Italien Das Wunder des Figaros
Johannes Paul II.: "Santo subito!"
Giannis Klinge pflügt durch die Schaumlandschaft am Hals seines Kunden. "Natürlich habe ich Wojtyla damals gesagt, ich bin Kommunist. Er hat's hingenommen. Klar, niemand provoziert seinen Friseur, jedenfalls nicht beim Rasieren. Stimmt doch, Alberto?" Durch den Rasierschaum dringt zustimmendes Gemurmel. "Auch ein künftiger Papst nicht."
Der Barbier Giovanni Vecchio, genannt Gianni, hat Karol Wojtyla einige Male rasiert, 1976 oder 1977. Damals arbeitete der heute 61-Jährige in einer Barbierstube in der Nähe des .
"Er kannte sich nicht aus. Er hatte einen starken Akzent. Er war ein Gastarbeiter, so wie ich früher." Sie redeten, auf Deutsch oder Italienisch, und erst viel später sei ihm klargeworden, dass er, Gianni Vecchio, einen Kardinal unter dem Messer gehabt hatte: "Damals, 1978, als nach dem Konklave der weiße Rauch aufstieg, stand ich auf dem Petersplatz und hörte diese Stimme mit dem Akzent. Den kenne ich, habe ich gesagt."
Gianni Vecchio wirkt wie ein Ringer im Ruhestand, kahlgeschoren und untersetzt. Doch Kamm und Schere hält er wie das Besteck beim Galadiner. Seine Friseurstube ist wenig mehr als eine komplett mit Spiegeln ausgekleidete Einbuchtung der Via Niso, einer Sozialbauschlucht im Osten Roms. Rasieren kostet 5 Euro, Haarschnitt 15, für Nachbarn, also praktisch jeden, gibt es Spezialtarife.
Der Barbier ist seit kurzem ein "miracolato". Einer, dem ein Wunder passiert ist. Und der damit zum Kronzeugen für die Tauglichkeit eines künftigen Heiligen werden kann. Denn bevor ein guter Katholik selig- oder gar heiliggesprochen werden kann, bedarf es eines langwierigen Prüfungsverfahrens, das im Regelwerk "Divinus perfectionis magister" festgelegt ist.
"Santo subito!", hatten die Leute gerufen, damals nachts auf dem Petersplatz, als im Dom aufgebahrt war. Heilig, und zwar subito! Aber ohne penible Untersuchungen und Zeugenvernehmungen geht das nicht. Und ohne ein von der zuständigen Vatikanbehörde abgenommenes und amtlich beglaubigtes Wunder läuft sowieso gar nichts.
Deswegen ist Gianni Vecchio wichtig. Oder vielmehr seine Bandscheibe. Denn die spürt er jetzt nicht mehr.
Möglicherweise wird damit jener Papst, der das Sowjetimperium ins Wanken gebracht hat, seinen Heiligenschein einem ehemaligen Gastarbeiter und Mitglied der Kommunistischen Partei Italiens zu verdanken haben: "Hier, Ausweis Nummer 496145, Sektion Togliatti in St. Georgen. Unterschrieben noch von Enrico Berlinguer." Dem legendären Parteiführer.
"Dieser Wojtyla führt mich an der Hand"
Gianni Vecchio trägt das Dokument mit Hammer und Sichel immer bei sich im Portemonnaie, gleich neben den Votivbildchen von Johannes Paul und Mutter Teresa. Es ist eine Art doppelter Buchführung für ihn: "Glaube ist ein Konto, und Politik ist ein anderes. Ich war nie gläubig und bin es immer noch nicht. Aber dieser Wojtyla führt mich an der Hand."
An der Wand sind etliche Generationen von Jahreskalendern übereinandergehängt. Den von 1988 hat Gianni wieder nach vorn geholt: "Der passt wieder", sagt er, tippt auf das aktuelle Datum und fängt an, nach den Beweisstücken seines Bandscheiben-Wunders zu suchen. Währenddessen trocknet der Schaum auf Albertos Oberlippe. Aber das kann warten. Jeder kann warten. Ohne Giannis Laden wüssten viele nicht, wo sie den Tag verbringen sollten.
In diesem Land, das oft so scheint, als sei es zu einem Berlusconistan heruntergekommen, wirkt der Friseur Gianni Vecchio ähnlich übrig geblieben wie die Kalender an den Wänden seines Ladens. Er kommt noch aus der Zeit der Pappkoffer, als die Armen aus Süditalien nach Norden zogen. Manche bis nach St. Georgen im Schwarzwald, zu den Fabriken, die es 1961 dort noch gab, den Werken von Dual-Plattenspielern, Kundo- und Staiger-Uhren. "Wir waren 2500 Ausländer in St. Georgen, die allermeisten kamen aus Italien. Fast alles Kommunisten. Und das im Jahr des Mauerbaus. Nicht einfach."
Gianni Vecchio liebte St. Georgen. Er schnitt den Arbeitern die Haare und begann jene Sammlung von Haarföhnen, Bartpinseln und Rasierklingen anzulegen, die heute die Wände seines Salons bedecken.
