Fußball: Babylons Helden - DER SPIEGEL
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Fußball Babylons Helden

In einem von Gewalt zermürbten Land gilt das Nationalteam des Irak als Symbol für eine bessere Zukunft. Die Mannschaften aus Sunniten, Schiiten und Kurden wurde vor zwei Jahren Asienmeister und wird sich beim Confed Cup in Südafrika mit den Großen der Welt messen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Morgens gegen acht beginnt es. Kinder strömen auf die Straßen in Arbil, einer Stadt mit 1,3 Millionen Menschen im Norden des Irak, überall treffen sie sich, in den Vierteln Saidawe und Nischtiman, in Senko und in Newroz. Sie treffen sich zu einem Spiel, das auf Arabisch Kurat al-Kadam heißt und auf Kurdisch Topani, zu einem Spiel, das erst aufhört, wenn kurz nach Sonnenuntergang der Muezzin ruft.

Fußball.

Die Kinder spielen zwischen verdorrten Sträuchern und Nissan-Plakatwänden, sie spielen im Müll, auf Kreuzungen, barfuß, vier gegen vier. Sie schießen auf Tore, markiert von Steinhaufen und leeren Pepsi-Dosen.

Jugendliche spielen Fußball auf Parkplätzen und in Innenhöfen, Männer spielen im Staub vor einer Moschee, ein Team in blauen Hemden, eins in roten, der Platz ist ein Acker, an den Pfosten hängen zerfetzte Netze. Und am Zaun stehen die Greise in gebügelten Hosen und gucken zu.

In der Zitadelle, oberhalb der Stadt, vertreiben sich zwei Soldaten in Tarnanzügen die Zeit mit einem Ball, sie kicken ihn in die Luft, köpfen ihn sich zu. Einer fängt den Ball auf, wischt sich den Schweiß von der Stirn und sagt: "Wenn es etwas gibt, das alle Iraker lieben, dann ist es Fußball. Im Fußball gibt es kein Alt, kein Jung, keine Sunniten, Schiiten oder Christen, keine Araber, Kurden oder Turkmenen. Beim Fußball sind wir alle gleich. Wir sind Iraker. Wir sind Finger derselben Hand." Er lacht, rennt los und passt seinem Kameraden den Ball zu.

Jederzeit können Autobomben detonieren

Es wird Fußball gespielt auf den Basaren, wo die Händler ihre Tomaten preisen, ihre Melonen und Lammrücken. Verkäufer bieten Fotos an von Kaká, Cristiano Ronaldo und Lionel Messi - Heiligenbilder im Irak. Sie haben gefälschte Trikots im Angebot, AC Milan, Arsenal London, Real Madrid, Chelsea. Und daneben hängt das leuchtendgelbe Shirt des Arbil FC.

Arbil FC, so heißt der Meister der vergangenen zwei Jahre im Irak, in einem Land voller Brüche. Schulen öffnen, Hotels werden gebaut, Kaufhäuser hochgezogen, aber jederzeit können Autobomben detonieren, Terrorkommandos können Raketen abfeuern, Attentate, Entführungen und Selbstmordanschläge gehören zum Alltag.

Fußball im Irak, das ist nicht nur der gemeinsame Nenner einer zerrissenen Gesellschaft, Fußball im Irak, das bedeutet auch Fußball im Ausnahmezustand.

Der Stolz der Iraker, von der chronischen Gewalt zermürbt, ist ihre Nationalmannschaft. Weil sie mit ihren Siegen etwas aufbaut, das Saddam zerstört hat und die Amerikaner den Menschen nicht geben: die Vision einer friedlichen Zukunft.

Mitte Juni spielt der Irak beim Confederations Cup, das ist die Generalprobe für die Weltmeisterschaft, das Team trifft auf Gastgeber Südafrika, auf Europameister Spanien und auf Neuseeland. Fünf Spieler des Arbil FC werden dabei sein.

Das Franso-Hariri-Stadion liegt im Norden der Stadt, ein weites Oval, in dem 25.000 Fans Platz finden, es ist die Heimat des Arbil FC. Auf der Geschäftsstelle wartet der Hausmeister auf die Mannschaft, es ist Donnerstag, kurz vor 16 Uhr, gleich beginnt das Training. Das Radio auf dem Tresen knarrt, "Breaking News", die Polizei hat im Süden drei Leichen gefunden, einer der Toten wurde gefoltert. Der Hausmeister schließt die Tür auf, die aus den Katakomben hinausführt aufs Feld.

