Legenden: "Immer weiterkämpfen" - DER SPIEGEL
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Legenden "Immer weiterkämpfen"

Hollywood-Star Benicio Del Toro über die Filmbiografie des Revolutionshelden Che Guevara
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL: Mr. Del Toro, Sie sind Hauptdarsteller und treibende Kraft des aufwendigen zweiteiligen Filmepos "Revolución" und "Guerrilla" über das Leben von Che Guevara. Wann haben Sie den Revolutionär für sich als Helden entdeckt?

Del Toro: Ich wuchs mit dem Image von Che als einem Krieger und gefährlichem Guerillero auf.

SPIEGEL: Ist diese Idealisierung noch aktuell? Was an ihm inspiriert Sie bis heute?

Del Toro: Seine Disziplin, sein Wille, sich für die Dinge einzusetzen, die er für richtig hielt. Nicht einmal von seiner Asthmaerkrankung ließ er sich unterkriegen. Vor allem aber hat er den Menschen das Gefühl gegeben, dass es wichtig ist, nach der Wahrheit zu suchen und nicht die Sachen zu glauben, die einem mächtige Regierungen erzählen. Che gab uns den Glauben und die Hoffnung, dass man die Welt verändern kann.

SPIEGEL: Ihr Guevara-Projekt gleicht einem langen Marsch durch die Filmindustrie. Sie haben die Rechte an John Lee Andersons Guevara-Biografie bereits im Jahr 1997 gekauft, aber erst elf Jahre später den Film abliefern können. Warum hat sich Ihr Projekt derart lange hingezogen?

Del Toro: Ich habe mit der Produzentin Laura Bickford damals die Rechte für nur 10 000 Dollar gekauft. Wir zeigten das Buch verschiedenen Drehbuchschreibern, aber niemand war in der Lage, eine Filmidee daraus zu destillieren. Dann kam der Regisseur Steven Soderbergh während der Dreharbeiten am Film "Traffic" und fragte: "Was ist eigentlich mit dem Che-Ding los?" Daraus entwickelte sich zunächst die Idee, nur das letzte Lebensjahr Ches in Bolivien zu zeigen, bevor er vom Militär im Dschungel erschossen wurde.

SPIEGEL: Von den beiden Teilen Ihres Mammutprojekts ist das ja auch der bessere geworden. Da versteht man, warum Soderbergh diesen Film drehen wollte: Er zeigt die Agonie eines alternden Kämpfers, der die Revolution in ein Land tragen will, das ihn vollkommen ignoriert. Warum haben Sie sich nicht auf diese Tragödie konzentriert?

Del Toro: Wenn wir nur Ches letztes Jahr in Bolivien gezeigt hätten, würde jeder Zuschauer denken: Der Typ ist verrückt. Wer soll am Schicksal eines solchen Charakters Anteil nehmen? Um ihn zu verstehen, muss man die Vorgeschichte kennen: die Beziehung zu Castro, die siegreiche Revolution in Kuba, den Auftritt von Guevara 1964 vor der Uno-Versammlung in New York. Diesen Verlauf haben wir zusammengefasst zu einer Art Lexikon.

SPIEGEL: Leider merkt man die Absicht dem ersten Teil an. Er wirkt wie der Eintrag einer Enzyklopädie, in der jemand die wichtigsten Stationen von Guevaras Leben abhakt. Wäre es nicht mutiger gewesen, auf die Faszination zu hoffen, die immer noch von Guevara ausgeht? "Time Magazine" zählt ihn zu den hundert wichtigsten Gestalten des 20. Jahrhunderts.

Del Toro: Die meisten Menschen kennen nur sein Image. Ohne sein gutes Aussehen, sein schönes Gesicht wäre Guevara sicher nicht bis heute so massenhaft auf Postern, T-Shirts und Schlüsselanhängern zu sehen. Aber uns ging es um etwas anderes: Wir wollten den Mann hinter dem T-Shirt zeigen.

SPIEGEL: Ihr Film verzichtet aber fast vollkommen auf Psychologie. Guevara erscheint vor allem als Soldat, man erfährt viel über Guerillastrategie, wenig über das Innenleben der Person.

