Zeitgeschichte "Es war unfassbar"
SPIEGEL: Mr. Payne, Ihr Großneffe Barack Obama will Anfang Juni das ehemalige Konzentrationslager Buchenwald besuchen - jenen Ort, an dem Sie bei Ende des Krieges waren, als Soldat. Haben Sie den Anlass dazu gegeben?
Payne: Um die Wahrheit zu sagen: Ich war sehr überrascht, als er meinen Kriegseinsatz in Nazi-Deutschland zum Thema machte. Wir hatten vorher nie darüber gesprochen. Wenn er jetzt nach Buchenwald fliegt, geht es wohl eher um große Politik als um mich.
SPIEGEL: Welche Motive vermuten Sie hinter dieser Reise?
Payne: Vielleicht hat dieser Besuch etwas mit Angela Merkel zu tun. Sie hat es ihm nicht immer leichtgemacht, im Wahlkampf nicht und auch nicht danach.
SPIEGEL: Obama hatte zunächst behauptet, einer seiner Familienangehörigen hätte Auschwitz mit befreit. Wie kam es zu diesem Missverständnis?
Payne: Da wir bis dahin nie über meine Kriegserlebnisse gesprochen hatten, kann er das nicht von mir haben. Aber meine Schwester und deren Mann sind große Geschichtenerzähler. Die haben ihm von meinem Einsatz in der 89. US-Infanteriedivision erzählt und dabei offenbar die Fakten ein wenig durcheinandergebracht. Natürlich gibt es genug Leute in Amerika, die wissen, dass Auschwitz östlich von Deutschland liegt und von der Roten Armee befreit wurde.
SPIEGEL: Barack Obama rief Sie dann an, was wollte er von Ihnen wissen?
Payne: Er wollte in Erfahrung bringen, wo sich dieses Lager befand, an dessen Befreiung ich beteiligt war. Ich erzählte ihm, dass das Lager Ohrdruf hieß und ein Nebenlager des Konzentrationslagers Buchenwald war. Ich beschrieb ihm ein wenig, was ich dort gesehen habe.
SPIEGEL: Wie gelangte ein kaum Volljähriger damals als Soldat an solch einen Ort?
Payne: Jeder halbwegs kriegstaugliche Amerikaner musste in den Krieg. Ich hatte im Frühsommer 1943 gerade mein Abitur gemacht und ging zu der Frau vom Rekrutierungsbüro. Ich sagte ihr: "Ich bin bereit, in den Krieg zu gehen." Sie erwiderte: "Mach dir keine Sorgen. Du bist auf der Liste." Da ich von Geburt an farbenblind bin, hat mich erst die Air Force abgelehnt, danach die Marine, bis mich die einfache Infanterie schließlich nahm.
SPIEGEL: Sie kamen aus einem kleinen Städtchen in Kansas. Wo haben Sie sich auf den Einsatz vorbereitet?
Payne: Die Armee schickte mich in ein Trainingslager in Texas. Ich habe in 13 Wochen alles gelernt, was ein Soldat können muss: gehorchen, marschieren, schießen.
SPIEGEL: Wie dachten Sie damals über die Deutschen?
Payne: Wir waren die Guten, und sie waren die Verkörperung des Bösen. Wir kamen, um die Welt vor Deutschland zu retten. Wir alle wollten diesen Krieg.
SPIEGEL: Dabei hatte es Jahre gedauert, bis es dem britischen Premier Winston Churchill gelang, US-Präsident Franklin D. Roosevelt zum Kriegseintritt zu bewegen.
Payne: Ich denke, Roosevelt hat Großes geleistet, indem er die Menschen langsam auf den Krieg vorbereitete. Amerika war zu diesem Zeitpunkt ein wirklich isolationistisches Land. Die Mehrheit war der Meinung: Lasst die Europäer ihren Krieg selbst führen. Wir, jenseits des Ozeans, sind sicher.
SPIEGEL: Und Sie? Haben Sie den amerikanischen Kriegseintritt befürwortet?
Payne: Mir war schon in der siebten Klasse klar, dass es Krieg geben wird. Da waren diese furchterregenden Überschriften in den Tageszeitungen, und immer öfter erschienen Sonderausgaben. Ich hatte das ungute Gefühl, dass ich mich um einen Platz im College gar nicht zu kümmern brauchte, weil ich ohnehin in den Krieg ziehen würde.
SPIEGEL: Wie waren Ihre ersten Erfahrungen an der Front?
Payne: Da war zunächst keine Front. Unser Schiff konnte nicht landen, weil die Hafenanlagen in Le Havre zerstört waren. In einem kleinen Boot, das halb unter Wasser stand, gelangten wir in Frankreich an Land. Es war bitterkalt, wir hatten nasse Füße. Für etliche meiner Kameraden war der Krieg an dieser Stelle bereits zu Ende: Sie hatten Erfrierungen; der Lagerarzt musste ihnen Teile der Füße amputieren und schickte sie in die USA zurück.
SPIEGEL: Auf welcher Route gelangten Sie dann nach Buchenwald?
