Nahost Nahost
Und auch 1990 verlor Arafat wieder alles. Die Weltgemeinschaft hatte gerade begonnen, dem einstigen Outlaw die Wandlung vom Terroristen zum Staatsmann ohne Staat abzunehmen, da verspielte Arafat seinen gewonnenen Kredit. Im Golfkrieg um Kuweit schlug sich der PLO-Führer aus dem Exil in Tunis mit flammenden Reden auf die Seite des irakischen Aggressors Saddam Hussein.
Dass Arafat im nahöstlichen Machtpoker trotz solcher Niederlagen weiter mitspielen konnte, verdankte er einer Bewegung, die im Dezember 1987 weitgehend ohne sein Zutun entstanden war der Intifada, dem Aufstand der jugendlichen Steinewerfer im Gaza-Streifen und Westjordanland.
Der Aufstand der Jugendlichen führte letztlich zur Kompromissbereitschaft Israels, dessen Bevölkerungsmehrheit einzusehen begann, dass Besatzung auf die Dauer vor allem den Besetzer korrumpiert. Und dass der permanenten Auseinandersetzung ein vernünftiges Zusammenleben mit den Nachbarn vorzuziehen ist. Der Prozess führte nach Oslo, zur palästinensischen Autonomiebehörde und zu Milliardenzahlungen an ihren ersten Präsidenten, den alten Kämpfer Arafat.
Doch auf Prosperität und wahre Demokratie warten die Palästinenser in den Autonomiegebieten weitgehend vergebens und wohl nur die borniertesten Arafat-Anhänger geben daran allein der israelischen Knebelpolitik die Schuld. Der Palästinenserführer, zürnt sein langjähriger Weggefährte, der Schriftsteller Edward Said, habe "sein Land mit falschen Versprechungen in die Irre geführt und sich hinter einer Batterie korrupter Beamter verschanzt, die kommerzielle Monopole kontrollieren, obwohl ihre Verhandlungen im Namen Arafats von Inkompetenz und Schwäche künden".
Und die Schlachtrufe der arbeitslosen Jugendlichen von Gaza-Stadt und Ramallah schienen die Kritik des palästinensischen Intellektuellen Said vergangene Woche zu bestätigen: "Wir haben seit Oslo nichts gewonnen und heute nichts zu verlieren", brüllten die Aufständischen und ließen sich von Israels Aufmarsch nicht schrecken und von Arafats nur leicht bewaffneten Sicherheitskräften schon gar nicht, sofern die überhaupt eingriffen.
So war die neue, die "Aksa-Intifada", wie sie bei den Jugendlichen heißt, nur bedingt ein Aufstand gegen die israelische Übermacht. In den Krawallen entlud sich auch der Frust der enttäuschten Steine-Generation über Korruption, Ungerechtigkeit und Unfähigkeit der eigenen Palästinenser-Führung, die ihnen weder Arbeit noch große Freiheiten oder gar westliche Demokratie gebracht hat.
Der bedrückende Verdacht: Sollte Arafat die Krawalle gar bewusst initiiert haben, um die wachsende Frustration in der eigenen Bevölkerung von sich abzulenken?
So viel ist sicher: Mit jedem weiteren toten Palästinenser-Kind, das im Hagel der israelischen Geschosse und Luftangriffe starb, scharte sich die Bevölkerung kurzfristig, und nach außen hin eindrucksvoll, wieder hinter ihrem "Raïs", ihrem Führer, wie schon lange nicht mehr. Israels "exzessive Gewalt" (Palästinenser-Unterhändler Erekat) führ te zu einer Solidarität von Arabern in Israel mit Palästinensern jenseits der grünen Linie. Und sie bescherte dem Palästinenser-Führer gesamtarabische Beistandserklärungen vom Paria Saddam Hussein bis zum Saudi-König Fahd, um die sich Arafat jahrzehntelang vergebens bemüht hatte.
Dennoch hat sich der alte Taktierer langfristig vermutlich wieder einmal verrechnet und mit der Gewalt erneut die falsche Karte gezogen. Zwar konnte er noch einmal die Stunde der Wahrheit aufschieben, in der er hätte eingestehen müssen, dass er seine Versprechungen eines Palästinenser-Staates mit der Hauptstadt Ost-Jerusalem in absehbarer Zeit nicht einlösen kann. Dass der Preis für die eigene Wahrung des Gesichts der Rückfall Palästinas in die "Steine-Zeit" ist, nimmt Arafat dabei so scheint es billigend in Kauf.