Der Himmel ist wolkenlos, kein Lüftchen regt sich im Stadion, die Schalensitze sind noch gepudert vom letzten Wüstensturm. In einer Ecke des Platzes sitzen sieben Arbeiter mit breiten Strohhüten und schneiden den Rasen. Mit Küchenmessern und Scheren. Für das ganze Feld brauchen sie vier Tage, dann beginnen sie von vorn. Die Mannschaft betritt den Rasen, 6 Kurden, 13 Araber, davon 6 Sunniten und 7 Schiiten.

Die Spieler joggen, sie dehnen ihre Muskeln, mehr tun sie heute nicht, sie sind erst vor ein paar Stunden aus Jordanien zurückgekommen. Arbil spielt im Asien-Cup, trägt aber die Heimspiele in Amman aus, weil die anderen Mannschaften nicht in den Irak reisen. Gestern haben sie gegen al-Mabarrah aus Beirut gewonnen. Vor 200 Zuschauern.

"Wenn wir in Arbil gespielt hätten, wäre das Stadion ausverkauft gewesen. Wir müssen büßen, weil es in unserem Land Fanatiker gibt, die Chaos anrichten", sagt Luai Salah. Er ist Stürmer, Rückennummer elf, und Kapitän der Nationalmannschaft.

"Fußball schafft, was der Politik nicht gelingt"

Luai Salah wohnt in Naz City, einer bewachten Anlage mit 14 sandgrauen Hochhäusern. Alle arabischen Spieler des Arbil FC besitzen dort ein Apartment, sechs Zimmer, drei Balkone, 225 Quadratmeter. Das ist Luxus in Arbil, auch wenn im Treppenhaus das Licht nicht funktioniert und es im Flur nach Öl riecht.

Salah sitzt steif auf dem Sofa, er trägt Bermudahose und Badelatschen. Die Zehen seines linken Fußes sind leicht verkrüppelt. Seine Frau ist mit den drei Kindern unterwegs, auf dem Glastisch steht ein Laptop, der Fernseher läuft, zu sehen ist das Freitagsgebet aus Kerbala.

Salah ist Schiit, aber auf die Frage, welcher islamischen Konfession er angehöre, antwortet er: "Ich bin irakischer Muslim."

Dann erzählt er, dass Kurden für Samarra spielen, obwohl die Stadt im sunnitischen Dreieck liegt. In Nadschaf, einer heiligen Stadt der Schiiten, habe man Sunniten verpflichtet. Selbst Salahaddin, der Club in Saddams sunnitischer Geburtsstadt Tikrit, hole Schiiten, um sich zu verstärken. "Fußball schafft, was der Politik nicht gelingt - er vereint den Irak", sagt Salah.

"Wann ist eigentlich Anstoß?" - "Keine Ahnung"


Er hat in dieser Saison bis jetzt zehn Tore erzielt, in 18 Partien. Er ist schnell, wenn er dribbelt, klebt der Ball an seinem Fuß, er hat einen harten Schuss, er hatte ihn schon als kleiner Junge.

Luai Salah stammt aus Bagdad, sein Vater starb im Krieg gegen Iran, als Salah drei Jahre alt war. Die Familie bekam im Monat umgerechnet anderthalb Euro Märtyrer-Rente. Salah spülte im Teehaus die Gläser, er arbeitete in einer Tischlerei. Mit zwölf nahmen ihn Freunde mit zum Training des Clubs al-Kuwa al-dschawija, übersetzt ins Deutsche heißt das: Luftwaffe.

Er wurde Stammspieler, bekam anfangs 58 Euro im Monat, mit dem Geld ernährte er seine Familie. Nebenher studierte er Astronomie, seine Mutter wollte das so, er könne schließlich nicht ewig Fußball spielen. Man wählte ihn aus für die Olympiamannschaft, die bei den Spielen 2004 in Athen sensationell Vierter wurde.

"Es war ein Erfolg des Talents und des Willens", sagt Salah. "Wir wollten der Welt beweisen, dass der Irak mehr ist als Mord, Elend und Verderben."

Er war auch beim zweiten Wunder dabei, drei Jahre später, 29. Juli 2007, als der Irak in Indonesien die Asienmeisterschaft gewann. Im Finale gegen Saudi-Arabien köpfte ein Sunnit aus Kirkuk den Eckball eines Kurden aus Mossul zum 1:0 ins Tor.

