Internet: Wie das Netz uns neu erschafft
Internet Kampf ums Ich
Es gibt mich zweimal. Das eine Ich hat diesen Text geschrieben. Es hat eine Frau, zwei Kinder, Nachbarn, Bekannte, einen Job, das Übliche. Wie Sie sicher auch halte ich mich natürlich für einzigartig, ein Wesen aus Fleisch und Blut jedenfalls. Anfassbar. Angreifbar auch.
Mein anderes Ich wird von verwaltet, also gemacht. In 0,15 Sekunden erhalte ich bei der Suchmaschine 11.500 Treffer, wenn ich meinen Namen in Anführungsstrichen eingebe. Ein paar Minuten später werden übrigens nach 0,09 Sekunden 13.400 Einträge behauptet, die man eh nie alle zu sehen kriegt, doch das nur als Absurdität am Rand. Mein Google-Ich ist ein Wesen aus Bits und Links. Unbegreiflich. Unnahbar auch.
Der andere bin aber nicht ich, obwohl doch angeblich alles ordnen. Mein digitales Abziehbild hat allenfalls am Rande mit mir zu tun und macht mir zunehmend Sorgen, weil es ein Eigenleben zu führen beginnt.
Dabei beklage ich mich nicht einmal darüber, dass ich von Google in die gleiche Schublade geschoben werde wie ein anderer Mensch gleichen Namens, der vielleicht Ähnliches von mir denkt: Wie kommt dieser Typ dazu...? Der andere Thomas Tuma ist Verkehrspädagoge in Hessen, sagt Google. Womöglich hat er sich schon über mich geärgert, weil die Leute dachten, er sei ich. Mit Sicherheit können wir beide froh sein, dass wir nicht "Thomas Schmidt" heißen, sonst würden wir uns gar nicht mehr wiederfinden zwischen den vielen anderen, was zugleich das Problem ist: Von "meinen" Fundstellen beziehen sich die meisten durchaus auf mich. Nur: Das ist nicht mein Repräsentant, als der "er" sich geriert.
1981 brachte Nintendo eines der ersten Videospiele auf den Markt. Die Technik war noch jung, zur Gestaltung der Hauptfigur hatten die Entwickler nur 16 mal 16 Pixel. Es war, als müssten sie aus einer Handvoll Backsteinen Rodins "Denker" nachbauen. Sie konnten deshalb keinen Mund gestalten, nur einen groben Schnurrbart. Statt Haaren bekam das Männchen eine Mütze, und damit es sich vom schwarzen Hintergrund abhob, steckte man es in eine knallrote Latzhose. Nintendo machte aus der technischen Not eine Wesenstugend, die erst später einen richtigen Namen bekam: Mario. Rund 30 Jahre nach seiner Erfindung könnte Nintendo ihn heute bis in kleinste Details gestalten. Aber man beließ ihn als dicklich-schlichten Klempner mit Schnauzer. Genauso haben Google und Co., ohne mich zu fragen, mein anderes Ich vor einigen Jahren erschaffen aus wenigen Bausteinen - und seither im Grunde nicht verändert.
Wir sind in der Internetära die Summe vieler Perspektiven geworden
Mein digitales Ich ist eine Baustelle, auch wenn ich bislang glücklicherweise um echte Image-Katastrophen herumgekommen bin. Einem Kollegen etwa widerfuhr, dass jemand unter seinem Namen einen Account bei anlegte: Sein Zweit-Ich gerierte sich als Rassist, gegen den er sich im realen Bekanntenkreis zur Wehr setzen musste. Das ist der schon "normale" Identitätsklau. Eine Kollegin sagte im Fernsehen ein paar unbedachte Sätze, woraufhin sie wochenlang von einem Online-Mob durchs virtuelle Dorf getrieben wurde. Die Online-Wunden solcher Scharmützel bleiben mit an Ewigkeit grenzender Wahrscheinlichkeit.