Payne: Wir marschierten und marschierten, aber ich hatte nie wirklich eine Ahnung, wo wir uns befanden. Einfachen Gefreiten wie mir war es nicht erlaubt, Landkarten, Reiseführer oder Fotoapparate zu besitzen - damit keinerlei Informationen in die Hände des Feindes fallen konnten. Ich war Mitglied in einem fünfköpfigen Nachrichtentrupp. Die anderen mussten dem Kommandoposten funktionstüchtige Telefone zur Verfügung stellen; meine Aufgabe bestand darin, sie zu beschützen.
"Wenn er mich in die Air Force One einlädt, bin ich dabei"
SPIEGEL: Sind Ihnen auf diesem langen Marsch Deutsche begegnet?
Payne: Die Dörfer waren weitgehend leer, niemand war zu sehen. Aber ich hatte immer das Gefühl, die Deutschen beobachten uns. Es war gespenstisch.
SPIEGEL: Es gab keinen Feindkontakt?
Payne: Es wurde meist aus dem Hinterhalt auf uns geschossen. Einmal standen wir im Dunkeln und rauchten. Die Zigaretten glühten, da nahm einer meiner Kameraden leichtsinnigerweise den Helm ab. Im selben Augenblick bekam er einen Kopfschuss.
SPIEGEL: Wann tauchte der Begriff Konzentrationslager zum ersten Mal auf?
Payne: Das war damals kein gebräuchliches Wort. Wir waren auf das, was wir sahen, nicht vorbereitet. Ich hatte nie zuvor gehört, dass es Lager gab, in denen Menschen systematisch getötet wurden, in denen man sie zuerst zur Arbeit zwang und dann verhungern ließ. Ich sah zum ersten Mal Menschen, die nur aus Haut und Knochen bestanden.
SPIEGEL: Erinnern Sie sich an den Tag, an dem Sie das Lager Ohrdruf erreichten?
Payne: Ohrdruf liegt südlich von Gotha, unsere Division erreichte das Lager als erste. Als wir ankamen, war kein deutscher Soldat mehr zu sehen. Es gab keine Kämpfe mehr, auch die Lagerwachen waren schon weg. Das Gelände war überfüllt von halbverhungerten Menschen in erbärmlichen Lumpen. Das Erste, was ich erblickte, war ein Toter, der in der Mitte des Haupteingangs lag.
SPIEGEL: Ein Lagerinsasse?
Payne: Es war, wie sich herausstellte, ein polnischer oder russischer Häftling, der den Nazis als Kapo gedient hatte. Als die amerikanische Armee anrückte, mischte er sich unter die anderen Häftlinge. Aber die Lagerinsassen erkannten ihn, sie schlugen ihm mit einem Wagenheber den Schädel ein.
SPIEGEL: Was haben Sie noch gesehen?
Payne: Unweit des Haupttores lagen tote Gefangene auf dem Boden. Offenbar waren sie zur Essensausgabe gerufen und dann mit dem Maschinengewehr niedergemäht worden: Jeder Tote hatte einen Blechnapf in der Hand oder dicht neben sich liegen.
SPIEGEL: Welche Gedanken bewegten Sie damals angesichts dieser Bilder?
Payne: Bis zu jenem Tag, an dem Barack mich anrief, hatte ich diese Erinnerungen verdrängt. Natürlich war ich entsetzt zu sehen, wie weit Menschen gehen, um andere Menschen zu misshandeln. Ich lief später in dem Lager umher, und was ich hinter den Türen der Gebäude sah, war unfassbar. Aber es lässt sich mit diesem Wort nur unzureichend beschreiben: Ich sah tote Körper, die man übereinandergestapelt hatte. Irgendjemand hatte Kalk über die Leichen gestreut, um den Geruch halbwegs erträglich zu halten.
SPIEGEL: Wie denken Sie heute über die Deutschen?
Payne: Ich verstehe noch immer nicht, wie intelligente Menschen tatenlos zusehen konnten, als in ihrem Land diese extrem radikalen Typen die Macht übernahmen. Zugleich aber bin ich sicher, dass Ähnliches ebenso in diesem Land hier hätte passieren können. Während der McCarthy-Ära in den fünfziger Jahren kam die Entwicklung in Amerika der im Deutschland der dreißiger Jahre gefährlich nahe.
SPIEGEL: Sie sind Demokrat?
Payne: Ich war schon Demokrat, lange bevor Barack geboren wurde.
SPIEGEL: Sind Sie stolz auf Ihren Großneffen?
Payne: Aber natürlich. Ich war auf dem Parteitag der Demokraten in Denver, ich war bei seiner Amtseinführung. Er vereint in sich so vieles: Selbstsicherheit, Kompetenz, Führungsstärke, und seit je hat er auch eine gute Portion Glück. Zuletzt hatte er das Glück der Finanzkrise, die ihm bei seiner Wahl ins Weiße Haus geholfen hat. Nun muss er allerdings auch mit dieser Krise fertig werden.
SPIEGEL: Wie würden Sie Ihr Verhältnis zueinander beschreiben?
Payne: Warm und freundlich, aber ich bin nicht Teil seines inneren Zirkels. Wir führen eine interessante Unterhaltung, wann immer wir zusammen in einem Zimmer sind. Aber er fragt mich nicht, was ich zur Weltpolitik zu sagen habe. Ich dränge ihm meine Meinungen auch nicht auf.
SPIEGEL: Werden Sie ihn nach Deutschland begleiten?
Payne: Wenn er mich in die Air Force One einlädt, bin ich dabei.