Rudolf Augstein: Die Grünen als Lemminge - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Rudolf Augstein Die Grünen als Lemminge

Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Einwohner von Pompeji konnten im Jahr 78 nach Christus nicht ahnen, welches Schicksal ihnen der Vesuv ein Jahr später bereiten würde. Bei den Grünen herrscht derzeit nur eine Ahnung: die der unabsehbar fortdauernden Hilflosigkeit. Es ist nun nicht mehr sicher, ob die Partei dem nächsten Bundestag überhaupt angehören wird.

Zwar würde Kanzler Schröder seinen Koalitionsgenossen gern noch ein Stückchen entgegenkommen, aber da sind ihm, angesichts einer wieder erstarkenden CDU, Grenzen gesetzt. Er müsste Wählerstimmen an die Grünen abtreten, die er vielleicht selber braucht.

So wohnen wir dem interessanten Lehrstück bei: wie ein intelligenter Haufen sich selbst sehenden Auges zu Grunde richtet.

Die Schuld allein bei Joschka Fischer zu suchen hieße zu kurz greifen. Dennoch hat der übermüdete Außenminister auf Grund seines Narzissmus einen beträchtlichen Teil dieser Bürde zu tragen. Offenbar hat er sich übernommen und auf seinem unbequemen Weg zu viele Fehler gemacht. Schon jetzt wirkt er ausgelaugt. Gegen die eigene Partei regieren zu wollen, das ist auch einem Helmut Schmidt schlecht bekommen.

Mit seinem Wunsch, Amt und Mandat nicht mehr zu trennen, ist Fischer gescheitert. Er ist kein Sadist und auch kein Masochist, aber nolens volens in eine Lage geraten, einen Spagat auszuprobieren, der weder ihm noch einer anderen Leitfigur gelingen kann. Bisher hat es noch keine "Nicht-Partei" geschafft, den Spagat zum unerlässlichen Regierungspartner ohne Gefährdung der eigenen Existenz zu bewerkstelligen.

Zwar gilt Fischer nach wie vor als heimlicher Führer seiner Partei, aber immer mehr Anhänger fragen sich, wohin er sie führen will. Die traurige Wahrheit ist, dass auch er nur ein Ziel verfolgt: als Minister die nächste Bundestagswahl im Jahr 2002 zu erreichen. Er mag sich das nicht eingestehen, doch lehrt dies die Praxis.

Wer seine programmatischen Probleme nicht lösen kann, hat am Ende nur leere Worthülsen feilzubieten. Die grüne Partei ist arm an Stammwählern und für junge Leute nicht mehr sonderlich attraktiv.

Die CDU hat vorgemacht, dass man es durch ständiges Entschuldigen nicht weit bringen kann, und Joschka Fischer sähe im Büßergewand auch komisch aus.

Die Grünen mögen sich damit trösten, dass ihr Agieren nicht nutzlos geblieben ist. Doch kann man von Nostalgie nicht leben. In der "Süddeutschen Zeitung" moniert Claudius Seidl zu Recht, "die Natur, welche die frühen Grünen erretten und bewahren wollten, war die eigene". Man kann es anders nicht mehr sehen.

Wie sonst soll man sich erklären, dass eine gegen die Atomkraft gegründete Formation die Sprengkraft ihres Hauptthemas ständig unterschätzt? Die neue deutsche "Financial Times" bemerkte jüngst wohl nicht zu Unrecht, Joschka Fischer fände Atomfragen langweilig, die Brisanz dieses Themas rausche an ihm vorbei.

Wie anders konnte es dazu kommen, dass viele Basis-Grüne in der Hermes- Bürgschaft für den Neubau eines Kernkraftwerks in China einen eklatanten Verstoß gegen die Grundwerte von Bündnis 90/Die Grünen sehen? Das Auswärtige Amt war an der Bürgschaftszusage für Siemens beteiligt, doch nicht einmal die betroffenen Abgeordneten waren unterrichtet.

Und wie anders war es möglich, dass die vom Kanzler gesetzte Frist, Atomausstiegsgespräche mit deutschen Kraftwerksbetreibern bis Ende Februar abzuschließen, ungenutzt verstrich? Proteste? Nicht von Trittin, nicht von Fischer.

Hans-Peter Repnik, Parlamentarischer Geschäftsführer der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, setzt schon jetzt auf das "Hoch Angela": "Rot-Grün fürchtet derzeit mehr Fuchs und Leopard als den politischen Gegner." Tatsächlich haben die Grünen wieder mit dem Bruch der Regierungskoalition gedroht, wenn die Türkei mit Leopard-2-Panzern beliefert würde. Zwar hatten sie auf dem Bundesparteitag in Karlsruhe beschlossen, sich mit derlei Drohungen zurückzuhalten ­ zwei Tage später sah die Welt schon wieder anders aus.

Auch die Lemminge treibt kein wilder Todestrieb. Sie suchen blindwütig nach Nahrung und schieben sich dabei selbst ins Meer. Der Mensch, in seiner Gier nach der Futterkrippe, handelt nicht anders.