Forensik: Leiche im Keller - DER SPIEGEL
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Forensik Leiche im Keller

Wurde die ermordete Revolutionärin Rosa Luxemburg niemals begraben, sondern für Jahrzehnte in einer unterirdischen Kammer an der Berliner Charité aufbewahrt? Der Rechtsmediziner Michael Tsokos betreibt eine detektivische Spurensuche an einer etwa hundert Jahre alten Wasserleiche.
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Tief unten im Keller des Berliner Medizinhistorischen Museums lagert ein gruseliger Fund: Neben Präparaten von missgestalteten Embryos auf staubigen Regalen steht ein Holzsarg. Darin liegt eine weibliche Leiche ohne Kopf, Hände und Füße. Fleckig und schmutzig grau ist der Körper und fest wie poröses Holz. Klopft man dagegen, tönt der Leib hohl.

Es handelt sich um eine typische Fettwachsleiche - unter hoher Feuchtigkeit, verbunden mit tiefen Temperaturen und mangelndem Sauerstoff, verwandelt sich Körpergewebe nicht in Humus, sondern in eine grauweiße, pastenartige Masse. Mit zunehmender Liegedauer gerinnt die Substanz und härtet aus.

Doch wer war die Tote? Wo kommt sie her? Jahrzehntelang scherte sich niemand darum.

Nun aber hegt Michael Tsokos, Chef des Rechtsmedizinischen Instituts der Berliner Charité, einen ungeheuren Verdacht: Demnach agitierte die Dahingeschiedene einst für die Weltrevolution, sie landete mehrfach im Frauenknast, wurde brutal geprügelt, erschossen, schließlich nächtens in den Landwehrkanal geworfen. Monatelang trieb die Leiche im trüben Gewässer.

Während alljährlich im Januar Zehntausende glaubten, zu ihrem Grab auf dem Friedhof Berlin-Friedrichsfelde zu pilgern, vergammelte ihr Körper womöglich unbeachtet einige Kilometer entfernt im Keller der Berliner Rechtsmedizin - bei der allmählich zerbröselnden Leiche, so Tsokos' Vermutung, handelt es sich womöglich um die sterblichen Überreste von Rosa Luxemburg.

Verblüffend sind die Übereinstimmungen der Toten aus dem Keller mit der realen Rosa. Der Körper misst etwa 1,50 Meter und trägt an beiden Armen die charakteristischen Einschnürungsmale der damals von Luxemburg bevorzugten Kleider. Eine Untersuchung der Wachsleiche im Computertomografen lieferte weitere Details: Die Frau litt zu Lebzeiten an Arthrose, überdies waren ihre Beine unterschiedlich lang - genau wie bei Rosa Luxemburg. Nach Schätzungen von Radiologen war die Frau zwischen 40 und 50 Jahre alt, als sie starb. Luxemburg war zum Zeitpunkt ihrer Ermordung 47.

Das Leibniz-Labor für Altersbestimmung in Kiel hat nun mit der sogenannten C14-Methode untersucht, aus welchem Zeitalter die Unbekannte stammt. Ergebnis: "Bei der Toten könnte es sich durchaus um Rosa Luxemburg handeln", so Laborleiter Matthias Hüls.

Aus dem wächsernen Leib extrahierte Tsokos bereits DNA, doch die Suche nach Vergleichsmaterial gestaltet sich schwierig. Die Briefmarke einer Luxemburg-Depesche lieferte zwar eine winzige Probe, die sich im Labor aber als nicht verwertbar erwies. Der Forensiker fahndet nun nach einer Nichte der Ermordeten, die angeblich geistig umnachtet in Warschau lebt.

Eine Exhumierung der angeblich am 13. Juni 1919 in einem Zinksarg beigesetzten Märtyrerin verspricht keine Hoffnung auf Aufklärung: 1935 fielen die Nazis über die Grabstätte von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht her und ließen offenkundig die dort bestatteten Gebeine verschwinden. Auf Anweisung Wilhelm Piecks, des ersten Staatspräsidenten der DDR, buddelten Friedhofsangestellte 1950 nach den Überresten der beiden berühmten Genossen. Die Suche blieb erfolglos.