Doch mehr als je zuvor ist der Überlebenskünstler diesmal auch persönlich angeschlagen. Dem 71-Jährigen, dessen zittrige Lippen seit langem Gerüchte von Parkinsonscher Krankheit nähren, brach in der jüngsten Krise ein Teil der Hausmacht weg. Trotz seiner mindestens sieben Sicherheitsdienste, mit denen Arafat die Autonomiegebiete kontrolliert, hörten weite Teile der radikalen Jugendgruppe "Tansim" (deutsch: Organisation) wohl nicht mehr auf den PLO-Führer. Der neue Held der Straße heißt Marwan Barghuti.
Der ehemalige Generalsekretär der Fatah Arafats eigener Kampfgruppe innerhalb der PLO im Westjordanland war einst einer der führenden Köpfe des palästinensischen Widerstands und büßte dafür sechs Jahre in israelischer Haft. In seiner Heimat bei Ramallah gilt er als Held, der trotz gemeinsamer Jahre mit Arafat im Exil nicht zum "tunesischen Filz" gehört, im Gegenteil. In aller Öffentlichkeit wettert Barghuti, 41, gegen Korruption und Willkür in Arafats Apparat und schreckt auch nicht vor persönlichen Angriffen auf den Autonomiepräsidenten zurück. "Arafat kann seinen Sicherheitsleuten Anweisungen geben, aber nicht der Bevölkerung", kritisiert der Tansim-Führer dessen autokratischen Führungsstil.
Wie groß Arafats Angst insgeheim wohl sein muss, von machtbewussten Führern wie Barghuti entmachtet oder gar aus Palästina vertrieben zu werden, lässt eine Drohung des Herausforderers von Ramallah erahnen. Der fordert als Gegenleistung für ein Ende der Proteste die komplette Räumung der besetzten Gebiete, einschließlich Ost-Jerusalems. "Wenn Arafat uns weniger bringt als das", so Barghuti, "wird er seinen Lebensabend nicht dort verbringen, wo er es möchte bei uns."
Dass Arafat die eigene Lage ernst einschätzt, zeigte eine streng geheime und energisch dementierte Kontaktaufnahme des Autonomieführers mit seinem alten Gastland Tunesien. Persönlich soll Arafat bei Staatspräsident Sein al-Abidin Ben Ali vorgefühlt haben, ob man ihm ein zweites Mal Exil gewähren würde der Bescheid war angeblich positiv.
Auch Jassir Arafats früherer Friedenspartner und jetziger Gegenspieler auf israelischer Seite steht unter Druck. Barak hat seine Mehrheit im Parlament verloren, er liegt in Meinungsumfragen hinter seinem Uralt-Konkurrenten Netanjahu, den ein Gericht gerade vom Korruptionsvorwurf freigesprochen hat und der nun auf ein politisches Comeback hofft. Das außerparlamentarische Friedenslager der "Frieden Jetzt"-Bewegung, sonst immer auf der Seite einer Arbeitspartei-Regierung, ist zur Unkenntlichkeit geschrumpft. Angesichts der Eskalation wirken ihre Zeitungsanzeigen eher rührend: "Es ist immer noch nicht zu spät, um eine Zukunft des Friedens und der Koexistenz zu bauen."
Ehud Barak, 58, wirkt in diesen Tagen wie ein Gehetzter. Bei Fernsehauftritten stottert er und wird dann unvermittelt aggressiv. Er gibt sich kämpferisch und ist dabei doch erkennbar ratlos, zutiefst verstört. Winkt der kleingewachsene Mann mit dem Igelgesicht und den dunklen Knopfaugen schon mal, was er nur noch selten tut, einer Menschenmenge zu, wirkt er wie ein ferngesteuerter Roboter. Er hat Freunde in der Politik nie gesucht und immer seinen eigenen Fähigkeiten und seiner eigenen Brillanz vertraut. Jetzt, da er Freunde gut brauchen könnte, sind sie nicht da.
Dieser verbitterte Mann hat nicht mehr viel gemein mit dem Zukunftsoptimisten, dem Alleskönner, der vor 17 Monaten nach einem strahlenden Sieg sein Amt übernahm. Barak war bis dahin so ziemlich alles gelungen, was er anfasste. Mit 17 Jahren trat der Sohn von aus Polen eingewanderten Juden, der in einem Kibbuz aufwuchs, als Offziersanwärter in die Armee ein. "Blitz" (was Barak übersetzt heißt) machte eine militärische Blitzkarriere.
