SPIEGEL-Gespräch: "Durch eine schwere Zeit gegangen" - DER SPIEGEL
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SPIEGEL-Gespräch "Durch eine schwere Zeit gegangen"

Die Schriftstellerin Monika Maron über ihr neues Buch "Bitterfelder Bogen", die Wiederbegegnung mit dem Schauplatz ihres Debütromans "Flugasche", die Veränderungen seit der Wende und die Missstimmung der Ostdeutschen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL: Frau Maron, in Ihrem neuen Buch "Bitterfelder Bogen" zeigen Sie sich begeistert von der Solarindustrie und vom Mut Einzelner, die in wenigen Jahren das heutige Weltunternehmen Q-Cells aufgebaut haben. Glauben Sie fest an die Zukunft der Sonnenenergie?

Maron: Nachdem ich mich damit näher beschäftigt habe, ja. Vor allem in Regionen, die bisher nicht an Energienetze angeschlossen sind, aber viel Sonne haben, wird die Solartechnik ganz neue Möglichkeiten eröffnen.

SPIEGEL: Die neuesten Nachrichten über die Firma Q-Cells klingen allerdings nicht besonders gut. Hat die Realität der Wirtschaftskrise Ihr Buch überholt, noch bevor es Ende Juni erscheint?

Maron: Im Augenblick klingen ja die meisten Wirtschaftsmeldungen nicht gut. Q-Cells hat Absatzprobleme, weil den Abnehmern das Geld fehlt, und ist wie viele zur Kurzarbeit übergegangen.

SPIEGEL: Eigentlich sind Sie dafür bekannt, nicht unbedingt zu politisch korrekten Ansichten zu neigen. Sie sind eine überzeugte Raucherin und haben nicht viel Verständnis für militante Nichtraucher. Sie mögen die Windkraft nicht. Fehlt eigentlich nur noch ein Plädoyer für die Atomkraft. Wie passt Ihre Begeisterung für Solarenergie dazu?

Maron: Die Solartechnik und -industrie zerstört nicht die Landschaft wie diese schrecklichen Windräder oder riesigen Biogasanlagen, für die von weither und mit viel Energieaufwand der Mais und der Raps angefahren wird, um die vergeudete Energie so wieder einzusparen. Zuerst habe ich mich vor allem für die Geschichte von Q-Cells und seinen Gründern begeistert, die in Kreuzberg aufgebrochen sind und in Bitterfeld eine Fabrik mit 40 Arbeitsplätzen bauen wollten. Heute beschäftigt die Firma weltweit rund 2800 Leute.

SPIEGEL: Wie sind Sie mit den Gründern überhaupt in Kontakt gekommen?

Maron: Ich kenne den Architekten, der die Solarfabriken in Bitterfeld zum größten Teil gebaut hat. Er dachte wohl, ich müsse mich dafür interessieren, weil ich 1981 den Roman "Flugasche" veröffentlicht habe. Zuerst wollte ich mich gar nicht interessieren. Ich dachte, das war damals, das ist vorbei. Er erzählte aber immer neue Geschichten, bis ich eines Tages mein Desinteresse aufgab.

SPIEGEL: Hatten Sie manchmal Angst, fachliche Fehler zu machen?

Maron: Natürlich, immerzu. Ich habe mir die Anlage genau erklären lassen, alles aufgeschrieben und gedacht, ich hätte wenigstens die Hälfte verstanden. Zu Hause merkte ich, dass ich eigentlich nichts verstanden hatte. Dann bin ich wieder hingefahren und habe gesagt: "Ihr müsst mir das Ganze noch mal erklären. Und ich muss die richtigen Verben wissen. Wird es geätzt, wird es gebrannt, wird es aufgetragen?"

SPIEGEL: Mit Bitterfeld verbindet Sie eine lange Geschichte. Wie fing das an?

Maron: Für mich fing es 1974 mit meiner ersten Reportage an. Damals war ich bei der "Wochenpost", und diese Wochenzeitung war für DDR-Verhältnisse ein relativ aufgeklärtes Blatt. Also bin ich im Auftrag der Redaktion nach Bitterfeld gefahren, war entsetzt und erschüttert über die Arbeitsbedingungen, die vergiftete Luft, den chemievernebelten Himmel.