Del Toro: Wir wollten ihn durch seine Taten darstellen. Denn die sind es vor allem, die ihn bis heute zum Helden für so viele machen, denen Unrecht geschieht. Er hat sich nicht damit abgefunden, dass es massenhaft Menschen gibt, die einfach vergessen werden. Er hat sich für die Vergessenen und Verdammten dieser Erde eingesetzt, wollte ihnen helfen, ihnen eine vernünftige Schulbildung und medizinische Betreuung zukommen lassen. Das sind sehr wichtige Werte, und es sind Werte mit großem Haltbarkeitsdatum. Sie vergehen nicht. Damit steht man immer auf der richtigen Seite. Fast noch wichtiger aber scheint mir seine Haltung zu sein, sich nicht mit den Zuständen im Hier und Jetzt abzufinden: Es gibt immer noch etwas, was man verbessern kann.

"Ich glaube nicht, dass Guevara es liebte herumzuballern"

SPIEGEL: Die Brutalität, die Guevara auch eigen war, kommt in Ihrem Heldenepos nur am Rand vor. Warum haben Sie die Tatsache, dass er für die Exekution von Regimegegnern verantwortlich war, sie jedenfalls vollstrecken ließ, einfach unerwähnt gelassen?

Del Toro: Diese Leute waren rechtmäßig verurteilt. Guevara war für die Todesstrafe, und wir zeigen an anderer Stelle, wie er zwei seiner Soldaten exekutieren lässt. In unserem Film trägt Guevara die ganze Zeit eine Waffe. Er ist ein Krieger. Unsere Kinokultur hat dafür gesorgt, dass wir heute kaum noch in der Lage sind, die wahre Bestimmung einer Waffe zu verstehen. Wir denken, das Ding macht nur ein Geräusch, und dann geht alles so weiter wie vorher. Eine Waffe ist dazu da, Menschen zu töten. Guevara ist ein Mann des Krieges, aber er ist kein Terrorist. Ich an seiner Stelle hätte einige Leute in Bolivien exekutieren lassen. Er nahm Soldaten der Gegenseite gefangen, sprach mit ihnen und ließ sie laufen. Er hatte keine Jeeps, keine Helikopter, keine Jets. Und was war der Dank dieser Soldaten, denen er das Leben gerettet hatte? Sie rannten zu ihrem Kommandanten und verrieten, wo sich die Guerilleros aufhielten. Wegen solcher Begnadigungen verlor Che eigene Kämpfer. Trotzdem blieb er bei seiner Einstellung: In Bolivien hat er nicht einen einzigen Menschen hinrichten lassen. Die Brutalität Guevaras kannte Grenzen. Er war nicht König Leopold im Kongo.

SPIEGEL: Offensichtlich war Guevara von der siegreichen Revolution in Kuba auch desillusioniert. Er suchte einen Neubeginn. Warum entschied er sich ausgerechnet für Bolivien, ein Land, wo ihn die Bauernbevölkerung fortwährend verriet, als Ausgangspunkt für eine Mission Impossible?

Del Toro: Er glaubte, dass er in Bolivien eine Art Vietnam für Lateinamerika schaffen könnte. Die Ausbeutung der Menschen durch andere Menschen beenden mit einer Handvoll Menschen, seinen Kämpfern. Einer seiner Lieblingsfilme hieß "Die sieben Samurai", eine nahezu klassische Idee - sieben Männer tun sich zusammen, um die Welt zu verändern. Auf diese Art hatten Castro und er Kuba erobert. Natürlich gibt es bis heute Spekulationen, ob Guevara in Bolivien einfach von Castro ins Verderben geschickt wurde, weil der ihn loswerden wollte. Aber für diese These haben wir keine Belege gefunden. Guevara war nicht der Typ, der sich einfach wegschicken lässt - nach dem Motto: Yes, Sir, mach ich, Sir. Er hinterfragte die Dinge.

