Leichtathletik: Laufen in der Matrix - DER SPIEGEL
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Leichtathletik Laufen in der Matrix

Die Sprinter Usain Bolt und Dwain Chambers leben in unterschiedlichen Welten. Der Olympiasieger aus Jamaika wird als Superstar gefeiert, der Brite Chambers, 2003 des Dopings überführt, steht vor den Trümmern seiner Karriere. Bei der WM in Berlin treten sie noch einmal gegeneinander an.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Auf seiner Tournee um die Welt ist Usain Bolt, 22, in Manchester, Nordengland, angekommen. In der Innenstadt ist eine Laufbahn für ein Rennen über 150 Meter aufgebaut. Bolt, dreifacher Olympiasieger und Weltrekordler über 100 und 200 Meter, ist der Stargast, er bekommt 120.000 Dollar Antrittsgage. Er steht in einem kleinen Zelt und wartet auf seinen Auftritt. Es regnet.

Die 150 Meter sind keine offizielle Wettkampfdistanz, es ist ein Showrennen, eine Werbeveranstaltung, vorbei an einer Großbank und einem Armani-Laden. Eine Zeitung schreibt, nichts sei dämlicher als ein Wettlauf mitten in Manchester.

Aber nun strömen immer mehr Menschen an die Strecke, und als neben der Laufbahn kein Platz mehr frei ist, klettern die Leute auf Telefonzellen und Lichtmasten, sie kauern in Fensternischen und drängen auf Vordächer. Sie wollen den schnellsten Mann der Welt sehen, einen dunkelhäutigen Schlaks aus Jamaika, von dem es heißt, er könne jederzeit eine neue Bestzeit setzen. An einem Haus hängt ein riesiges Plakat: "Welcome to the Show".

Kurz vor dem Start schlendert Bolt auf eine Gruppe Jugendlicher zu, die ein Autogramm von ihm wollen. "Usain, was hast du heute drauf?", fragt ein Junge. "Was wollt ihr sehen?", fragt Bolt zurück. "Einen Rekord", sagt der Junge. Bolt guckt in den Himmel. Es hat aufgehört zu regnen. Er sagt: "In Ordnung."

Vier Bahnen sind ausgelegt in der City in Manchester, Bahn drei ist für Bolt reserviert. Auf Bahn zwei sollte eigentlich der britische Halleneuropameister laufen, aber Dwain Chambers ist nicht da.

Chambers, 31, trainiert im Lee Valley Athletics Centre im Norden von London. Er macht Steigerungsläufe, danach Gymnastik. Das Hotel in Manchester war schon gebucht, aber dann wurde er kurzfristig ausgeladen.

Chambers gewann 2002 bei der Europameisterschaft in München über 100 Meter, doch der Sieg wurde ihm aberkannt. Er war Kunde des kalifornischen Doping-Gurus Victor Conte, flog im Zuge der sogenannten Balco-Affäre auf und verbüßte von 2003 bis 2005 eine Doping-Sperre. Heute lebt Chambers in der Peripherie des Weltsports. Zu großen Sportfesten wird er nicht eingeladen, er hat keinen Sponsor und trägt alte Trainingsklamotten auf. Der Internationale Leichtathletikverband will von ihm noch Prämien in Höhe von 120.000 Dollar zurückhaben. Um Geld zu verdienen, hat Chambers ein Buch über seine Doping-Karriere geschrieben. Möglich, dass er bald ins Dschungelcamp einzieht.

Nach dem Training geht Chambers in die Cafeteria, er hat ein enges Hemd an, seine Muskeln glänzen. "Ich war ein Junkie damals", sagt Chambers. Er nahm alles, was der Markt hergab, anabole Steroide, Wachstumshormon, Aufputschmittel, Epo, Insulin, manchmal ließ er sich Doping-Cocktails mixen, nach der Einnahme konnte er tagelang trainieren, ohne müde zu werden. Weil er kaum Schlaf brauchte, ging er sogar nachts in den Kraftraum.