"Bitterfeld ist immer noch keine schöne Stadt"

SPIEGEL: Und in Ihrem literarischen Debüt ging es 1981 ebenfalls um diese Themen: "Flugasche" spielt auch in Bitterfeld und wurde nicht nur als kritisches Buch über die DDR, sondern allgemein als Roman über die Zerstörung der Umwelt gelesen.

Maron: Ich wollte eigentlich keinen Roman über die Umweltzerstörung schreiben, sondern vor allem erzählen, was passiert, wenn jemand, in diesem Fall eine Journalistin, das tut, was sie für richtig hält: die Wahrheit zu schreiben.

SPIEGEL: Gab es für Sie Probleme mit der Zensur?

Maron: Ja, sicher, und auch Probleme mit der Selbstzensur.

SPIEGEL: Hatten Sie Rückendeckung durch Ihren Stiefvater, den früheren DDR-Innenminister Karl Maron?

Maron: Nein. Ich war eine gute Reporterin und hatte eine ungewöhnliche Chefin, die mehr ermöglichte, als üblich war.

SPIEGEL: Eine Ihrer Bitterfeld-Reportagen aus dem Jahr 1974 endete mit der optimistischen Erwartung, es werde der DDR dereinst gelingen, "auch aus einer Chemiestadt eine saubere Stadt zu machen".

Maron: Na ja, das war so. Je härter der Text war, umso optimistischer musste der Schluss sein. Das wussten auch die Leser.

SPIEGEL: Die Pointe der Geschichte ist, dass es später tatsächlich so kam, wie Sie vorausgesagt haben. Nur ohne die DDR. Für Ihre Reportage "Bitterfelder Bogen" sind Sie nun mehr als 30 Jahre nach Ihrem ersten Besuch wieder hingefahren. Was war das für ein Gefühl?

Maron: Seltsam, der Ort war mir ja vertraut, weil ich damals nicht nur einmal dort gewesen bin.

SPIEGEL: Ist es unfair, wenn Bitterfeld bis heute ein schlechtes Image hat?

Maron: Bitterfeld ist immer noch keine schöne Stadt, aber das Unfreundliche und Schwarze ist weg. An manchen Ecken finden sich natürlich noch die zerbröselnden Ruinen.

SPIEGEL: Günter Grass hielt 1991 in Bitterfeld eine Rede, in der er den Bitterfeldern erzählen wollte, was bei der Wiedervereinigung alles schiefgelaufen sei. Sie erwähnen das in Ihrem Buch. Was hat Sie daran am meisten empört?

Maron: Dass er sich offenbar nie gefragt hat, was denn im ersten Jahr der Einheit eigentlich anderes hätte geschehen können, als die fortgesetzte Vergiftung von Bitterfeld und seinen Bewohnern zu beenden.

SPIEGEL: Stimmten die Bitterfelder zu?

Maron: Das weiß ich nicht. Aber sie sagen heute: "Uns hat der Kohl gerettet." Ich habe viele Leute dort gefragt, ob sie die Rede von Grass kennen. Keiner kannte sie. Ich weiß nicht, vor wem er sie eigentlich gehalten hat. Ich bin auch erst durch meine Recherche auf diese Bitterfelder Rede gestoßen. Ganz abgesehen davon, dass er nicht recht hat, ist es ja auch herzlos.

SPIEGEL: Wieso das?

Maron: Es ist herzlos, sich vor Leute hinzustellen, die aus all ihren Gewissheiten gerissen sind und nicht wissen, ob das irgendwie wieder ins Lot kommt, und denen zu sagen: Ihr seid verraten und verkauft und seid daran auch noch selbst schuld. Statt zu sagen: Gut, jetzt sitzt ihr im Dreck, aber wenn ihr es versucht, kommt ihr vielleicht wieder raus. Stattdessen hat Grass geklagt, dass niemand auf ihn gehört und eine Konföderation gegründet hat.

SPIEGEL: Ihr neues Buch klingt jedenfalls optimistisch.

Maron: Es war schön, von denen zu erzählen, die mit dem Zusammenbruch der DDR ihre Chance gefunden haben. Die Unglücksgeschichten kennt jeder, die Erfolgsgeschichten der Ostdeutschen kennt man kaum: die Geschichten der Firmengründer oder der Bürgermeister, die gerade noch Ingenieure waren und nie gelernt hatten, wie man mit neuen Gesetzen unter völlig anderen Bedingungen eine Stadt oder Gemeinde regiert.

