Finanzkrise: Machtkampf der Mächtigsten - DER SPIEGEL
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Finanzkrise Machtkampf der Mächtigsten

Angela Merkel und Josef Ackermann tragen derzeit eine erbitterte Fehde aus. Es geht darum, wer das Sagen hat: Politik oder Finanzwelt?
Bankchef Ackermann, Bundeskanzlerin Merkel: Gibt es einen sozialen Zusammenhalt?
Bankchef Ackermann, Bundeskanzlerin Merkel: Gibt es einen sozialen Zusammenhalt?

Bankchef Ackermann, Bundeskanzlerin Merkel: Gibt es einen sozialen Zusammenhalt?

Foto: Wolfgang Kumm/ picture-alliance/ dpa
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es passiert nicht oft, dass Angela Merkel der Kragen platzt. Als sie jedoch gehört hat, dass Josef Ackermann einen neuen Rettungsfonds für die Finanzwirtschaft fordert, ist es geschehen. Angela Merkel war zornig.

Es passiert auch nicht oft, dass Angela Merkel jemanden öffentlich attackiert. Selbst im Wahlkampf hat sie das selten gemacht. Aber den Chef der Deutschen Bank wollte sie nicht ungerügt davonkommen lassen. Vier Tage später hat sie zugeschlagen.

Am vorvergangenen Freitag hielt die Bundeskanzlerin eine Rede auf dem Führungstreffen der "Süddeutschen Zeitung". Nach einer Weile sagte sie, dass "manch einer, der im Finanzsektor arbeitet, schon wieder - lax gesagt - eine ziemlich große Lippe riskiert". Gemeint war Josef Ackermann, daran lässt sie keinen Zweifel.

Die Bundesrepublik erlebt gerade einen Machtkampf der Mächtigsten des Landes. Die Kanzlerin befehdet sich mit dem Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank, in Reden, in Hintergrundgesprächen, mittels Politik und Lobbyarbeit. Sie tragen das national und international aus. Es geht um Themen wie Rettungsfonds, Kreditklemme, Boni für Manager.

In Wahrheit aber geht es um die ganz große Frage: Wer regiert das Weltgeschehen, die Politiker oder die Manager? Allmählich verdichten sich die Hinweise, dass die Finanzwirtschaft wieder mit gefährlichen Geschäften nach den Riesengewinnen trachtet und damit über das Wohl und Wehe der Welt herrscht. Schon wird von der nächsten Krise geraunt. Merkel will die Banken deshalb an die Kette legen, Ackermann will dies verhindern. Das ist das große Duell dieser Tage.

Eines der Kampffelder ist das Thema Kreditklemme. Die Banken geben derzeit nur ungern Kredite an Kunden aus, die nicht die allerhöchste Bonität genießen. Darunter leiden die Unternehmen der Realwirtschaft, also Industrie oder Handel.

Merkel versucht gerade ein Bündnis gegen Ackermann und dessen Kollegen zu schmieden. Sie will die Deutschland AG spalten und die Realsektoren gegen die Banken aufbringen. Das sei die "Schlachtordnung", sagte sie am Dienstag vergangener Woche beim Deutschen Arbeitgebertag. Merkel wundert sich, dass die Bosse der Realwirtschaft so wenig kampfeslustig sind. Sie will echte Kerle sehen.

Ackermann findet, dass sich der Staat lieber um seinen löchrigen Haushalt kümmern solle, als ihm in die Geschäftspolitik reinzureden. Er hält nicht viel von Politikern. Er denkt, dass sie ziemlich lange brauchen, bis sie die Zusammenhänge der Finanzwirtschaft verstehen. Er kennt niemanden, der alles bis in die letzte Verästelung durchdringt, am ehesten noch der ehemalige Finanzminister Peer Steinbrück. Von der Kanzlerin sagt er, dass sie sehr am "sozialen Zusammenhalt interessiert" sei. Ob er das gut findet oder schlecht, lässt er offen.

