Doping: Blutspuren - DER SPIEGEL
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Doping Blutspuren

Im Fall Claudia Pechstein steht entweder die Glaubwürdigkeit des Anti-Doping-Kampfes auf dem Spiel - oder die berufliche Existenz von Deutschlands erfolgreichster Wintersportlerin. Die Läuferin selbst sagt, sie leide an einer Blutkrankheit. Das allerdings wäre eine medizinische Sensation.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Sie wird durch ein schwarzes Eisentor fahren, vor das Château de Béthusy, es ist Haus Nummer zwei an der Avenue de Beaumont in Lausanne, am rechten Flügel des Tores hängt ein goldfarbenes Schild mit der Aufschrift "Court of Arbitration for Sport". Das Schloss aus dem 18. Jahrhundert, monumentale Treppe, eckige Türme, ist der Sitz des Internationalen Sportgerichtshofs, des CAS.

Die Bundespolizistin Claudia Pechstein, 37 Jahre alt, Eisschnellläuferin aus Berlin, fünf Goldmedaillen bei Olympischen Spielen, dazu noch zweimal Silber und zweimal Bronze, Fahnenträgerin bei der Abschlussfeier in Turin, Mehrkampf-Weltmeisterin, Einzelstrecken-Weltmeisterin, 26 Weltcup-Siege, Deutschlands erfolgreichste Wintersportlerin, Claudia Pechstein also wird in der "Salle d'audience" Platz nehmen. Sie wird sich in diesem Saal äußern müssen zu den Indizien, die sie so schwer belasten.

Stehlampen in den Ecken spenden indirektes Licht, Stuck an der Decke, Teppich auf dem Boden, vor den Fenstern hängen geraffte Gardinen, Claudia Pechstein wird an einem braunen Tisch sitzen, vor sich ein Mikrofon und eine schwarze Schreibunterlage, ihr gegenüber zwei Sportrichter und der Leiter der Versammlung. Anwälte werden sich zu Wort melden, Sachverständige Erklärungen abgeben. Einen Tag wird die Verhandlung im Herbst dauern, maximal zwei Tage. Und danach wird feststehen, ob die Sportlerin Claudia Pechstein noch eine Zukunft hat.

Oder ob ihre Karriere mit einer dreisten Lüge zu Ende geht.

Die Internationale Eislauf-Union wirft Claudia Pechstein vor, bei der Mehrkampf-WM im Februar gedopt gewesen zu sein, die Disziplinarkommission des Verbandes hat sie gesperrt, bis zum 9. Februar 2011, "wegen des Gebrauchs der verbotenen Methode des Blutdopings". Claudia Pechstein bestreitet, jemals betrogen zu haben, sagt, sie habe sich nie etwas zuschulden kommen lassen, sie sei das Opfer einer "öffentlichen Hinrichtung".

Welche Version stimmt?

Der CAS muss in letzter Instanz klären, ob die Sperre gerechtfertigt ist. Und egal wie das Urteil auch lauten wird, fest steht bereits jetzt, es wird eine wegweisende Niederlage geben. Es steht nämlich nicht nur Pechsteins Existenz auf dem Spiel in Lausanne, auf dem Spiel steht auch die Zukunft des Kampfes gegen Doping. Claudia Pechstein kann alles verlieren, ihre Sponsorenverträge, ihre Ehre, ihren Beamtenstatus. Oder aber das Anti-Doping-System verliert seine Glaubwürdigkeit.

Der Fall Claudia Pechstein ist ein Präzedenzfall, es gibt keine Beweise gegen sie, aber es gibt verdächtige Hinweise, sie ist nicht positiv auf Doping getestet worden, aber ihr Blutbild weist Merkmale auf, die wohl Schlüsse zulassen auf eine Manipulation.

Noch nie hat ein Weltverband einen Sportler aufgrund eines indirekten Nachweises, anhand von medizinischen Indizien, für zwei Jahre aus dem Verkehr gezogen. Genau das ist es aber, was sich die Dopingjäger immer gewünscht haben, eine scharfe Waffe. Die Entscheidung des CAS ist von historischer Bedeutung.

Es geht im Fall Pechstein um Retikulozyten, um Hämatokrit und Hämoglobin, um Normwerte und Schwankungen. Der Nachweis von Blutdoping ist eine komplizierte Sache. Einer der führenden Experten ist Bengt Saltin, 73 Jahre alt, ein hagerer Schwede mit graublonden Resthaaren und ruhiger, fast sanfter Stimme. Der Professor für Physiologie ist ein Pionier im Anti-Doping-Kampf.

