Festspiele Bibbern in der Wagenburg
Der Eröffnungsfilm soll die Richtung vorgeben, so zumindest wünschen es sich die wichtigen Leute in Cannes: "Up" heißt das Werk, das am Mittwoch zum Start des bedeutendsten Filmfestivals der Welt über die Riesenleinwand im Festspielpalast flimmern wird.
"Up" ist gedacht als Zeichen der Aufgeschlossenheit, ja der revolutionären Gesinnung. Es handelt sich um den ersten Animationsfilm, der in der Geschichte dieses 1939 ins Leben gerufenen Festivals auf dem Galaplatz des Eröffnungsabends plaziert wird. Das nennt man, kaum sechseinhalb Jahrzehnte nach "Bambi", eine mutige Respektbezeugung vor dem Trickfilm!
So mühen sich die Cineasten in Cannes um den Anschein von Frische - jahrzehntelang hat man dort das Animationsgenre als künstlerisch minderwertig abgesnobbt, bis "Shrek" 2001 in den Wettbewerb durfte. Jetzt heißt es: Schwamm drüber.
Da passt "Up" insofern bestens, als die Geschichte, die der Film erzählt, schönen symbolischen Wert besitzt. Die Produktion der US-Unterhaltungsfabrik Pixar-Disney handelt von einem zwar phantasiebegabten, aber störrischen alten Herrn, der sich in seinem Haus verbarrikadiert und die Verwirklichung seiner Träume verpasst hat. Bis der Greis und sein windschiefes Haus durch ein Wunder doch noch abheben und zu tollen Abenteuern aufbrechen.
Einen Zauberstreich ähnlichen Kalibers könnten die Festspiele in der Kleinstadt am Mittelmeer ganz gut gebrauchen. Einig wie selten und grimmig wie wohl noch nie malen Filmemacher, Geldgeber und selbst die Festivalchefs in diesen Tagen an einem kolossalen Kinokrisenpanorama.
"Wo wird das Festival von Cannes in fünf Jahren sein?", fragt zum Beispiel dessen Präsident Gilles Jacob, 78, in einer ziemlich bangen Brandbotschaft zum aktuellen Festivaljahrgang und behauptet: Die Zukunft des sogenannten Autorenkinos und die Zukunft der großen Filmfestivals seien "im Grunde ein und dasselbe". Für beide plagen ihn schlimme Sorgen. "Es gibt eine Gedankenpolizei, die jene Art von Kino, die wir lieben, das aufrechte, originelle, einzigartige Kino der Umwege, kurzerhand für ausgelöscht erklärt."
Cannes-Programmchef Thierry Frémaux, 48, sah sich gar genötigt, bei der Vorstellung der diesjährigen Festivalkünstler zu beteuern, er glaube nicht, "dass das junge Kino tot ist", nur weil in der aktuellen Auswahl seiner Truppe kaum jugendfrische Talente zu finden seien.
Tatsächlich erweckt die Riege der Stars und Filmemacher, die Cannes in diesem Jahr präsentieren will, den Anschein, hier würden die bewährtesten Kämpen des Weltkunstkinos in einer Wagenburg zusammengetrommelt. Die Neuseeländerin Jane Campion, 55, der Däne Lars von Trier, 53, und der Brite Ken Loach, 72, treten ebenso im Wettbewerb an wie der Österreicher Michael Haneke, 67, und der Spanier Pedro Almodóvar, 57. Der Champagner sei in diesem Jahr leider weggesperrt, nun müssten "die Helden alter Festivaltage ran, um die Party zu retten", höhnen britische Zeitungen bereits.
Der Cannes-Pate Jacob liegt völlig richtig mit seiner Furcht: Jenes Autorenkino, das - gerade auch dank seines Festivals - jahrzehntelang den Künstlern und Intellektuellen der Welt als Schule des Sehens und des Denkens galt, ist von der Auslöschung bedroht. Klar werden auch heute noch Autorenfilme gedreht, und sicher eifern ein paar junge Regisseure auch den alten Meistern nach - nur interessiert das kaum noch jemanden. Viele Jahre lang kannten kluge, kulturbegeisterte Menschen nur zwei Haltungen gegenüber den Filmen, die in Cannes liefen, egal ob es um Jean-Luc Godards "Rette sich, wer kann" (1980) ging oder um David Lynchs "Wild at Heart" (1990): Man konnte sie entweder lieben oder hassen. Heute sind sie selbst vielen Kinobegeisterten leider sehr egal.
Die Zeiten, in denen Filme wie die von François Truffaut, Martin Scorsese, Wim Wenders oder Lars von Trier von neugierigen jungen Menschen als avantgardistische Botschaften begriffen und bis ins letzte Detail analysiert wurden, sind vorbei, wohl für immer. Das Autorenkino ist heute ein Nischenprogramm. Es hat als Leitkultur ausgedient.
