boyles Haare strahlen jetzt kastanienbraun. Die Augenbrauen, über die englische Zeitungen vorher berichtet hatten, sie sehen aus wie Raupen, wirken dünner. Sie trägt einen nachgemachten Schal von Burberry und eine Kunstlederjacke, von der die Stilexperten später schreiben werden, sie komme von der Billigkette Primark und habe 16 Pfund gekostet.

"Susan muss genau so bleiben, wie sie ist. Aus diesem Grund lieben wir sie. Wenn man sie schicker macht, verdirbt man sie", hatte eine sehr teuer herausgeputzte Jurorin unmittelbar nach Boyles Auftritt gesagt. Auch Frauen wie Amy Wilentz aus Kalifornien vertreten diese Meinung. Die PR-Strategen schlossen sich an.

Es ist eine herablassende Haltung: einmal Freak, immer Freak.

Aber so, wie es aussieht, ist Boyle dabei, den Anker zu lichten. Selbst wenn sie am Ende das Schiff versenkt.