Banken Die Krisen-Verschärfer
Nur wenige können sich über die Finanzkrise so freuen wie Sean Egan. "Unser Geschäft läuft wie irre", sagt er bestens gelaunt, seiner Firma gehe es "so gut wie noch nie".
Egan leitet eine kleine Rating-Agentur bei Philadelphia, Egan-Jones. Im Nebenberuf ist er seit Jahren Rebell, ein lautstarker Kritiker der drei größten Unternehmen seiner Branche, Moody's, Standard & Poor's und Fitch, in der Szene kurz "The Big Three" genannt. Ihr Job ist das Benoten von Finanzprodukten. Sie dominieren seit langem den Markt, bis heute. Und sie machen ziemlich viel falsch, sagt Egan.
Mit drastischen Fehlurteilen wiegten "The Big Three" Anleger weltweit in Sicherheit - bis zur letzten Minute vor dem Crash. Ihre Top-Noten ("Triple A") versprachen noch Stabilität und Gewinne, als ringsum schon das Fundament erodierte. Es ist eine der spannendsten Fragen, warum sie so spektakulär versagten.
Zum Beispiel in Sachen Lehman Brothers. Noch einen Tag vor dem Konkurs war ihnen die Bank Top-Noten wert, genauer gesagt A, A2 und A+. Anders Egan: Schon ein halbes Jahr vorher stufte er Lehman auf BBB+ ab, dann nahm er das Plus weg, dann hängte er ein Minus dran, und schließlich, einen Tag vor der Pleite, folgte sein Todesurteil: CCC. "Die Anleger hätten besser auf uns gehört", sagt er.
Jedes Pluszeichen setzt Milliardensummen in Gang
Genauso lief es bei Subprime-Hypothekenpapieren sowie bei fast allen Crash- und Pleitehäusern seit Ausbruch der Krise, ganz gleich ob AIG, Bear Stearns oder Merrill Lynch. Moody's & Co. vergaben Traumnoten. Egan und seine kleineren Wettbewerber warnten.
Fragt sich bloß: Wieso wussten sie es besser? Was sind die Lehren aus dem Debakel? Und wer soll künftig nach welchen Maßstäben die Gütesiegel vergeben?
In der Finanzbranche wird über diese Fragen erbittert gestritten. Denn die Noten der großen Häuser entscheiden über Erfolg und Scheitern von Anleihen, strukturierten Finanzprodukten und ganzen Unternehmen. Selbst die Kreditwürdigkeit von Staaten kann leiden, wenn sich die Analysten der Agenturen eine schlechte Meinung bilden. So ist es erst im Januar Spanien ergangen - prompt stiegen dort die Zinsen.
Jedes ihrer Plus- oder Minuszeichen setzt automatisch Milliardensummen in Gang. Stufen Standard & Poor's, Moody's oder Fitch ein Unternehmen herab, bricht regelmäßig Panik aus, die betroffene Firma muss schnellstens frisches Kapital besorgen, große Fonds verkaufen automatisch ihre Beteiligungen. So war es bislang, und so läuft es heute noch, trotz aller Kritik.
Investoren laufen deshalb Sturm gegen Moody's & Co., die sie für ihre Verluste verantwortlich machen. Aufsichtsbehörden und Regierungen in Europa und den USA wollen den großen Agenturen strenge Auflagen machen. Und die kämpfen verzweifelt um ihre Reputation.
Denn die ist erschüttert, spätestens seit die amerikanische Börsenaufsicht SEC in einem Untersuchungsbericht brisante E-Mails von Agenturanalysten veröffentlichte. "Selbst wenn Kühe diesen Deal zusammenstellten, würden wir ein Rating ausgeben", heißt es da etwa. "Hoffentlich sind wir alle reich und im Ruhestand, wenn dieses Kartenhaus zusammenfällt", schreibt ein anderer.
Althippies unter den Oberlehrern
Das Grundübel liegt im Geschäftsmodell. Sie lassen sich ihre Ratings von genau jenen bezahlen, deren Papiere sie bewerten, also von den Emittenten von Anleihen und Finanzprodukten; und die haben ein hohes Interesse an Top-Noten. Die großen Drei sind sozusagen die Althippies unter den Oberlehrern, die von ihren Schülern mit Joints versorgt werden und ihnen dafür im Dauerrausch lauter Einsen geben.