Dass die Ereignisse rund um die Ermordung der linksradikalen Kultfigur bis heute so rätselhaft und mysteriös geblieben sind, macht die Detektivarbeit umso spannender. Einzig die Mordtat selbst scheint inzwischen recht gut ausgeleuchtet.

Als Luxemburg und Liebknecht am 15. Januar 1919 in einem Versteck in Berlin-Wilmersdorf verhaftet wurden, war ihr Schicksal bereits besiegelt. Die damalige SPD-Regierung fürchtete nichts so sehr wie eine bolschewistische Revolution. Eben erst hatten die Roten in Russland den Zaren samt Familie liquidiert.

Rettung verhieß einzig ein verwegener Plan: Um das Schicksal Russlands von der jungen Weimarer Republik abzuwenden, sollten die beiden prominentesten Köpfe der kommunistischen Bewegung in Deutschland kurzerhand beseitigt werden.

Dazu verschleppte man die Gefangenen ins Stabsquartier der Garde-Kavallerie-Schützen-Division; dort, im edlen Eden-Hotel zwischen Gedächtniskirche und Zoo, hatte sich der Hauptmann Waldemar Pabst einquartiert. Mit Billigung des SPD-Reichswehrministers Gustav Noske sollte der stramm rechte Militär das Mordkomplott durchführen.

Beinahe entglitt dem Exekutor die Kontrolle über das Kommando. Pabst wollte die Delinquenten möglichst geräuschlos um die Ecke bringen lassen. Seine Truppe allerdings fiel wie ein Haufen Hooligans über die kleinwüchsige Kommunistin her. "Rosa, du alte Hure", brüllte einer der Soldaten, kaum dass Luxemburg das Hotelfoyer betreten hatte. Dann prügelten die Männer auf ihr wehrloses Opfer ein. "Ich werde den Anblick nicht wieder los, wie man die arme Frau niedergeschlagen und umhergeschleift hat", klagte hernach ein Dienstmädchen des Hotels.

Als gesichert gilt, dass einer der Soldaten mit einem Gewehrkolben zweimal auf Luxemburgs Kopf eingeschlagen hat. Anschließend wurde die Halbbewusstlose von einer Handvoll Soldaten mit einem Wagen Richtung Tiergarten gefahren.

"Nicht schießen", flüsterte sie, während man ihr eine Pistole an die Schläfe hielt. Erst klemmte die Waffe, beim zweiten Versuch dann löste sich die Kugel. Gegen Mitternacht warfen die Häscher den Leichnam in den Landwehrkanal.

"Undeutliche rundliche Öffnung in der Haut"

Viereinhalb Monate später fischte ein greiser Schleusenwärter an einem Samstagmorgen eine Frauenleiche aus dem Kanal. "Man hat sie gefunden", raunte ein Beamter Noskes seinem Chef während einer Abendgesellschaft zu. "Wen?", wollte der verdutzte Minister wissen. "Die Luxemburg", lautete die Antwort.

Noske plante, die Tote rasch ins Lazarett des Truppenübungsplatzes Zossen bringen und dort heimlich verscharren zu lassen - "er wollte verhindern, dass es einen Riesenauflauf um die Tote gibt", berichtet der Berliner Historiker Jörn Schütrumpf. Doch bald kursierten Gerüchte, Rosa sei gefunden worden. "Also musste Noske das Problem aus der Welt schaffen. Rosa sollte nun schnell offiziell beerdigt werden, damit ihr Name aus der Öffentlichkeit verschwindet."

