Emirate: Folterscheich in Schlickenried - DER SPIEGEL
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Emirate Folterscheich in Schlickenried

In Abu Dhabi kommt nach vier Jahren das Verbrechen eines sadistischen Fürstensohns ans Tageslicht. Die Nachbarn seines Guts in Oberbayern sind entsetzt.
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Der Menschenrechtler Samer Muscati hat anderthalb Jahre im Irak verbracht und viel gesehen. Doch was dem afghanischen Getreidehändler Mohammed Shah Poor Ende 2004 vor den Toren von Abu Dhabi widerfuhr, ist so brutal, das selbst der Mann von Human Rights Watch es kaum ertrug: "Ich musste mich zwingen, mir das anzuschauen. Ich hatte etwas so Extremes noch nie gesehen."

Vor zwei Wochen veröffentlichte der US-Fernsehsender ABC Ausschnitte eines Videos, das einen Abgrund von Sadismus zeigt. Zu sehen ist, wie ein wimmerndes Bündel Mensch getreten und mit einem Brett, in dem ein Nagel steckt, geschlagen wird. Man führt ihm eine elektrische Rinderpeitsche ein, man übergießt seine Genitalien mit Feuerzeugbenzin und zündet sie an, man stopft ihm Sand in Mund und Nase, streut Salz in seine offenen Wunden und überfährt es zum Schluss mehrfach mit einem Mercedes-Geländewagen.

Das Opfer, sagt Human Rights Watch, sei Shah Poor, der seinem Peiniger angeblich einen Laster zu wenig Weizen geliefert hat; er soll schwer verletzt überlebt haben. Der Täter, so hat das Innenministerium in Abu Dhabi eingeräumt, ist Scheich Issa Bin Sajjid Al Nahjan, Halbbruder des Kronprinzen von Abu Dhabi und des Innenministers der Vereinigten Arabischen Emirate. Ein Polizist in Uniform hilft ihm beim Foltern.

Ein US-arabischer Geschäftsmann, in einen Rechtsstreit mit dem Scheich verwickelt, hatte das Video außer Landes geschmuggelt. Eine Zeitlang geisterten Ausschnitte und Standbilder durchs Internet, doch niemand außer dem selbst involvierten Geschäftsmann konnte oder wollte den Scheich identifizieren.

"Diese Hintergründe", sagt Muscati von Human Rights Watch, "spielen nach der Erklärung des Ministeriums nun keine Rolle mehr. Das Video spricht jetzt für sich."

Die Polizei, so die Behörde, habe sich damals um den Fall gekümmert, doch "die beiden Parteien" hätten sich außergerichtlich geeinigt: Der "Diebstahl" des Afghanen wurde gegen den "tätlichen Angriff" des Scheichs aufgerechnet, alles sei somit erledigt, "alle Regeln und Prozeduren" seien "korrekt" befolgt worden. Noch am vorigen Dienstag antworteten Offizielle in den Emiraten auf Fragen nach dem Videoband mit gestellter Ahnungslosigkeit: "Band? Welches Band?" Natürlich wisse man von der Geschichte, doch der Scheich sei eben ein Scheich des Herrscherhauses, an eine öffentliche Diskussion des Falls nicht zu denken.

Der internationale Druck war stärker. Bilder wie aus Abu Ghureib - das kann sich das Emirat Abu Dhabi, das als Investor bei Daimler und Ferrari eingestiegen ist, das den Louvre und das Guggenheim Museum an den Golf holen will, nicht leisten.

Die US-Außenministerin Hillary Clinton soll wegen der Affäre bereits einen Nuklearvertrag mit Abu Dhabi auf Eis gelegt haben. Am Mittwoch, einen Tag nachdem Human Rights Watch den Präsidenten und Halbbruder des Folterscheichs in einem offenen Brief aufforderte, den Fall unverzüglich vor eine unabhängige Kommission zu bringen, ging das Justizministerium an die Öffentlichkeit: Die Regierung verurteile die auf dem Video festgehaltenen Taten "unmissverständlich". Der Fall werde neu aufgerollt - mehr als vier Jahre nach der Tat.

Mit besonderem Schauder haben sich die Bewohner des Städtchens Dietramszell südlich von München das Video angesehen. Sie kennen den Mann aus dem Folterband als den "Scheich von Schlickenried".

Seit drei Jahren besitzt der arabische Fürstensohn das Gut Schlickenried in Oberbayern, idyllisch eingebettet in die sanften grünen Matten des Voralpenlands, nur ein paar Kilometer von Bad Tölz: ein Gutshaus, eine Reithalle, Stallungen und Scheunen.

Die Tennisanlagen hätten schon bessere Tage gesehen, sagen Nachbarn, und "nur das Nötigste" gebe die Familie ihrem missratenen Spross mit, wenn er jedes Jahr zum Sommerurlaub erscheine: ein Dutzend Kindermädchen und Köche, Hausdamen, Chauffeure und kistenweise Lebensmittel. Dazu natürlich die Familie des Prinzen, seine junge Frau - die schönste, die man jemals in der Gegend erblickt habe, sagen sie im Dorf. Eines seiner Kinder soll in Oberbayern geboren sein.

Nur wenige im Loisachtal haben den Scheich selbst zu Gesicht bekommen, doch jeder scheint mit ihm beschäftigt: die Handwerker, die seinen Garten anlegen und die Privatgemächer fliesen; die Bauern, die Eier liefern und ihre Kühe auf den fürstlichen Weiden grasen lassen, weil dieser Anblick Seiner Durchlaucht so gut gefällt; die Verkäuferinnen vom Schlecker-Markt, wo die "Princess" Badeöl und Cremes einkauft.

Zwar hat der Araber angeblich auch einen Bentley und einen Reisebus mit Flugzeugsitzen im alten Kuhstall, doch dass er von den Bauanträgen, die er bei der Gemeinde stellte, einige wieder zurückgezogen hat, hat schon vor dem Video Gerüchte genährt, der Scheich sei klamm.

Vergangenes Jahr war Issa Al Nahjan samt Entourage für sechs Monate in Schlickenried. Gelegentlich soll er Besuch aus der Heimat bekommen haben, sonst blieb aber alles ruhig hinten am Waldrand. Auch dieses Frühjahr wird er fast täglich erwartet, doch ob er nun wirklich kommt, bezweifeln inzwischen viele. Nachdem das Foltervideo publik wurde, hoffen die Nachbarn, er werde im Orient bleiben, und zwar für immer.