Automobile Noble Nussschale
Dass die Vortriebskraft moderner Sportwagen in einem Missverhältnis zur sinnvoll nutzbaren Transportleistung steht, wird innerorts besonders deutlich. Mit 1001 Bugatti-PS in sieben Minuten Berlin zu durchmessen und dabei knapp 50 Liter Superbenzin zu verfeuern ist weder statthaft noch praktikabel.
Den bislang plausibelsten Versuch, exotischen Automobilbau mit moderner Urbanität zu versöhnen, unternimmt derzeit Aston Martin. Der englische Sportwagenproduzent - Traditionslieferant des Filmagenten James Bond und bekannt für Autos, die bei Bedarf auch über 300 schaffen - enthüllt Anfang dieser Woche den Prototyp eines Stadtmobils.
Das Modell Cygnet (englisch für "junger Schwan") könnte bei entsprechender Kundenresonanz im kommenden Frühjahr verfügbar sein. Es ist drei Meter kurz und nur etwa halb so schnell wie die großen Exemplare der Marke. Und das, meint Firmenchef Ulrich Bez, sei "mehr als genug für den Zweck".
Cygnet ist ein Toyota iQ, technisch unverändert, nur in Design und Ausstattung auf Aston Martin umgetrimmt - und zwar bedingungslos, so weit der Kundenwunsch reicht. Alle Extras aus dem Einrichtungskatalog des Hauses, von Edelholzintarsien bis Sattelleder, sind für den Kleinwagen verfügbar. An seiner Schnauze über dem firmentypisch klaffenden Kühlergrill prangt das geflügelte Aston-Martin-Zeichen.
Exklusives Stadtauto
Zu Preisen, die etwa im Bereich eines gutausgestatteten Mercedes der C-Klasse liegen dürften, soll der Astolino ausschließlich Kunden angeboten werden, die bereits einen ausgewachsenen Aston Martin besitzen. Die noble Nussschale trägt somit eine Botschaft von obszöner Raffinesse an die Königsalleen dieser Welt: Wer den hier hat, hat auch das dicke Ding.
Bez betritt mit dem Cygnet Neuland des Automarketings. Das Projekt lief geheim wie eine Bombenentwicklung und genoss sehr früh die Fürsprache des neuen Toyota-Chefs Akio Toyoda. Der jüngste Familienspross, der es an die Spitze des größten Autokonzerns der Welt schaffte, brachte bereits wiederholt und öffentlich seine Bewunderung für Ulrich Bez zum Ausdruck - wofür es, ganz objektiv gesehen, auch gute Gründe gibt. Der Cannstatter Luftfahrtingenieur landete nach einer kunterbunten Managerkarriere (mal Porsche-Chefentwickler, mal Technologiesöldner in Südkorea, mal Windkraftpionier) vor neun Jahren bei dem englischen Kleinserienhersteller, der im Ford-Besitz darbte.
Unter dem Begriff "Premier Automotive Group" verwaltete der amerikanische Konzern damals ein morbides Königreich verwitterter Luxusmarken. Ex-BMW-Manager Wolfgang Reitzle regierte darin wie ein entrückter Märchenmonarch, erörterte in Fachpublikationen etwa das empfindliche Wechselspiel von Luxus und Wohlstand, während die Arbeit liegenblieb.
Bez, der Radikal-Sanierer
Bez übernahm Aston Martin wie eine Schlossruine. Die Jahresproduktion lag bei 750 armselig zusammengebastelten Autos; sie hatten Rückleuchten von Mazda und unbedienbare Klimaanlagen aus dem Hochmittelalter der Jaguar-Misere. Fröhlich schwäbelnd ging der Ingenieur ans Werk und ortete in den Trümmern einen Rest an Lebenskraft: "Der Schpirit - i glaub, der isch no da."
Aston Martin, inzwischen mehrheitlich im Besitz kuwaitischer Investoren, erlebte eine Radikalsanierung. Der Absatz hat sich binnen acht Jahren fast verzehnfacht. Die Produkte, basierend auf modernen Aluminiumkonstruktionen, zählen inzwischen qualitativ und technisch zur Weltspitze.
Bez wird im November 66 Jahre alt und genießt in Gaydon, dem mittelenglischen Firmensitz, längst Heldenstatus. Er steuert Aston Martin von einem kleinen, fast fensterlosen Büro aus. Das Stadtauto-Projekt könnte seine letzte strategische Entscheidung für Aston Martin sein. Die Freigabe zur Produktion wird er erst erteilen, wenn im Vertrieb ausreichend Bestellungen eingehen.
Für Aston Martin macht der Kleinstwagen Sinn
Es gibt durchaus praktische Überlegungen, die für das Konzept sprechen: Der Flottenverbrauch wird erheblich sinken; doch als Kleinserienhersteller habe Aston Martin hier ohnehin keine schlimmen Sanktionen zu befürchten: "Das", sagt Bez, "ist nicht der Treiber." Er will dieses Projekt nicht an kleinen Rechenmodellen festmachen.
Mit dem Cygnet, sagt er, könne der Aston-Martin-Fahrer ein "großes Statement" abgeben. Dieses Auto sei "der Schlüssel zu einem Hybrid-Verkehrskonzept, einer intelligenten Nutzung des richtigen Autos zum entsprechenden Zweck".
Im Toyota iQ sieht Bez dafür die ideale Basis. Der Kleinwagen dürfte in absehbarer Zeit als Elektroauto verfügbar sein, was auch für Aston Martin eine weit sinnvollere Option sei als die oft gefeierten Strom-Sportwagen nach dem Vorbild des Tesla Roadster.
Der Reiz dieses Fahrzeugtyps besteht darin, dass er schnell und reisetauglich ist. Doch selbst der enorm batteriebewehrte Tesla stößt hier rasch an Grenzen. Bei Fahrten mit voller Kraft reicht eine Stromfüllung bestenfalls für 50 Kilometer. "So einen Sportwagen", sagt Bez, "den schmeiß ich doch weg."