Der Leichnam landete auf dem Sektionstisch des Berliner Gerichtsmediziners Fritz Strassmann. Der galt als Meister der Forensik und hatte mit dem "Lehrbuch der gerichtlichen Medicin" das Standardwerk seines Fachs publiziert. Zur Seite stand ihm mit dem Professor Paul Fraenckel eine weitere Koryphäe.

Gemeinsam machten sich die beiden Mediziner an die innere und äußere Besichtigung des angeschwemmten Leichnams. Das Obduktionsprotokoll vom Juni 1919 ist noch heute im Freiburger Militärarchiv einsehbar. Michael Tsokos analysierte den Bericht seiner Vorvorgänger - und stieß auf zahlreiche Ungereimtheiten.

"Eine messbare Verkürzung der Beine besteht nicht", notierten die Doktoren. Zudem vermerkten Strassmann und Fraenckel ausdrücklich, "Ursachen einer eigentlichen Lahmheit" und "für einen watschelnden Gang" fänden sich nicht. Dass aber Luxemburg wegen einer angeborenen Hüftverrenkung seit früher Kindheit hinkte, ist durch Zeitzeugen vielfach verbrieft.

Weit bizarrer noch: Trotz der Kolbenschläge fanden die Doktoren das Schädeldach "außen und innen unversehrt" vor. Eine "undeutliche rundliche Öffnung in der Haut" zwischen linkem Auge und Ohr deuten sie als mögliche Eintrittswunde der tödlichen Kugel. Nur: Eine äußere Austrittswunde haben Strassmann und Fraenckel nicht entdecken können.

Demnach hätte die Kugel also noch im Kopf stecken müssen. Doch davon steht rein gar nichts in dem Bericht der beiden Gelehrten. Haben sie womöglich schlicht vergessen, dieses wichtige Detail zu erwähnen? "Auf keinen Fall, so etwas wäre so hervorragenden Fachleuten wie Strassmann und Fraenckel niemals passiert", sagt Tsokos.

Offenbar unschlüssig rätseln die beiden Forensiker über die offenkundige "schwere Verletzung der Schädelbasis". Mal versuchen sie diese durch Kolbenhiebe zu erklären, dann wieder stellen sie einen Zusammenhang mit dem Schuss her. "Immer wieder stellen sie dabei ihre eigenen Aussagen in Frage", wundert sich Tsokos.

Der Eiertanz der Kapazitäten könnte ein verzweifelter Versuch gewesen sein, die eigene Reputation zu retten. Denn auch Strassmann und Fraenckel muss klar gewesen sein, was Kollege Tsokos Jahrzehnte später aufgrund der beschriebenen Schädelfraktur diagnostiziert: "Es handelt sich hier offensichtlich um einen Scharnierbruch, wie er etwa durch einen Sturz aus großer Höhe entsteht." Hatten die beiden Gelehrten also eine von einer Brücke gesprungene Selbstmörderin vor sich?

Am Ende des Protokolls distanziert sich Fraenckel gar mit einer persönlich unterzeichneten Ergänzung von den Ausführungen des großen Strassmann - "ein absolut ungewöhnlicher Vorgang", staunt Tsokos. "Unstimmigkeiten hat man unter Kollegen auch damals im persönlichen Gespräch ausgeräumt."

Es scheint, als hätten die beiden Experten zumindest geahnt, dass vor ihnen auf dem Seziertisch keineswegs die rote Rosa lag. Jedenfalls mühten sie sich auffallend wenig um eine Identifikation des bis zur Unkenntlichkeit aufgequollenen und von Getier zernagten Körpers. So verzichteten sie darauf, den Zahnstatus der Toten zu erheben - eigentlich eine Selbstverständlichkeit bei der Obduktion einer nicht identifizierten Leiche.

Schusterten Strassmann und Fraenckel ihren fahrigen Report unter dem Druck von Noskes Militärs zusammen? Der Verdacht drängt sich auf. Die Luxemburg-Vertraute Mathilde Jacob jedenfalls, die den toten Körper ihrer Freundin Rosa für drei Reichsmark auslösen musste, berichtet, sie habe Ärzte zur Leichenbeschau mitnehmen wollen. Doch die hätten, offenbar von Morddrohungen eingeschüchtert, abgewinkt.