Saltin leitet das Muskelforschungszentrum an der Universität in Kopenhagen. In Sektion 7652 des Rigshospitalet, im vierten Stock eines düsteren Flachbaus, sieht man austrainierte, junge Menschen, die auf Rad-Ergometern strampeln, eine Atemmaske auf dem Gesicht, Kabel an den Armen, der Brust und dem Rücken. Mediziner drücken auf Stoppuhren, nehmen den Fahrern Blut ab aus dem Ohr. Sie suchen Antworten auf die Frage, was der Mensch körperlich zu leisten vermag. Ohne verbotene Mittel. Und mit ihnen.

"Wenn wir den Kampf gegen Doping gewinnen wollen, brauchen wir den indirekten Nachweis", sagt Saltin. "Das heißt: Wir müssen nicht belegen, womit ein Sportler gedopt hat, sondern dass er gedopt hat. Alles andere macht wenig Sinn. Die Vergangenheit zeigt das."

Was ist passiert? Warum ist der indirekte Nachweis so wichtig?

Die Wunderdroge von Ausdauerathleten, von Hindernisläufern, Radfahrern und Eisschnellläufern, ist künstliches Erythropoietin, kurz Epo. Das Präparat, hergestellt von der amerikanischen Firma Amgen, kam Ende der achtziger Jahre auf den Markt. Epo ist ein Hormon, das die Produktion roter Blutkörperchen anregt, ihre Konzentration im Blut steigt, das heißt, der Wert des Hämatokrit wächst. Den größten Anteil an einem roten Blutkörperchen hat das Hämoglobin, das ist sein Farbstoff, er kann Sauerstoff binden. Epo, das bedeutet mehr Hämatokrit, mehr Hämoglobin, bedeutet mehr Sauerstoff, mehr Ausdauer.

Wenn man mit Epo dopt, dann ist es so, als flösse in den Adern Superbenzin statt Normal.

Am 1. Oktober 2000, dem letzten Tag der Olympischen Spiele in Sydney, wurde Bengt Saltin Mitglied der Welt-Anti-Doping-Agentur. In Australien gab es zum ersten Mal einen Test auf Doping mit Epo, die Sportler mussten Blut abgeben für die A-Probe und Urin für die B-Probe. 313 Kontrollen führten die Fahnder durch, keine war positiv. Trotzdem waren die Spiele nicht sauber, "auf keinen Fall", sagt Saltin.

Der Blut-Test lieferte nur Anhaltspunkte für Doping, und der Urin-Test war zu schlecht. Schon drei, vier Tage nach der letzten Epo-Dosis war es unmöglich, im Urin noch Spuren davon zu finden. Und wenn die B-Probe negativ ist, gibt es keinen Dopingfall.

Die Athleten waren in Sydney den Fahndern schon einen Schritt voraus, sie benutzten längst Mittel, die denselben Effekt hatten wie Epo, aber noch nicht nachgewiesen werden konnten. Die Dopingjäger, sagt Saltin, standen von Anfang an "auf verlorenem Posten".

Das hat sich im Grunde bis heute nicht geändert, die Fahnder sind bei Blutdoping nahezu machtlos. Zwar wurde der Urin-Test schrittweise verbessert, aber vor zwei Jahren bewies einer von Saltins Mitarbeitern, wie löchrig das Kontrollsystem nach wie vor ist.

Der Wissenschaftler spritzte acht Sportstudenten Epo, erst jeden zweiten Tag, das ist die sogenannte Boosting-Phase, danach nur noch einmal in der Woche. Diese Methode entspricht der gängigen Dopingpraxis. Nach jeder Injektion nahm der Mediziner Urinproben, die er zur Analyse an ein Labor der Welt-Anti-Doping-Agentur schickte. Das Ergebnis war eine Bankrotterklärung.

Die Kontrolleure konnten Epo nur in allen acht Proben nachweisen, wenn sie aus der Boosting-Phase stammten. Im Urin, den die Studenten 14 Tage nach der letzten Spritze abgaben, fanden sie nichts, obwohl das Epo noch wirkte: Die maximale Sauerstoffaufnahme war um 14,3 Prozent erhöht.