Chambers spricht ganz ruhig, wenn er davon berichtet, wie er sich Spritzen setzte, er hatte keine Schuldgefühle. "Ich habe nie daran gezweifelt, dass es notwendig ist zu dopen, um im Sport ganz nach oben zu kommen", sagt Chambers.

Die Sprinter Usain Bolt und Dwain Chambers sind extreme Beispiele dafür, in was der moderne Sport Athleten verwandeln kann. Sie träumten beide von Ruhm und Rekorden. Bolt hat alles erreicht, er ist ein Superstar, in seiner Heimat ein Nationalheld und verdient Millionen. Chambers steht vor den Trümmern einer verkorksten Laufbahn, er sagt von sich selbst: "Ich bin ein Mahnmal." Sie leben in unterschiedlichen Welten. Doch am kommenden Wochenende werden Bolt und Chambers noch einmal gegeneinander antreten über 100 Meter bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Berlin.

Als Bolt in Manchester in den Startblock steigt, kommt kurz die Sonne raus. Er hängt seine Gegner locker ab, geht mit großem Vorsprung durchs Ziel, auf der Anzeigetafel blinkt die Zeit: 14,35 Sekunden. Ein neuer Weltrekord über 150 Meter, wie auf Bestellung. Fanfaren, Konfettiregen, Fans springen auf die Laufbahn, tanzen mit Bolt, manche streicheln ihn wie ein schönes Tier.

In den vergangenen Jahren hat kein Athlet das Publikum so sehr begeistert wie Bolt. Er mag Fußball und Fast Food, feiert gern und hat auch schon mal einen Joint gerollt. Für die Fans kommt er damit rüber wie ein normaler junger Mann. Obwohl er bis zu 250. 000 Dollar pro Auftritt verlangt, reißen sich die Meeting-Manager um ihn. Als vor dem Golden-League-Sportfest in Paris bekannt wurde, der Jamaikaner werde dort antreten, verdreifachte sich der Ticketvorverkauf.

Bolt schürt die Emotionen. Nach jedem Siegeslauf zeigt er die Pose des Bogenschützen, sie ist zu seinem Markenzeichen geworden. "Er ist die perfekte Mischung aus Entertainment und Höchstleistung", sagt der Berliner Sportfest-Veranstalter Gerhard Janetzky.

Vor einem Meeting in Zürich sitzt Bolt an einem großen Konferenztisch. Es werden die üblichen Fragen gestellt. Wollen Sie auch mal heiraten? Essen Sie immer noch am liebsten Chicken Nuggets? Er langweilt sich, beginnt mit den Händen auf dem Tisch zu trommeln, man spürt, er hat Lust, die Runde aufzumischen, und plötzlich sagt er ungefragt: "Ich denke, ich könnte die 100 Meter in 9,50 Sekunden laufen, es ist möglich."

Die Reporter gucken sich verblüfft an. Hat er das wirklich gesagt? 9,50! Die Zahlen wandern durch die Reihen wie ein Virus. Noch nie hat sich ein Sprinter so weit nach vorn gewagt.

Die Welt wartet nun auf den Wunderlauf. Egal, wo Bolt zuletzt auftrat, in Toronto, in Paris, in Ostrau, Lausanne, in London, immer hielt ein ganzes Stadion den Atem an, wenn er die Laufbahn betrat.

"Ich war eine Maschine"

Bolt stammt aus der Ortschaft Sherwood Content, die im Bezirk Trelawny im Nordwesten Jamaikas liegt. Seine Eltern betreiben einen Lebensmittelladen. Bereits mit 15 Jahren war ihr Sohn Junioren-Weltmeister, zwei Jahre später lief er über 200 Meter erstmals eine Zeit unter 20 Sekunden. Viele gute Sprinter kommen von der Karibikinsel, Leichtathletik hat dort Tradition, die Auslese beginnt im Kindesalter, zu den Schulmeisterschaften in Kingston kommen jedes Jahr über 30.000 Zuschauer.