Nach dem Abpfiff lagen sich überall im Irak die Leute in den Armen, sie tanzten, fuhren mit dem Auto durch die Stadt, hupten und schwenkten die rot-weiß-schwarze Fahne, Gewehrschüsse waren zu hören. Freudenfeuer dieses Mal, Salut für die Löwen aus Mesopotamien.

Salah sagt: "Man hat gesehen, dass Fußball eine Identität stiften kann. Wir waren ein Volk." Wenn auch nur kurz.

Er stellt den Fernseher lauter, es laufen Nachrichten, amerikanische Soldaten haben in Mossul einen zwölfjährigen Jungen erschossen.

Salah schaltet den Apparat aus. "Ich bin jetzt 26 Jahre alt, und ich kenne nichts als Krieg. Erst der Krieg gegen Iran, dann gegen Kuwait, dann kamen die Amerikaner, nun ist unser Land eine Todeszone. Schon ein paarmal sind nur wenige hundert Meter von mir Bomben explodiert. Im Moment bin ich drei Tage in der Woche in Bagdad, um mit den Nationalspielern zu trainieren, die nicht im Ausland leben, jedes Mal habe ich Sorge, dass mir was passiert. Ich habe in Bagdad ein Auto, unter dem Fahrersitz liegt eine Pistole. Ich habe dieses Leben satt."

Er könnte nach Kuwait gehen, nach Zypern oder Katar, so wie es viele machen. Er wäre in Sicherheit, er könnte mehr Geld verdienen. Wieso wechselt er nicht?

"Ich will mein Land nicht im Stich lassen. Ich werde in Arbil gut bezahlt, ich bekomme 45.000 Euro im Jahr, dazu noch 640 Euro pro Monat. Das reicht mir. Vielleicht werden wir eines Tages Frieden haben. Inschallah." So Gott will.

Vor jedem Heimspiel trifft sich das Team zum Mittagessen. An diesem Sonntag geht es gegen Dijala FC, den Letzten der Tabelle. Das Restaurant ist ein einfacher Kebab-Grill mit drei Ventilatoren unter der Decke und Fernseher auf dem Kühlschrank. An den Wänden hängen Mannschaftsfotos des Arbil FC. Der Kellner bringt Hühnersuppe mit Möhren, eingelegte Auberginen, Reis und Rinderspieße.

Der Mannschaftsarzt verschwindet mit einem Spieler in der Küche, er spritzt ihm neben dem Gasherd ein Schmerzmittel in den Oberschenkel.

"Wann ist eigentlich Anstoß?", fragt ein Spieler in die Runde.

"Keine Ahnung."

"Um halb vier."

Anstoß ist um vier. Eine Stunde vorher trudeln die Spieler im Stadion ein, die Kabine ist weiß gekachelt, es stinkt nach Schweiß und Urin. Luai Salah liegt auf der Massagebank, aus den Rissen im Bezug quillt der Schaumstoff, Salah trinkt ein Red Bull. Der Trainer sagt: "Spielt diszipliniert, keine Alleingänge, gebt den Ball ab. Wir wollen den Gegner müde machen." Er kritzelt Pfeile auf die Taktiktafel.

"Ärgert euch nicht über den Schiedsrichter"

Die Tür öffnet sich. Es ist der Präsident, Abdullah Madschid Agha, 42 Jahre alt, Geschäftsführer der Falcon Group, die Geschäfte von Agha sind vielfältig, Transport, Bau, Personenschutz, er ist ein reicher Mann. "Salam", sagt er.

"Salam", antworten die Spieler.

Der Präsident trägt ein enges T-Shirt und eine goldene Uhr. "Ärgert euch nicht über den Schiedsrichter", sagt er mit leiser Stimme. "Beleidigt ihn nicht. Reißt euch zusammen." Anfang April wurden drei Spieler von Hedud auf dem Platz verhaftet, weil sie auf den Unparteiischen losgegangen waren. Zwei Wochen lang blieben sie im Gefängnis.

Die Spieler bilden in der Mitte der Kabine einen Kreis, sie legen in der Mitte ihre Hände übereinander und beten die Fatiha, die erste Sure des Koran: "Im Namen des barmherzigen und gnädigen Gottes ..."

Im Stadion warten 5000 Leute auf den Anpfiff. Sie haben 2000 Dinar Eintritt bezahlt, einen Euro und 25 Cent. Jeder Zuschauer ist von Polizisten durchsucht worden, in jedem Block, an jedem Ausgang und vor jeder Tür stehen Soldaten, die Kalaschnikow vor der Brust.

