Literatur Frauen wie Schmetterlinge
Sylt, Sommer 1952. Der Schweizer Architekt und Schriftsteller Max Frisch macht mit seiner Frau und den drei Kindern Urlaub am Meer. Die rechte Ferienstimmung will nicht aufkommen. Zwischen den Eheleuten kriselt es.
Die neunjährige Tochter Ursula, Ursel gerufen, spürt die Bedrohung und ist ihr zugleich hilflos ausgeliefert. Am Strand starrt der Vater, Anfang 40, lange bewegungslos in die Brandung, stürzt sich dann unvermittelt kopfüber in die tosenden Wellen, verschwindet, taucht wieder auf - und kehrt heil zurück. Die Tochter ist erleichtert und empfindet großes Glück.
Zurück in die Schweiz allerdings fährt die Familie dann ohne den Vater. Er will auf Sylt noch arbeiten, heißt es. Was das Kind damals nur ahnt: Es geht nicht allein um das Schreiben.
Mehr als ein halbes Jahrhundert danach wird sich Max Frischs Tochter an diese Tage erinnern, an die "Spannung zwischen den Eltern", die nie "zur Entladung kam", auch später nicht: "Niemals flogen Tassen, keine Türen knallten; nur immerzu diese stumme, bedrohliche Spannung, die dir die Luft abschnürt."
Ursula Priess, die an diesem Dienstag 66 Jahre alt wird, rekapituliert in ihrem späten Prosadebüt, dem Erinnerungsbuch "Sturz durch alle Spiegel", das in dieser Woche erscheint, die Stationen einer komplizierten, nicht selten verzweifelten Vater-Tochter-Beziehung.
Jetzt, da sie vor die Öffentlichkeit tritt, ist die Autorin nervös, will über sich nicht mehr erzählen, als sie im Buch ohnehin preisgibt. Die studierte Literaturwissenschaftlerin und Mutter von vier Kindern, die als Heilpädagogin gearbeitet hat, möchte ungern auf die Rolle der Tochter des weltberühmten Schriftstellers festgelegt werden. Zugleich weiß sie natürlich, dass dem kaum zu entkommen ist - und macht diese Aporie zu einem wichtigen Thema ihres Buches: wie es das Leben prägt, Max Frisch zum Vater zu haben.
Sie erzählt dann doch, dass sie eigentlich nie vorgehabt habe, sich über ihren Vater öffentlich zu äußern.
Selbst als das Buch schon im Druck war, wollte sie alles wieder abblasen - plötzlich dachte sie: "Mich hat der Übermut gebissen."
Es ist anders gekommen, zum Glück. Nicht nur Frisch-Leser werden von diesem Buch fasziniert sein, in dem eine Tochter dem Glück und Elend einer ganz speziellen Beziehung nachspürt, von den Gefühlen der Vertrautheit und der Befangenheit berichtet, kritisch auch gegen sich selbst - nicht in Form einer straffen Autobiografie, sondern assoziativ, in der Erinnerung hin und her springend, in prägnanten Einzelbildern, die sich zu einem spannungsvollen Mosaik fügen.
Zwei Jahre nach dem Sylt-Urlaub zieht Frisch daheim aus und gibt auch sein Architekturbüro auf: Der Roman "Stiller" (1954) ist erschienen, der Autor will sich endlich ganz dem Schreiben widmen - frei und in jeder Hinsicht ungebunden.
Für die Tochter ein Abschied von der behüteten Kindheit, auch wenn der Alltag so aussah: "In der Mansarde das Klappern der Schreibmaschine - nicht dass ich unten im Garten beim Spielen besonders darauf geachtet hätte, aber das Geklapper bedeutete: er ist da. Und gleichzeitig hieß es, dass er unerreichbar weit weg ist."
Nun zieht er ganz weg und räumt sein Arbeitszimmer auf. Vieles entsorgt er, "Broschüren, Zeitschriften, Papierbündel, auch Fotografien", die Elfjährige schaut ihm dabei zu. Ein Foto, aufgenommen 1951 in den USA, übergibt er ihr mit den Worten: "Behalt es, wirf es nicht weg!"