SPIEGEL: In privaten Angelegenheiten anscheinend nicht. In Ihrem Film verlässt Guevara seine Frau und seine fünf Kinder ohne viel Aufhebens - gerade so, als ginge er zum Angeln und nicht in einen Kampfeinsatz, dessen Ausgang und Dauer völlig offen ist.

Del Toro: Sein Glaube an die Revolution war eben stärker. Aber vielleicht ist das eine seiner Schwächen: Er entschied und handelte schnell. Hätte er länger über seine Mission nachgedacht, wäre er vielleicht darauf gekommen, dass er mit der Zeit an Einfluss gewinnen würde. 1972 wäre er sicher mächtiger gewesen - die USA verloren gerade den Vietnam-Krieg, Allende war in Chile an die Macht gekommen. Aber solche Überlegungen sind jetzt müßig. Che wollte nach Bolivien, er glaubte tatsächlich, dass er dort Erfolg haben würde und danach zu seiner Familie zurückkehren könnte.

SPIEGEL: In Ihrem Film scheinen die Guerilleros seine wahre Familie zu sein. In diesem Umfeld wirkt er getrieben und entspannt zugleich - ein Mann, der seinen Platz gefunden hat. Zog Guevara den Krieg dem Frieden zu Hause vor?

Del Toro: Ich glaube nicht, dass Guevara es liebte herumzuballern. Er sagte: Wenn wir die Dinge durch Wahlen ändern können, dann bin ich der Erste, der dafür stimmt. Jetzt haben wir Evo Morales in Bolivien, Hugo Chávez in Venezuela, Barack Obama in den USA, demokratisch gewählte Staatsoberhäupter. Che lebte in den Sechzigern. Die Dinge waren anders damals.

SPIEGEL: In Ihrem Film zerstört Guevara sehr früh eventuelle Illusionen seiner Soldaten über die wahre Natur des revolutionären Kampfes: Ihr werdet menschliche Wracks sein, ehe ihr in den Kampf zieht, sagt er. War Guevara so charismatisch und beliebt bei seinen Männern, dass er ihnen derart bittere Wahrheiten zumuten konnte?

Del Toro: Es war die Überzeugung, die Verhältnisse ändern zu müssen, die Che und seine Männer antrieb. Das war kein Spaß. Wir haben einige der damaligen Kämpfer getroffen. Die Energie, die sie bis heute ausstrahlen, ist erstaunlich. Diese Männer sind in der Lage, die ganze Nacht Geschichten zu erzählen und trotzdem um sechs Uhr früh dazustehen und in einen langen Tag zu starten.

SPIEGEL: Sie zeigen, wie Guevaras Mission in Bolivien schnell danebengeht. Die Bauern wollen sich nicht befreien lassen, sie helfen den Regierungstruppen und der CIA. Machte seine Entschlossenheit Che Guevara nicht auch blind für die Wirklichkeit?

Del Toro: Wäre ihm die Flucht vor den Verfolgern gelungen - wer weiß, was passiert wäre. Andererseits war er natürlich zum Teil tatsächlich blind für die Realität. Aber genau diese Entschlossenheit hatte ihm in Kuba zum Erfolg verholfen. Diese Erfahrung hatte sich in sein Gehirn eingebrannt: Weiter, weiter, immer weiter, nur so kommt man zum Sieg.

SPIEGEL: Auf der berühmten Fotografie des toten Guevara sieht es so aus, als würde er lächeln. Wie erklären Sie sich diesen Gesichtsausdruck?

Del Toro: Keine Ahnung, ob er wirklich lächelt. Man erkennt jedenfalls nicht die Spur eines Schmerzes. Aber mit seinem berühmten Willen hatte das ganz sicher nichts mehr zu tun.

SPIEGEL: In diesem Jahr ist die kubanische Revolution 50 Jahre alt. Castro ist alt und krank. Sind demokratische Wahlen nicht seit langem überfällig?

Del Toro: Amerika treibt Handel mit China und Vietnam. Die USA sollten zuerst das Embargo gegen Kuba abschaffen. Mal sehen, was dann passiert.

INTERVIEW: THOMAS HÜETLIN