Archäologie: Urknall in den Tropen - DER SPIEGEL
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Archäologie Urknall in den Tropen

Vor 2500 Jahren, zeitgleich mit Konfuzius, Buddha und den klassischen Griechen, entstand in Schwarzafrika eine mysteriöse Gegenkultur. Das Volk von Nok hinterließ bizarre Terrakotta-Statuen. Deutsche Ausgräber erkunden in Nigeria die Überreste dieser Wunderwelt.
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Im Labor von Peter Breunig im 6. Stock der Universität in Frankfurt am Main stapeln sich eine halbe Tonne Scherben. Kaputte Töpfe liegen auf den Tischen, zerbrochene Vorratsgefäße, eine Ton-Echse und Bruchstücke von Gesichtern mit gewaltigen Nasenlöchern.

Düster, fast böse wirkt der abgeschlagene Statuenkopf eines Mannes: Es ist ein Afrikaner mit starrem Blick und Schnurrbart. Seine Haare türmen sich zu einer phantastischen Frisur. Erst vor wenigen Tagen wurde die Keramik auf dem Seeweg rund 8.000 Kilometer weit von Süden herangeschafft. Es ist Fundgut aus Nigeria.

Breunig gräbt unweit des Berglands von Jos in einer abgelegenen Ecke des Kontinents. Dort blühte einst die rätselhafte Kultur von Nok. Über 80.000 Quadratkilometer umfasste das Tropenland - es war größer als Bayern. Seine Bewohner lebten in Holzhütten, sie aßen Brei aus Perlhirse. Manche Frauen ließen sich mit Messern blutigen "Narbenschmuck" in die Brüste ritzen. Überall qualmten Öfen, in denen das Volk meisterliche Bildnisse bei 700 Grad zu harter Terrakotta brannte.

Das Erstaunlichste an dieser "schriftlosen Gesellschaft" (Breunig) aber ist ihr Alter. Sie entstand vor rund 2500 Jahren, als auch über die anderen Kontinente eine Flut geistiger Veränderungen hereinbrach. Die Bildhauer der Nok waren Zeitgenossen von Solon, Buddha und den frühen Maya.

Afrika, dachte man lange, habe damals weiter im Dämmer verharrt. Breunig weiß es jetzt besser: "Um 500 vor Christus nahm die Besiedlung explosionsartig zu." Nomaden, die noch wie in der Steinzeit lebten, wurden plötzlich sesshaft. Der Forscher spricht von einem "kulturellen Urknall".

Erkundet ist dieses Kraftfeld nahe der Äquatorzone noch kaum. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat für das Unternehmen hohe Summen eingeplant. Wenn die Frankfurter spannende Ergebnisse liefern, kriegen sie Geld bis zum Jahr 2020.

Ihre Operationsbasis ließen die deutschen Forscher bereits im vorigen Frühjahr von einheimischen Arbeitskräften errichten. Es sind neun Lehmhütten im Dorf Janjala. Am Mast flattert eine Goethe-Fahne, Wahrzeichen der Heimat-Uni. Die Deutschen haben Brunnen gebohrt; Solarzellen geben Strom.

Die Entbehrungen sind erheblich. Trübes Wasser schwappt aus der Pumpe, die Glühbirne an der gemauerten Haupthütte ist die einzige, die im Umkreis von 100 Kilometern brennt. Die Forscher schlafen nachts meist im Strohverhau unter freiem Himmel - wegen der Hitze. Hunde jaulen dazu.

Morgens, ins Licht der aufgehenden Sonne getaucht, bricht die Mannschaft auf. Mit Schaufeln und Spitzhacken, in der Tasche Laptop und GPS-Navigationsgeräte, stapfen die Ausgräber durch eine zauberhafte Baumsavanne, aus der sich Granitkuppen wie kleine Inseln erheben.

Was sie im Gelände erwartet, gleicht allerdings einem Spuk. Kein einziges Skelett blieb im Erdreich erhalten; alle Knochen, auch die von Tieren, wurden vom sauren Boden aufgelöst. Die Tempel und Hütten der Nok sind ebenso spurlos verschwunden wie deren Friedhöfe. Niemand kennt ihre Nutztiere, ihre Straßen oder religiösen Zeremonien.

Nur die Scherben der Tonstatuen sind allgegenwärtig. Sie liegen an Felshängen, in antiken Müllgruben und auf öffentlichen Plätzen. Manchmal werden sie von wühlenden Tieren aus ihren Bauten geworfen.

Die größten dieser eindrucksvollen Figuren sind bis zu eineinhalb Meter groß und sehen aus wie Könige oder Angehörige einer gesellschaftlichen Elite. Andere tragen Hörnerhelme oder Hüllen von Flaschenkürbissen auf dem Kopf. Ein Drittel der Dargestellten sind Frauen.

