Geldanlage Jetzt noch Aktien kaufen?
Handelsraum der Börse in Frankfurt am Main
Foto: Marc-Steffen UngerFrüher war Manfred Schmidt gern mal auf der Galopprennbahn unterwegs. "Pferde in Form" heißt deshalb das Aktienportfolio, das der Rentner gemeinsam mit einem Bekannten auf der Onlineplattform Wikifolio zusammengestellt hat. Schließlich prüfe man die Unternehmen, auf die man baue, jetzt genauso auf ihre Fitness wie damals die Pferde, sagt Schmidt.
Der 63-Jährige und sein Kompagnon sind 2 von rund 20.000 Laien- und Profihändlern, die bei Wikifolio ihre Handelsstrategien präsentieren. Und die Rentner scheinen ein glückliches Händchen zu haben: Ihr Aktienkorb, bei dem sie vor allem auf Papiere kleiner und mittelgroßer Firmen setzen, hat seit Dezember mehr als 25 Prozent an Wert gewonnen.
Immerhin 159.000 Euro haben ihre Follower schon ausgegeben, um sogenannte Zertifikate zu kaufen, die die Wertentwicklung des fiktiven Portfolios nachbilden.
Tatsächlich ist der Erfolg kaum verwunderlich, denn an der Börse scheinen paradiesische Zeiten ausgebrochen zu sein. Seit die Folgen der Finanzkrise von 2007 und 2008 überwunden sind, geht es an den großen Aktienmärkten der Welt abgesehen von kurzen Rückschlägen eigentlich nur noch bergauf.
Der US-Aktienindex Dow Jones hangelt sich von einem Rekord zum nächsten, der Dax hat die 13.000-Punkte-Marke geknackt. Bei Social-Trading-Plattformen wie Wikifolio bringen es Händler sogar auf Renditen von hundert Prozent und mehr pro Jahr, was ein bisschen an die Zeiten des Neuen Marktes zu Beginn des Jahrtausends erinnert - bis der Markt zusammenbrach. Deshalb fragen sich auch heute wieder viele Anleger, Amateure wie Profis: Wie lange kann das noch gut gehen?
Kein Geringerer als Nobelpreisträger Robert Shiller warnte kürzlich, dass die US-Unternehmen an der Börse sehr teuer bewertet seien. Die amerikanische Börsenlegende Jim Rogers erwartet den nächsten Crash schon "für dieses oder kommendes Jahr", wie er vor wenigen Monaten sagte. Und es werde "der schlimmste Ihres und meines Lebens" sein.
Wie wenig es braucht, um Börsen zum Einstürzen zu bringen, zeigt ein Blick in die Geschichte. Vor ziemlich genau 30 Jahren, am 19. Oktober 1987, brach der US-Aktienindex Dow Jones nach einer zweijährigen Hochphase an nur einem Tag um fast 23 Prozent ein, 500 Milliarden Dollar wurden so auf einen Schlag vernichtet. Der Tag ging als "Black Monday" in die Börsengeschichte ein.
Das Beunruhigende an den damaligen Ereignissen bleibt bis heute, dass es eigentlich keinen eindeutigen Grund für den Absturz gab. Nicht wie etwa 2001, als nach dem 11. September die Aktienkurse ebenfalls einbrachen.
Die Tage vor dem Black Monday nehmen sich im Vergleich zu dem Terroranschlag eher harmlos aus: Der Dollarkurs war ziemlich unter Druck geraten, und der damalige US-Finanzminister hatte lapidar erklärt, dagegen vorerst nichts weiter unternehmen zu wollen.
Allerdings zeigte an diesem verhängnisvollen Montag der relativ neue, automatisierte Börsenhandel eine zerstörerische Kraft, die so niemand erwartet hatte. Neue Produkte zur Absicherung von Investitionen, die bei Kursstürzen automatisch bestimmte Verkäufe auslösten, wirkten wie Brandbeschleuniger, weil sie alle gleichzeitig Orders lostraten.
Dabei mutet der damalige Computerhandel aus heutiger Sicht ähnlich primitiv an wie die Videospiele aus den Achtzigerjahren im Vergleich zu aktuellen Produkten: Weite Teile des Börsengeschehens werden heute von komplexen Algorithmen gesteuert, die binnen Sekunden etliche Milliarden hin und her schieben können. Die Finanzwelt ist eng vernetzt, und neben den öffentlichen Börsen existieren außerdem unzählige nicht öffentliche Handelsplätze - sogenannte Dark Pools, bei denen niemand weiß, was dort genau passiert.
Skeptiker warnen sicher nicht zu Unrecht davor, dass im Grunde niemand weiß, welche Gefahren in diesem hochkomplexen System lauern, welche Dynamiken dort losgetreten werden können - selbst wenn die Börsen den automatischen Handel bei Kursstürzen mittlerweile aussetzen.
