Jemen: Glückwunsch aus Washington - DER SPIEGEL
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Jemen Glückwunsch aus Washington

Seit sich im Jemen ein Qaida-Ableger etabliert hat, erhält der arabische Staat massive Militärhilfe aus dem Westen.
Von Yassin Musharbash, Volkhard Windfuhr und Bernhard Zand
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Jemen: Al-Qaidas neue Heimat

Foto: AFP

Tief im Landesinnern, 80 Kilometer weit hinten in der Doan-Schlucht des Hadramaut, liegt schön wie in einem Bilderbuch das Dörfchen Ribat Baschan. Seine Häuser kleben unter einer schattigen Felswand, Maisfelder und Palmenhaine säumen den Talgrund.

Jemen

Osama Bin Laden

Hier, in den "hohen Bergen und Wüsten" des , der Heimat seiner Vorfahren, wollte sich einst niederlassen und "frische Luft" atmen. Am Dorfausgang steht eine Ruine mit verwitterten Fensterläden - das Stammhaus seiner Familie. In den zwanziger Jahren hat sein Vater Mohammed das Dorf verlassen, in den Fünfzigern sein Onkel Abdullah hier die erste Wasserleitung installiert. Viel ist seither nicht passiert. Ein erstes Stück Straße ist neulich asphaltiert, ein Ortsschild aufgestellt worden.

Wunderschön ist der Jemen, arm, rückständig - und gefährlich. Denn hier, so viel steht acht Jahre nach den Anschlägen vom 11. September fest, hat die jüngste Generation von islamistischen Terroristen ihre neue "Qaida", ihre "Basis", aufgeschlagen.

Wer daran noch Zweifel hegte, den belehrte, im hohen Ton des Gründers, jetzt die Propaganda-Abteilung von "Al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel": "Mit Gottes Hilfe hat der heldenhafte Bruder, der das Märtyrertum anstrebende Umar Farouk, eine einzigartige Operation gegen ein Flugzeug durchgeführt, das nach Detroit in den USA unterwegs war, am Tag, an dem sie ,Christmas' feiern."

In den USA rief der gescheiterte Anschlag des Nigerianers auf einen Airbus der Fluglinie Northwest mühsam überwundene Ängste wach. Kristallisationspunkt dieser Ängste aber ist nicht mehr Afghanistan, wo 68.000, nicht der Irak, wo noch 120.000 US-Soldaten stehen, auch nicht Pakistan, wo sich Bin Laden und die Führung der alten Qaida aufhalten sollen, sondern der Jemen.

"Nun geht es der Qaida an den Kragen"

"Al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel hat Schlagkraft entwickelt, die über die anderer Qaida-Ableger hinausgeht", sagt Richard Barrett, der Uno-Beauftragte für die Beobachtung des internationalen Terrorismus. Tatsächlich konzentrieren sich westliche wie arabische Regierungen und Geheimdienste immer stärker auf den Jemen, vor allem die Amerikaner.

Im Mai traf sich der stellvertretende CIA-Direktor Stephen Kappes mit Präsident Ali Abdullah Salih, im Juli kam David Petraeus, der Chef des für den ganzen Nahen Osten zuständigen US Central Command, im September John Brennan, Obamas Berater für Terrorismusbekämpfung.

Ihren vorläufigen Höhepunkt erreichte Washingtons und Sanaas "starke Partnerschaft" in den Tagen unmittelbar vor dem Anschlagsversuch im Anflug auf Detroit: Am 15. Dezember begannen die Verbündeten eine kombinierte Luft- und Bodenoffensive gegen mutmaßliche Qaida-Camps nahe der Hauptstadt und in den Provinzen Schabwa, Dschauf und Abjan; am Heiligabend wurde in Schabwa ein Häuserkomplex bombardiert, in dem sich die Qaida-Führung angeblich zu einem Treffen verabredet hatte.

Berichte des US-Senders ABC, wonach US-Kampfbomber an den Operationen beteiligt waren und zwei Cruise Missiles abschossen, hat das Weiße Haus weder bestätigt noch dementiert. Tatsächlich aber habe Obama seinen jemenitischen Kollegen nach der ersten Operation angerufen und ihm gratuliert. "Nun geht es der Qaida an den Kragen", behauptet - etwas vorschnell - der jemenitische Terrorbekämpfer General Jahja Abdullah.

Seit Jahren schon investiert Washington immer größere Summen in die militärische Infrastruktur des Jemen: 2006 waren es 11 Millionen Dollar Militärhilfe, 70 Millionen sind es dieses Jahr.