"Wir alle wissen, dass die Bezahlung das Verhalten bestimmt", sagt die neue Chefin der amerikanischen Börsenaufsicht SEC, Mary Schapiro. Sie ist Präsident Obamas zurzeit schärfste Waffe in Sachen Finanzpolitik, alle anderen, sein Finanzminister, sein Wirtschaftsberater, pflegen seit langem engste Kontakte zur Wall Street und üben selten Kritik. Schapiro dagegen setzt auf Konflikt. Die schlechte Arbeit der Agenturen, sagt sie, habe "das Vertrauen der Anleger im Kern erschüttert".
Erst Mitte April veranstaltete sie deshalb einen Roundtable, geladen waren die wichtigsten Vertreter der Branche, darunter auch Sean Egan, der Rebell aus der Nähe von Philadelphia. Fast alle schlossen sich seinem Urteil an, außer den Großen Drei: "So wie bisher kann es nicht weitergehen".
So gut wie alles steht nun zur Disposition, von der SEC und der US-Regierung in Washington bis zur Europäischen Union und der deutschen Finanzaufsicht geht es jetzt um eine tiefgreifende Reform der Branche. Nie wieder soll es dazu kommen, dass Anleger im blinden Vertrauen auf die Rating-Firmen in den Abgrund taumeln.
Unter Hochdruck wird am Image gefeilt
Die schärfsten Kritiker fordern deshalb schon unübersehbare Warnschilder wie auf einer Zigarettenschachtel. Motto: "Achtung, dieses Rating wurde vom Herausgeber dieses Wertpapiers bezahlt." Besser noch, sagen sie, wäre ein komplett neues Geschäftsmodell für die "Big Three": Anleger statt Emittenten sollen deren Ratings abonnieren, sie hätten schließlich das größte Interesse an schonungslosen Analysen.
Genau mit diesem Konzept hatte John Moody 1909 den Ruhm seiner Firma begründet, damals mit Ratings zu stark schwankenden Eisenbahn-Anleihen. Während des Börsen-Crashs 1929 kollabierte keines der von ihm als erstklassig eingestuften Wertpapiere; eine Meisterleistung. Anleger vertrauten Moody und zahlten gern für seine objektiven Analysen.
Doch in den siebziger Jahren wechselten seine Nachfolger und die später erstarkten Konkurrenten von Standard & Poor's ihr Geschäftsmodell. Fortan ließen sie die Herausgeber von Wertpapieren für ihre Analysen zahlen, drum herum bauten sie ein florierendes Beratungsgeschäft. Umsätze und Gewinne explodierten. Es war ein bombensicheres Geschäft, trotz gelegentlicher Fehlurteile. Ratings sind schließlich in guten wie in schlechten Zeiten gefragt und in vielen Fällen von den Behörden sogar vorgeschrieben. 30 Prozent Rendite sind in der Branche nichts Besonderes.
Unter Hochdruck arbeiten "The Big Three" darum an ihrem Image. Sie wollen sich ein bisschen ändern, um ihr hochprofitables, Triopol-artiges Geschäftsmodell im Grundsatz zu retten.
Halbherzige Kuschelpolitik
Torsten Hinrichs ist der Deutschland-Chef von Standard & Poor's, ein vorsichtiger Mann, der Fragen nur schriftlich über seine PR-Abteilung beantworten mag.
"Wir bedauern dies", heißt es da zum Beispiel über "nicht stichhaltige Annahmen" seiner Firma zum US-Immobilienmarkt. Das Unternehmen habe mittlerweile einen "Ombudsmann" benannt, der besorgte Investoren betreuen soll. 30 Maßnahmen sollen die "Unabhängigkeit und analytische Qualität" seiner Ratings stärken. "Dabei sollte aber nicht außer Acht gelassen werden," so Hinrichs, "dass die Performance unserer Kreditratings ausgezeichnet ist."
Die halbherzige Kuschelpolitik soll die ärgsten Gegner besänftigen. Zu ihnen zählt auch Deutschlands oberster Bankenaufseher. Rating-Agenturen "gehören zu den Hauptschuldigen der Krise", sagt Jochen Sanio, Präsident der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht. Das Rating von strukturierten Produkten hätten sie "als Profitmaschine betrieben und dabei ihre Vertrauenswürdigkeit verspielt", lautet sein hartes Urteil über die früheren Bestnoten für Ramschhypotheken.
