Ermittlungen: Eine Sache des Bauchgefühls - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Ermittlungen Eine Sache des Bauchgefühls

Eine Krankenschwester aus Sachsen-Anhalt wird verdächtigt, mehr als hundert Patienten getötet zu haben. Beweise gibt es bislang keine - nun sollen Exhumierungen Aufklärung bringen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Helene Moser* ist eine zierliche Frau mit traurigen Augen. Sie sitzt auf dem Sofa ihres Anwalts in Berlin. Ihre Hände suchen nach Halt. Sie ringt nach Worten, sie spricht sehr leise, unterbrochen von langen Pausen. Sie könne das nicht verstehen, sie sei doch Krankenschwester, dafür da, Leben zu retten.


Seit 28 Jahren übt Helene Moser ihren Beruf aus, seit 28 Jahren im Krankenhaus in Gardelegen, einer Kleinstadt im nördlichen Sachsen-Anhalt; die 47-Jährige hat einen Mann und zwei Kinder. Ihre Kaderakte, die heute Personalakte heißt, war ohne Fehl und Tadel - bis zum 16. Februar dieses Jahres.

An diesem Tag wird der Mitarbeiterin der Intensivstation des Altmark-Klinikums gesagt, sie solle nicht wieder zum Dienst erscheinen. Aus der Lebensretterin Moser wird eine mutmaßliche Serientäterin. Die Staatsanwaltschaft Stendal verdächtigt sie des "mehrfachen Totschlags" (301 Js 2678/ 09). In über hundert Fällen seien, so die Ermittler, in "ihrer Pflegehoheit" Patienten womöglich eines "nicht natürlichen Todes" gestorben.

Helene Moser weist die Vorwürfe zurück. Sie könne sie nicht erklären. Sie meidet derzeit Gardelegen, ein Städtchen mit 11.000 Einwohnern, in dem fast jeder jeden kennt. Sie weiß, dass ihr Name im Ort kursiert und viele sich die Frage stellen, ob aus der angesehenen Schwester ein Todesengel geworden ist; ein Todesengel, wie es ihn, was den Umfang der Ermittlungen angeht, in Deutschland noch nie gab - im bisher größten Verfahren wegen der Tötung von Patienten wurde ein Krankenpfleger aus Sonthofen 2006 zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt, er hatte 28 Patienten umgebracht.

Solche Ermittlungsverfahren gibt es immer wieder, Ärzte lösen sie aus oder Angehörige, die Zweifel an der Todesursache eines Verstorbenen haben. Doch anders als bei klassischen Tötungsdelikten genießen die Täter nicht selten Sympathie, weil sie schwerstkranke Menschen von ihrem Leiden erlösen. Es gibt abgeurteilte Todesengel, die noch im Gefängnis Dankesbriefe von Hinterbliebenen erhalten.

Die Verfahren führen in eine Grauzone zwischen Leben und Tod, in eine Lebensphase, in der Menschen die Hoheit über sich selbst verlieren, in der sie den Segnungen der Apparatemedizin ausgeliefert sind und den zwar gut ausgebildeten, aber auch oft gestressten Ärzten und Schwestern. Viele Helfer überfordert diese Hauptrolle am Lebensende eines Fremden. War Helene Moser solch eine überforderte Helferin? Oder ist da eine Staatsanwaltschaft am Werk, die ihren "Untersuchungsauftrag vollkommen überdehnt", wie der Anwalt der Klinik, Michael Bärlein, findet? Wird da eine Frau "Opfer von Zahlen und Bauchgefühl", wie ihr Strafverteidiger Axel Weimann fürchtet?

Intensivmediziner - Ärzte wie Schwestern - sind ihrem Selbstverständnis nach Lebensretter. Sie sind stolz auf jeden Patienten, dem sie ein zweites Leben schenken konnten, dem verunglückten Motorradfahrer, "dem Herzinfarkt", wie Ärzte sagen, oder "der Niere". So war es auch auf der Intensivstation des Altmark-Klinikums mit ihren 21 Mitarbeitern - bis irgendwann mehr Patienten starben als üblich.

Es begann mit flapsigen Bemerkungen, vagen Andeutungen, Pausengesprächen auf der kleinen Station mit zehn Betten in sechs Zimmern. Es werde etwas viel gestorben in letzter Zeit, soll jemand gesagt haben, angeblich im Januar. Ärzte wurden von Schwestern auf Sterbefälle angesprochen, doch die hätten anfangs angeblich nicht auf die Fragen reagiert. Irgendwann soll auch ein Name gefallen sein, der Name Helene Moser. Sie wurde angesprochen, wenn in ihrer Schicht wieder jemand starb. Sie selbst habe sich auch gewundert, wird erzählt. Da war so ein "Bauchgefühl", erinnern sich Intensivmediziner, so ein "subjektiver Verdacht".

