Erotik: Sex and the Altersheim - DER SPIEGEL
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Erotik Sex and the Altersheim

Gloria Vanderbilt, 85, Erbin und vornehme New Yorkerin, hat einen Sadomaso-Roman verfasst. Schöne Frauen spielen mit, ein Architekt, Karotten und ein Einhorn.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wild waren schon die Mama und der Papa. Ein bisschen zu wild für das Baby, die kleine Gloria. Verantwortungslos wild. Fing es damit an?

Reginald Vanderbilt, Trinker, Eisenbahnmagnat, Frauenfänger, Pferdezüchter und Spieler, lebte sich zu Tode, da war Gloria 17 Monate alt. Sie erbte viele Millionen Dollar, es war 1925, doch nun begann der Streit der Erwachsenen, die das Kind wollten, um des Kindes Geld verwalten zu dürfen. Glorias Mutter, Witwe, nahm die Kleine mit an die Côte d'Azur, wo sie Champagner für sich, einen deutschen Prinzen und französische Bürgerliche kaufte, angeblich beiderlei Geschlechts. Die Haushälterin erzählte vor Gericht von lesbischer Liebe, eine Tante erstritt das Sorgerecht, und so wurde Little Gloria ihrer Mutter entrissen. Sex schockierte Amerika, Amerika wollte jedes Detail wissen. Prüde Zeiten.

Lange her? Heute ist Lady Vanderbilt, 85, eine alte Dame, sie ist Teil eines feinen New York, das rechts und links des Central Park unter sich bleibt. Frau Vanderbilt hat in all den Jahrzehnten Jeans entworfen und verkauft, sie hat Söhne geboren und Ehen geschlossen und beendet, Letzteres viermal. Zum Freundeskreis zählte Truman Capote, viele Liebhaber waren da außerdem, unbekannte und andere; die anderen hießen Frank Sinatra, Howard Hughes, Gene Kelly und Marlon Brando. Und nun hat die berühmte Gloria Vanderbilt einen Sadomaso-Roman verfasst, "Obsession", 144 Seiten*.

Wer das Buch liest, ist in zwei Stunden fertig, da die Abstände weit und die Buchstaben groß sind, vielleicht ja für die Leser und Leserinnen in Amerikas Altersheimen, vielleicht aber auch, damit Jüngeren jene einhändige Lektüre leichter fällt, die die "New York Post" empfiehlt.

Ein Promi-Porno also? Ein Tabubruch? Oder wenigstens Literatur?

Das Buch zieren drei Masken, zwei finden sich gleich auf dem Cover. Es geht in dieser Geschichte um einen Club in Brooklyn namens "Janus", und es geht um die zwei Gesichter der Frau: Geliebte oder Gattin, Hure oder Heilige, sexwütig oder frigide, das nicht so ganz neue Klischee. Priscilla Bingham, treue, lustlose, zufriedene Ehefrau des Architekten Talbot Bingham, denkt nach dessen Tod an eine glückliche Ehe zurück, bis sie die Briefe findet, Briefe von ihr: "Bee", der Biene, dieser "Königin", die so gern Honig saugt, so schreibt's tatsächlich Ms. Vanderbilt.

Und diese Bee hat im Janus-Club verkehrt, mit Maske und Kimono und nichts drunter, parfümiert und rasiert und allzeit bereit. Man weiß im Janus-Club Perlenketten und Fesseln und Gemüse und Peitschen sinnstiftend zu nutzen, es gibt auch ein Einhorn, aber das schaut nur zu. Und dort hat der Architekt Talbot die Bienenkönigin zu seiner Queen erwählt und ihr dann ein Haus in Kalifornien gebaut, wo die zwei sich liebten ohne Scheu und Schuld, wo sie sich alles sagten und taten, was ihnen einfiel. Bee ist ein Waisenkind, ähnlich wie ihre Erfinderin, und die Erfinderin sagt, Bee sei wie sie, das ganze Buch das Produkt lebenslanger Recherche.

Die dritte Maske ist auf dem Klappentext zu finden, sie ist das Gesicht von Frau Vanderbilt.

Nach Vollbringung des Werks gab die Autorin nur eine Audienz. Die "New York Times" wurde vorgelassen und meldete, die alte Dame sehe 25 Jahre jünger aus, so "hoch" die Wangen, was in New York als Code für Botox und die einschlägigen Operationen gilt. Frau Vanderbilt sagte aber, dass sie ständig liebe; sie gehe auch viel spazieren und achte auf ihre Diät. Und ihr Sohn, der niemals lächelnde CNN-Moderator Anderson Cooper, sagte: "Die sechs überraschendsten Worte, die eine Mutter zu ihrem Sohn sagen kann, sind: ,Schätzchen, ich schreibe einen erotischen Roman.'" Ein Kuschelartikel. Die "New York Times" lobte das Buch tüchtig, das war dann nicht mehr erstaunlich.

Es ist ja auch nicht ganz schlimm, "Obsession" hat richtige Perspektivwechsel und eine richtige Struktur, wie ein richtiges Buch. Die Ehefrau macht sich natürlich auf den Weg in den Janus-Club, und auf der letzten Seite werden zwei Frauen eine, so hatte der Roman ja angefangen: "Wenn jemals zwei Menschen einer wären ..."

Es ist aber doch ziemlich schlimm. Dieser künftige Bestseller erinnert an Dominique Aury alias Pauline Réage, deren "Geschichte der O" vor 55 Jahren von "wohltätigen Ketten" schwärmte und die weibliche Unterwerfung pries. Er erinnert auch an Catherine Millet, Chefredakteurin einer Pariser Kunstzeitschrift, die vor acht Jahren in "Das sexuelle Leben der Catherine M." mikroskopisch genau und mit trockenstem Witz davon berichtete, dass "sie fickt, wie sie atmet", gern auf einem Tisch unter grellem Licht, mit nichts als schwarzen Stiefeln bekleidet, die Männer in ihr, über ihr und auch noch drum herum.

Doch nun, bei Gloria Vanderbilt: nichts bislang Ungesagtes, kein Humor und keine Sprache, nur "cocks" und "pussies" und zwar zu viele. Es sind exhibitionistische Zeiten, neu ist ja, dass eine Omi wie Frau Vanderbilt nun zu den Millionen zählt, die sich wünschen, dass wir alle zusehen, wenn sie kopulieren. Überall filmen sie sich und zählen danach die Aufrufe bei "Youporn".

Bei Büchern wie diesem geht es darum, wer sie schreibt, worum sonst. Natürlich wird das Ganze nun ein New Yorker Skandal. "Obsession" ist Ablenkung in grauer Zeit, Thema bei der "Tony"-Verleihung oder den Heimspielen der Yankees: "Did you read it? Oh my God!" Die Blogger diskutieren, Lesungen lehnt der Verlag ab, und Anderson Cooper sagt viele Male, er wolle lieber nichts sagen, doch er liebe seine wilde Mama.