Das belegt schon das Schicksal der Wettbewerbsfilme der vergangenen Jahre. Regelmäßig verschwindet ein Großteil von ihnen fast vollständig in der Versenkung, wenn das Festival vorbei ist. Viele sind nie im regulären Kino zu sehen, sondern allenfalls auf DVD. Natürlich gab es immer schon künstlerisch wertvolle Filme, die das große Publikum verschmähte, darunter Cannes-Sieger wie Luis Buñuels "Viridiana" (1961), Andrzej Wajdas "Der Mann aus Eisen" (1981) oder Abbas Kiarostamis "Der Geschmack der Kirsche" (1997). Aber es gab eben auch Martin Scorseses "Taxi Driver" (1976), Volker Schlöndorffs "Blechtrommel" (1979) und Tarantinos "Pulp Fiction" (1994).
Mit dem Glamour wird es dieses Jahr nicht weit her sein
In den vergangenen Jahren aber erwiesen sich nicht nur Gewinner der Goldenen Palme als Kassengift, ob sie von Ken Loach, den Dardenne-Brüdern oder Gus Van Sant gedreht wurden, sondern überhaupt ein erschütternd hoher Prozentsatz der für die jeweiligen Wettbewerbe ausgesuchten Filme. Unter US-Verleihern kursiert das böse Bonmot, eine einzige Episode des Blockbusters "Star Wars" habe mehr Zuschauer ins Kino gelockt als die letzten zehn Jahrgänge der Festivalgewinner von Cannes und Venedig zusammen.
Auch mit Angeboten, die Filme wenigstens auf Cineasten-Webseiten im Internet an die download-willige Kundschaft zu bringen, lässt sich bisher kein Geld machen: Das lehrt das Beispiel des derzeit vielzitierten kalifornischen Start-up-Unternehmens theauteurs.com, dessen Name von schöner Ironie zeugt.
Lange wurde der schleichende Bedeutungsverfall des Autorenkinos in Cannes überdeckt vom glamourösen Rummel an der Croisette. In der Wirtschaftskrise gedenkt man nun sehr nostalgisch des gewaltigen Party- und Businessauftriebs vergangener Zeiten - und ahnt, dass ohne all das Geglitzer plötzlich überdeutlich werden dürfte, wie sehr die Kunstfilme des Wettbewerbs zur Nebensache geworden sind.
Mit dem Glamour wird es dieses Jahr nicht weit her sein. Über harte Einschnitte jammern die Vermieter der im Hafen dümpelnden Luxusyachten und der Party-Villen auf den Hügeln um Cannes, weil die Besucher aus aller Welt in diesem Jahr ungewohnt knausern. Hotelbesitzer äußern sich irritiert über renitente Gäste, die sich weigern, wie üblich für ein paar Nächte ein Zimmer für die ganze Festivalzeit zu absurd überhöhten Preisen anzumieten.
Grausame Metzeleien fürchtet man in diesem Jahr aber vor allem in der Kinobranche selbst, genauer: auf dem Filmmarkt in Cannes, wo Anwälte und Händler alljährlich auf der global wichtigsten Kinoverkaufsmesse feilschen. Wie in den Jahren zuvor zeigt man dort mehr als 900 Filme (eine Riesenauswahl neben den paar Dutzend Filmen im offiziellen Festivalprogramm) und bietet sie in mehr als 1400 Marktvorführungen zum Verkauf. Doch diesmal herrscht Untergangsstimmung.
Die meisten Filmhändler, so das US-Fachblatt "Variety", packen in diesem Jahr ihre Koffer für Cannes mit dem ängstlichen Gedanken: "Es kann nicht noch schlimmer kommen - oder doch?" In den letzten Monaten seien die Filmmakler von schlechten Nachrichten gebeutelt worden wie selten zuvor. Neben der allgemeinen Finanzkrise macht ihnen nicht etwa ein krasses Minus an den Kinokassen zu schaffen (dort sind die Einbußen moderat). Dafür aber ein ziemlich dramatischer weltweiter Einbruch der DVD-Verkäufe und der Fernseherlöse.
Der rote Teppich, auf dem sich in Cannes die Stars den Fotografen stellen, war viele Jahre lang ein Laufsteg der Kinoindustrie; in den Kulissen wurden prächtige Geschäfte gemacht. Nun sieht es so aus, als gähne hinter dem Laufsteg die Leere eines großen Ausverkaufs. Und die ist nicht besonders sexy. Hollywood jedenfalls zeigt Cannes in diesem Jahr weitgehend die kalte Schulter.