Andere Entwicklungen machen Fachleuten ebenfalls Sorgen. Die Investmentbank Goldman Sachs warnte im Sommer vor der unheimlichen Bedeutung, die Apple, Facebook, Amazon, Microsoft und Alphabet, die Muttergesellschaft von Google, mittlerweile für das US-Börsengeschehen haben. Die "Big Five" sind zusammen rund drei Billionen Dollar wert - und damit fast doppelt so viel wie sämtliche Dax-Konzerne zusammen. Von Januar bis Juni waren die Techriesen für 40 Prozent des Zugewinns des Börsenindexes S&P verantwortlich, stellte Goldman Sachs fest.
Man mag sich nicht vorstellen, was passiert, wenn eines dieser Unternehmen in die Krise gerät.
Auch insgesamt sind die US-Unternehmen mittlerweile ziemlich teuer, wenn man die Aktienkurse ins Verhältnis zu ihren Gewinnen setzt. Diese Kennzahl sei, wenn sie um zyklische Faktoren bereinigt wird, so hoch wie eigentlich nur zweimal in der Börsengeschichte, rechnete kürzlich der Nobelpreisträger Shiller vor: 1929 vor der Weltwirtschaftskrise und um die Jahrtausendwende herum vor dem Platzen der New-Economy-Blase.
Fragt man erfahrene Fondsmanager im Frankfurter Finanzzentrum, geben viele relativ wenig auf die teils düsteren Prognosen. "Ich höre diesen Crash-Propheten eigentlich selten zu", sagt etwa Henning Gebhardt. "Die begleiten uns schon über die ganzen acht Jahre, die dieser Bullenmarkt jetzt anhält."
Gebhardt gilt im Frankfurter Finanzzentrum als Börsenstar: Bis zum Jahreswechsel war er bei der Deutschen-Bank-Tochter DWS für ein Aktienvermögen von 100 Milliarden Euro verantwortlich, seit Januar baut der 50-Jährige bei der Privatbank Berenberg als Mitglied der Geschäftsleitung eine Reihe neuer Publikumsfonds auf.
Große Sorgen, dass sein beruflicher Neustart bald von der nächsten großen Börsenkrise überschattet werden könnte, scheinen den Manager nicht zu plagen. "Ich sehe weder Blasen noch eine übertriebene Euphorie an den Börsen", sagt er. Die wirtschaftlichen Aussichten seien vor allem für Europa bestens, und auch in den USA könnte eine von Präsident Trump angekündigte Steuersenkung der Wirtschaft noch einmal neuen Schwung verleihen. "Dramatische Rücksetzer" erwartet Gebhardt deshalb "kurzfristig nicht".
Doch auch der Banker gesteht ein, dass die Zeiten "ungewöhnlich" sind. Denn selbst politisch heikle Situationen, wie etwa der Beschluss für den Brexit oder die Zuspitzung des Konflikts zwischen den USA und Nordkorea, führen anders als früher längst nicht mehr zu größeren Kursausschlägen. "Es fehlt die Volatilität an den Börsen. Das ist echt ein Phänomen, das wir so nicht kennen", sagt Gebhardt.
Über die Gründe für diese seltsame Gleichgültigkeit herrscht unter Fachleuten weitgehend Einigkeit: Die großen Notenbanken der Welt haben zur Bekämpfung der Finanzkrise die Zinsen auf null gesenkt und die Märkte mit Geld überflutet.
Allein die US-Notenbank Fed erwarb bis 2014 verschiedene Wertpapiere im Wert von über vier Billionen Dollar, um die USA aus der Rezession zu holen. Die Europäische Zentralbank (EZB) kaufte in den vergangenen Jahren in großem Stil Schuldverschreibungen von Ländern und später auch von Firmen auf.
"Je nachdem, wie wir rechnen, sind so ungefähr acht Billionen Dollar an überschüssiger Liquidität auf die Märkte gekommen", sagt Andrew Bosomworth, Leiter des Portfoliomanagements in Deutschland bei der Fondsgesellschaft Pimco.
Dieses Geld machte sich auch an den Börsen bemerkbar, denn wenn Zentralbanken Anleihen in großem Stil aufkaufen, "müssen sich private Investoren notgedrungen andere Investments suchen", sagt Bosomworth. Was aber passiert, wenn dieses Geld wieder aus den Märkten abgezogen wird?
Die US-Notenbank Fed hat begonnen, den Leitzins zu erhöhen und ihren Anleihebestand langsam abzubauen, die EZB kündigte am Donnerstag an, ihr Aufkaufprogramm zumindest zurückzufahren. Es ist ein "Echtzeitexperiment" (Bosomworth) mit ungewissem Ausgang.