Und wer ganz sicher gehen will, nicht erwischt zu werden, der benutzt einfach eines der zahlreichen Epo-Produkte, über deren Aufbau die Dopingjäger so gut wie nichts wissen und die sie nicht direkt nachweisen können.

Mit Eigenblut und Epo den Körper veredeln

Epo ist das eine Problem, Doping mit eigenem Blut das andere. Bei dieser Methode lässt sich ein Sportler einen halben Liter Blut abzapfen, es wird zentrifugiert, dabei werden die roten Blutkörperchen vom Blutplasma getrennt. Das Plasma kommt in den Ausguss, die roten Blutkörperchen werden tiefgefroren, mit Trockeneis bis minus 78 Grad, später wieder aufgetaut und einen Tag vor dem Wettkampf gespritzt. Es funktioniert wie bei einer Blutspende, nur dass da dem Patienten das Blut unbehandelt verabreicht wird.

"Ein durchtrainierter Ruderer hat rund dreieinhalb Liter rote Blutkörperchen; wenn er sich zusätzlich einen halben Liter davon injiziert, steigert er seine Ausdauerfähigkeit um zehn Prozent", sagt Saltin. "Die Wirkung hält eine Woche bis zehn Tage." Es gibt keinen Test, der Doping mit Eigenblut beweist.

Der spanische Arzt Eufemiano Fuentes hat auf diese Weise zahlreiche Radsportler behandelt, darunter Jörg Jaksche. In seiner Wohnung in Madrid fand die Polizei außerdem neun Beutel mit insgesamt 4,5 Liter Blut, die durch einen DNA-Abgleich Jan Ullrich zugeordnet wurden. Während der Tour de France 2006 ist Patrik Sinkewitz nach Freiburg gereist, um sich an der Uniklinik Eigenblut geben zu lassen.

Bei der Tour im vergangenen Jahr hatte der Österreicher Bernhard Kohl "zwei Liter Blut zur Verfügung, das war in Halbliter-Rationen gesplittet". Drei Rationen hat der Profi vom Team Gerolsteiner benutzt, sein Manager hat das Blut in Österreich aufgetaut, er flog damit nach Frankreich und hat es "zwischen Interviews und Massage zurückgeführt". Man hat das Bernhard Kohl nie nachgewiesen. Er hat es erzählt, nachdem man ihn des Dopings mit dem Epo-Präparat Cera überführt hatte.

Eigenblut und Epo, das sind die Mittel, mit denen Ausdauersportler ihren Körper veredeln, man kann davon ausgehen, dass die meisten Doper beides nutzen, so wie Kohl. Doch der bisherige Zwang des Beweises macht es unmöglich, den Kampf gegen das Blutdoping zu gewinnen.

Saltin sagt: "Was wir unbedingt brauchen, sind umfangreiche Datenbänke auf nationaler Ebene. Die Sportverbände müssen bestimmte Blutwerte ihrer Athleten erfassen: Hämoglobin, Epo, Wachstumshormon. Dann hätten wir ein detailliertes Blutprofil, mit dem spätere Testergebnisse verglichen werden können." Es ist ein Plädoyer für den indirekten Nachweis, er war überfällig.

Ein betrunkener Autofahrer muss seinen Führerschein abgeben, weil er zu viel Alkohol im Blut hat, niemand muss belegen, ob er Wein oder Bier getrunken hat. Warum sollte dieses Prinzip nicht auch für Doper gelten?

Der Radsport-Weltverband UCI hat Anfang vergangenen Jahres den Blutpass eingeführt, 840 Fahrer haben einen, acht Werte werden gemessen, jedes Jahr 10.000 Blutproben analysiert, die Ergebnisse in einer Datenbank erfasst. Das kostet 4,7 Millionen Euro. Der Schweizer Pierre-Edouard Sottas hat mitgeholfen, den Blutpass zu entwickeln, er sagt, der indirekte Dopingtest "ist 30-mal effizienter als alle bisherigen, direkten Nachweisverfahren".

Die Dopingfahnder halten sich an einen Grundsatz, der in der Rechtsmedizin schon lange gilt, Forensiker haben die Idee der absoluten Sicherheit längst aufgegeben, sie arbeiten mit Wahrscheinlichkeiten.

Vor vier Wochen gab die UCI bekannt, dass es auffällige Werte gibt bei fünf Radfahrern, sperrte vorerst keinen, eröffnete bloß Verfahren und reichte die Angelegenheit an die jeweiligen nationalen Verbände weiter. Die UCI war anscheinend zu feige, den Präzedenzfall zu riskieren.