Von jeher sei die Beziehung zwischen der amerikanischen Traumfabrik und dem europäischen Festival die "Geschichte einer Hassliebe", bilanziert ein neues Buch gerade sehr treffend den schier endlosen Streit um Werbeauftritte für amerikanische Blockbuster in Cannes, seit der "Die Vögel"-Regisseur Alfred Hitchcock hier spektakulär von einer Taube attackiert wurde und Arnold Schwarzenegger fast nackt am Strand seine Muskeln zeigte*. Im Jahr 2009 ist die Hassliebe offenbar erloschen. Cannes bringt es auch für die Amerikaner nicht mehr.
Als letztes Aufgebot haben es aus den USA der Empfindsamkeitsvirtuose Ang Lee, 54, und der glorreiche Quadratschädel Quentin Tarantino, 46, an das Autorenkino-Lagerfeuer im Hauptprogramm geschafft. Tarantino will beweisen, dass er an seinen (nun auch schon 15 Jahre zurückliegenden) Cannes-Triumph "Pulp Fiction" anknüpfen kann. In seinem neuem Werk "Inglorious Basterds" schlachtet eine Elitetruppe jüdisch-amerikanischer Kämpfer jede Menge Nazi-Soldaten ab.
Immerhin verspricht Tarantinos Film eine erfreuliche Dosis Action, ähnlich wie Lars von Triers Werk "Antichrist". Ist es doch sonst schlechte Tradition in Cannes, zähe, handlungsarme, extrem wortkarge Stillstands-Epen von sehr ähnlicher Machart als das einzig wahre "Kino der Autoren" zu präsentieren - obwohl dieses Kino kaum mehr eine Autorenhandschrift erkennen lässt. Die an Göttern wie Michelangelo Antonioni geschulte Langweilerästhetik geht inzwischen einer großen Zahl von Cannes-Berichterstattern schwer auf die Nerven: Fragt sich, ob der Festivalchef Jacob die Sache besser macht, indem er genau diese meuternden Kritiker nun als "Gedankenpolizisten" denunziert.
Tatsächlich begünstigt das Festival, dem die Kinokunst so viel verdankt, schon seit Jahren eine ästhetische Monokultur, deren Kraftlosigkeit den Zuschauern gerade dann schmerzlich bewusst wird, wenn ein Film wirklich formalen Witz und echten Kampfgeist zeigt wie Matteo Garrones Mafia-Abrechnung "Gomorrha" im vorigen Jahr.
Wie also wird es nun in fünf Jahren aussehen in Cannes und bei den anderen beiden großen Kinofestspielen in Venedig und Berlin? Die Macher der Kölner Filmzeitschrift "Schnitt" haben über "Die Zukunft der Filmfestivals" gerade ein ganzes Schwerpunktheft herausgebracht. Darin lassen sie diverse Festspielleiter darüber nachdenken, wie es weitergehen soll mit ihrem Gewerbe. Viel ist die Rede davon, dass Festivals eine Art temporäres Museum für brandheiße, aber leider schlecht verkäufliche Kunst bieten müssten. Weil sie neben dem Internet womöglich bald der wichtigste Ort seien, an dem Filmemacher künftig überhaupt noch eine Öffentlichkeit erreichen könnten.
Radikaler als seine Kollegen aber argumentiert in "Schnitt" Lars Henrik Gass, der Chef der Oberhausener Kurzfilmtage. Weil die Geschäfte mit Filmen immer weniger in Vorführsälen, sondern per DVD und auf digitalen Kanälen gemacht würden, "braucht der Film als Ware keine Festivals und vielleicht sogar keine Kinos mehr". Für die Filmfestivals ergebe sich daraus nicht unbedingt der Ruin. Sondern im Gegenteil "die historische Chance, endlich bessere Filme zu zeigen".
So weit wollen Gilles Jacob und Thierry Frémaux in Cannes noch nicht gehen. Aber auch Jacob hat jetzt das Internet entdeckt und präsentiert beim diesjährigen Festival eine weltumstürzende Neuerung: Jeder Filmemacher, der es ins Cannes-Programm geschafft hat, darf die ersten fünf Minuten seines Films auf der Festival-Website präsentieren. "Speziell ein junges Publikum" wolle man so heiß auf Filme machen, mit einer Auftakt-Kostprobe "statt des üblichen Trailers, der alle Lust auf den Kinobesuch auslöscht", so Jacob. "War es Altman oder Renoir, der gesagt hat, große Künstler zeigen ihr Bestes immer auf der ersten und der letzten Filmspule?", fragt er - und schließt: "Lasst uns hoffen!"
Das ist nie verkehrt.