Als Gianni Vecchio wieder in Rom frisierte und diesen polnischen Priester kennengelernt hatte, traf er ihn stets am 6. Januar wieder, zur Segnung der Krippe der römischen Stadtreinigung, einer weihnachtlichen Kultstätte der kleinen Leute von Rom. "Er sah mich immer an. Und jetzt hören Sie zu ..."
Vor einem Jahr gab Giannis Bandscheibe nach. Er konnte kaum noch laufen. Selbst das Rasieren seiner Kundschaft fiel ihm zunehmend schwer. Das Krankenhaus diagnostizierte zwischen dem zweiten und dritten Lendenwirbel einen Bandscheibenvorfall.
Am 31. Juli 2009 kommt Vecchio zur Operation ins Krankenhaus San Giovanni ("San Giovanni, wie Giovanni Paolo II., merken Sie etwas?!"). Im Empfangsraum sieht er ein Foto von Johannes Paul II.: "Ein frühes Bild von ihm. Mit den Augen, die ich kannte."
Der Magnet-Scan bestätigt die Diagnose, am 3. August ist der Operationstermin. Aber: "Ich wache auf, und der Schmerz ist weg. Vollkommen weg! Die Dottoressa Zaccagnini hat mich später noch einmal magnetisch durchleuchtet und nichts mehr gefunden! Sie sagte, sie glaube nicht an Wunder, aber es gebe keine Erklärung."
"Ich bin wohl das einzige Wojtyla-Wunder aus Italien"
Es muss der Blick seines Polen gewesen sein.
"Gianni, du bist auserwählt", ist hinter einer Zeitung zu hören, von der anderen Seite des Salons her, wo inzwischen drei alte Männer warten, dass der Barbierstuhl frei wird.
Auf jeden Fall ist Gianni Vecchio bis heute schmerzfrei, er läuft alle paar Tage 10, 15 Kilometer durch die Stadt und umkreist seinen Stuhl wieder wie in alten Tagen. "Und dann lag doch neulich ein Foto von Johannes Paul vor dem Laden. Genau das, was ich mir gewünscht hatte!" - "Sei miracolato! Wie Berlusconi, der auch keine Narben vom Attentat in Mailand zurückbehalten hat", sagt einer der Wartenden.
Gianni Vecchio meldete seinen Fall der zuständigen "Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse" am Petersplatz, wo - zu den üblichen Bürozeiten - Heilige gemacht werden.
Als dem polnischen Papst dann am 19. Dezember eine "heroische Tugendübung" attestiert wurde, stand Gianni Vecchio in Italiens wichtigster Talkshow "Porta a Porta", um von seiner Bandscheibe zu erzählen: "Ich bin wohl das einzige Wojtyla-Wunder aus Italien."
Wobei mancher auch der Auffassung sein könnte, es sei schon ein Wunder, das San-Giovanni-Hospital lebendig zu verlassen. Es hat einen Höllenruf in Rom.
Karol Wojtyla steht im Ruf der Heiligkeit
Die Anerkennung der Tugendübung durch ist, zusammen mit einem Wunder, Voraussetzung für die Seligsprechung. Karol Wojtyla ist sicherlich kurz davor. Er steht im Ruf der Heiligkeit, seine Lebensführung war auch bei genauer Examinierung herausragend christlich, und seine Schriften (alle wurden mit "Strenge und Nüchternheit" studiert und dem jetzigen Papst vorgelegt) gaben keinen Anlass zum Zweifel.
Im Herbst schon, so erwartet man es jedenfalls im Salon "Gianni" in der Via Niso, könnte es einen Seligen Karol geben, zu dem dann gebetet werden darf.
"Sie sagten, mein Fall würde der Seligsprechung einen Schub versetzen", erzählt Vecchio. Aber leider war die Beweisaufnahme für die "Causa Wojtyla" im Juli schon abgeschlossen, und Nachnominierungen sind nicht vorgesehen. So wird Giannis Wunder erst in der zweiten Phase verwertbar sein.
Ein Rat der Ärzte und Theologen wird sich über Giannis Computerscans beugen, vorher und nachher vergleichen, Gutachten und Gegengutachten einholen und zu einem Votum kommen: Alles, was mit rechten Dingen zugegangen ist, kann leider nicht berücksichtigt werden.
"Ciao Gianni, den Rest zahl ich nächstes Mal." - "Ciao Alberto. So, du bist dran, Tommaso. Wie immer?" - "Wie immer, Gianni."
Der Barbier Gianni Vecchio aus der Via Niso ist persönlich weit entfernt von heroischer Tugend. Er lebt derzeit von seiner Frau getrennt und mit einer Kroatin zusammen. Er ist ein Friseur, rasiert seine Kundschaft, auch wenn sich manchmal ein Kardinal in sein Geschäft verirrt.
Aber ohne Orte wie den Salon "Gianni" würde sich Italiens Gesellschaft nicht so hartnäckig gegen die allgemeine Beschleunigung und Ernüchterung behaupten. Hier wird, zwischen Hautwässerchen, Enkel-Fotos, Pin-ups und Heiligenbildchen, die Tagespolitik verhandelt, hier werden die jüngsten Zumutungen der Regierungskaste eingeordnet.
Nur eine Barbierstube, kein Ort für metaphysische Erörterungen.
Aber wundersam durchaus.