Brasiliens Trainer Dunga: Der ungeliebte "Deutsche"
Brasilien "Gerede vom schönen Spiel"
Kurz vor dem Abflug nach Südafrika gibt es für die Spieler der brasilianischen Nationalmannschaft einen Empfang vor dem Präsidentenpalast. Sie stehen in einer langen Schlange vor Luiz Inácio Lula da Silva, das brasilianische Staatsoberhaupt lächelt milde. Lula da Silva legt einem Spieler nach dem anderen die rechte Hand auf die Brust und beginnt zu murmeln. Fotoapparate klicken.
Würde diese Szene nicht vor dem Präsidentenpalast in der Hauptstadt Brasília spielen, könnte man denken, der Papst spendete den Segen "urbi et orbi".
Doch dann erstarren Lulas großväterliche Gesichtszüge. Nationaltrainer Carlos Dunga bleibt einen Meter vor dem Präsidenten stehen und streckt ihm die Hand entgegen. Dunga, 46, schätzt weder übertriebene Nähe noch Pflichttermine wie diesen, vor allem dann nicht, wenn sie erst zwei Tage zuvor terminiert wurden und somit die Trainingsplanungen durcheinanderbringen. Dunga hält auch nicht viel von Politikern. Die erzählten ohnehin nur das, "was die Leute hören wollen", sagt er.
An diesem Nachmittag geht es nicht um Politik. Es geht um Fußball. Doch Fußball ist vielen Brasilianern wichtiger als Politik. Und dass sich der Präsident Lula und Nationaltrainer Dunga bei der offiziellen Verabschiedung des WM-Teams so kühl gegenüberstehen, sagt alles über die große Zerrissenheit im Land des fünfmaligen Weltmeisters.
Die Seleção, so nennen sie in Brasilien ihre Mannschaft, hat sich souverän für die WM in Südafrika qualifiziert, sie hat den Confederations Cup gewonnen, eine gute Vorbereitung hingelegt, es gibt keine Verletzten im Team. Die Stimmung in der Heimat ist dennoch getrübt. Die Fans trauen ihren Helden bei der Weltmeisterschaft wenig zu.
Es hat nichts mit der Qualität des Kaders zu tun. Die Mannschaft besteht aus 23 großartigen Technikern. Doch die Menschen in Brasilien fühlen sich einfach nicht mit dieser Seleção verbunden. Das Team reiste als eines der ersten nach Südafrika. Die Spieler logieren in der Nähe von Johannesburg. Dunga hat sie abgeschottet, so gut es geht. Er will nicht, dass der Aufenthalt zum Zirkus wird wie bei früheren Weltmeisterschaften, wo Reporter und Fans über den Trainingsplatz stapften.
Seine härtesten Kritiker wohnen in einem Hotel unweit des Sportzentrums. Der Mediengigant Globo hat ein ganzes Heer von Reportern nach Südafrika geschickt. Globo ist eine Großmacht in Brasilien, mit TV-Anstalten, Tageszeitungen und Internetportalen. Zwei Dinge liegen den Brasilianern, neben Fußball, besonders am Herzen: die Familie und das Fernsehen. Globo bestimmt mit seinen Telenovelas, Shows und Sportnachrichten, wann geweint und wann gelacht wird. Manche Reporter des Senders sind in ihrer Heimat so bekannt wie das Model Gisele Bündchen.
Man hat ein schwieriges Leben als Trainer der Seleção, wenn man Globo zum Feind hat.
Mauro Naves muss nicht lange überlegen, warum die Brasilianer ihr Team nicht lieben. "Es liegt am Trainer", sagt der Reporter von TV Globo. Die Kollegen nicken. Sie nennen Dunga den "alemão", den Deutschen, weil er immer so korrekt ist, weil er alles plant, weil er keine Mätzchen duldet, weil er die Medien fernhält. "Er mag uns nicht, der Deutsche, er mag niemanden", sagt Naves.
Carlos Dunga heißt eigentlich Carlos Caetano Bledorn Verri. Weil er als Kind so klein war, verlieh ihm sein Vater den Namen eines der sieben Zwerge, Dunga. Seine Großeltern wanderten aus Deutschland ein. Er liebt Blumen; sein größter Traum, sagt er, sei ein eigener Zoo.
Er war Kapitän der Seleção, gewann 1994 den WM-Titel. Dunga war der Abräumer vor der Abwehr. "Zielorientiert" habe er immer gespielt, sagt er, unter anderem beim VfB Stuttgart, für den er zwei Jahre in der Bundesliga kickte.