Merkwürdig gleichförmig, fast wie Fabrikware, sind die Tonpuppen gestaltet. Stets sind die Augen dreieckig, die Pupillen eingestochen, die Brauen hoch und bogenförmig. Sie blicken ernst und traumversunken. Tätowierungen, die wie Blitze aussehen, durchfurchen die Wangen.

Wer schuf dieses Panoptikum? Wie konnte am zehnten Breitengrad, fernab aller anderen Zivilisationen des Planeten, solch eine Wunderwelt entstehen?

Was besonders verdutzt: Die Nok-Leute verhütteten Eisen. Metallische Armreifen wurden gefunden, Pfeilspitzen und Messer. Kein Volk südlich der Sahara machte ihnen das zu der Zeit nach.

In dieses Gebiet dringen die Deutschen nun mit modernsten Analysegeräten ein. Sie verfügen über Röntgenfluoreszenz-Apparate zum Nachweis zerfallener Knochen. Wärmebildkameras sollen Gebäudereste sichtbar machen. Zur Mannschaft gehören Geologen und Archäobotaniker.

Erste Ergebnisse liegen vor: Die Nok ernährten sich von Hirse, Kuhbohnen und einer olivenartigen Frucht. "Die Statuen wurden zentral in einigen großen Werkstätten hergestellt", vermutet Breunig.

Im kommenden Winter zieht die Hightech-Karawane wieder ins Buschland. 40 Grabungshelfer stehen zur Verfügung. Mit dem Projekt könnte endlich Licht auf ein Phänomen fallen, das zu den größten Geheimnissen der Frühgeschichte zählt.

Systematischer Diebstahl

Im Jahr 1943 geriet der britische Kolonialbeamte Bernard Fagg erstmals in den Besitz einer Nok-Figur. Sie hatte zuvor als Vogelscheuche auf einem Jamswurzel-Acker gedient. Der Brite spitzte die Arbeiter der umliegenden Zinnminen an, derlei Funde anzuzeigen. Bald meldeten sich auch Einheimische aus entfernteren Regionen. Rund 150 Artefakte brachte Fagg so zusammen. Die Bauern legten ihm Amulette und tönerne Elefanten vor. Bei einer Figur reicht der Riesenphallus bis zum Kopf. Eine andere hat Vampirzähne; es könnte ein Voodoo-Priester sein.

Die Fachleute in Europa und den USA bekamen von den aufregenden Vorgängen lange Zeit kaum was mit. Erst als der Pionier in den siebziger Jahren eine Reihe moderner Thermolumineszenz-Datierungen vorlegte, wurden die Kollegen hellhörig.

War es möglich, dass zwischen 600 vor und 300 nach Christus, als die Chinesen mit der Großen Mauer begannen und die Römer ihr Imperium mit Triumphbögen pflasterten, schwarze Knetmeister fernab in Nigeria aus Lehmwülsten Statuen auf höchstem ästhetischem Niveau fertigten?

Der Antikenhandel reagierte auf die Sensation am schnellsten. Ende der achtziger Jahre gelangten vereinzelt Nok-Skulpturen nach Brüssel und Paris. Privatsammler, aber auch staatliche Museen griffen die Hehlerware diskret ab. Die Preise kletterten auf bis zu 50.000 Dollar pro Statue.

Im Jahr 1996 gelangte das altafrikanische Wundervolk dann jäh ins Bewusstsein eines größeren Publikums. London und Berlin präsentierten die Ausstellung "Afrika - die Kunst eines Kontinents". Gezeigt wurden jedoch fast nur Fotos. Die Besitzer der Originalstatuen, zumeist reiche US-Sammler, trauten sich nicht, ihre zwielichtig erworbenen Afro-Pretiosen auszuleihen.

"Die Objekte werden systematisch gestohlen", gab darauf Interpol bekannt. Afrikas Erbe sei von fleddernden Gaunern bedroht. Die Unesco setzte die Skulpturen schließlich auf die verbotene Liste und ächtete deren Ein- und Ausfuhr.

Dem Schatzfieber tief im Buschland tat das keinen Abbruch. Vor allem eine Edelsteinmine bei Kubacha erwies sich als wahres Fund-Dorado. Sie liegt im Stammesgebiet der Koro.

"Dort", erzählt ein Insider, "wurden in den neunziger Jahren beim Graben der Stollen ungeheuer schöne und kaum beschädigte Statuen entdeckt." Die Bergleute bargen immer neue Edelstücke, darunter einen Reiter auf einem Phantasiepferd sowie eine Gestalt, die eine Katze im Würgegriff hält.