Auch Dwain Chambers hat schon oft auf Jamaika trainiert, vor drei Jahren sogar mit der Laufgruppe von Bolt. Chambers träumte nie von einer 9,50, sein Ziel war eine 9,80. Mit 21 Jahren gewann er bei der WM in Sevilla Bronze in 9,97 Sekunden. Da war der Weg noch weit. Dann traf er Victor Conte. "Er war wie ein Vater für mich, ich vertraute ihm", sagt Chambers.

Er tauchte ab in eine verborgene Sportwelt, Chambers nennt sie "die Matrix". Conte entwarf die Doping-Pläne wie ein irrer Künstler, Chambers zahlte, pro Jahr waren es rund 30.000 Dollar. Er trainierte manchmal sechs Stunden am Tag. "Ich war eine Maschine, ein Terminator", sagt er. Sein Leben drehte sich nur um Training, Wettkampf und Drogen, rund 300 verschiedene Substanzen soll er eingenommen haben. Er litt unter Magenschmerzen, Essstörungen und Anflügen von Depression. Aber er machte immer weiter.

"Man erzählt so viele Lügen, irgendwann verliert man den Überblick, wen man eigentlich alles belogen hat. Also zieht man sich immer weiter zurück in die Matrix. Und dann kommt der Punkt, an dem man glaubt, das Leben außerhalb der Matrix sei falsch. Der perfekte Selbstbetrug", sagt Chambers.

2002 lief er seine beste Zeit über 100 Meter: 9,87 Sekunden. Im Jahr darauf flog alles auf. Um eine Zehntelsekunde hatte er sich durch Contes Behandlung verbessert, insgesamt 100.000 Dollar dafür bezahlt - 10.000 Dollar pro Hundertstelsekunde.

Die 100 Meter sind verseucht. Es ist das größte Rennen der Welt, aber viele der Hauptdarsteller erwiesen sich als Betrüger. Der Amerikaner Tim Montgomery ließ sich von Conte systematisch zum Weltrekord dopen, Marion Jones brachten die Lügen bis ins Gefängnis.

Die Doping-Geschichten vermeintlicher Ausnahmeläufer färben ab auf die heutigen Gewinner. Bei seinem Olympiasieg über 100 Meter in Peking trudelte Bolt zehn Meter vor dem Ziel aus, sein linker Schuh war offen, trotzdem lief er Weltrekord in 9,69 Sekunden. Es war ein magischer Auftritt, doch in dem Moment, in dem der Jamaikaner über die Ziellinie ging, begann die Debatte darüber, ob man diesem Jungen glauben soll oder besser nicht.

Es ist die neue Realität der Sportmoderne: Das Publikum traut den Helden nicht mehr. Man bestaunt ihre Leistungen und fragt sich dann: War das echt?

Es gibt viele Theorien darüber, warum Bolt so schnell ist. Er hat lange Beine, macht weniger Schritte als seine Gegner. Es gibt Studien, die besagen, dass Menschen mit langen Ringfingern besonders gute Sprinterqualitäten haben sollen. Bolt hat sehr lange Ringfinger. Er soll auch besonders kräftige Fußgelenke haben.

Aber das Doping-Kontrollsystem auf Jamaika ist ungenügend. Und der beste deutsche Sprinter Tobias Unger sagte, er fühle sich von Bolt "verarscht". Was soll man denken?

Vor einem Meeting in der Schweiz sitzt Bolts Trainer Glen Mills, ein kleiner, dicker Mann mit listigen Augen, in einem großen Sessel. Unger? Wer zum Teufel ist Unger?

"Die Leute in Europa haben verlernt zu laufen", sagt Mills. "Sie fahren mit dem Auto, mit dem Bus, sie wissen nicht mehr, wie man richtig läuft. Usain kommt aus einer Ecke in Jamaika, in der kaum Busse fahren, die Schüler dort müssen zur Schule kilometerweit marschieren. Deshalb sind sie so talentiert, und sie sind auch nicht so verwöhnt."