Die goldenen Zeiten sind vorbei
Wie lukrativ das Geschäft mit den Profitmaschinen in den Boomjahren tatsächlich war, zeigen die Gewinnzahlen von damals. 2006 verdiente die Standard & Poor's-Truppe weltweit 1,2 Milliarden Dollar. Bei Moody's blieben unterm Strich 1,3 Milliarden Dollar hängen. Allein deren deutsche Tochter schaffte damals eine Eigenkapitalrendite von sagenhaften 160 Prozent.
Heute sind die goldenen Zeiten vorbei. Die Erträge schrumpfen - und das EU-Parlament versucht, die Bonitätsprüfer an die Kette zu legen.
In einem Blitzverfahren peitschten die Europapolitiker vorvergangenen Donnerstag neue Regeln durch. Für Agenturen gilt neuerdings eine Registrierungspflicht. Mindestens drei Aufsichtsratsmitglieder müssen finanziell unabhängig sein. Interne Kontrollstellen müssen regelmäßig die Arbeit der Analysten prüfen.
Für die skandalträchtigsten Praktiken gelten nun Verbote. Jahrelang bewerteten die Agenturen Finanzprodukte, bei deren Herstellung sie als Berater tätig waren. Das wäre ungefähr so, als wenn der TÜV selbstgebaute Autos auch noch zulassen würde.
Standard & Poor's-Manager Hinrichs ist zufrieden. Er glaubt, dass das neue Regelwerk "das Vertrauen in Kreditratings stärkt". Die Kritiker glauben das nicht.
Während offizielle Stellen Banken permanent überwachen, bewegen sich die Rating-Experten oft im toten Winkel der Behörden. Damit die Agenturen nicht erneut versagen, "müssen sie einer umfassenden Aufsicht unterstellt werden, die laufend ihre Methoden überprüft und die Fehlverhalten sanktionieren kann", fordert Sanio. Aber das werde "leider auch in Zukunft nicht der Fall sein, denn selbst die geplante EU-Regelung mit ihrem Registrierungsansatz bringt in der Hinsicht keinen Durchbruch."
Massaker in den Bankbilanzen
Im Kampf um neues Vertrauen passen die Agenturen jetzt die Irrtümer der Vergangenheit an die Realität an. Die Banken müssen damit rechnen, dass ihre giftigen Portfolios brutal herabgestuft werden. Moody's macht mit Papieren im Umfang von 270 Milliarden Dollar den Anfang, die Konkurrenten werden folgen. "Als Akt der Selbstkatharsis handeln sie ganz schnell und brutal", sagt der Kapitalmarktvorstand einer deutschen Bank. Die neuen Bewertungsmodelle sind an die düsteren Konjunkturprognosen angepasst, und die Sünden der Vergangenheit sollen "mit einem Hang zur Übertreibung" korrigiert werden, ist er überzeugt.
Tatsächlich rutschen die Bonitätsnoten in atemberaubender Geschwindigkeit talwärts.
Papiere mit kryptischen Kürzeln wie etwa "Balta 2006-8 1A2", mit denen US-Ramschhypotheken kunstvoll verpackt und nach Europa weiterverkauft wurden, verloren in kürzester Zeit ihre Bestnote. Am 10. März 2008 erhielt Balta von Moody's noch die Bewertung Aaa: so sicher wie ein Sparbuch. Ende August benoteten dieselben Analysten dasselbe Papier 14 Stufen tiefer mit B3: hochspekulativ. Dieses Jahr reichte es nur noch für Ca: beinahe Ramsch.
In den Bankbilanzen lösen die Herabstufungen ein Massaker aus. Aufgrund eines Automatismus im Aufsichtsrecht - im Fachjargon Basel II genannt - schlagen sie voll auf die Kapitaldecke durch.
Je höher das Risiko, umso mehr Eigenkapital muss die Bank für das Papier als Sicherheit vorhalten. Lautet beispielsweise ein Papier auf eine Million Euro und eine Moody's-Note von Aaa, braucht die Bank dafür nur 5600 Euro zu reservieren. Bei Ba1 sind es jedoch bereits 200.000 Euro. Sinkt die Bewertung auf B1, muss bereits die gesamte Million geparkt werden.
