Global Village Freies Geleit
Von dort, wo Salvatore wohnt, sieht man die Gasse weit hinunter bis zur Mole. Da liegt ein Kreuzfahrtschiff. Von hier oben nur ein grellweißer Fleck am Ende einer Gasse, wo die Schuster vor ihren Verschlägen sitzen, unter ständig geflaggter Wäsche, Satellitenschüsseln, Stromleitungen und den Leuchtkästen der Heiligenaltäre. Salvatore Pappagallo wohnt hier, im Spanischen Viertel der Altstadt von Neapel. Wenn er nicht im Gefängnis wohnt.
"Du bist wie eine Kuh", sagt Pappagallo. "Lebenslang gebrandmarkt. Auch wenn du wieder draußen bist. Du findest keine Arbeit. Aber die Kinder wollen essen. Es heißt, wir sind Delinquenten. Aber wenn ich böse wäre, würde ich nicht so rumlaufen ..." Er zupft an der kanariengelben Signalweste, die er seit einigen Wochen trägt. "Reisebegleiter" steht da geschrieben, in zwei Sprachen, und eine Free-call-Nummer: 800-034497.
Salvatore Pappagallo hat früher, im Camorra-Viertel Scampia, dem größten Drogenmarkt Europas, täglich einige tausend Dosen Heroin und Kokain verkauft. Er war das. Einer von denen, über die Roberto Saviano seinen Bestseller "Gomorrha" geschrieben hat. "Ich war das. Aber seit drei Jahren bin ich sauber. Mein Kapo hat mir Glück gewünscht", sagt Salvatore Pappagallo, 33-jährig, zehn Jahre Gefängnis in den Knochen und einer der 426 Strafentlassenen, die sich in Neapel derzeit um die Touristen kümmern.
Aber anders als früher.
Es ist ein Pilotprojekt, zunächst auf ein halbes Jahr angelegt. Für 500 Euro im Monat lotsen amnestierte Strafgefangene in gelben Westen die Besucher über Zebrastreifen, verteilen Stadtpläne oder führen sie in Zonen, in die man lieber nicht gehen sollte. In die Stiegen und Winkel des Spanischen Viertels etwa, eines von Mopeds durchknatterten Labyrinths, wo kein Taschendieb erwischt werden kann. Jede Gruppe hat einen Wachmann in der Nähe, den sie per Handy alarmieren kann.
Jeder führt nur durch das Viertel, in dem er aufgewachsen ist. Das kennt er, dort wird ein Salvatore Pappagallo auch respektiert, wenn er eine gelbe Weste mit einer Free-call-Nummer trägt.
Salvatore Pappagallo zeigt die Gasse hinunter zu dem Kreuzfahrtschiff: "Da steht jetzt Bruno." Bruno ist das Erste, was die Kreuzfahrtler von Bella Napoli sehen, wenn sie die Mole betreten. Ein untersetzter, zum Fürchten tätowierter Muskelmann in gelber Signalweste, der ihnen einen Zettel in die Hand drückt und sagt, dass sie die Perlenkette lieber an Bord lassen und die Rolex auch. Eine echte Rolex kann Bruno auf ziemliche Entfernung erkennen. Und weil Bruno kein Englisch spricht und wenige Touristen seinen neapolitanischen Akzent verstehen, gibt es eben dieses Flugblatt.
"Wir sollen einen Kurs in Englisch machen", sagt Pappagallo. "Es wäre gut, etwas zu lernen."
Dann sieht er, eine Ecke entfernt, zwei Männer. Es sind Vater und Sohn Gabilondo aus Santiago de Chile, Architekt und Philosophiestudent, behängt mit Kamerataschen. Sie haben einen Hotelstadtplan dabei, aber nicht die geringste Ahnung, wo sie sich wirklich befinden: in der Gasse Salita Trinità degli Spagnoli, einem der gefährlicheren Flecken der Altstadt. Salvatore folgt ihnen erst aus der Entfernung, dann versucht er sich vorzustellen, mit ein paar Wörtern. Und gibt ihnen freies Geleit zurück auf die Einkaufsstraße Via Roma.
In Italien ist gerade ein umstrittenes Sicherheitsgesetz beschlossen worden. Es erlaubt sogenannte Bürger-Runden, Patrouillen von Freiwilligen, um die Städte sicherer zu machen. Alle in gelben Westen und ohne Waffen. In Neapel soll es anders gemacht werden.
Keine Jagd auf Fremde und Verdächtige. Sondern Schutz der Fremden durch Verdächtige. Es ist eine Idee des kampanischen Bildungsreferenten Corrado Gabriele gewesen. Ein mutiger Mann, der dafür viel politischen Druck aushalten muss. "In Rom erklärte ein Minister, wir würden Mörder und Camorristen auf die Touristen loslassen", sagt Antonio Di Rosario, einer der Betreuer des Projekts. "Das ist Unsinn. Hier arbeitet nur, wer unter das Amnestiegesetz gefallen ist. Keine Mafiosi oder Gewaltverbrecher. Das sind uomini liberi."
Freie Menschen. Nur mit einem Brandzeichen versehen wie eine Kuh, weil sie im Gefängnis gesessen haben. Wegen eines Gesetzes aus der Mussolini-Zeit dürfen sie ihr Leben lang keine sicherheitsrelevante Arbeit machen, noch nicht einmal Hausmeisterdienste.
Antonio Di Rosario ist Kriminologe im Ruhestand. Ein großer und kräftiger Mann. Eigentlich. Bis ihm ein Camorra-Boss vor Jahren eine Warnung zukommen ließ. Jetzt ist Di Rosarios linker Arm nur noch ein Stummel, und seine Kniescheiben sind aus Stahl.
Er hat jetzt wieder Drohungen bekommen. Er solle sich um seinen eigenen Kram kümmern, die Finger von diesen gelben Jacken lassen. Antonio Di Rosario sagt, dieses Projekt sei etwas, wofür sich ein bisschen Risiko lohne. "Wenn der Tod kommt, soll er mich lebend vorfinden."
Im weißen Mittagslicht liegen die Kreuzfahrtschiffe mit den vielen Decks an der Mole. Touristen kommen die Straße zur Piazza Municipio hoch, Sonnencremeschlieren im Nacken und bestückt mit Reiseführern und Wasserflaschen. An der Straßenecke sehen sie ein paar zwielichtig aussehende Gestalten in gelben Westen und einen Mann mit verstümmeltem Arm. Und irgendein merkwürdiger Dicker wollte ihnen gerade auf der Mole ein Flugblatt in die Hand drücken.