27 Teams spielen in der ersten Liga, eingeteilt in zwei Gruppen, Norden und Süden. Die beiden Tabellenersten treffen im Finale um die Meisterschaft aufeinander.

"Das Ziel war es, im Spiel keinen Fehler zu machen"


Es gibt Städte im Irak, da ist ein Fußballspiel ein unkalkulierbares Risiko. Mossul FC tritt dieses Jahr nicht an, weil der Club um das Leben seiner Spieler fürchtete. In Hilla wurde im März ein Stürmer per Kopfschuss ermordet. Im Februar erschossen Unbekannte einen Spieler in Kirkuk. In Ramadi stürmten maskierte Männer das Training und richteten zwei Fußballer hin. Ein Verteidiger von al-Kuwa al-dschawija starb, als im Stadion eine Granate einschlug. Einem Angreifer von Sawra wurde während des Trainings in den Hals geschossen, er war sofort tot.

Trotzdem wird weiter Fußball gespielt.

Wenn der Arbil FC nach Bagdad reist, nach Samarra, Ramadi, nach Basra, dann nie ohne Geleitschutz. Zwei Humvees mit jeweils vier Soldaten fahren vorm Mannschaftsbus, zwei Humvees dahinter. Zehn Soldaten bewachen das Hotel und patrouillieren während des Trainings. Beim letzten Meisterschaftsfinale in Bagdad hatte jeder Spieler einen eigenen Bodyguard.

Arbil, nur 100 Kilometer nördlich von Kirkuk gelegen, gilt als sicher. Es ist Halbzeit, Arbil führt 1:0. Die Zuschauer trommeln und singen. Vor der Kabine rollt Sarhang Muhsin, der Torwart, seinen Gebetsteppich aus und neigt sich Richtung Mekka.

Am Ende gewinnt Arbil 2:0. Nach dem Spiel steigt Muhsin in seinen Toyota, Rückspiegel und Sitze sind noch in Plastikfolie verpackt. Männer und Frauen zücken ihre Handys und knipsen durch die Seitenfenster. Sie nennen den Torhüter "Wahsch", das Biest, oder "Oliver Kahn von Kurdistan". Der zweite Name gefällt ihm besser. Sechsmal hütete er das Tor des Nationalteams, zuletzt saß er nur auf der Bank.

Muhsin würde gern mit Gianluigi Buffon reden

Am Abend geht er ins "Las Vegas", einen Billardsalon im Bezirk Mentikawa, wo er aufgewachsen ist. Lichterketten blinken, der Boden ist mit Kunstrasen ausgelegt. Muhsin begrüßt den Wirt, Küsschen rechts, Küsschen links, die Getränke, Cranberry-Saft und Cola, gehen aufs Haus. Muhsin trägt eine schwarze Cargohose und eine breite Sonnenbrille, die von Gucci sein soll. Das schwarze Haar glänzt vom Gel. Er würde sich beim Confederations Cup gern mit Gianluigi Buffon treffen, dem Torwart der Italiener, dem Weltmeister. "Mich interessiert, wie er lebt, wie er trainiert. Ich wäre gern so gut wie er."

Muhsin ist 23, er träumt von einem Job im Ausland, er will endlich ein Leben ohne Hass. Ein Angebot aus Iran hat er abgelehnt, er möchte nach Europa. "Ich habe jemanden, der sucht einen Club für mich."

Vor zwei Jahren sprach ihn ein Fremder in einer Bar an, er sagte: Wenn du raus willst, kann ich dir helfen. Der Mann ist Iraker und mit einer Österreicherin verheiratet, er lebt in Österreich, er sagte, er kenne dort ein paar wichtige Leute.

Muhsin gab ihm eine Kopie seines Passes, er unterschrieb einen Vertrag, bei erfolgreicher Vermittlung gehen zehn Prozent des künftigen Gehalts an den Mann. Er zahlte ihm noch einen Vorschuss, die Summe will er nicht nennen, "das Geld ist gut angelegt". Muhsin weiß wenig über Österreich, eigentlich nur, dass die Clubs dort nicht so gut sind wie in Spanien. "Da muss es doch einen Platz für mich geben."

Wann hat er zuletzt mit dem Mann gesprochen?

"Dieses Jahr noch nicht."

Wie heißt er?

"Ich kenne nur seinen Vornamen."

In welcher Stadt wohnt er? In Wien?

"Ich weiß es nicht."