Details sind kaum bekannt. Die Mine gehört zu einem halbautonomen Bezirk, in dem der Koro-Häuptling Yohanna Akaito mit harter Hand regiert. Der Kleinkönig lässt das Gebiet von seiner Privatarmee abriegeln. Selbst nigerianische Regierungsbeamte haben keinen Zutritt.

Einer der wenigen Weißen, die je den Schmuggelplatz betraten, ist der Ethnologe und Voodoo-Forscher Gert Chesi. "Der Häuptling bewirtete mich in seinem Lehmpalast", berichtet er. "Morgens wurden wir von Posaunenbläsern geweckt, dann fuhren wir zur Mine."

Ganz selbstlos war die beschwerliche Fahrt nach Süden nicht. Chesi kam mit dem Häuptling schnell ins Geschäft. Heute leitet er in Schwaz (Tirol) ein exquisites Museum, das "Haus der Völker", das 50 Nok-Statuen ausstellt. Es ist die prachtvollste Sammlung weltweit.

Anders als die meisten staatlichen Museen, die ihre Ware ohne Zertifikate ankauften und nun verschämt im Depot verstecken, macht Chesi aus seinen Schätzen keinen Hehl: "Jede unserer Skulpturen hat eine Ausfuhrgenehmigung, ausgestellt von Omotoso Eluyemi, dem Direktor des Nationalmuseums; alles lief legal."

Richtig ist, dass der frühere nigerianische Antikenchef kraft seines Amtes Zollpapiere ausstellen konnte. Das tat er allzu gern und oft - und stopfte sich dabei selbst die Taschen voll. "Nigeria ist eines der korruptesten Länder der Welt", urteilt Gerhard Merzeder vom Ethno-Magazin "A4".

Zuweilen geht man auch über Leichen. Eluyemi erwischte es am 18. Februar 2006. Offiziell verschluckte er sich beim Abendessen an einem Glas Wasser und erstickte. Insider sind sicher, dass der 58-Jährige vergiftet wurde.

Damit ist der Rahmen abgesteckt, in dem sich die Archäologen bewegen. "Über viele tausend Quadratmeter ist der Boden von Dieben durchwühlt, ein Loch liegt neben dem anderen", beschreibt Breunig die Lage vor Ort. Gleichwohl besteht Hoffnung, das Erbe Afrikas zu retten. Bis heute liegen unzählige Nok-Dörfer unberührt im Boden. In Ungwar Kura stieß das Team jüngst auf über 130 Mahlsteine - Hinweise auf ein Großdorf.

Auch die Statuen verraten neue Details. Einige haben Beulen und Furunkel im Gesicht. Andere wirken wie hohe Würdenträger. Fußringe, Lendenschurze und Armfesseln zieren ihre Körper. Die Haare sind zu Dutts und Knoten geformt. Um den Hals liegen geflochtene Ketten, dick wie Weihnachtskränze. Breunig: "Die sozialen Unterschiede treten deutlich hervor."

Nur: Wozu dienten diese Fetische? Neben den Statuen befinden sich oft Steinpflaster. Vielleicht sind es heilige Plätze oder Altäre. Daneben fanden die Archäologen Reste von gezielt abgelegten Schmuckketten.

Der Sinn des Kults indes bleibt vorerst im Dunkeln. Niemand weiß, warum die Nok die kleinen Götzen formten. Manche Archäologen erklären die verblüffende Wissenschaftsexplosion im Dschungel durch Kontakte mit den Völkern des Nordens. Gesandte aus Kathargo, so die Vermutung, seien durch die Wüste gekommen. Andere tippen auf die "Schwarzen Pharaonen", die zwischen 750 und 670 vor Christus vom Sudan aus das gesamte Nilreich unter ihre Herrschaft brachten.

Breunig mag an solch einen weit gespannten Ideentransfer nicht glauben. "Von Ägypten nach Abuja sind es 3.000 Kilometer, dazwischen liegt der Sperrriegel Sahara", erläutert er. "Und Kamele standen den Afrikanern in vorchristlicher Zeit noch nicht zur Verfügung."

Er hält die Kunst der Nok deshalb für eine eigenständige Erfindung: "Darauf deuten jedenfalls die Funde hin."

Kleiner würden die Rätsel damit allerdings nicht. Die Nok wären dann abgekapselte Genies, ihre Tropenzivilisation eine Schöpfung aus dem Nichts.

"Keine Frage, die Nok werden uns noch öfter verblüffen", sagt der deutsche Ausgräber. "Wir enthüllen hier einen grandiosen Abschnitt in der Geschichte Schwarzafrikas."