Er war beim Nachrichtendienst und befehligte bald eine geheime Elite-Einheit für besondere Aufgaben. Er verbarg sich, als Frau verkleidet, auf Schlauchbooten und fuhr übers Meer ins Feindesland nach Beirut; dort tötete sein Trupp drei hochrangige Palästinenser-Führer, die von Israel für Drahtzieher des Münchner Olympia-Massakers gehalten wurden. Er verschleppte die Geheimakten der PLO. Fast hätte Barak damals schon Arafat getroffen der war zwar kein Ziel des Kommandounternehmens, hielt sich aber zufällig in der Nacht der Nächte ganz in der Nähe auf.
Barak fiel jedoch nicht nur als Draufgänger und unerschrockener Haudegen auf; er zeigte sich als Panzerkommandant und Chef des militärischen Geheimdienstes auch als Stratege. Auf Bitten seines Mentors Jizchak Rabin trat Barak in die Arbeitspartei ein, nachdem er an der Jerusalemer Universität und in Stanford, USA, Studien in Physik und Systemanalyse erfolgreich abgeschlossen hatte. Israels höchst dekorierter Offizier sammelte als Innen- und Außenminister unter Rabin und Peres politische Erfahrungen, bevor er im Frühjahr 1997 den Vorsitz der Arbeitspartei übernahm und zwei Jahre später zum Premier gewählt wurde.
In den ersten Monaten seiner Amtszeit gab er sich zunächst als Pragmatiker, der den Friedensprozess anders als Netanjahu vorantrieb, ihn aber längst nicht so überschwänglich positiv sah wie Peres. "Das Wesentliche ist, dass es keinen Rückzug auf die Grenzen von 1967 vor dem Sechstagekrieg geben wird. Wir werden auch keinem palästinensischen Flüchtling die Rückkehr nach Israel erlauben", sagte Barak im vorigen Herbst dem SPIEGEL. Und, wie eine Ankündigung dessen, was letzte Woche geschah: "Wir leben in einer schwierigen Weltgegend, wir sind nicht die Niederlande. Hier gibt es kein Mitleid, keine zweite Chance."
Barak hat seinen Partner Arafat nie gemocht, aber er dachte, er könnte ihn richtig einschätzen und ist nun maßlos enttäuscht. Er hatte, reichlich naiv, in Camp David sein "endgültiges" Angebot in Sachen Jerusalem unterbreitet und musste feststellen, dass Arafat tatsächlich gemeint hatte, was er in Sachen Ost-Jerusalem immer gesagt hatte: keine Kompromisse; dass der Palästinenser auf Zeit spielte und zur Not eben wieder auf Gewalt setzte.
Barak erwarb sich bei der palästinensischen Bevölkerung schon vor der jetzigen Eskalation wenig Sympathien. Im Alltag hatte der neue israelische Premier die harte Okkupationspolitik seines Vorgängers einfach fortgesetzt nur dass diesmal die internationale Kritik weitgehend ausblieb.
Der anhaltende Siedlungsbau, Hauszerstörungen, Schikanen der Militärs und der israelischen Behörden haben die Palästinenser zermürbt. Die brutale "Bestrafung" durch die Israelis hat den Willen zum Widerstand eher verschärft. "Es ist besser, in Würde zu sterben, als ein Sklavenleben zu führen", sagt in den jetzigen Kampfzeiten stellvertretend für viele der Studenten Dschihad Fausi aus Gaza-Stadt.
Im Konflikt zwischen dem historischen Kompromiss und der Befriedung des jeweiligen eigenen Lagers haben sich beide Kontrahenten in Nahost für die Heimatfront entschieden. Wieder einmal heißt die nahöstliche Devise: Kleinmut statt Mut.
Barak dürfte sich mit der Bildung einer parteienübergreifenden Notstandsregierung allenfalls eine Atempause verschafft haben. Er steht auch noch wegen seiner Libanon-Politik unter Druck. Denn der Lynchmord ist schon die zweite Schmach für die stolze israelische Armee: Vorvergangenes Wochenende wurden drei IDF-Soldaten von Hisbollah-Milizen in den Libanon entführt, um deren Freilassung sich die Uno bemühte. Dieses blamable Kidnapping sei nur möglich gewesen, so die rechten Nationalisten, weil Barak mit seinem "freiwilligen" Rückzug aus dem Südlibanon im Mai das Abschreckungspotenzial Israels verringert habe.