Im Billardsalon geht die neueste Meldung um: acht Tote bei einem Selbstmordanschlag in Kirkuk. Man merkt, wie es in Mushin arbeitet. "Ich verachte das", sagt er. "In der Nationalmannschaft gehen wir respektvoll miteinander um. Ich bin stolz, in diesem Team zu spielen."

Es gab eine Zeit, da war nicht Stolz die Motivation für einen irakischen Nationalspieler, sondern Furcht. Das Ziel war es, im Spiel keinen Fehler zu machen. Emad Haschim kann sich noch gut daran erinnern.

Er sammelt nach dem Training am späten Nachmittag die Bälle ein, nimmt sich eine Flasche Wasser aus der Kühlbox und setzt sich ins Gras. Emad Haschim ist Assistenztrainer in Arbil, 40 Jahre alt, Schirmmütze, akkurat rasierter Kinnbart.

Saddams Sohn folterte Spieler - für einen ungenauen Pass

Haschim ist eine Legende im Irak, er hat zwölf Jahre in der Nationalmannschaft gespielt, 75 Einsätze zwischen 1987 und 1998, als Torwart. Verantwortlich für das Team war damals Saddams ältester Sohn Udai, er war Vorsitzender des irakischen Fußballverbands, und er gab dem Wort "fußballverrückt" eine neue Bedeutung.

Er folterte Spieler. Für einen ungenauen Pass oder einen verschossenen Elfmeter.

Die grässlichen Geschichten über Udai - Haschim kündigt sie durch ein Lächeln an, es ist ein peinliches Lächeln über die Dummheit einer Diktatur.

"Ich kann mich noch genau an das Datum erinnern, es war der 6. Juni 1997", beginnt er. Der Irak spielte an diesem Tag in der WM-Qualifikation zu Hause gegen Kasachstan, man verlor 1:2. "Wir mussten uns im leeren Stadion auf den Rasen legen, dann kamen Udais Männer und schlugen uns mit Stöcken auf Füße und Rücken. Einigen von uns rasierten sie eine Glatze."

Krieg und Fußball passen nicht zusammen.

Das gesamte Team, 17 Mann, ging für sieben Tage zusammen in eine Zelle. Und jeder Einzelne kam in das berüchtigte Rote Zimmer, das sich im Gebäude des Nationalen Olympischen Komitees befand. "Es war ein winziger Raum, alles war rot, die Wände, der Boden, es brannte eine rote Lampe. Ich hatte fürchterliche Angst." Haschim wusste, dass man andere Spieler an die Decke gehängt und ausgepeitscht hatte.

"Ich habe die Augen geschlossen und gewartet. Nach einer Viertelstunde hat man mich wieder rausgelassen, es ist nichts passiert." Haschim lacht, als könnte er es immer noch nicht glauben.

Udai quälte mit Elektroschocks, er riss Spielern die Haut auf und ließ sie danach in Abwasser baden, ließ sie die Brühe trinken. Haschim hat Udai mit "Ustas", Meister, anreden müssen. Von Udais Tod erfuhr er aus dem Radio. Hat er sich gefreut?

"Es war mir egal", sagt Emad Haschim. "Udai war böse, wenn wir schlecht gespielt haben, und er hat uns belohnt, wenn wir siegten. Ich habe auch von ihm profitiert." Udai hat ihm ein Haus geschenkt, es ist 600 Quadratmeter groß, er verdankt ihm drei Autos und 200.000 Dollar.

Emad Haschim kramt ein Foto seiner Frau aus dem Portemonnaie, er ist Schiit, sie Sunnitin. Er sagt, man möge ihn bitte nicht falsch verstehen, er sei froh, dass Saddam weg ist, der elende Tyrann. "Aber unter ihm war das Land stabil. Jetzt sind wir eine Demokratie, aber es herrscht Bürgerkrieg. Man zermürbt daran. Besuchen Sie Ali Mansur. Fragen Sie ihn."

Ali Mansur bittet herein, seine Tochter läuft durchs Wohnzimmer. Mansur ist 25 Jahre alt, spielt seit Oktober für Arbil. Er kommt aus Saddam City, einem stinkenden Viertel im Nordosten Bagdads, kümmerliche Ziegelbuden, das Ghetto der Schiiten.

Er feierte die US-Truppen als Befreier, doch als sie nach Saddams Ende das Land nicht verließen, begann er, sie zu bekämpfen. "Wir brauchen sie nicht mehr. Sie haben den Terror ausgelöst, sie haben den Krieg der Konfessionen ausgelöst. Unser Leben wäre besser, wenn sie weg wären."