Mit 36 Jahren beendete Dunga seine Spielerkarriere. Nachdem Brasilien bei der WM 2006 in Deutschland im Viertelfinale ausgeschieden war, ernannte ihn der Verband zum Nationaltrainer. Dunga hat dem Team ein neues Gesicht verliehen. Das Spiel der Seleção ist nicht mehr so verschnörkelt, so gnadenlos offensiv wie früher; unter Dunga spielt die Mannschaft kontrolliert, effizient, man könnte auch sagen: modern. Idole wie Ronaldo, Ronaldinho oder Roberto Carlos flogen aus dem Kader. Der einzige verbliebene Weltstar im Team ist Kaká von Real Madrid.
Die Fans sind enttäuscht. Sie wollten in Südafrika ihre alten Helden spielen sehen. Besonders scharf wurden die Proteste gegen Dungas Reform, als er auch noch den Stürmer Adriano aussortierte. Adriano ist der beliebteste Spieler in Brasilien. Ein Junge aus der Favela, der es bis ganz nach oben schaffte, für Inter Mailand spielte, dann, vor vier Jahren, den Tod des Vaters nicht verkraftete, abstürzte, sich in den letzten Monaten aber wieder fing und in der brasilianischen Liga Torschützenkönig wurde.
Solche Geschichten lieben die Brasilianer. Dass kürzlich bekannt wurde, Adriano habe womöglich Geschäfte mit einem Drogenhändler gemacht, interessiert eher wenig. "Der Junge ist einer von uns", sagt Reporter Naves. Dunga verstehe nichts von der brasilianischen Mentalität, von den Sehnsüchten der kleinen Leute. "Er hat dem Land die Helden geraubt", schimpft Naves.
Es gibt kein Pardon mehr
"Ich bin nicht hier, um irgendjemandem zu gefallen", sagt Carlos Dunga. Er trägt die Haare als Borsten gen Himmel ragend, seine Haut schimmert blass, obwohl seit Tagen in Südafrika die Sonne vom Himmel brennt.
Dunga neigt den Kopf zur Seite und schließt die Augen. Er sagt: "In Brasilien bedeutet Fußball Liebe. Und Liebe bewegt sich zwischen Hass und Leidenschaft."
Vor zwei Jahren forderte die Tageszeitung "O Globo" Dunga mit einer Todesanzeige zum Rücktritt auf. Brasilien hatte 0:3 gegen Argentinien im Halbfinale der Olympischen Spiele in Peking verloren. Die Anzeige ragte über eine ganze Seite, in einem kurzen Text hieß es: "Wir bitten, von Blumengeschenken abzusehen."
Dunga hielt das aus. Auch weil der brasilianische Fußballverband hinter ihm stand. Doch nun ist WM. Es gibt kein Pardon mehr.
Dunga versteht sich als Reformer. Manchmal formuliert er Sätze, die so nüchtern, so klar sind, dass man sie nur als einen direkten Angriff auf die brasilianische Fußballkultur verstehen kann.
"Es gibt und gab in der Seleção zu keiner Zeit Spieler, die nicht zu ersetzen waren. Der beste Beweis ist doch der Mythos Pelé. Auch als er seine Karriere beendete, gewann Brasilien weiterhin Spiele", sagt Dunga.
Mit reiner Ballkunst und "schönem Tänzeln" sei Mannschaften wie Portugal und der Elfenbeinküste, Brasiliens Gegnern in der Gruppenphase, nicht beizukommen.
"Bei mir zählt Qualität in Verbindung mit Zielstrebigkeit. Machen wir uns doch nichts vor: Das Gerede vom schönen Spiel, das ist doch alles nur Philosophie." So redet der Trainer Brasiliens.
Seine Kritiker meinen, Dunga raube dem brasilianischen Fußball die Seele, die Schönheit, das Spektakuläre. "Die Deutschen bauen doch auch keinen Porsche in Trabi-Format, nur damit er spritsparender funktioniert", sagt Reporter Naves.
Die Brasilianer wollen sich mit ihrem Team identifizieren. Dunga aber will immer nur in Ruhe arbeiten. Manchmal schürt sein Pragmatismus den Volkszorn.
Auf die WM bereitete sich die brasilianische Nationalmannschaft in der Industriestadt Curitiba vor. Die Vorgänger von Dunga bezogen ihr Trainingslager in der Nähe von Rio de Janeiro. Dunga wollte lieber nach Curitiba, weil dort die Sportanlagen so modern sind.