Der Ökonom Thomas Mayer hat im Laufe seines Lebens schon einige Finanzkrisen miterlebt, während er bei berüchtigten Investmentbanken wie Salomon Brothers oder Goldman Sachs und bis 2012 als Chefvolkswirt der Deutschen Bank arbeitete. Mittlerweile ist er Gründungsdirektor eines Forschungsinstituts beim privaten Vermögensverwalter Flossbach von Storch.
Mayer gehört nicht zu den Marktschreiern seiner Branche, umso erschreckender ist seine nüchterne Analyse der aktuellen Verhältnisse: "Die Notenbanker haben sich in eine schier ausweglose Situation manövriert und tappen jetzt im Dunkeln, wie man da wieder herauskommen soll."
Denn der langsame Entzug des Geldes trifft eine Welt, in der etliche Akteure so tief bei Banken oder Versicherern in der Kreide stehen wie nie zuvor. Insgesamt haben Unternehmen, Staaten und Konsumenten Schulden in der Rekordhöhe von 226 Billionen Dollar angehäuft.
Allein Japans Staatsschulden betragen rund 240 Prozent der Wirtschaftsleistung, die von Italien 133 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. "Diese Länder können eigentlich gar nicht überleben, wenn die Notenbanken die Zinsen anheben, die sie dafür bezahlen müssen."
Auch die USA und China machen vielen Beobachtern Sorgen. Erst im Sommer warnte der Internationale Währungsfonds vor den "rasant" steigenden Verbindlichkeiten, die Firmen im Reich der Mitte mittlerweile hätten.
Alles in allem scheint es nur eine Frage der Zeit zu sein, bis irgendwo auf der Welt Gläubiger das Vertrauen in ihre Schuldner verlieren, die nächste Krise ausbricht und diese sich ähnlich unkontrollierbar ausbreitet wie die Finanzkrise im Jahr 2007.
Die größte Gefahr für die Börsen kommt deshalb womöglich gar nicht von den Aktienmärkten selbst, sondern von außerhalb.
Es ist ausgerechnet Niels Nauhauser, Finanzexperte bei der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg, der trotz aller Gefahrenherde in der Welt zur Gelassenheit rät: "Man sollte sich vom Auf und Ab an den Börsen nicht verrückt machen lassen, das ist normal", sagt er.
Wer glaubt, dass Aktien nur etwas für Zocker sind, tut gut daran, sich mit dem Stuttgarter Verbraucherschützer einmal länger zu unterhalten. Nauhauser nämlich ist überzeugt davon, dass man um Aktienanlagen bei einer langfristigen Altersvorsorge kaum herumkommt. Man muss es nur richtig anstellen. "Das Geheimnis heißt: breit streuen, lange durchhalten und Kosten minimieren", sagt er.
Studien hätten gezeigt, dass sich auf lange Sicht mit Aktien in der Regel vier bis sechs Prozentpunkte mehr Rendite erzielen lassen als mit festverzinslichen Anlagen, sagt Nauhauser. "Das kann eine drei- bis viermal so hohe Altersrente bedeuten."
Nauhauser empfiehlt deshalb ETFs: Wertpapiere also, die schlicht einen Aktienindex nachbilden. Im Gegensatz zu Fonds kosten diese Papiere nämlich kaum Gebühren. Und wer dabei breit streuen will, nimmt am besten nicht den Dax als Referenzindex, sondern den MSCI World, der die Wertentwicklung von Unternehmen in 23 Ländern abbildet.
Das Risiko ist auf lange Sicht überschaubar, glaubt Nauhauser. Ein Blick auf den MSCI World etwa zeige: Wer in der Vergangenheit mindestens zwölf Jahre lang investiert geblieben ist, habe nur in Ausnahmefällen einen nominalen Verlust gemacht - egal, wann er eingestiegen ist.
Crashs muss man nach dieser Logik also einfach nur aushalten, "Augen zu und durch", lautet das Motto.
Von aktiv verwalteten Fonds oder gar Trading-Plattformen wie Wikifolio hält Nauhauser allerdings ziemlich wenig. Schon, weil er nicht glaubt, dass Börsenhändler - egal, ob Profis oder Laien - systematisch den richtigen Zeitpunkt für einen Ein- oder Ausstieg aus einem Papier erkennen können.
"Es gibt viele Studien, die zeigen, dass so ein Timing de facto unmöglich ist", sagt er.
Wikifolio-Trader Schmidt und sein Kompagnon wollen es dennoch probieren. Man sei ja als kleiner Spieler sehr viel flexibler als die großen Fondsmanager, so argumentieren sie, könne also auch auf Papiere kleiner Unternehmen setzen und schneller auf Änderungen reagieren.
Er hoffe deshalb, dass es ihnen bei sorgfältiger Beobachtung der Märkte doch gelingen werde, im Fall der Fälle auszusteigen, "bevor es richtig kracht".