Und das beklagt hier ausgerechnet ein Journalist, dessen Geschäftsgrundlage das Leben der anderen ist? Eben drum. Die britische Schauspielerin Helen Mirren hat in einem Interview erklärt, sie habe sich damit abgefunden, dass ihre Persönlichkeit nicht nur aus ihrem Selbstbild besteht, sondern auch aus dem, was andere über sie denken, reden, schreiben: "Wir sind halt nicht nur so, wie wir uns selbst sehen, sondern auch so, wie andere uns sehen." Absolut richtig, wir sind in der mehr denn je die Summe vieler Perspektiven geworden und haben Meinungen und Urteile über uns zu akzeptieren. Aber auch Journalismus ist Gesetzen, Kontrollen und eigenen Standards unterworfen, die im Netz selten Leitplanken bieten, was wiederum in der Natur des Mediums liegt.
Das Erinnerungsvermögen des Menschen ist begrenzt. Mit den Jahren verblasst vieles. Selbst klassische Archive vergilben. Das Internet vergisst eigentlich nichts. Es lässt keine Milde walten. Und Google sucht ja auch weniger, als dass es nach Relevanz sortiert. Relevanz hat in der Google-Denke, was von möglichst vielen anderen Web-Seiten verknüpft wird. Mit Wahrheit hat das nichts zu tun. Je virenähnlicher sich etwas ausbreitet, umso relevanter wird es aus der Google-Perspektive. Das kann etwas Gutes sein. Hass, Häme und Kritik breiten sich indes beinahe a priori epidemisch aus. Jedes anonyme Info-Bruchstück ist im Netz erst mal gleich wichtig und suggeriert bisweilen zeitlose Aktualität.
Unter meinen ersten 20 Google-Einträgen sind ein paar herrliche Beschimpfungen ("Propagandist beim imperialen Hetzblatt DER SPIEGEL"); ein Viertel der Fundstellen beschäftigt sich mit einem Roman, den ich vor über zehn Jahren geschrieben habe. Er ist mir nicht peinlich, aber auch überhaupt nicht mehr wichtig. Dennoch nennt mich auf Platz eins des Suchmaschinen-Rankings ein -Eintrag "Krimiautor". Auf Platz sechs fragt eine Bloggerin: "Wer zum Teufel ist eigentlich Thomas Tuma?" Um diese Frage soll es hier gehen, wobei statt meines Namens jeder andere stehen könnte.
Meine Zukunft wird eine algorithmische Ableitung der Vergangenheit
Es soll darum gehen, wer wir noch sind. Wer macht uns? Wie können wir uns dagegen überhaupt wehren? Und wie beeinflusst unser Zweit-Ich schon jetzt unsere Erst-Existenz? Wie droht es uns zu verändern, ja an den Rand zu drängen?
"In der hochprogrammierten Landschaft der Zukunft wird man entweder die Software erstellen, oder man wird sie sein", glaubt der US-Autor Douglas Rushkoff. "Es ist in der Tat so einfach: Programm werden oder programmiert werden." Der Medientheoretiker Norbert Bolz schreibt: "Ich bin meine Maus-Klicks. Identität ist heute eine Rechenaufgabe."
Deshalb ist der aktuelle hiesige Streit um Googles Geo-Dienst die falsche Debatte zum echten Problem. Es geht nicht um das Abfotografieren unserer Häuserfassaden, sondern um den digitalen Um- und Neubau der Wesen dahinter und darum, dass wir das selbst bereits als Währung anerkennen. Es geht nicht um Egos, sondern um Identität.
Es geht auch nicht um den Einbruch der Konzerne in unser Privatleben, denn das haben sie längst infiltriert und zugleich kartografiert. Google steht ja auch hier nur stellvertretend für viele Unternehmen, die rund um die Uhr Informationen über uns sammeln und unseren Netz-Ichs immer neue Teile beifügen, wenn wir das nicht ohnehin gleich selbst übernehmen in sogenannten , in denen sich unsere Zweit-Ichs versammeln, um ihr neues Eigenleben zu organisieren.
weiß genau, was ich für Musik höre oder welche Filme ich kaufe. Amazon empfiehlt mir dauernd Bücher. Woraus schließt das Unternehmen, dass die mich interessieren können? Aus meinem früheren Kauf- und Surfverhalten. Meine Zukunft wird eine algorithmische Ableitung der Vergangenheit. Aus diesen Online-Splittern meiner selbst ziehen die Unternehmen Schlüsse, mit denen sie wiederum mich beeinflussen. Mir werden heutzutage via Internet ja nicht nur Bücher vorgeschlagen, sondern auch Reisen, Freunde und sogar Lebenspartner, die rein rechnerisch zu mir passen.
