Global Village Trinken gegen die Düsternis
Die Krawatte von Russell Anderson flattert senkrecht nach oben, seine Worte sind nur noch schwer zu verstehen, Windstärke acht auf Orkney.
"Wir nennen es den faulen Wind", sagt Anderson.
Faul, Windstärke acht?
"Faul, weil der Wind sich nicht die Mühe macht, einen Umweg zu nehmen. Er geht direkt durch einen hindurch."
Anderson steht auf dem Hof von Highland Park, der nördlichsten Whisky-Destillerie Schottlands. Mit den hohen Mauern aus Sandstein, den engen Gängen und schwarzen Türen aus Eisen wirkt die Brennerei wie eine Festung. Den Wind stoppen kann sie nicht.
Seit 210 Jahren wird auf dem Hügel über der Stadt Kirkwall legal Whisky gebrannt. Illegal ging es schon ein paar Jahre früher los, dank eines Kirchendieners namens Magnus Eunson.
Eigentlich war Eunson ein ordentlicher Mann, aber offenbar betrachtete er Whisky nicht als Teufelszeug, sondern als Gottesgeschenk für die Orkneys, jene sturmgeplagte Inselgruppe ganz im Norden Großbritanniens.
Die Kirche diente ihm als Versteck für seinen wärmenden Schnaps. Unter der Kanzel soll er seine Vorräte gelagert haben, manchmal auch in einem Sarg. Ein Polizist namens John Robertson brachte Eunson hinter Gitter. Später gehörte der Beamte zu einer Gruppe von Menschen, die aus Eunsons Leidenschaft ein gutgehendes Geschäft formten. Ein legales Geschäft.
Heute, so scheint es, kann diesem Geschäft nicht einmal eine tiefe Wirtschaftskrise etwas anhaben. "Mitten in der Düsternis blühen die Single Malt Whiskys", schreibt das britische Wirtschaftsblatt "The Economist". Im Jahr 2008 stieg der Export der teuren Whiskys um neun Prozent.
Vor allem in China, Japan, Brasilien und Russland steigt die Nachfrage nach Luxus-Whiskys, die für sich beanspruchen dürften, nicht verschnitten zu sein, sondern speziell gebrannt zu werden an einem Ort, aus einer Sorte Gerste.
War früher teurer Whisky ein Privileg der angelsächsischen Oberschicht, finden jetzt die Eliten der globalisierten Welt Geschmack daran - und jene, die dazugehören wollen. "Speziell in Japan und Taiwan legen die Reichen Wert darauf, ihren Wohlstand auch zur Schau zu stellen", sagt Brennerei-Chef Anderson. Als Abkömmling der schottischen Arbeiterklasse lässt ihn das Phänomen frösteln. Trotzdem zuckt er mit den Schultern. Solange diese Reichen, irgendwo weit weg von seinen zugigen Inseln, helfen, gute Geschäfte zu machen, lohnt sich Toleranz.
Seine Toleranz endet, wenn Anderson mit ansehen muss, wie auf Whisky-Messen in den Ländern der neuen Kunden Trinker Eiswürfel in ein Glas Highland Park kippen oder Cola oder Ahornsirup.
Experten geben höchstens ein paar Tropfen Wasser zu Andersons Getränk. Alles andere gilt als Frevel, spätestens seit der Whisky-Experte F. Paul Pacult vor vier Jahren Highland Park 18 Year Old im "Spirit Journal" als "Best Spirit in the World" adelte.
Anderson steht in einer großen, düsteren Halle, in der gequollene Gerste, ebenmäßig verteilt, keimen soll. Alle acht Stunden muss sie mit Holzspaten gewendet werden. Nach gut einer Woche wird die Gerste auf einem anderen Lagerboden über einem Feuer aus Torf getrocknet. Es ist die Produktionsweise wie zu Zeiten von Magnus Eunson.
"Was wir hier tun, ist auf den ersten Blick ökonomisch vollkommen unsinnig", sagt Anderson. "Wir bringen außer dem Torf fast alles auf die Insel, verarbeiten es hier und schippern es dann wieder Richtung Süden, verrückt." Aber nur durch diesen kostenintensiven Wahnwitz erhalte sein Getränk jenes Aroma aus Heidekraut und Honig, das es zu einem globalen Statussymbol reifen ließ. Vergangenes Jahr brachte Anderson einen 40-Jahre alten Whisky auf den Markt. Der Preis: 899 Pfund. Die Nachfrage war überwältigend.
Anderson ist keiner von jenen neureichen Angebern, die glauben, die Welt schulde ihnen etwas und er habe Anspruch auf Erfolg. Bis zurück zu seinem Ururgroßvater haben die Andersons in der Whisky-Branche gearbeitet, sie sind durch Boom- und Krisenzeiten gegangen, die vielleicht schlimmste Anfang der achtziger Jahre, als ausgerechnet die Whisky-Trinkerin Margaret Thatcher mit ihren Marktreformen viele der kleinen unabhängigen Brennereien in den Ruin trieb.
"Bier wird ein paar Tage nach der Herstellung verkauft", sagt Anderson. "Ein Auto ein paar Wochen nachdem es vom Band gelaufen ist. Aber Whisky muss man mindestens drei Jahre lagern. Gesetzlich vorgeschrieben. Sonst muss ich in den Knast." Das Problem an seinem Beruf sei, dass niemand im Ernst voraussagen könne, was die Welt in 3 Jahren trinken wolle. In 40 schon überhaupt nicht.
Anderson läuft nun in eine seiner vielen Lagerhallen. 40.000 Fässer lagern auf dem Gelände, und zwei Prozent eines jeden Fasses verdunstet pro Jahr, die Schotten nennen es "Angel Share" - der Anteil der Engel.
In den Wirtschaftsteilen elitärer Sonntagszeitungen gibt es neuerdings Spezialisten, die dazu ermuntern, teuren Whisky zu kaufen - als Kapitalanlage. Im Gegensatz zum echten Geld vermehre sich sein Wert in Krisenzeiten.
Anderson stoppt vor drei Fässern. Sie stammen aus dem Jahr 1964. Er beginnt an einem Fass zu rütteln, man hört den Inhalt in einem mächtigen Hohlraum herumschwappen. "Die Hälfte hat sich in Luft aufgelöst", sagt Anderson. Der Rest reiche für vielleicht 60 Flaschen, die er in ein paar Jahren abfüllen will.
Im Gegensatz zu den Snobs in den Sonntagszeitungen hält sich Anderson mit Voraussagen über den Whisky zurück. Nur eines sei sicher, sagt er. Dass, wenn der Jahrgang 2009 50 werde, "ich mich längst in einer ganz anderen Kiste aus Holz befinde".