Kriminalität: Senkrecht in die Freiheit
Kriminalität Senkrecht in die Freiheit
Ashraf Sekkaki hat mit seinen 26 Jahren schon ein üppiges Sündenregister angehäuft. Mehr als 16 Straftaten stehen bei ihm zu Buche, darunter Bankraub und Entführung. Als einer der gefährlichsten Verbrecher Belgiens saß er in der Haftanstalt der malerischen Flandern-Metropole Brügge ein - bis er sich, Ende Juli, gleichsam in Luft auflöste.
Behilflich war seine Bekannte Lesley Deckers: Gemeinsam mit einem Kumpel des multikriminellen Sekkaki hatte sie einen Sightseeing-Hubschrauber angemietet; der Pilot Ludwig Louwagie sah sich kurz nach dem Start von einem Gewehr bedroht und gezwungen, auf dem Innenhof des Gefängnisses zu landen.
Ohne allzu große Hast - Louwagie spricht von einem fünfminütigen Stopp mit knatterndem Rotor - bestiegen Sekkaki und zwei weitere Häftlinge das Fluggerät, Wachpersonal war nicht zu sehen. Dann ging es senkrecht in den Sommerhimmel. Nahe einer Autobahn ließen sich die Passagiere absetzen, Sekkakis Spur verlor sich.
Gefasst wurde bislang lediglich ein Mitflüchtling, einer von insgesamt 39 entschwundenen Knackis allein in diesem Jahr in Belgien. Ashraf Sekkaki hingegen gilt nun, nach einer ersten Flucht vor sechs Jahren, als "Ausbrecherkönig" - und als Beleg dafür, dass die romantischen Zeiten endgültig vorbei sind, in denen einem Fluchtwilligen von Verwandten beim Besuchstermin ein Baguette mit eingebackener Eisenfeile zugeschoben wurde.
Vor allem in Belgien blamieren Helikopter-Flüchtlinge die Justiz
Interpol ist alarmiert. In Europa kommt der Helikopter-Shuttle in die Freiheit regelrecht in Mode. Als Gründe werden die laschen Kontrollen bei der Hubschrauberanmietung genannt, aber auch die Unterfinanzierung des Strafvollzugs. Die Behörde beklagt, dass die Verwahranstalten überfüllt seien und es zu wenige Aufseher gebe. Denen sei es zudem in manchen Ländern nicht erlaubt, auf Hubschrauber zu schießen, denn die entschweben meist über dichtbevölkerten Wohngebieten.
Besonders die belgischen Sicherheitskräfte stehen, seit der Kinderschänder Marc Dutroux 1998 aus einem Gerichtsgebäude verschwand, in der Kritik. Von -Flüchtlingen werden sie seit zwei Jahren verstärkt blamiert. Im April 2007 verschwand der Verbrecher Eric Ferdinand auf dem Luftweg aus dem Gefängnis Lantin, am 28. Oktober desselben Jahres der in Sachen Fluchtpläne besonders kregle Nordin Benallal (Spitzname: "Aal") aus dem Dutroux-Knast in Ittre.
Für Benallal war es bereits der vierte eigenmächtige Freigang. Beim ersten Mal hechtete er aus einem Häftlingsbus, beim zweiten spazierte er, getarnt mit Perücke und Sonnenbrille, lässig nach draußen, beim dritten Ausbruch benutzte er eine Strickleiter. 2007 schließlich hatte Benallal einen Hubschrauber organisiert, doch die geplante Flucht durch die Luft scheiterte: Mithäftlinge klammerten sich an die Kufen, die Maschine kam nicht richtig hoch und sackte auf den Hof, es gab Schwerverletzte. Im Tohuwabohu entkam der gebürtige Marokkaner trotzdem - zu Fuß.
Kurz zuvor, am 14. Juli, machte sich auch der französische Mörder Pascal Payet, der in Grasse in der Provence einsaß, mit einem gekaperten Helikopter aus dem Staub. Auch diesmal dauerte es von der Landung bis zum Abflug etwa fünf Minuten, wobei Payet seine Routine zugutekam, er ist gewissermaßen der Ausbrecherkönig der Lüfte. Schon im Oktober 2001 war er aus der Haftanstalt in Luynes/ Aix-en-Provence entflogen, im April 2003 befreite er, ebenfalls mit einem Drehflügler, drei dort einsitzende Komplizen.
Spektakuläre Flucht aus Hochsicherheitsgefängnis bei Athen
Dieses Jahr wurde die Fluchtmethode weiter internationalisiert. Am 22. Februar floh Vassilis Paleokostas, genannt das "Phantom der Berge", per Hubschrauber aus Block C eines Hochsicherheitsgefängnisses bei Athen, das den Namen "Korydallos" trägt - "Lerche". Eine Kugel des Wachpersonals traf zwar noch den Tank der Maschine, doch ähnlich wie Sekkaki schafften es die Insassen zu ihren an einer Autobahn wartenden Fluchtwagen. Auch Paleokostas enthob sich nicht zum ersten Mal dem Strafvollzug; bereits am 4. Juni 2006 war er getürmt, wie zuletzt in Begleitung des albanischen Mörders Alket Rizai.
Sogar von der Tropeninsel La Réunion im Indischen Ozean wurde am 27. April dieses Jahres eine Hubschrauberflucht gemeldet. Den Sektenführer Juliano Verbard, der wegen Kindesmissbrauchs einsaß, flogen einige seiner Jünger mit einem Hubschrauber vom Typ "Alouette III" nur wenige hundert Meter weit, dann parkten sie in einem Industriegelände.
Kaum drei Wochen später, am 16. Mai, wurden gleich 53 mutmaßliche Mitglieder des mexikanischen "Golf-Kartells", einer , bei einem Massenausbruch von einem Helikopter unterstützt. Der Rotorenlärm sorgte beim Eintreffen ihrer bewaffneten Fluchthelfer für zusätzliches Chaos; die meisten Dealer brausten allerdings in einem Autokonvoi davon.
Mittlerweile sinnen Behörden in ganz Europa auf geeignete Gegenmaßnahmen. Nützlich wären über die Höfe gespannte Netze, um eine Landung zu verhindern, oder Stahlseile, wie sie in vielen brasilianischen Gefängnissen bereits Verwendung finden. Mit diesem Gegenmittel liebäugelt auch die belgische Exekutive - allein, es fehlt am Geld. Pro Hof würde die Installation bis zu 100.000 Euro kosten.