An einem der letzten Trainingstage versammelten sich rund 500 Menschen vor dem Eingangsbereich des Trainingszentrums. Sprechchöre hallten über den Platz.
"Lasst uns rein!"
"Lasst das Fußvolk rein!"
"Dunga, du Vagabund, mach die Tür auf!"
Die Tür blieb verriegelt. Dungas Assistent Jorginho versuchte, die Rufe mit der Trillerpfeife zu übertönen. Mitarbeiter des brasilianischen Fußballverbands eilten zum Eingang, um die Leute zu beruhigen, aber es gelang ihnen nicht.
"Verräter!", brüllten die Fans. Sie hörten erst auf zu schreien, als zwei mit Knüppel und Pistole bewaffnete Militärpolizisten vor die Menge traten.
Der brasilianische Dramatiker Nelson Rodrigues bezeichnete vor gut 50 Jahren das Amt des Nationaltrainers als eines der schwierigsten überhaupt. Nur wer über eine unverwüstliche Gesundheit verfüge, könne den Job ohne Folgeschäden überstehen. Ansonsten würde man verrückt.
Bislang merkt man Dunga den Druck nicht an. Auch dann nicht, wenn er von höchster Stelle kommt. Nach der Niederlage gegen den Erzrivalen Argentinien bei Olympia erklärte Staatspräsident Lula, nie habe ihn eine Niederlage dermaßen geärgert, diese Schmach sei "wirklich schlimm".
Das Verhältnis zwischen Lula und Dunga ist seither distanziert. Was kein Wunder ist, bei den beiden Männern prallen unterschiedliche Welten aufeinander. Im Gegensatz zu Dunga lässt Lula, der Vertreter der linken Arbeiterpartei, keine Möglichkeit aus, den Brasilianern zu zeigen, dass er einer von ihnen ist. Er liebt die Nähe zum Volk. Würde er im Oktober wieder kandidieren, was nach zwei Amtszeiten nicht möglich ist, würden ihn 80 Prozent der Brasilianer wieder wählen.
Defizite im Bildungswesen? Das Desinteresse an der Umweltpolitik? Die hohe Kriminalitätsrate? Egal. Brasilien ist mit Hilfe Lulas auf dem Weg, die fünftgrößte Wirtschaftsmacht der Welt zu werden. Er lässt die Brasilianer träumen. Das zählt.
Carlos Dunga sagt, er würde die Träume seines Landes gern "mit der Realität zusammenbringen". Brasilien will Weltmeister werden. Den Titel hole man aber nicht mit "Sambafußball". Wichtig seien eine stabile, gutorganisierte Defensive und Disziplin.
Zum Training im Dobsonville-Stadion im Herzen von Soweto sind 20 000 Zuschauer gekommen. Das Publikum, darunter viele Kinder aus der Umgebung, feiert die Spieler und ihren Trainer.
Der brasilianische Zauber funktioniert noch, zumindest in Afrika.
Dunga wirkt so konzentriert, als sei er der Einzige, der das Getröte der Vuvuzelas nicht hört. Alles ist geordnet, jede Übung, jeder Schritt seiner Spieler wirkt einstudiert.
Mauro Naves und seine Kollegen von TV Globo beobachten das Training von der Pressetribüne aus. Alle zehn Minuten senden sie Live-Berichte in die Heimat. Am Dienstag spielt Brasilien sein Auftaktmatch gegen Außenseiter Nordkorea. Bei Globo, sagt Naves, sei man sich bereits einig, wie die Schlagzeile lauten würde, wenn die Seleção bei der WM in Südafrika scheitert: "Brasilien raus wegen Dunga!"
Unten auf dem Rasen verteilt der Trainer orangefarbene Hütchen für die nächste Taktikübung. Wie ein Vermessungstechniker korrigiert Dunga die Abstände. Er ist ein Wertarbeiter. Er guckt nicht ein einziges Mal hoch zur Reportertribüne.
Er weiß, dass sie nur auf seine Ablösung warten. 2014 wird die WM in Brasilien ausgetragen. Der Verband hat sich bewusst offengehalten, ob er mit dem Trainer weitermachen wird. Dunga rechnet damit, dass ihm nur ein WM-Sieg in Südafrika den Job retten würde.
"In meinem Land zählt nur der Titel; wenn ich ihn nicht gewinne, muss ich gehen", sagt er.