Zu sehen ist der Autor mit zwei jungen schwarzen Frauen. Und tatsächlich: Solange Max Frisch lebte, verwahrte Tochter Ursula diese Aufnahme, auf der er nach ihrer Ansicht so "amerikanisch" aussah - erst nach seinem Tod übergab sie das Foto 1991 dem Max-Frisch-Archiv in Zürich.
"Der Frisch also, der ist Ihr Vater!?"
Der Vater und die Frauen: Das ist ein anderer roter Faden, der sich durch das Buch zieht. Viele Namen von Schauspielerinnen sind "vorbeigeflattert wie schillernde Schmetterlinge, deren Exotik ich wohl spürte, aber nie begriff" - dann kommt die Dichterin Ingeborg Bachmann ins Spiel.
Für Ursula Priess ist es eine Liebesgeschichte, die "neben allem Glanz und aller Pracht" vor allem von "verzehrender Begierde, Eifersucht und Täuschung" geprägt war, "voller Schrecken und voll grausamer Verletzungen, Abstürzen, Krankheiten und einem schrecklichen Tod".
Anfang der sechziger Jahre hat sie das in Rom lebende Paar gern besucht, sie fühlte sich willkommen und nahm bei der preziösen Poetin, die 1973 durch einen Wohnungsbrand ums Leben kommen sollte, "neben aller Brillanz und Intelligenz" auch die "Hilflosigkeit und ihre Angst vor Verletzung" wahr. "Ich mochte sie, so wie ich alle Frauen meines Vaters gemocht habe, nämlich sehr", schreibt die Tochter.
Mitte der siebziger Jahre kommt eine Nachricht von Frisch aus den USA, als die Tochter gerade schwanger ist. "Ich habe mich noch einmal verliebt, in eine Frau deines Alters", schreibt er ihr. In der autobiografischen Erzählung "Montauk" (1975) wird Ursula Priess - wie viele andere - darüber Näheres erfahren.
Frisch schildert darin seine Beziehung zu einer Amerikanerin und blickt auf sein "Leben als Mann" zurück. Auch die Tochter Ursula kommt vor: als die Älteste, die während eines Gesprächs "ungebleichte Schafswolle verarbeitet" habe.
Ein Vater, der die engsten Angehörigen zu Material für seine Literatur macht: Das ist erschreckend. So - "in eine Figur verpackt, ein Bild ausstaffierend, als Kontrast fungierend" - möchte die Tochter nicht länger behandelt werden.
Sie fühlt sich missbraucht und bricht den Kontakt ab: "Konsequente Verleugnung des Vaters; mit ihm wollte sie definitiv nichts mehr zu tun haben, nie wieder." Es ist eine Funkstille über Jahre, es werden nicht einmal mehr Briefe gewechselt. Aber diese Reaktion ist keine Befreiung, es bleibt das Gefühl, "von Spiegeln umstellt" zu sein. Sie ist und bleibt die Tochter des berühmten Frisch.
Viele Jahre nach dem Tod des Vaters begegnet die Autorin einem Mann, in den sie sich verliebt. Doch noch bevor die beiden sich näherkommen können, steht plötzlich sein Ausruf im Raum: "Der Frisch also, der ist Ihr Vater!?"
Damit beginnt das Erinnerungsbuch der Tochter, die wieder einmal eingeholt worden war von ihrer festgeschriebenen Rolle, auch wenn sie längst nicht mehr Frisch hieß. Wie es ein fast schon unheimlich anmutender Zufall will, hat dieser Mann früher Ingeborg Bachmann gekannt. Wie gut, bleibt offen, aber möglicherweise war er der Konkurrent, auf den sich die Eifersucht des Vaters einst gerichtet hatte.
Die Liebesgeschichte der Tochter findet ein Ende, bevor sie begonnen hat - ausgerechnet in Venedig, dem Schauplatz einer großartigen Eifersuchtsszene im Frisch-Roman "Mein Name sei Gantenbein" (1964). Im Buch der Tochter heißt es: "Sein Blick, der letzte, den er ihr schenkte, verriet, dass es ein nächstes Mal nicht geben würde."