SPIEGEL: Woran liegt das? Sind wirklich nur die Medien schuld, wie Sie an einer Stelle schreiben?

In unserem Land leben Eltern, die ihre Kinder hungern lassen.

Maron: Die Medien haben ihren Anteil daran. Sie mögen die Tristesse, nicht nur, was die DDR betrifft. Denken Sie nur an die dramatischen Berichte über Deutschlands hungernde Kinder. Wenn Kinder hungern und ohne Frühstück in die Schule gehen, dann nicht, weil sie in einem Land leben, in dem die Menschen so arm sind, dass ihre Kinder hungern müssen. Das ist der Satz, der gesagt werden müsste: In unserem Land leben Eltern, die ihre Kinder hungern lassen.

SPIEGEL: Es gibt das Bild vom Ossi, der nichts auf die Reihe bekommt. Wie ist das entstanden?

Maron: Daran waren viele beteiligt. Die Parteien, die im Kampf gegen die jeweils andere die Unsicherheit und Unzufriedenheit nicht nur benutzten, sondern auch schürten, obwohl sie alle wussten, dass der Wiederaufbau des Ostens nicht schnell zu bewältigen war. Die Gewerkschaften, die Angst hatten, dass der Osten ihnen die Löhne drückt.

SPIEGEL: Die Unzufriedenheit wurde also herbeigeredet?

Maron: Wenn man jemandem ständig einredet "Ihr seid Menschen zweiter Klasse, weil ihr weniger Geld bekommt", dann fühlt er sich irgendwann auch so.

SPIEGEL: Darum diese Demokratieverdrossenheit im Osten, die sich in den Umfragen niederschlägt?

Maron: Man hat sich das offenbar alles vollkommener vorgestellt. Und es fehlt die Erfahrung, dass Demokratie nicht geht, ohne dass jeder mitmacht. Nur so entsteht sie ja, durch Teilnahme. Und wenn ich das nicht tue, kann ich mich andauernd beschweren, dass der schon wieder mit dem mauschelt und der wieder mit dem. Und wenn ich nicht einschreite und mich nicht beschwere und nicht etwas gründe, dann bleibt das eben so. Aber wahrscheinlich haben sie irgendwie gehofft, man setzt sich da rein und lebt dann in einer Demokratie.

SPIEGEL: Fehlte nur die Erfahrung oder auch die Energie?

Maron: Man darf auch nicht außer Acht lassen, dass jeder erst mal um seine Existenz kämpfen oder zur Arbeit in den Westen fahren musste. Die Leute sind scharenweise und jahrelang gependelt. Mir wurde erzählt, dass an jedem Sonntagabend eine endlose Autoschlange von Bitterfeld in Richtung Bayern kroch.

SPIEGEL: Ist das heute anders?

Maron: In Bitterfeld lag die Arbeitslosigkeit vor der Wirtschaftskrise zuletzt bei rund 15 Prozent. Gemessen am Niveau, auf dem man 1990 startete, ist das grandios.

SPIEGEL: Aber ganz angekommen sind manche Ostdeutsche noch nicht.

Maron: Wenn viele auf die Frage, ob sie sich als Bundesbürger fühlen, mit Nein antworten oder sich sogar zu ihrer DDR-Identität bekennen, neige ich nach meinen Bitterfelder Erfahrungen dazu, das positiver zu bewerten, als es klingt. Das gilt ja nicht unbedingt der untergegangenen DDR, sondern auch den letzten 20 Jahren, in denen die Ostdeutschen sehr andere Erfahrungen gemacht haben als die Westdeutschen.

SPIEGEL: Inwiefern?

Maron: Viele von ihnen sind durch eine schwere Zeit gegangen und haben sie bestanden. Sie fühlen sich krisenerprobter als die Westdeutschen, denen sie sich gerade jetzt, in der Krise, zuweilen sogar überlegen fühlen. Nokia, Opel, Arcandor - das haben sie alle zigmal hinter sich. Vielleicht ist ja das Bekenntnis zur Ost-Identität sogar ein Akt der Selbstbehauptung und eines etwas trotzigen Selbstbewusstseins.