Ende Januar beschließen die leitenden Ärzte, den Verdacht nicht länger auf sich beruhen zu lassen. Ein Oberarzt nimmt sich der Statistik an und stellt eine dramatische Steigerung fest: 2005 waren von 711 Patienten auf der Station 63 gestorben, 2006 von 665 schon 70, 2007 von 719 Patienten 92, im Jahr 2008 von 663 erschreckende 114, und im beginnenden Jahr 2009 sind schon 24 Patienten verstorben.

Die Ärzte schauen sich nun die Dienstpläne näher an, ein kompliziertes und umstrittenes Unterfangen. Es gibt ein Schichtsystem, Pausenzeiten, Urlaube, Weiterbildungen. Es ist eine mühselige Puzzlearbeit, die Dienstpläne und die Liste der Sterbefälle einander zuzuordnen. Aber das Ergebnis ist eindeutig, so findet es die Stationsleitung jedenfalls: Im Jahr 2007 hatte Schwester Helene bei 42 von 92 Todesfällen Dienst, 2008 bei 76, im laufenden Jahr bei 16. Eine erstaunliche "Häufung von Todesfällen während ihrer Dienstzeit", resümiert ein Arzt.

Am 12. Februar wird der Geschäftsführer der Klinik, Axel Burghardt, eingeschaltet. Das Wort "brisant" steht einige Tage später in seinem Terminkalender. Burghardt und seine leitenden Ärzte ändern unter einem Vorwand die Dienstpläne und informieren Staatsanwaltschaft und Kripo. Wenig später baut die Polizeidirektion Sachsen-Anhalt Nord die Ermittlungsgruppe "Klinik" auf.

Nichts dringt an die Öffentlichkeit über diese Vorgänge, über diesen Schritt, der aus der Klinik einen Tatort macht und aus Schwester Helene eine Verdächtige. Erst wird ihr gesagt, der Dienstplan sei verändert worden, sie könne zu Hause bleiben. Dann informiert sie der Klinikchef, dass sie beurlaubt sei, dann wird sie vorläufig an einen Arbeitsplatz versetzt, an dem sie keinen Kontakt mehr zu Patienten hat. Als sich der Vorgang herumspricht, bekommen einige Kolleginnen offenbar ein schlechtes Gewissen. Ja, es habe Gerede gegeben. Aber Schwester Helene sei doch eine gute, von allen geschätzte Kollegin.

Doch der Verdacht ist nun aktenkundig, und die Staatsanwaltschaft macht ihren Job. Sie fordert Krankenakten und die Personalakte der Schwester an, vernimmt die Belegschaft. In den Aussagen ist viel vom Bauchgefühl die Rede, auch von Statistiken, aber nicht ein einziger Zeuge belastet Helene Moser. Sie sei nur selten Schichtleiterin gewesen, habe keinen Schlüssel zu den Schränken mit den gefährlichen Substanzen, weder zum großen noch zum kleinen "Suchtmittelschrank". Verschwundene Substanzen? Fehlanzeige.

Parallel schaltet die Staatsanwaltschaft die Rechtsmedizin der Medizinischen Hochschule Hannover ein, sie lässt 67 Krankenakten Verstorbener überprüfen. Der Gutachter kann keinen Hinweis auf Fremdverschulden finden, aber ausschließen kann er auch nichts. In über einem Dutzend Fällen rät er zur Exhumierung - und die Staatsanwaltschaft folgt ihm.

* Name geändert

"Ich liebe meinen Beruf"

Dieser Schritt erstaunt den Klinikchef und seinen Anwalt. Ob denn wirklich so ein Schritt gerechtfertigt sei? Ob nicht erst weitere, präzisere Gutachten eingeholt werden könnten?

Klinikchef und Anwalt geht es inzwischen wie dem Lehrling in Goethes Gedicht vom Zauberlehrling. Sie hatten die Ermittlungen angestoßen, hatten rechtlich auch keine andere Wahl. Aber sie rechneten nicht mit dem Elan, mit dem sich die Staatsanwaltschaft Stendal eines Falles annimmt, dessen Anfangsverdacht auf einem Bauchgefühl und einer Statistik basiert. Jetzt fürchten sie um das Ansehen des Krankenhauses. Denn wann der Fall öffentlich wird, ist nur noch eine Frage der Zeit.


Am 7. Mai ist es so weit. Die Staatsanwaltschaft Stendal beruft eine Pressekonferenz in Magdeburg ein, auf der die Leitende Oberstaatsanwältin Uta Wilkmann die hohen Todeszahlen bekanntgibt und den Verdacht gegen die Schwester. Die Ermittler reden von einem "Anfangsverdacht", aber wer die Pressekonferenz besucht, bekommt den Eindruck, die Staatsanwälte hätten längst mehr. Sie kündigen Exhumierungen an, schalten eine Bürgerhotline "für potentiell betroffene Angehörige". Mehr Aufsehen kann man nicht erregen. Es ist ein PR-GAU für die Klinik Gardelegen.