Kritik aus der Politik an den Privatbanken findet er seltsam, da die staatlich kontrollierten Landesbanken besonders schlecht dastünden. Er hat eine einmalige Art, zu solchen Sätzen ungemein nett zu lächeln.

Allerdings war er im Herbst 2008 in der betrüblichen Lage, Steinbrück und Merkel bitten zu müssen, dass sie die Hypo Real Estate retten, mit Staatsgeld. Sonst wäre die Deutsche Bank mit in den Abgrund gestürzt. Die Politiker haben also auch Ackermann gerettet. Ob ihn das nicht ein wenig demütig mache gegenüber den Politikern? Nein, mit dem Wort Demut kann er nichts anfangen. Er sieht nicht, warum er auf den Knien nach Berlin rutschen sollte.

Angela Merkel hat genau mitbekommen, dass Ackermann gern über die mangelnde Detailkenntnis der Politiker lästert. Sie weiß, dass Klugheit die Eigenschaft ist, die ihr am wenigsten bestritten wird. Entsprechend schätzt sie es, wenn man sie dumm aussehen lässt.

Sie findet ohnehin nicht, dass sie als Bundeskanzlerin jedes verrückte Finanzprodukt kennen muss. Es geht ihr um das Große und Ganze: den Zusammenhalt zum Beispiel. Da widerspricht sie Ackermann nicht. Aber sie hat nicht den Eindruck, dass sich die Banken Gedanken zu diesem Thema machen.

Sonst wäre Ackermann wohl nicht die Idee mit dem nächsten staatlich gestützten Rettungsfonds gekommen. Wer hätte den Bürgern denn erklären müssen, dass sie erneut mit Steuergeldern für die Geschäfte der Banker haften sollen? Merkel, nicht Ackermann. Der hätte still die neue Sicherheit genießen können.

So kann Demokratie nicht funktionieren, findet Merkel. Sie fühlt sich verarscht, sagt dies aber in milderen Worten.

In diesem Duell treffen zwei große Egos aufeinander, jedes auf der Höhe seines Selbstbewusstseins.

Ackermann, 61, Schweizer, hat seine Deutsche Bank gut durch die Krise geführt. Während ringsum Finanzimperien zusammenkrachten, ist sein Haus schon wieder bei den üppigen Renditen angekommen.

Merkel, 55, Ostdeutsche, hat die Wiederwahl geschafft. Obwohl die ersten Wochen desaströs verlaufen sind, hat sie Spaß daran, mit ihrer Wunschkoalition regieren zu dürfen.

Ein Berliner Abendessen in mittelgroßer Runde mit Ackermann sieht so aus: Er empfängt in der Deutschen Bank, Unter den Linden, ein schmucker Raum, viel Kunst, feinstes Essen, französischer Rotwein. Er nimmt sich fünf Stunden Zeit. Zigarren nach dem Dessert.

Ein Berliner Abendessen in mittelgroßer Runde mit Merkel sieht so aus: Sie empfängt im Kanzleramt, ein kühler Raum, der so aussieht wie ein Showroom von Ikea, ungelesene Bücher, rustikales Essen, italienischer Rotwein. Sie nimmt sich drei Stunden Zeit. Rauchverbot.

Ackermann lächelt praktisch ununterbrochen. Er wirkt wie die geborene Liebenswürdigkeit. Er ist geduldig, schmiegt sich ins Gespräch, stabile Höflichkeit auch bei Angriffen gegen ihn. Aber seine Urteile sind knallhart. Mit eleganter Beiläufigkeit kann er die halbe Welt zu Trotteln erklären, eher drei Viertel der Welt.

Merkel führt ein Gespräch direkter, zupackender. Während Ackermann für sich und seine Argumente wirbt, stellt sie unmissverständlich fest. Sie würzt ihre Worte gern mit Sarkasmus, der oft witzig ist, aber weh tun kann. Ein Hauch von Straßenslang: vom Acker machen, Pillepalle.