SPIEGEL: In diesem Jahr jährt sich der Mauerfall zum 20. Mal. Und plötzlich kommen einige Politiker und fragen, ob die DDR wirklich ein Unrechtsstaat war. Glauben Sie, dass viele Menschen, die in Ostdeutschland gelebt haben, ähnliche Gedanken hegen?

Maron: Wer in diesem Staat nicht viel wollte, wer nicht bestimmte Bücher lesen oder gar schreiben wollte, wer nicht ständig seine Meinung sagen wollte - und zwar öffentlich, nicht einfach nur meckern, das konnte man immer und überall, da passierte einem gar nichts -, der hat ja gar nicht so schlecht gelebt, der wurde nicht behelligt. Wer sich in dem eingerichtet hat, was war, der kann heute mit Recht sagen: "So schlecht war es ja gar nicht", weil er, abgesehen vom Reisen und von Konsumträumen, von 15 Jahren Wartezeit auf ein armseliges Auto, von schlechten Straßen, verfallenen Städten, gar nicht an die Grenzen seiner Wünsche gestoßen ist. Wer unter Unfreiheit nicht leidet, weil er sich nach Freiheit nicht sehnt, der konnte sich irgendwie einrichten.

SPIEGEL: Und warum fällt es denen so schwer, sich auch unter den neuen Bedingungen einzurichten oder doch wenigstens zurechtzufinden?

Maron: Plötzlich mussten die Menschen eine Ungleichheit ertragen, die es so vorher nicht gab. Sie haben nicht gelernt, damit zu leben. Man konnte alles, auch eine scheiternde Ehe, auf den Staat schieben. Du hast keine größere Wohnung bekommen, und darum ist die Ehe kaputtgegangen. Du bist ein begnadeter Dichter, aber niemand druckt dich. Plötzlich ist dieser Staat weg, du bekommst eine größere Wohnung, aber die Ehe funktioniert immer noch nicht. Mit den Gedichten wird es auch nichts. Du musst plötzlich die Verantwortung für dein Scheitern übernehmen, du kannst niemandem mehr die Schuld geben. Und dann siehst du, der Nachbar schafft es, du aber nicht, das kann ja nicht gerecht zugehen.

SPIEGEL: Wird diese Form der Frustration je zu überwinden sein?

Maron: Wenn eine neue Generation herangewachsen ist. Das ist doch im Westen nach dem Zweiten Weltkrieg auch so gewesen. Ich glaube, dass diejenigen, die jetzt zwanzig sind, irgendwann auch dem Einfluss der anderen Generation entwachsen und ihre eigenen Erfolge und Misserfolge haben. Nun hat es die junge Generation ein bisschen schwerer als in den Siebzigern, als man noch alles werden konnte, als die Wirtschaftswelt noch im Lot war oder es wenigstens so schien. Aber sie werden sich nicht dauerhaft unterscheiden von ihren westdeutschen Altersgenossen.

SPIEGEL: Aber diese jungen Leute bleiben doch zumeist gleich im Westen und ziehen nicht in ihre Gegend zurück?

Maron: Das weiß ich gar nicht. Wenn sie Arbeit kriegen, kehren viele auch wieder zurück, weil sie da ihre Familien und Freunde haben. Die Gegend um Bitterfeld ist inzwischen ganz schön, der Große Goitzschesee, die Dübener Heide, der Wörlitzer Park sind nicht weit, Halle und Leipzig nah.

SPIEGEL: Von der Reportage sind Sie einst zum Roman gekommen, nun, nach vielen Romanen, kommt wieder eine Reportage. Eine Rückwende?

Maron: Das heißt ja nicht, dass ich nun immer Reportagen schreibe.

SPIEGEL: Dann wäre als Nächstes wieder ein Roman dran?

Maron: Jetzt kommt erst mal der Film zum Thema. Als derzeitiger Mainzer Stadtschreiber muss ich einen Film machen, und den mache ich über Bitterfeld. Das ZDF ist an diesem Preis beteiligt. Im Sommer drehen wir, im Oktober soll ich schneiden. Demnächst schreibe ich das Treatment. Ich habe von nichts eine Ahnung. Ich mache wirklich nur noch Sachen, von denen ich keine Ahnung habe. Ich finde das ganz interessant.

SPIEGEL: Frau Maron, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.