Derselbe krisenverschärfende Basel-II-Mechanismus greift auch bei Bankfinanzierungen für Firmen. Je schlechter deren Rating - egal ob von Moody's & Co. oder intern von der Bank vergeben -, umso mehr Geld muss für die einzelne Position vorgehalten werden. Das Kapital steht der Bank nicht mehr für neue Geschäfte zur Verfügung - zum Beispiel für die dringend nötige Kreditvergabe an den Mittelstand.
Verschärfung der Kreditvergabekriterien
Die Statistik der Bundesbank zeigt bereits eine Verschärfung der Kreditvergabekriterien. Politiker wie etwa CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt fordern deshalb ein Aussetzen der Basel-II-Regeln.
Doch Experten warnen vor einem solchen Schritt. "Aufweichungen des Eigenkapitalstandards Basel II als antizyklische Maßnahme gegen die globale Rezession könnten nur im internationalen Konsens erfolgen", sagt Bankenaufseher Sanio. Einen nationalen Alleingang könnten die internationalen Märkte als "Offenbarungseid missverstehen, als Eingeständnis, dass wichtige einheimische Banken an galoppierender Eigenkapitalschwäche leiden".
Der Druck auf die Koalitionsregierung, Privat- und Landesbanken mit staatlich garantierten Auffangbecken für giftige Papiere zu entlasten, wächst darum täglich. Die jüngste Herabstufungswelle von Moody's treibe die Eigenkapitalanforderungen drastisch in die Höhe. "Das ist ein weiteres Argument für eine schnelle Einführung von Abschirmungslösungen wie Bad Banks oder Zweckgesellschaften, die von Rating-Änderungen nicht betroffen wären", sagt Wolf-Dieter Ihle, Chef der Sachsen Asset Management.
Ihle muss es wissen. In seinem Leipziger Büro überwacht er im Auftrag des Freistaats Sachsen eine der prominentesten Müllhalden der hiesigen Bankenszene.
Es gibt alternative Geschäftsmodelle
Als im Sommer 2007 die Finanzkrise ausbrach, standen die Chefs der Sächsischen Landesbank als Erste mit dem Rücken zur Wand. Milliardenspekulationen in Irland rissen die Provinzbank damals beinahe über Nacht in den Abgrund. Nur ein Notverkauf an die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) verhinderte Schlimmeres. Im Zuge dieser Rettungsaktion landeten Giftpapiere im Umfang von 17,3 Milliarden Euro in einer neuen Firma namens Sealink - unter anderem finanziert über einen 8,64-Milliarden-Euro-Kredit der LBBW und eine 2,75-Milliarden-Euro-Staatsgarantie des Landes Sachsen.
Nun muss die LBBW ihren Rettungskredit mit neuen Milliarden unterlegen. Zu genauen Zahlen schweigt man in Stuttgart. Insider sprechen von bis zu sechs Milliarden Euro.
Auch andere Banken wird die Herabstufung ihrer toxischen Papiere in den kommenden Wochen hart treffen. Neben üblichen Verdächtigen wie HSH Nordbank, WestLB oder deren Müllgesellschaft Phoenix erwarten auch die Commerzbank und die Deutsche Bank neue Einschläge.
Doch werden Moody's & Co. auch künftig den Markt beherrschen? Oder wird es gar staatliche Bewertungsinstanzen geben?
Immerhin beweisen Agenturen wie die von Sean Egan und andere, kleinere Wettbewerber, dass es alternative Geschäftsmodelle gibt. Sie lassen sich, wie vor 100 Jahren Branchenpionier John Moody, grundsätzlich nur von Anlegern bezahlen.
Den vielleicht radikalsten Ausweg zeigt Rapid Ratings. Vorstandschef James Gellert, früher im Investmentbanking der Deutschen Bank, beschäftigt keinen einzigen Analysten, stattdessen unterhält er ein Rechenzentrum im indischen Bangalore sowie Büros in New York und Australien. Insgesamt gibt es nur 22 Mitarbeiter, vor allem Computer- und Marketingexperten.
"Bei uns läuft alles automatisch", sagt Gellert, der von "subjektiven Analystenrecherchen" nichts hält, lieber vertraut er auf seine Rechenprogramme. Die verbrüdern sich jedenfalls nicht mit Wall-Street-Banken und sagten ihm beispielsweise Probleme bei Bear Stearns, Citigroup und Merrill Lynch rechtzeitig voraus.