Nahost Operation Stehvermögen
Rachel Rabin, 74, gehört zu jenen Israelis, denen Regierungschef Ehud Barak nun einen Beweis schuldig ist. Die Schwester des ermordeten Premierministers Jizchak Rabin lebt in einem idyllischen Kibbuz in der wildromantischen Berglandschaft Nordisraels. Doch ausgerechnet der politische Ziehsohn ihres Bruders hat ihr genommen, wodurch sie sich beschützt fühlte: die israelische "Sicherheitszone" im Nachbarland Libanon.
Obwohl Rachel Rabin für den Frieden ist und im Prinzip den Abzug für richtig hält, fürchtet sie wie zehntausende anderer Nordbewohner jetzt um ihre Sicherheit. Die internationale Grenze, auf die sich Israel zurückgezogen hat, verläuft keine zehn Meter vor dem Westzaun ihres Kibbuz. "Wer immer da von uns langfährt", sorgt sich Rachel Rabin, "bietet eine wunderbare Zielscheibe für die Hisbollah."
In einer Blitzaktion machte Israels Regierungschef letzte Woche wahr, was die Uno seit 1978 gefordert und er selbst im Wahlkampf versprochen hatte: Barak rief seine Armee aus dem Zedernstaat zurück schneller, als er es selbst geplant hatte. Denn statt bis zum vollständigen Abzug der Israelis die Stellung zu halten, liefen die Soldaten der verbündeten Südlibanesischen Armee (SLA) in Scharen davon ihr Kommandeur Antoine Lahad saß da schon in Paris.
Mittwoch früh um 6.42 Uhr war die Operation "Orech Ruach" ("Stehvermögen") beendet. Zu diesem Zeitpunkt verließ der letzte israelische Soldat den 120 Kilometer langen, bis zu 20 Kilometer tiefen Streifen.
Jubelnde, singende Soldaten zogen von einem Schlachtfeld, das für Israelis wie für Libanesen gleichermaßen zum Trauma geworden war. Die Tragödie hatte 1978 begonnen, als Regierungschef Menachem Begin die erste Invasion befahl, um "den teuflischen Arm der palästinensischen Terroristen abzuhacken" die PLO-Kämpfer um Jassir Arafat benutzten den Libanon damals als Operationsbasis. Aus den "wenigen Tagen", die Begin versprach, wurden über 20 Jahre. Fast 1000 israelische Soldaten, 600 SLA-Kämpfer und über 200 Uno-Soldaten sowie tausende libanesische Zivilisten ließen ihr Leben.
Nach so vielen Jahren Krieg sei es jetzt "faszinierend ruhig", konstatierte der Sprecher der Uno-Friedenstruppen im Südlibanon, Timor Göksel, der am Tag nach dem Abzug so entspannt war, dass er Besucher in seinem Hauptquartier am Westrand der Sicherheitszone in Socken empfing. Die seit 1978 dort stationierten Truppen sollen auf 8000 Mann aufgestockt werden, um eine Pufferzone entlang der Grenze zu kontrollieren.
Doch Kenner wie der israelische Militär-Analyst Zeew Schiff warnen: "Das ist nicht das Ende des Konflikts." Weil der Abzug ohne einen Friedensschluss mit Libanons Schutzmacht Syrien stattfand, fürchten viele, dass die Gotteskämpfer der Hisbollah, die vor allem Damaskus als Handlanger gegen das verhasste zionistische Gebilde dienen, keine Ruhe geben zumindest bis auch der seit 1967 besetzte Golan an Syrien zurückgegeben wird. Zudem könnte ein umstrittenes Gebiet am Fuß des Hermon-Berges Anlass zu neuen Hisbollah-Attacken geben: die noch immer von Israel beanspruchten Schaba-Farmen. "Wir haben den Libanon verlassen, aber verlässt er auch uns?", fragt der Politologe Ejal Zisser. Syrien könnte auch die palästinensischen Kämpfer in den Flüchtlingslagern aufstacheln. Erste Fanatiker haben sich bereits der Hisbollah angedient.