Am Ende erkannte Jacob die berühmte Sozialistin allein anhand eines Medaillons und ihrer Handschuhe. Dabei aber, argwöhnt Tsokos, sei sie möglicherweise bewusst in die Irre geführt worden: "Ich halte es für sehr unwahrscheinlich, dass während vier Monaten in einem Strömungsgewässer das Medaillon nicht abgerissen wurde." Plausibler scheint ihm, dass die Mörder Luxemburgs ihrem Opfer die Gegenstände nach der Tat abgenommen und nun flugs der aufgefundenen Leiche übergestreift hatten.

Für diese Theorie spricht eine Fotografie aus dem Archiv der Charité vom Juni 1919. Darauf zu sehen ist die von Strassmann und Fraenckel untersuchte Leiche - auf einem Holztisch liegend und völlig nackt. Den Regeln der modernen Rechtsmedizin folgend wurden Tote auch damals schon exakt so abgelichtet, wie man sie gefunden hatte. Von dem Medaillon und den Handschuhen fehlt auf der besagten Aufnahme jedoch jede Spur.

"Die gerichtsmedizinischen und historischen Erkenntnisse passen in Tsokos' Darstellung erstmals zusammen. Er liefert die einzig plausible und widerspruchsfreie Erklärung für die damaligen Ereignisse", konstatiert Schütrumpf und wundert sich: "Es ist kaum verständlich, warum bislang keinem Luxemburg-Forscher gelungen ist, in das Obduktionsprotokoll zu gucken."

An der Rechtsmedizin der Charité halten sich derweil bis heute hartnäckig Gerüchte, die besagen, dass die tote Revolutionärin das Institut nie verlassen habe. So soll der Kopf der Luxemburg lange Zeit Teil der Präparatesammlung im Rechtsmedizinischen Institut gewesen sein.

Dass der Leiche der Schädel abgesägt worden sein könnte, scheint durchaus denkbar. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts lässt sich ein regelrechter Schädelfetischismus beobachten, den Anatomen, Anthropologen und Gerichtsmediziner um die Häupter historischer Persönlichkeiten betrieben.

Dass die Aufmerksamkeit des seit 2007 amtierenden Institutsleiters überhaupt auf den maroden Körper gelenkt wurde, war gleichwohl eher ein Zufall. Seit über zwei Jahren sucht Tsokos nun nach Hinweisen auf die Identität der unbekannten Toten. Erst der merkwürdig widersprüchliche Obduktionsbericht seiner Kollegen von vor 90 Jahren ließ in ihm den Verdacht aufkeimen, es könne sich vielleicht um die ermordete Kommunistenchefin handeln.

Und tatsächlich - selbst der oberflächliche Vergleich der beiden Leichen auf Fotos scheint Tsokos recht zu geben: Der einst von Strassmann und Fraenkel inspizierte Körper ist beinahe flachbrüstig. Tsokos' Tote hingegen besitzt eine Oberweite, die sehr viel eher jener der historischen Agitatorin entspricht.

Auch dass Unterarme und Füße der Leiche fehlen, passt ins Bild: Genau an jenen Stellen, wo die Gliedmaßen abrissen, hatten die Soldaten Zeugenberichten zufolge einst Drahtschlingen für die Gewichte aus Stein festgeschnürt

Nur ein Argument, meint Tsokos, lasse ihn immer noch zweifeln, dass die Wasserleiche aus dem Keller die tote Rosa Luxemburg ist: "Warum sollte ausgerechnet ich so einen Fund machen?"


Nachtrag: Medienberichten zufolge lebt in Polen eine Nichte, anhand deren DNA die Echtheit der Leiche verifiziert werden könnte. Auch eine Haarprobe soll es geben. mehr...