Ideale Bedingungen für den Aufbau eines terroristischen Netzwerks

Saudi-Arabien

Für die Pläne der Dschihadisten spielt das Land eine zentrale Rolle. Der Jemen hat historisch tiefverwurzelte Verbindungen nach , nach Ostafrika und in die islamischen Länder Südostasiens, Schauplätze, denen seit langem das Augenmerk der militanten Islamisten gehört. Vom Jemen und Somalia aus ist das Bab al-Mandab zu kontrollieren, der Eingang zum Roten Meer, durch das täglich gut drei Millionen Barrel Rohöl Richtung Westen verschifft werden.

Und der Jemen ist ein Staat, dessen kriegerische Geschichte, dessen Armut und schwache Regierung geradezu ideale Bedingungen für Aufbau und Rekrutierung eines terroristischen Netzwerks bieten. 1990 mit dem sozialistischen Südjemen wiedervereinigt, hat die Führung des konservativen und vom Stammeswesen geprägten Nordjemen Islamisten lange als natürliche Verbündete betrachtet.

Für die Anfang der neunziger Jahre aus Afghanistan zurückkehrenden Mudschahidin war die Unterdrückung der gottlosen Südjemeniten eine logische Fortsetzung ihres siegreichen Krieges gegen die Sowjets am Hindukusch. Noch heute reichen die Verbindungen der Afghanistan-Veteranen bis in die engste Umgebung von Präsident Salih, zählen ehemalige Bin-Laden-Gefährten wie der "rote Scheich" Abd al-Madschid al-Sindani zu den mächtigsten Männern.

al-Qaida

Je mehr die Amerikaner den Druck auf in Afghanistan und Pakistan verstärkten, desto attraktiver wurde der Jemen als Rückzugsgebiet. Und obwohl auch im Jemen mehrere führende Kader festgenommen wurden und andere im US-Gefangenencamp Guantanamo landeten, hielt der Strom junger Islamisten vor allem aus Afrika und Südostasien an. Hunderte von Somaliern, Indonesiern und Malaysiern durchliefen etwa Sindanis berüchtigte Iman-Hochschule in Sanaa und kehrten als feurige Prediger in ihre Heimat zurück.

Als besonders nützlich erwies sich das südliche Nachbarland für Mitglieder der saudi-arabischen Qaida-Filiale, die nach einer Serie spektakulärer Attentate 2004 und der Tötung ihres Anführers Abd al-Asis al-Mukrin in Bedrängnis geriet. Mehrere Mitglieder setzten sich in den Jemen ab, darunter auch die beiden Guantanamo-Rückkehrer Said Ali al-Schihri (Häftling Nr. 372) und Mohammed al-Aufi (Nr. 333). Beide nahmen nach ihrer Freilassung 2007 an einem Rehabilitationsprogramm in Riad teil, beide tauchten aber kurz darauf im Jemen auf, Schihri sogar als stellvertretender Chef der im Januar zusammengelegten Qaida-Zweige der beiden Länder.

Ein dritter Saudi-Araber, Abdullah Hassan Tali al-Asiri, meldete sich Ende August bei Prinz Mohammed Bin Naïf, dem stellvertretenden Innenminister Saudi-Arabiens, und gab vor, sich stellen zu wollen. In dessen Büro zündete er eine Bombe, die den Attentäter zerfetzte, den Prinzen aber nur leicht verletzte.

Den Sprengsatz hatte der Terrorist im Darm oder in der Unterhose versteckt - möglicherweise ein Präzedenzfall für den Attentatsversuch des Detroit-Bombers.

Herausforderung mit denkbar schlechten Handlungsalternativen

Dass es der zweiten Generation von Qaida-Kämpfern gelungen ist, diesen sowie weitere schwere Anschläge zu verüben, hat auch mit dem offenbar unaufhaltsamen Verfall des Landes zu tun. 2007 entzündete sich erneut der Konflikt mit dem abspaltungswilligen Südjemen, 2009 der Bürgerkrieg mit den schiitischen Huthi-Rebellen im Norden.

Für Washington und den Westen stellt der Jemen damit eine Herausforderung mit denkbar schlechten Handlungsalternativen dar: Das Land sich selbst und seinen Stämmen zu überlassen könnte zu einem Staatsversagen wie in Somalia führen; den militärischen Einsatz zu erhöhen und stärker als bislang in die Terrorbekämpfung einzugreifen würde, wie in Pakistan, die Bevölkerung noch weiter gegen Amerika aufbringen.

Profiteur wäre im einen wie im anderen Fall die Qaida Osama Bin Ladens. Wie er sich dieses Land vorstellt, ließ er kürzlich seinen Stellvertreter Aiman al-Sawahiri verkünden.

Sie sollten es den afghanischen Paschtunen gleichtun, rief Sawahiri die Stämme des Jemen auf. Sie dürften es nicht "zulassen, dass der Jemen ein Versorgungszentrum für den Kreuzzug gegen die muslimischen Länder wird". Vielmehr sollten ihnen die Mudschahidin Saudi-Arabiens ein Vorbild sein - als "ein Dorn in der Kehle" der Regierenden.