Dieser Blick offenbar war es, der Szenen aus der Kindheit wieder lebendig werden ließ: "Nie schaute er zurück, nie, und immer stand ich fassungslos, dass er sich nicht noch einmal umdreht und zurückschaut zu mir, kein letzter Blick, kein letztes Winken, das er mir schenkt." In seinen Gedanken war der Schriftsteller längst ganz woanders - so hat es die Tochter erlebt.
Und nun wieder ein Verlassenwerden. "Es ist wie ein Sturz durch den Spiegel", hatte Frisch in "Gantenbein" geschrieben, "mehr weiß einer nicht, wenn er wieder erwacht, ein Sturz wie durch alle Spiegel, und nachher, kurz darauf, setzt die Welt sich wieder zusammen, als wäre nichts geschehen. Es ist auch nichts geschehen."
Dass Ursula Priess in ihr Buch offene und versteckte Zitate aus dem Werk des Vaters einwebt, dass sie immer wieder dessen Ton aufnimmt, ist kein Zeichen künstlerischer Schwäche, sondern eine kluge Entscheidung. Die Autorin zeigt damit, dass sie sich des literarischen Resonanzbodens bewusst ist, dem sie nun einmal nicht entkommen kann.
Auch Max Frisch hat in "Montauk" den Boden betreten, den er mit seinen weitgehend autobiografischen Büchern selbst bereitet hat: Anspielungen und Selbstzitate, nur einem mit dem Werk vertrauten Leser erkennbar, durchziehen die Selbstvergewisserung Frischs im Alter von 64.
Ursula Priess greift gezielt auf die formale Eigenart von "Montauk" zurück. Es ist wie eine Rücknahme der Wut, die das Vater-Buch einst in ihr ausgelöst hatte, eine eigenwillige Antwort auf Augenhöhe.
Ergreifend die letzten Begegnungen mit dem Vater, der 1990 von seiner Krebserkrankung erfahren hatte. Seinen Mut und seine Radikalität - "erbarmungslos auch noch angesichts des Todes" - bewundert die Tochter. Dennoch kommt es zu einem Eklat, den sich Ursula Priess auch später nicht verzeihen wird. Bei einem ihrer Besuche will Frisch mit ihr den Text für die Todesanzeige besprechen, sie hört kaum hin und sagt den verhängnisvollen Satz: Ihr sei alles recht, "was du für richtig hältst bezüglich der öffentlichen Figur". Er antwortet verbittert und unerbittlich: "Die 'öffentliche Figur', Ursel, das ist und bleibt dein Problem!"
Nach dem abrupten Abschied notiert sie am 29. November 1990: "Gelähmt wie in einem bösen Traum, aber es gibt kein Erwachen daraus - der Traum ist kein Traum, sondern unumkehrbar wahr. Dass ich nicht sehen kann, was tatsächlich ist - mein auf den Tod kranker Vater bittet mich um Hilfe, und ich schlage sie ihm aus!"
Dabei hatte er ihr schon 1963 aus Rom, aus Anlass ihrer Volljährigkeit, geschrieben: "Vielleicht brauche ich auch Deine Hilfe einmal. Es wird jetzt alles gegenseitiger. Werden wir einander begleiten? Ich hoffe es, Ursel, ich wünsche es; ich bin bereit dafür." Sie hat dieses Angebot damals nicht verstanden, hat den Brief weggelegt.
Aber es gibt doch noch eine kaum mehr erwartete Begegnung, eine Versöhnung am "Endbett", wie der Vater "das Pflegebett mitten im Wohnraum nannte, worin zu sterben er entschlossen war". Er starb im April 1991, wenige Wochen vor seinem 80. Geburtstag.
Mit ihrem Buch "Sturz durch alle Spiegel" hat Ursula Priess der Liebe zu ihrem Vater ein großartiges Denkmal gesetzt, unpathetisch und bewegend.