Das lässt künftig keine Überraschungen mehr zu. Die Konzerne bauen unser Leben als lineare Linie auf. Und sie werden sogar klug genug sein, selbst auf diese Bedenken zu reagieren, indem sie mir ein konsumistisches Paradies versprechen - maßgeschneidert, nur für mich und auf meine Wünsche abgestimmt, die sie besser zu kennen glauben als ich. Aus der Sicht der Maschinen ist ihr Vorgehen logisch. Aus der Sicht der Menschheit bedeutet es - konsequent weitergedacht - womöglich das Ende jeder Veränderung, jeder Innovation, jeder Revolution.
Sie alle spähen uns aus
Irgendwann braucht das Netz-Ich mich vielleicht gar nicht mehr. Es wird sich selbst genug sein. Wenn ich längst tot bin, wird dieses Über-Es weiterleben. Ich habe mit mir nichts mehr zu tun. Das ganze Dilemma des Phänomens zeigt jener zu meiner Person existierende Wikipedia-Eintrag, dessen Autor unbekannt bleibt.
Am 19. Juli 2005 um 17.05 Uhr wurde er von einem anonymen Benutzer online gestellt. Der Eintrag wurde kaum verändert, bis ein anderer Nutzer ihn - wieder anonym - am 20. November 2007 wegen "mangelnder Relevanz" löschen lassen wollte. Ich hätte das Vorhaben gern unterstützt. Ich wäre gern irrelevant geworden. Aber irgendwie scheiterte der Antragsteller an den Formalien des Lexikon-Portals, der Streich-Wunsch wurde selbst irrelevant, so dass ich nun weiter bei Wikipedia herumgeistere. Als vierzeiliger "Stub", "Stummel", so werden derart kurze, untote Einträge dort genannt.
Es ist mir unangenehm, dass ich in dem Lexikon überhaupt auftauche. Ich habe mit dem Eintrag nicht das Geringste zu tun, auch wenn er sicher nett gemeint war. Ich habe mich aber nicht mehr unter Kontrolle. Erstens besitze ich keine exklusiven Zugriffsrechte, zweitens: Wie sähe es erst aus, wenn ich anfinge, an meinem persönlichen, von der so vielgepriesenen Schwarmintelligenz Wikipedia erschaffenen Ich herumzupfuschen?
Andererseits: Wenn ich mich dem Netz verweigerte, wäre ich jetzt schon tot, denn was wirkt noch dubioser als üble Nachrede? Jemand, über den es gar keine "Fakten" zu finden gibt. Wenn ich Arbeitgeber wäre: Würde ich mich selbst einstellen, mit den Informationen, die mir mein Netz-Ich über mich zur Verfügung stellt, mit all dem Uraltkram, den Gehässigkeiten, den Missverständnissen und Link-Kurzschlüssen? Schwierig.
"Google ist wie ein Organismus, der sich von seinem eigenen Körper ernährt"
Jeder Personalchef googelt heute neue Arbeitskräfte, jeder Kunde eine Firma, jeder Single einen potentiellen Partner. Ich dagegen nicht, ich bin bei keinem Netzwerk aktiv und habe keine Homepage. Macht mich das nicht erst recht verdächtig? Wäre es besser, wenn ich bei Facebook auf eine wilde Vita zurückblickte, die mir nun wenigstens peinlich sein könnte?
Jüngst dachte Google-Chef Eric Schmidt darüber nach, ob man jungen Leuten nicht die Möglichkeit einräumen sollte, mit Erreichen der Volljährigkeit ihre reale Identität zu wechseln, um sich von virtuellen Jugendsünden zu befreien. Die Idee will er mittlerweile als Spaß verstanden wissen. Doch vergangene Woche forderte Schmidt uns auf, seinem Konzern noch viel, viel mehr Daten zur Verfügung zu stellen. Nur so könnten unsere digitalen Ichs uns ähnlicher werden. Wozu? Schmidt glaubt, dass die Leute von seiner Firma bald gar keine Antworten mehr auf ihre Fragen erwarteten, "sie wollen, dass Google ihnen sagt, was sie als Nächstes tun sollen".