Die Internationale Eislauf-Union, die ISU, ist im Fall Claudia Pechstein mutiger. Seit 1999 registriert sie die Blutparameter ihrer Athleten, von 1650 Eisschnellläufern wurden bisher rund 11 000 Blutproben ausgewertet.

Seit dem 4. Februar 2000 nahmen die Kontrolleure von Claudia Pechstein 95 Blutproben, bei Wettkämpfen und im Training. Auffällig ist der Wert der Retikulozyten, sie sind eine Vorstufe der roten Blutkörperchen. In 14 Fällen lag der Wert über der zulässigen Grenze von 2,4 Prozent. Die Konzentration der Retikulozyten im Blut sinkt, wenn man eine Blutkonserve gibt, und sie steigt, wenn man mit einem Epo-Präparat dopt.

Bei der Weltmeisterschaft in Hamar betrug der Retikulozyten-Anteil bei Claudia Pechstein am 6. Februar 3,49 Prozent, einen Tag später 3,54 und 3,38 Prozent. Elf Tage danach war ihr Wert deutlich niedriger, 1,37 Prozent, das ist normal.

Obwohl es keinen positiven Dopingtest gibt, kann das für die Eislauf-Union nur einen Grund haben: Blutdoping.

Die Werte von Hämatokrit und Hämoglobin waren in Pechsteins Proben unauffällig, diese Werte aber lassen sich leicht manipulieren, etwa mit einem Plasmavolumen-Expander oder viel Flüssigkeit. Bei Retikulozyten funktioniert das nicht. Im ZDF, im "Sportstudio", sagte Pechstein: "Ich wusste nicht, dass die Retikulozyten eine Rolle spielen, damit muss ich mich erst beschäftigen."

Sie weist alle Vorwürfe von sich, sie hat seit Freitag vorvergangener Woche, als ihre Sperre publik wurde, keine Gelegenheit ausgelassen, ihre Unschuld zu betonen. Sie macht das so hartnäckig wie Jan Ullrich, der noch immer behauptet, nie betrogen zu haben. Ullrich sagt, was Pechstein vorgeworfen werde, "ist eine Sauerei". Auch die frühere Sprint-Weltmeisterin Katrin Krabbe, die 1992 wegen Doping gesperrt wurde, hält zu Pechstein: "Die Tatsache, dass sie so offensiv mit dem Thema umgeht, spricht für sie." Alle drei sind Kinder des DDR-Sportsystems, in dem der Staat seine Athleten nicht nur förderte, sondern auch mit Dopingmitteln versorgte.

Claudia Pechstein sagt, ihre eigenartigen Blutwerte müssten eine natürliche Ursache haben. Bei der Anhörung vor der Disziplinarkommission der ISU sagte sie, eine Grippe könne die Ursache sein. Oder irgendeine andere Infektion. Oder Stress. Oder Nasenspray. Oder dass sie Vitamin B 12 geschluckt habe. Oder Vitamin C. Eisen. Zink.

Pechstein wirkt ratlos, hilflos. Sie sucht nach einer Krankheit, die ihre Werte erklärt, sie lässt ihr Blut an der Universität Ulm untersuchen. Vielleicht hat sie Leukämie, vielleicht eine genetische Anomalie?

Alles möglich, aber alles sehr unwahrscheinlich. Pierre-Edouard Sottas, der Analytiker vom Anti-Doping-Labor in Lausanne, hat in 10.000 Blutprofilen nur acht Sportler mit einer Blutkrankheit gefunden, und "nur eine davon hatte ein ähnliches Blutprofil wie die Beklagte". Macht eine Wahrscheinlichkeit von 0,01 Prozent. Der Nürnberger Pharmakologe Fritz Sörgel meint, man solle sicherheitshalber die statistische Basis erhöhen, er fügt aber auch hinzu, es sei "schwer, einen medizinischen Grund für die isolierte Erhöhung der Retikulozyten-Werte zu finden".

Es wäre eine ganz spezielle Krankheit, Claudia Pechstein hätte sie seit mindestens neun Jahren, 14-mal müssen die Symptome besonders ausgeprägt gewesen sein, ohne dass Claudia Pechstein deswegen körperlich geschwächt gewesen wäre. Und 10-mal erreichte die Krankheit einen Höhepunkt ausgerechnet bei einem Weltcup oder einer Weltmeisterschaft.

Was für ein Zufall.

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