Lange hatten die beiden Duellanten ein gutes Verhältnis zueinander. Ackermann ist charmant, und Merkel findet Männercharme alter Schule durchaus angenehm. In den ersten Monaten der Krise hat sie ihn als Berater geschätzt.

Sie sprachen häufig miteinander, und am 29. September 2008 führten die beiden ein schicksalhaftes Telefongespräch. Es war 0.45 Uhr, die Nacht, als die Hypo Real Estate gerettet werden musste. Die Verhandlungen waren festgefahren, die Banken wollten für Kreditausfälle bei der maroden HRE nur bis sieben Milliarden Euro einstehen.

Merkel rief Ackermann auf dem Handy an. Sie forderte zehn Milliarden.

Das ist zu viel, sagte Ackermann.

Neun Milliarden, sagte Merkel.

Pokern am Rand des Abgrunds. Würden sie sich nicht einigen, könnte in wenigen Stunden das globale Finanzsystem zusammenbrechen. Sie einigten sich auf 8,5 Milliarden Euro.

Sie waren ein gutes Team bis dahin. Das ist wichtig für das, was jetzt zwischen ihnen ist. Sie waren ein gutes Team, und Ackermann hat dieses Team gesprengt.

Im Oktober 2008 sagte er auf einer internen Managertagung, er würde sich schämen, Staatsgeld für die Deutsche Bank anzunehmen. Merkel las das und war entsetzt. Sie hatte mit diesem Mann gerade einen Schutzschirm für die Banken gespannt, mit 480 Milliarden Euro Staatsgeld, und jetzt sprach er voller Verachtung davon. Er verunglimpfte ihr gemeinsames Projekt.

Ackermanns Lebenslauf ist inzwischen gut gefüllt mit irritierenden Äußerungen. Es begann mit zwei gespreizten Fingern, dem Victory-Zeichen, das er beim Prozess um dubiose Zahlungen bei der Übernahme von Mannesmann zeigte. Er fiel zudem auf, weil er seiner Bank kurz nach der heißen Phase der Krise ein Renditeziel von 25 Prozent verordnet hatte, als habe sich nichts geändert, als ginge das gefährliche Spiel einfach weiter. Nun fordert er einen neuen Rettungsfonds mit Staatsgeld, als habe er den Satz vom Schämen nie gesagt.

Würde in einer endlosen Wüste ein Fettnäpfchen stehen, winzig, fast unsichtbar, Ackermann könnte es nicht verfehlen. Er stiefelte schnurstracks hinein. Deshalb ist er der schlimmste Gegner für Merkels wichtigstes Projekt dieser Legislaturperiode: Zusammenhalt. Der neue Innenminister Thomas de Maizière will sein Amt sogar unter dieses Leitwort stellen. Keiner soll sich zu weit aus der Mitte der Gesellschaft entfernen, nicht nach unten, nicht nach oben. Ackermann wirkt wie einer, der sich in sehr luftiger Höhe angesiedelt hat, kurz unterhalb der Sonne.

Er sieht das ganz anders. Ackermann erzählt gern und glücklich, dass er von Leuten umringt werde, sobald er sein Berliner Hotel verlassen habe. Sie wollten ihn anfassen, ihm die Hand schütteln. Nie höre er ein böses Wort. Er lädt ein, ihn auf einer solchen Tour zu begleiten. Nimmt man die Einladung allerdings an, behauptet sein Pressesprecher, Ackermann habe das nicht ernst gemeint.

Als Beleg für seine Akzeptanz hat Ackermann aber Umfragewerte parat. 93 Prozent der Deutschen würden ihn kennen, 20 Prozent hielten ihn für sympathisch, mehr als manchen Politiker, wie er ebenfalls registriert habe. Im Ausland werde er überaus respektvoll empfangen, was auch Merkel schon aufgefallen ist. Wo sie hinkommt, ist Ackermann meist schon gewesen.