Als der englische Staatstheoretiker Thomas Hobbes im 17. Jahrhundert seinen "Leviathan" entwarf, dachte er den Staat als Organismus, der sich aus seinen Bürgern zusammensetzt wie ein menschlicher Körper aus seinen Zellen. Jedes Individuum gab bei ihm in einem bewussten Akt Rechte an diesen Riesen ab, um zugleich eins werden zu können mit dem größeren Ganzen. Ohne Gesellschaftsvertrag kein Staat. Ein persönlicher Akt würdevoller Selbstbestimmung.
Apple, Facebook und Co. lassen uns allgemeine Geschäftsbedingungen unterschreiben oder besser: anklicken. Das war's. Google sei "wie ein Organismus, der sich von seinem eigenen Körper ernährt", sagt der US-Informatiker Jaron Lanier.
Die Konzerne haben uns nie eine Wahl gelassen. Mehr noch: Sie haben uns hintergangen, als sie begannen, vor einigen Jahren den globalen Leviathan 2.0 unserer Zweit-Ichs zu erschaffen. Google hat mit Geschenken gewinkt, die am Ende keine sind. Die Suchmaschine sollte unser Leben übersichtlicher machen, Google Earth die Welt erlebbar, Google News die Nachrichten sortieren. Es waren alles trojanische Pferde, mit deren Hilfe sich das Unternehmen in unsere Köpfe geschlichen hat, um uns auszuspähen.
Sie alle spähen uns aus. Dabei geht es weder um "Big Brother" noch Weltherrschaftsphantasien, sondern um simples Geschäft. Google, Apple oder gehören heute zu den profitabelsten Unternehmen der Welt. Sie verkaufen uns Produkte und uns als Produkt wiederum an die Wirtschaft. So schnöde ist das. Die Renaissance hat einst dem Ich das Bewusstsein geschenkt. Ein halbes Jahrtausend später ordnet Google auch das neu. Wer die Suchmaschine nach "Renaissance + Ich" suchen lässt, erhält als ersten Treffer ein Urlaubsresort in der Karibik.
Freiheit ist auch die Freiheit, sich zu verweigern
Beide Seiten müssen endlich umdenken. Die Konzerne müssen ihren sorglosen Umgang mit unseren Ichs beenden, an dem wir natürlich nicht unschuldig sind. Viele wollen ja wahrgenommen werden, Spuren hinterlassen. Und nirgendwo ist das einfacher als online, wo man auch das Spiel mit den Identitäten kultivieren kann. Aber sie sind dabei nicht einmal Marios geworden, sondern Marionetten. Deshalb sollten auch wir Erst-Ichs aufhören, Google & Co. als Identitätswährung zu akzeptieren.
Algorithmen sind dumm. Wir sind noch dümmer, wenn wir die völlig verzerrten Spiegelbilder akzeptieren. Die Google-Macht speist sich auch daraus, dass die Marketing-Masche des behaupteten Wir-wissen-alles-von-Euch nicht nur bei der werbetreibenden Industrie verfangen hat, sondern bei uns selbst.
Wir sind anders, doch das können wir nur unter Beweis stellen, wenn wir künftig mitentscheiden dürfen, was über uns sortiert und wie lange es wo archiviert wird. Freiheit ist auch die Freiheit, sich zu verweigern. Es geht nicht darum, dass wir bei Street View widersprechen dürfen. Es sollte darum gehen, dass wir vor allem bei privatesten Daten erlauben müssen, was damit geschieht. Informationelle Selbstbestimmung wurde uns vom Bundesverfassungsgericht schon 1983 zuerkannt.
Für viele mag das so naiv klingen wie die deutsche Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner, als sie jüngst aus Protest gegen die Datenschutzignoranz von Facebook ihren Account löschte. Ha, ha, lachten da viele. Da werde sich ein globaler Riese wie Facebook mit der Phalanx seiner Abermillionen hipper User ganz bestimmt fürchten!
Aber es gibt kein Recht des Stärkeren. Ebenso wenig wie ein Recht des Cooleren. Ein Gedanke oder gar der Widerstand gegen ein Regime wird nicht dadurch lächerlich, dass er keine Chance zu haben scheint. Die höhnischen Reaktionen auf Aigner zeigen nur: Die Politik ist längst der David im Kampf gegen den Totalitarismus des Goliaths Internetindustrie.
Wir sollten mal wieder auf der Seite der Schwächeren stehen. Das ist überraschenderweise die Seite der Politik - und vor allem unsere eigene.