Seit diesem Tag gibt es nicht nur Ermittlungen, jetzt gibt es auch öffentliche Vorwürfe gegen die Ermittler. Klinikanwalt Bärlein spricht von einer gewissen "Profilierungssucht" der Staatsanwaltschaft. Er zweifelt das Gutachten aus Hannover an. Jede Seite zieht ihre eigene Bilanz aus den bisherigen Ermittlungen. Die Bewertungen klaffen so weit auseinander, dass man glauben könnte, es gäbe zwei Fälle Gardelegen. Der Tod vieler Menschen und das Leben einer Krankenschwester sind zur Interpretationssache geraten.

Der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Thomas Kramer, spricht weiter von einem "Anfangsverdacht", weshalb man ermitteln müsse. Die Ermittler berufen sich auf den Gutachter und dessen Empfehlungen. Sollte man denen etwa nicht folgen?

Und da gibt es noch etwas, wieder so ein Bauchgefühl, diesmal das Bauchgefühl von Ermittlern. Sie haben Unterlagen zur Tatverdächtigen studiert und sind auf einen heiklen Punkt in der Vita von Schwester Helene gestoßen.

Der Tod ihres Vaters, der von ihrer Familie bis zum Ende begleitet wurde, soll sie tief getroffen haben. Helene Moser wurde danach krank, "psychovegetative Störungen" attestierte ihr der Betriebsarzt 2004. Später, nach dem Anstieg der Sterbezahlen, bitten die Ärzte ihre Vorgesetzte, ein Mitarbeitergespräch zu führen. Sie soll Helene Moser fragen, ob die Todesfälle in der Klinik sie belasten würden. Die Krankenschwester verneint - und wird ob ihrer Arbeit gelobt.

Die Sicht der Klinik unterscheidet sich beträchtlich von der der Ermittler. Sie hat ebenfalls ein Gutachten anfertigen lassen, vom Direktor des Kölner Instituts für Rechtsmedizin, Professor Markus Rothschild. Der Spezialist will nichts ausschließen, aber er vermag keine "offensichtlichen Hinweise für Unregelmäßigkeiten" zu erkennen: Die Einweisungsdiagnosen seien aufgrund "potentiell lebensbedrohlicher, krankhafter Zustände" erfolgt. Im Übrigen zweifelt Rothschild am Sinn von Exhumierungen. Der Nachweis bestimmter "Begehungsarten" sei bei Leichen, die vor Monaten bestattet wurden, kaum sicher zu führen.

Noch ein Argument führt die Klinik gegen die weiteren Ermittlungen an, eine andere Statistik - etwas spät allerdings. Die Zahl der Todesfälle auf der Intensivstation sei zwar gestiegen, auf anderen Stationen jedoch zeitgleich gesunken. Die Gesamtzahl der Todesfälle des Altmark-Klinikums wird der Staatsanwaltschaft nachgereicht: 227 Patienten starben 2005, 244 im Jahr 2006, 2007 waren es 240, und 2008 starben 237. Konstanter kann man sich eine solche Statistik kaum vorstellen.

In seiner Vernehmung spricht der ärztliche Direktor davon, dass sich das Patientenprofil in der Intensivstation verändert habe. Morbider seien die Patienten als früher und deutlich älter. Solche Patienten würden heute schneller als früher von anderen Stationen auf die Intensivstation verlegt. Die Folge einer Umstrukturierung.

Nur warum meldete niemand diese Zahlen und deren Interpretation an dem Tag, als Schwester Helene vom Krankenhaus bei der Kripo belastet wurde? Und noch eine Frage muss sich die Klinik gefallen lassen: Warum wurde überhaupt erst im Jahr 2009 die Todesstatistik der Intensivstation ausgewertet?

Die Staatsanwaltschaft sieht jedenfalls keinen Grund, die Ermittlungen zu stoppen. Sie hat mehrere Todesfälle ausgemacht, die sie untersuchen lassen will. In ihrem Eifer wollte sie auch einen Verstorbenen exhumieren, der nach der Freistellung der Schwester verstorben ist.

Der Fall Gardelegen besteht nun nicht mehr nur aus Statistiken und Aussagen. Jetzt werden Hinterbliebene hineingezogen. Kriminalbeamte klingeln seit Anfang Mai an den Türen von Angehörigen, um über die Ermittlungen zu informieren. Es gibt Angehörige, die sich plötzlich wundern: Vater sei doch kurz vor dem Tod noch wohlauf gewesen, meint einer. Er stimmt der Exhumierung zu.

Es gibt aber auch ganz andere Reaktionen. Die Lebensgefährtin eines Verstorbenen erklärt der Kripo, der Tod ihres Partners sei "eine Erlösung" gewesen. Sie ist gegen die Öffnung des Grabes. Aber Hinterbliebene haben kein Recht, diese Art Störung der Totenruhe zu verhindern. Das Amtsgericht hat den Exhumierungen zugestimmt. Auch der Anwalt von Schwester Helene befürwortet sie: "So leid uns das für die Angehörigen tut", meint Weimann, "nur die Untersuchung der Verstorbenen kann Klarheit und Entlastung bringen."

Vielleicht aber wird am Ende Ungewissheit bleiben. Dann könnte Helene Moser wohl nie mehr den Satz über die Lippen bringen, den sie einst in eine Bewerbung schrieb: "Ich liebe meinen Beruf."