AfD: Ein ehemaliger Mitschüler wählt rechts - DER SPIEGEL
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Ex-Mitschüler wählt AfD Überdosis Religion

Laut, brillant in Mathe, mit viel Sinn für Gerechtigkeit - so erinnert sich Barbara Supp an einen Mitschüler, der später Sozialpädagoge wurde. Jetzt hält ausgerechnet er den Islam für gefährlich und wählt AfD. Was lief schief?
Foto: Thilo Rothacker für den SPIEGEL
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Neulich sah ich ein Bild in einer Zeitung von einem, der als Kind in meine Klasse gegangen ist, in einem schwäbischen Gymnasium, viele Jahre ist es her. Der Mitschüler sagte, er werde jetzt AfD wählen, denn das sei die einzige richtig islamkritische Partei.

Er also auch? Ausgerechnet er?

Ich weiß noch genau, wie er damals war: schlau, laut, brillant in Mathematik und mit scharfem Sinn für Gerechtigkeit. Er widersprach dem Geschichtslehrer, der ein erzkonservativer Kriegsheimkehrer war. Er führte Debatten über alles und jeden. Der arrogante Deutschlehrer machte einmal einen in der Klasse fertig, da stand dieser Mitschüler protestierend auf und verließ den Raum.

Unser Gymnasium war pietistisch, vor allem in den ersten Jahren merkte man das sehr. Morgens vor Unterrichtsbeginn wurde gebetet, wehe, wenn man zu spät kam, und donnerstags in der ersten Stunde war Gottesdienst, verpflichtend, für die Unterstufe jedenfalls. Wir lernten die Namen der Propheten in der Bibel auswendig (Obadja, Jona, Micha, Nahum, Habakuk ...), zeichneten den See Genezareth und hörten einer asthmatischen Religionslehrerin beim Flötenspiel zu.

Ich kann mich nicht erinnern, dass wir über den Inhalt des Koran oder sonst intensiv über andere Religionen gesprochen hätten. Ein Mädchen in der Klasse hieß Miriam mit Vornamen und musste weder zu den Evangelischen noch zu den Katholiken; warum, das hat uns niemand erklärt.

Dem Fach Religion fiel auch die sexuelle Aufklärung zu. Wir lernten da zum Beispiel, dass der Junge das Gaspedal und das Mädchen die Bremse sei.

Es war die Zeit, in der wir anfingen, Rockmusik zu hören, und engagierte Nonnen gegen das Musical "Jesus Christ Superstar" protestierten, weil es Teufelszeug sei; ein Vorgang, der meinen Abschied von der Religion beschleunigte. Mit 14 konnte ich mich vom Religionsunterricht , musste es allerdings begründen. Meine Begründung war: Ich halte nichts von einem Verein, der Frauen als Hexen verbrannt hat. Ich muss allerdings zugeben, dass mir die Hexen nicht ganz so wichtig waren wie die Tatsache, dass ich dann Freistunde hatte; das Fach Ethik als Alternative gab es bei uns noch nicht. Ich verbrachte die Freistunde im Café und las "Stern"-Artikel über Verschwundene in Argentinien und Folter in Chile, was mich mehr beschäftigte als alles, was Thema gewesen war im Fach Religion.

Mein Mitschüler wurde Sozialpädagoge und trug den Antiatomkraftstecker am Parka, als ich noch nicht einmal wusste, ob ich für oder gegen Atomkraft war.

Was ist mit ihm passiert?

Ich schrieb ihm, und er schrieb zurück: Er betrachte sich immer noch als sozial eingestellt, als links. Aber. Nach dem 11. September 2001 habe er sich mit dem Koran, dem Islam beschäftigt und festgestellt: Der Islam sei wie Voodoo. Mit seiner ganzen Intelligenz - und wachsendem Zeitaufwand - werfe er sich seither auf die Aufgabe, Fehler, Mängel und Gefahren im Islam zu finden. Er betrachte Religion als Opium fürs Volk, so schrieb er, jede Art von Religion, aber der Islam sei die gefährlichere Droge als das Christentum. Welcher Muslim stelle schon das Grundgesetz über Allah?

Tag der offenen Moschee in Hannover

Tag der offenen Moschee in Hannover

Foto: Peter Steffen/ dpa

Sollte ich mit den reaktionären Christen kommen, die Abtreibungskliniken angreifen und Ärzte töten wollen und es manchmal auch tun? Oder mit den erbarmungslosen klerikalen Fundamentalisten, die es im Schwäbischen nach wie vor gibt?

Dass das nicht die ganze Kirche ist, hatte ich irgendwann akzeptiert. Martin Luther King trug dazu bei, mit seinen Predigten, die nicht nur politisch, sondern auch sprachlich ein Ereignis waren. Die Berrigans trugen dazu bei, jesuitische Brüder, die in den USA in eine Atomwaffenfabrik eindrangen und dafür ins Gefängnis gingen. Das schien mir eine Art von Glauben zu sein, der zu sinnvollen Dingen führt. Mein eigenes Verhältnis zur Kirche blieb aber kühl. Wir hatten, glaube ich, eine Überdosis Religion abbekommen, damals in der Schule.

Politische Parteien haben nichts in der Schule verloren, warum ist das eigentlich anders mit Religionen? Die übliche Praxis erscheint mir seltsam: Ein parteiischer Gläubiger, beispielsweise evangelisch, präsentiert den Kindern Religion. Wie wäre es, wenn er nur als einer von vielen aufträte? Wenn der Katholik, der Imam, der Rabbi, der Buddhist, der Atheist, der Agnostiker, der Wer-auch-Immer die Chance bekäme, selbst für sich zu sprechen? Nicht, um zu missionieren - sondern um vorzustellen, worum es ihm geht?

Man würde vielleicht informierter und gelassener mit dem umgehen, was andere Religionen praktizieren und wofür sie stehen.

Vielleicht würde mein Mitschüler heute anders denken. Er ist gegen die Gleichberechtigung des Islam. Er findet, dass eine Gleichbehandlung in Wahrheit Unterdrückung sei - und zwar derer, die den Islam verlassen wollen. Und er sucht eben den Schulterschluss mit denen, die "mutig sind", sagt er, und den Islam bekämpfen - mit der AfD.

Oder kann ich bald sagen: suchte?

Er habe, schrieb mir mein Mitschüler neulich, sein Engagement stark reduziert. Die Rede des AfD-Mannes Björn Höcke über das Holocaust-Mahnmal als "Denkmal der Schande" empfinde er als Skandal.

Er erschrak über Höcke, aber sein Schreck, das ist für mich das Erschreckende, hielt nicht lang.

Und ich hatte schon gedacht: Danke, Herr Höcke. Ich nehme es zurück.