Mansur sagt, er habe keinen amerikanischen Soldaten getötet

Mansur schloss sich der Mahdi-Miliz des Schiiten-Führers Muktada al-Sadr an. Er leitete eine Einheit, mal zehn Mann, mal doppelt so viele, bewaffnet mit Kalaschnikow und Panzerfaust. "Ich war bereit, für den Dschihad zu sterben. Die Jungfrauen haben im Paradies auf mich gewartet. Ich habe auf Amerikaner geschossen." Er sagt, er selbst habe keinen amerikanischen Soldaten getötet.

Im Herbst 2004 nahm die Liga ihren Betrieb wieder auf, nach zwei Jahren Pause. Mansur spielte für al-Kuwa al-dschawija, und als ihm der Verein einen Profivertrag anbot, legte er die Waffen nieder. Er sagt: "Fußball war eine Katharsis für mich."

Ein Jahr später stürmte er für die Nationalmannschaft der Junioren, er spielte in Indien, Thailand und China. Er heiratete und wurde Vater.

Er bekam Drohanrufe: Wenn du zum Training gehst, schnappen wir dich. Einer seiner Mannschaftskollegen wurde von Kidnappern in Militäruniform vor seinem Haus überwältigt und verschleppt, als er ins Auto steigen und zum Stadion fahren wollte. Er ist bis heute verschwunden.

Mansur schlief jede Nacht in einem anderen Zimmer, er fuhr jeden Morgen einen anderen Weg zum Training, er trug immer eine Pistole im Gürtel. "Ich wusste nie", sagt er, "ob ich den Tag überlebe."

"Nach drei Monaten bekam ich Heimweh"

Das Stadion befindet sich in der Nähe einer US-Militärbasis, regelmäßig schlugen Granaten ein, Splitter schnitten Mansur das Bein auf. Bei einem Spiel gegen Sawra brach auf den Rängen eine Schlägerei aus, weil der Schiedsrichter ein Tor nicht gab wegen Abseits, die Polizei erschoss zwei Zuschauer.

Im November 2007 reiste Mansur nach Australien, nach Sydney, es ging um die Qualifikation für die Olympischen Spiele in Peking. Er beschloss abzuhauen, gemeinsam mit zwei anderen Spielern und einem Co-Trainer.

In der Nacht nach dem Spiel brachen sie morgens um fünf in das Zimmer ein, in dem ihre Pässe lagen. Sie gingen zur nächsten Polizeistation und baten um Asyl.

Ihr Antrag wurde angenommen. Sie zogen in ein Apartment in der Nähe der Oper. "Nach drei Monaten bekam ich Heimweh. Ich habe meine Frau vermisst, meine Tochter. Ich habe mich als Verräter gefühlt. Ich hatte Angst, dass man ihnen etwas tut, weil ich weggelaufen bin."

Er nahm über einen Anwalt Kontakt auf zum irakischen Vize-Premierminister. Was passiere, wenn er zurückkehre? Sie antworteten ihm, er habe nichts zu befürchten, aber er dürfe nie mehr für sein Land spielen. Im März vergangenen Jahres kehrte er zurück. Ali Mansur hat noch ein paar Spiele für seinen alten Club gemacht, dann wechselte er nach Arbil.

Es ist dunkel, die Hitze weicht aus der Stadt. Auf den Straßen, den Parkplätzen und in den Innenhöfen wird nicht mehr gekickt. Die Kinder sitzen auf dem Bordstein und spielen Karten mit Sammelbildern von der letzten WM: grünes Trikot auf grüne Hose, Zidane auf Ribéry, Nummer 13 auf Nummer 13. Jugendliche und Männer sitzen in Saftbars und Teestuben, sie blicken zum Fernseher, es läuft ein Fußballspiel, Barcelona gegen Villarreal.

Am nächsten Tag wird im Süden des Landes ein Massengrab entdeckt. 100 Leichen, darunter sind auch Frauen und Kinder.

Krieg und Fußball passen nicht zusammen. Die Nationalmannschaft hatte in den letzten sieben Jahren sechs Trainer, das Niveau der Liga ist schwach. Der Präsident des Fußballverbands ging ins Ausland, er wurde wegen Korruption, Untreue und Bestechung von der Polizei gesucht. Aber es gibt Tage, da spielt diese irakische Mannschaft besser, als sie es eigentlich kann. Dann trotzen die Spieler dem Chaos in ihrem Leben. Auch das ist Fußball. Manchmal geschehen Dinge, die gar nicht möglich sind.

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