Ob es nun in Israel bald vorgezogene Wahlen gibt und der Rechtsruck wie viele Kommentatoren meinen Barak in die politische Wüste und Scharon (oder eventuell Netanjahu) wirklich ins Amt spült, ist nicht sicher. Ganz sicher aber ist, dass sich jeder israelische Premier mit einem Furcht erregenden Phänomen beschäftigen muss: dem neuen Gewaltpotenzial unter Israels arabischen Mitbürgern, die 18 Prozent der israelischen Bevölkerung stellen.
Denn das war vielleicht die hässlichste Überraschung, die den Israelis die neue Intifada bescherte. Auch im israelischen Stammland begehren die Araber auf. Selbst im schicken Jaffa, einem Vorort von Tel-Aviv, kam es zu Übergriffen. Der Schock über diese Entwicklung sitzt so tief, dass nach einer Umfrage aus der letzten Woche 70 Prozent den Konflikt zwischen Juden und Arabern innerhalb Israels und nicht den mit den Palästinensern für die größte Gefährdung des Staates hielten.
Weniger zu befürchten hat Barak wohl von den arabischen Nachbarstaaten. Zwar wird überall das israelische Vorgehen scharf verurteilt, und natürlich fehlt auch die übliche martialische Rhetorik nicht. Besonders die neuen Herrscher achteten aber auf Mäßigung. In Jordanien spendete der junge König Abdullah höchstpersönlich Blut für die "Brüder" in den Krankenhäusern, schreckte jedoch vor einer Generalmobilmachung zurück. In Syrien hat Präsident Baschir al-Assad, der junge Sohn des verstorbenen "Löwen", sich beim Säbelrasseln zurückgehalten.
Nur von der Hisbollah aus dem Libanon und vor allem aus dem Irak Saddam Husseins kamen handfeste Drohungen: Diktatorensohn Udai, meldete die Presse, stehe mit einem Heer von 500 000 Freiwilligen bereit, "den Marsch auf Jerusalem anzutreten". Dass Saddam seine internationale Isolierung aufbricht, dass russische, aber auch französische Flugzeuge das Uno-Embargo unterlaufen, zählt zu den großen Niederlagen des scheidenden Präsidenten Bill Clinton genau wie der militärische Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern.
Für den Frieden im Nahen Osten hat sich Clinton besonders engagiert, in seinen letzten Amtswochen wird er als "lame duck" nicht mehr viel bewegen können, obwohl er auch weiterhin versucht, die Kontrahenten an einen Tisch zu bringen.
Die Hoffnungen auf eine Zukunft im Frieden sind im Nahen Osten so rasch zerstoben, dass viele Israelis es kaum fassen können. Vor drei Wochen kauften sie noch auf palästinensischen Märkten ein, fuhren ins Spielcasino nach Jericho, bummelten durch die Altstadt von Jerusalem. Die Taube war ein Symbol, und überall hingen noch Bilder vom Dreiergipfel, bei dem Clinton, Arafat und Barak für die Fotografen Händchen hielten und scherzten.
Heute sind die Symbole andere: Für die Palästinenser ist es das Bild des zwölfjährigen Jungen Mohammed al-Durra, der ängstlich in die Arme seines Vaters gedrückt, im Kugelhagel der Israelis starb; das Bild ihrer zerstörten Moschee in Tiberias, mit deren Steinen triumphierende Juden spielten. Für die Juden ist das immer wiederkehrende Bild das vom zerstörten Grab des biblischen Josef in Nablus, auf dem Palästinenser tanzten und natürlich die in TV-Zeitlupe gesendete Lynchjustiz an ihren jungen Soldaten.
Wann wird die Gewalt enden, wo doch jeder weiß, dass man sich eines Tages wieder mit konkreten Vorschlägen an einen Verhandlungstisch setzen muss? Ist die blutige Gegenwart auch die Zukunft, zu der Juden und Araber verdammt sind?
"Solange dein Nachbar dein Feind ist, wird dein Haus kein Heim sein, sondern eine Festung", sagt ein altes Sprichwort. Es ist Juden wie Arabern geläufig, vermutlich ein gemeinsames Erbe dieser beiden so verwandten, so verfeindeten Völker.
DIETER BEDNARZ, ERICH FOLLATH, ANNETTE GROSSBONGARDT