Dennoch hat der Rückzug gezeigt, dass die alte Kriegslogik nicht mehr stimmen muss. Entgegen allen Erwartungen hielten sich die Gotteskämpfer weitgehend zurück statt nun die große Auseinandersetzung zu suchen, schickte Hisbollah-Führer Nasrallah demonstrativ vertriebene Zivilisten in die geräumten Dörfer. Vielerorts wurden Milizionäre von der muslimischen Bevölkerung mit Reis und Rosenblüten begrüßt.
Für Barak kommt die vorerst erfolgreiche Aktion einem Befreiungsschlag gleich. Der ehemalige Militär, der einst als Elitesoldat selbst an Sonderkommandos in Beirut teilnahm, setzte sich nicht nur gegenüber seiner Militärführung durch; die Generäle hielten einen Rückzug ohne Frieden mit Syrien für ein Selbstmordkommando.
Vor allem leitete der bisher wenig erfolgreiche Premier eine Wende für die Militärnation Israel ein: Barak setzte auf Gewinnen durch Rückzug, Triumph durch Kapitulation, und er suchte Stärke in politischer Klugheit.
An einer der blutigsten Grenzen des Nahen Ostens öffnete sich vergangene Woche ein kaum mehr für möglich gehaltenes zwischenmenschliches Friedensfenster. "Ich stand am Zaun", berichtete fast verblüfft der für die Sicherheitszone ver-
antwortliche Kommandeur der Nordtruppen, Gabi Aschkenasi, "und entdeckte mir gegenüber plötzlich einen Hisbollah-Kämpfer. Ich sah ihn an, er sah mich an und nichts passierte."
Doch sicher ist auch: Feuern Fanatiker aus der geräumten Sicherheitszone jetzt Katjuschas auf den Norden Israels, stünde Barak nicht nur innenpolitisch mit dem Rücken zur Wand. Solche Aktionen würden auch die Gefahr erhöhen, dass es zu einem neuen Waffengang kommt. Jerusalem erklärte jede Attacke von nun an zu einem "kriegerischen Akt" und drohte mit massiven Vergeltungsschlägen, auch gegen Stellungen der Schutzmacht Syrien, die im Levantestaat noch knapp 30 000 Soldaten stationiert hält. Das wiederum könnte Syriens Staatschef Hafis al-Assad kaum unbeantwortet lassen.
Um Solidarität mit den verunsicherten Nord-Bewohnern zu zeigen, lässt Barak seine Minister derzeit scharenweise in die Region pilgern. Demonstrativ tagte das Parlament am Donnerstag in Kirjat Schmona. Auf die Stadt wurden seit 1969 rund 4000 Katjuschas gefeuert.
Aber schon werden auch erste Zweifel an der Existenzberechtigung der Grenzsiedlungen laut. Die Kibbuzzim lebten noch immer von einer "total antiquierten zionistischen Pionier-Ideologie", kritisierte die linksliberale Zeitung "Haaretz".
Etliche Bewohner erwägen bereits, die Siedlungen wegen der unsicheren Lage zu verlassen. Rachel Rabin gehörte als 17-Jährige zu den Pionieren, die 1943 in Manara bei Kirjaf Schmona den ersten Kibbuz im arabischen Norden Palästinas gründeten. "Wir wussten, wohin wir gingen und warum wir kamen, wir hatten ein Ziel und waren bereit, einen hohen Preis dafür zu bezahlen. Doch heute ist für viele Israelis wichtiger, gut und sicher zu leben."
Ihr Sohn Gadi, 47, hat sich dennoch entschieden zu bleiben. Er hat ein Haus gekauft und betreibt in Manara eine Drahtseilbahn. Der Manager, als Reserve-Offizier von Anfang an gegen den Einmarsch in den Libanon, glaubt an die Zukunft der Region. Darum baut Gadi Jakow in Grenznähe eine Touristenattraktion, die für den nahöstlichen Friedensprozess geradezu Symbolwert hat: eine Achterbahn.
ANNETTE GROßBONGARDT