Liefe Unger schneller, wenn er als Kind weniger Bus gefahren wäre?

"So ist es", sagt Mills.

Glen Mills wird Bolt nicht dabei helfen, den Schatten loszuwerden. Die Welt glaubt nicht mehr an Märchen, sondern nur noch an Blut- und Urinwerte. Vor kurzem fand man in Doping-Proben von fünf Sprintern aus Jamaika ein stimulierendes Mittel, nichts Wildes, aber zwei der Ertappten gehören wie Bolt dem Racers Track Club aus Kingston an und werden von Mills trainiert. Schlimm sei so etwas für den Sport, erklärte Bolt. Er habe sich nichts vorzuwerfen. Trotzdem zeigten Zeitungen neben der Geschichte über den Doping-Skandal ein Foto von ihm.

In Deutschland wird der Jamaikaner besonders kritisch betrachtet. Man hat nichts gegen ihn in der Hand. Er ist einfach nur zu schnell. Jochen Zeitz, den Vorstandsvorsitzenden des Sportartikelherstellers Puma, ärgert das. Er sitzt in einem mit Turnschuhen dekorierten Showroom im Werk in Herzogenaurach. Seit Jahren schon unterstützt Puma die jamaikanische Nationalmannschaft, die diese Woche in Franken trainieren wird. Zeitz ist mit Bolt befreundet, er geht regelmäßig mit ihm essen, dann redet der Geschäftsmann mit dem jungen Läufer wie mit einem Sohn, über Erziehung, Werte in der Gesellschaft. Zeitz hat ein gutes Gefühl bei Bolt. "Usain ist zu klug, um sich auf falsche Sachen einzulassen, ich mache mir keine Sorgen."

Der Ausrüster will Bolt zu einer Ikone wie Tiger Woods oder Roger Federer, beide makellose Sportsleute, aufbauen. Nun geht es vor allem darum, ihn von Figuren fernzuhalten, die seinem Image schaden könnten.

Im Fall von Dwain Chambers könnte das schwierig werden.

Seit sich der Brite für die Weltmeisterschaft qualifiziert hat, hängt er sich an Bolt wie eine Klette, um seinen Auftritt in Berlin zu promoten. Chambers nennt sich jetzt "Warrior", Krieger, und redet nur noch vom "Projekt Bolt". Er werde den jungen Champion schlagen, sagt Chambers, die Zeit sei reif.

Er ist tatsächlich erstaunlich gut in Form. Chambers gewann bei der Hallen-EM über die 60-Meter-Distanz in 6,42 Sekunden, nur zwei Läufer waren jemals schneller. Er behauptet jetzt: "Die Sache mit den Drogen war Zeitverschwendung, es hat nichts gebracht, ich bin ein Naturtalent und laufe auch ohne Doping schnell." Allerdings hatte Chambers auch wieder Kontakt zum Balco-Labor, er sagt, er habe sich im Umgang mit dem sogenannten Hypoxicator beraten lassen, einem Gerät, das auf natürlichem Wege die Produktion von körpereigenem Epo stimulieren soll.

Traf er Victor Conte? "Nein, unsere Wege haben sich vor langer Zeit getrennt", sagt Chambers. Ein großer Silberzahn glänzt, wenn er grinst.

Am Sonntag fällt in Berlin die Entscheidung über die 100 Meter. Bolt wird im Finale auf einer der zentralen Bahnen starten. Vielleicht läuft Chambers neben ihm. Die Welt wird kurz den Atem anhalten. Aber was bekommt sie zu sehen?

Kürzlich wurde Chambers von einem Bekannten gefragt, ob in Berlin ein Läufer gewinnen werde, der sauber sei. Er antwortete: "Wenn du daran glauben möchtest, dann tu es einfach."