Automobile: Lila Sause - DER SPIEGEL
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Automobile Lila Sause

Nissans Luxusmarke Infiniti kommt nach Deutschland. Sie soll sich dem Kunden als bunte Erlebniswelt präsentieren. Die Produkte sind eher Graubrot.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Regeln der Rechtschreibung folgen, wie vieles auf Erden, dem Prinzip beständigen Wandels. Wie sollten sie demjenigen verbindlich erscheinen, der sich der Unendlichkeit verschreibt?

Der japanische Autohersteller Nissan, inzwischen mit Renault vereint, unterhält seit nunmehr 20 Jahren eine Luxuswagenmarke namens Infiniti. Die korrekte englische Schreibweise mit Ypsilon am Schluss hatte zuvor schon ein Hi-Fi-Produzent als Warenzeichen schützen lassen. So kam denn Nissans Noblesse mit orthografischer Unwucht zur Welt.

Seither eiert Infiniti verdrossen im Schatten der Toyota-Edelmarke Lexus einher, die etwa zur gleichen Zeit in den USA startete, inzwischen aber weltweit präsent ist, und es im vergangenen Jahr mit 430.000 Autos auf nahezu den dreifachen Absatz brachte. Infiniti-Fahrzeuge waren dagegen lange Zeit fast nur in Nordamerika erhältlich. Abendländischen Kultursnobs zufolge blieb der Schreibfehler deshalb auch weitgehend unentdeckt.

Doch seit einigen Jahren breitet sich die Marke aus: Diverse arabische Länder, Russland, die Ukraine, Korea und China sind bereits Infiniti-Märkte. Nun kommt Westeuropa an die Reihe, in diesem Herbst auch Deutschland. Zu Preisen ab 40.000 Euro sollen eine Limousine, ein Coupé und zwei Geländewagen Infiniti als "einzigartige Marke" erkennen lassen, versichert Konzernchef Carlos Ghosn.

Motto des Firmenauftritts ist das japanische Wort adeyaka. Es sei mit keinem deutschen Begriff zufriedenstellend übersetzbar, erklärt der für Europa zuständige Marketingleiter Andreas Sigl, und drücke eine Art farbenprächtige Fortschrittlichkeit aus. Zur Präsentation der Fahrzeuge in Südfrankreich wurde ein provenzalisches Klosterhotel in violettes Scheinwerferlicht getaucht, die "Akzentfarbe" der Marke.

Wie die elitäre Strahlkraft der lila Sause mit Substanz unterfüttert werden soll, bleibt indes rätselhaft. Das überschaubare Modellprogramm bietet kaum technische Glanzlichter. Die Autos erscheinen solide verarbeitet, die Preise liegen durchweg deutlich niedriger als die vergleichbar ausgestatteten europäischen Modelle.

Reicht das?

Lexus trumpfte einst ebenso mit günstigen Preisen auf, überflügelte dann die etablierte Konkurrenz auch technisch und profilierte sich mit Hybridantrieben als Sparmeister. Trotzdem blieb Toyotas Luxusdivision in Europa bis heute eine Randerscheinung.

Die Antriebstechnik, mit der Infiniti nun vorstellig wird, ist jedoch noch nicht einmal Mittelmaß. Es gibt lediglich Benzinmotoren mit sechs oder acht Zylindern, keine Start-Stopp-Automatik und keine Direkteinspritzung. Die Normverbrauchswerte der Modelle liegen zwischen 10 und 13 Litern pro 100 Kilometer, also gut doppelt so hoch wie der geforderte Richtwert der EU-Kommission. Dieses Produktangebot passt zu Europa wie ein Kampftrinker in die Heilsarmee.

Erklärungsbedürftig erscheint auch, was Konzernchef Ghosn als "wunderschönes, warmes Design" bezeichnet. Starke Signalwirkung verspricht sich das Management zur Europapremiere von dem neuentwickelten Topmodell FX, einem wulstigen Hochbeiner mit coupéähnlichem Kuppeldach. So oder ähnlich, erklärt Marketingdirektor Bastien Schupp, stelle er sich einen Maserati-Geländewagen vor.

Maserati?

Sicher gab es schon bedauerliche Verirrungen in der Geschichte der italienischen Traumwagenmarke, aber so dicke kam es dann doch noch nie. Schon was das Interieur betrifft, verbietet sich jeglicher Vergleich: Das wellige Armaturenbrett des Infiniti FX vermittelt eher die ästhetische Finesse einer tragbaren Stereoanlage aus chinesischer Massenproduktion.

Doch der Zauber der Marke, versichert Vizepräsident Jim Wright, nähre sich nicht nur aus Blech und Plastik. Als ganzheitliche Erlebniswelt werde Infiniti "Kunden mit Erfahrungen binden, die auf ihr Leben und ihren Lifestyle und nicht nur auf ihre Fahrzeuge zugeschnitten sind".

Von sechs Vertriebszentren in Deutschland, die "mehr einem Luxushotel als einem klassischen Autohaus" gleichen sollen, soll eine beispiellose Dienstleistungsoffensive ausgehen. Die Räume des Händlers, "Vertriebsboutique" genannt, betritt der Kunde nur noch zum Kauf des Fahrzeugs. Zu nötigen Wartungen und Reparaturen überführt Infiniti das Auto.

Das machen inzwischen zwar auch andere Autohändler in der Hochpreis-Liga. Infiniti jedoch will einen Schritt weiter gehen und den Kunden etwa auch dann pannendienstlich beglücken, wenn der, sei es als Fahrer oder Passagier, mit einem Fremdfahrzeug liegenbleibt.

Sollte die dergestalt von Lebensart und -hilfe umzingelte Klientel am Rande nach banalen Dingen wie Spartechniken fragen, verspricht Infiniti immerhin baldige Besserung. Ein Dieselmotor und ein Hybridantrieb würden in den kommenden Jahren folgen, versichert Jürgen Schmitz, Regionaldirektor für Zentraleuropa: "Es darf nicht der Eindruck entstehen, wir seien auf einem Auge blind."