Ihr Pech ist, dass sie ihn nicht einmal als Feindbild für ihre Politik einsetzen kann. Denn da gibt es diese peinliche Geschichte aus dem April 2008. Merkel hat ein Abendessen für Ackermann gegeben, im Kanzleramt, eine kleine Sause für 30 Gäste; eine nachträgliche Geburtstagsfeier, wie Ackermann meint, nur ein Abendessen "im Umfeld" seines Geburtstags, wie Merkel pikiert behauptet.

Ausgerechnet im Wahlkampf hat Ackermann das für ein Fernsehporträt der Kanzlerin ausgeplaudert, durchaus wohlmeinend. Merkel hält das nicht für eine Meisterleistung der politischen Kommunikation, zumal sie einen Wahlkampf führte, der nur einen Gegner kannte: die Gruppe der Banker und Manager. Ihre Glaubwürdigkeit war dahin.

Ackermann war vom Medienrummel um das Abendessen so betroffen, dass er sich in den folgenden Wochen Merkels Umfragewerte genau anschaute und schließlich erleichtert feststellen konnte, dass es seinetwegen keinen Einbruch gab.

Wie sieht Ackermann die Welt: Er sieht sie als Ort, wo die Deutsche Bank Geschäfte macht. Als er mal auf das Thema Moral angesprochen wurde, antwortete er mit dem Begriff Risikomoral. Moralisch sei demnach das, was die Deutsche Bank am Leben erhalte. Er hat nichts dagegen, als Ekel zu gelten, solange es der Bank gutgeht. Lieb und nett zu Lasten der Bank, undenkbar für ihn. Eine starke Deutsche Bank sei gut für Deutschland, Merkel sehe das auch so.

Stimmt. Merkel sieht das auch so. Sie hat Respekt vor dieser Leistung Ackermanns. Aber das ist nicht alles.

Wie sieht Merkel die Welt: Sie sieht sie als Ort, wo fast sieben Milliarden Menschen miteinander auskommen müssen. Bei aller Freude an der Macht hat Merkel einen Sinn für das Gemeinwohl. Hohe Boni sieht Ackermann als notwendig an, um die besten Kräfte zur Deutschen Bank zu holen. Für Merkel beschädigen sie den Zusammenhalt, weil sie ein paar Leuten astronomische Einkommen verschaffen. Und sie führten zu einem kurzfristigen, renditegierigen Denken. Ein Denken, das mitverantwortlich ist für die Finanzkrise.

Ihre größte Sorge ist, dass es eine zweite Krise geben könnte. Dann würde gefragt: Was habt ihr Politiker eigentlich getan, um das zu verhindern. Nichts, wäre die Antwort. Nüscht, heißt das in Merkels Jargon. Sie würde allerdings eher sagen: Es wurde einiges getan, aber nüscht erreicht bislang. Die Staaten der G 20 haben sich manches vorgenommen, Grenzen für Boni, mehr Eigenkapital bei den Banken, aber es gibt noch keine Gesetze. Ackermanns Stärke ist auch die Schwäche der Politik.

Leute wie er reisen derzeit um die Welt, um mit liebenswürdigen Worten harte Gesetze zu verhindern. Sie haben den Vorteil, dass nur weltweit einheitliche Regeln sinnvoll sind. Also reichen ein paar Verbündete, und die findet Ackermann am ehesten bei Amerikanern und Briten, die stark von ihren Finanzwirtschaften abhängen.

Das ist der Machtkampf, in den sich Merkel verstrickt sieht. Wer formt die wichtigsten Gesetze, um die es derzeit geht: Ackermann und die anderen Banker? Merkel und ihre Verbündeten, zum Beispiel Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy? Es geht um "einen Staat oberhalb der Wirtschaft", wie Bundespräsident Horst Köhler kürzlich den Ökonomen Alexander Rüstow zitiert hat. Es geht um die Demokratie, also "das Ureigenste", wie Merkel sagt.

Am 7. Februar hat Josef Ackermann Geburtstag. Ein Abendessen im Kanzleramt ist nicht geplant.