Bataclan wird wiedereröffnet: Nach dem Terror in Paris - DER SPIEGEL
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Bataclan wird wiedereröffnet "Als Überlebender fühlt man sich schuldig"

90 Menschen wurden in der Nacht des 13. November 2015 bei einem Terrorangriff auf das legendäre Bataclan ermordet. Jetzt öffnet der Pariser Konzertsaal wieder seine Türen. Ist das gut? Und richtig?
Bataclan-Besucher Dénouveaux
Bataclan-Besucher Dénouveaux

Bataclan-Besucher Dénouveaux

Foto: Maxim Dondyuk / DER SPIEGEL
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Voilà, das Ergebnis meiner Therapie", sagt Fred Dewilde und schiebt ein paar feine Zeichnungen in Schwarz-Weiß über den Tisch. Sie zeigen mordlüsterne Skelette mit Waffen in den Knochenhänden, Blutlachen aus dunkler Tinte, von Panik und Schmerz verzerrte Gesichter.

Der 49-jährige Franzose sitzt in den kahlen Räumen seines Verlags unweit der Pariser Börse. "Ich weiß, dass nicht alle so denken", sagt Dewilde und kneift die Augen hinter seinen runden Brillengläsern zusammen, "aber mir persönlich ist wichtig, dass Leben und Freude in diesen Saal zurückkehren."

Fred Dewilde ist Zeichner, Rockmusik-Fan, Familienvater. Und seit dem 13. November 2015 auch ein "rescapé" - ein Überlebender.

Er hatte an dem Abend ein Ticket für das Konzert der Band Eagles of Death Metal im Pariser Konzertsaal Bataclan, feierte mit Freunden einen Geburtstag, als drei Männer mit Kalaschnikows und Sprengstoffgürteln die Halle stürmten und ein Blutbad anrichteten. 130 Menschen wurden in jener Novembernacht bei den Angriffen auf das Pariser Fußballstadion Stade de France, auf mehrere Bars und Restaurants sowie den legendären Konzertsaal im 11. Arrondissement ermordet. Allein im Bataclan starben 90 Leute.

"Ich lag als Lebender unter den Toten", sagt Dewilde.

Die Anschläge vom 13. November haben die Bewohner von Paris nachhaltig verstört. Sie waren ein Angriff auf den lebensfrohen Alltag der Franzosen, auf ein junges, lässiges Paris, das nach den blutigen Attentaten gegen die Redaktion der Satirezeitung "Charlie Hebdo" nur umso demonstrativer das Leben feierte.

An diesem Samstag nun, 364 Tage nach den Attentaten, wird das Bataclan wiedereröffnet. Der britische Musiker Sting, der 1979 das erste Mal mit seiner Band The Police im Bataclan auftrat, soll dem Gedenken einen würdigen Rahmen geben. Ein Großteil der Plätze ist für die Hinterbliebenen reserviert, die in diesem Saal ihre Töchter und Söhne, ihre Männer und Frauen verloren haben. Die restlichen Tickets waren binnen 30 Minuten ausverkauft.

"Es ist an der Zeit, das Bataclan den Künstlern und dem Publikum zurückzugeben", sagt Jérôme Langlet, einer der Betreiber. Als Nächstes werden unter anderen Pete Doherty und Marianne Faithfull auftreten, bis Ende des Jahres sind noch ein gutes Dutzend Konzerte angesetzt.

Fred Dewilde, der Zeichner, wird nicht unter den Zuhörern sein. "Lärm macht mir immer noch sehr zu schaffen, im Moment traue ich mir das leider noch nicht zu", sagt der Mann im karierten Holzfällerhemd, der seine Erlebnisse in einem Comic verarbeitet hat. Der dünne Band wurde eine künstlerische Nahaufnahme der

Horrornacht im Bataclan. Dewilde ist ein großer Mann, mit breiten Schultern. In seinen Zeichnungen jedoch wirkt er viel jünger, schmächtiger. Als hätte die Angst ihn schrumpfen lassen.

Dewilde erzählt in seinem Buch, wie im Konzertsaal damals die Smartphones vieler Opfer klingelten. Auch das Handy in seiner Hosentasche. "Mir war, als würden die Attentäter gezielt darauf schießen", erinnert sich der Zeichner. Dass er diese Nacht überlebt hat, ist für ihn "reiner Zufall".

Lange war unklar, ob die 1865 gegründete Vergnügungsstätte mit der charakteristischen bunten Fassade jemals wieder ihre Türen öffnen würde. Während sich in den betroffenen Restaurants wie dem Petit Cambodge oder der Eckkneipe À la Bonne Bière längst wieder ausgehfreudige Pariser tummelten, blieb es still im Bataclan. Doch die Tradition siegte.

Die Renovierung hat Millionen gekostet: Die Halle wurde komplett entkernt, der Parkettboden, die Sitze, die Deckenverkleidung wurden herausgerissen und fast originalgetreu nachgebaut. "Wir haben entschieden, alles zu verändern - um nichts zu verändern", erklärt Jérôme Langlet, Manager des Bataclan, die Maßgabe für die Renovierungsarbeiten. Es klingt wie das trotzige Motto der ganzen Nachbarschaft.

Die Stadt Paris will am ersten Jahrestag an den Anschlagsorten Tafeln mit den Namen der Opfer enthüllen. Vor dem Rathaus des 11. Arrondissements ist eine öffentliche Gedenkfeier geplant, Präsident François Hollande hat sein Kommen angekündigt, auch die Bandmitglieder von Eagles of Death Metal. Danach sollen Luftballons in den Himmel steigen. Doch für die meisten Überlebenden ist das Eröffnungskonzert am Samstag das wichtigste Signal, das von dem schrecklichen Jubiläum ausgehen soll; ein "Jetzt erst recht!" ins Gesicht der Terroristen.

"Die Zusage von Sting ist eine starke Geste für uns", erklärt Georges Salines, der seine Tochter Lola im Bataclan verloren hat und heute einer Opferorganisation vorsteht. "Ich werde dabei sein."

An diesem Wochenende sollen die Bilder des Konzerts um die Welt gehen. So wie im vergangenen Jahr die Aufnahmen des Blumenmeers vor dem Bataclan. An allen Anschlagsorten füllten sich in den Tagen nach dem 13. November die Pariser Gehsteige mit Kerzen, Rosen und Transparenten.

Menschen legen Blumen vor dem Bataclan ab

Menschen legen Blumen vor dem Bataclan ab

Foto: ALAIN JOCARD/ AFP

Insgesamt 7689 dieser Zeichen des Mitgefühls hat das Archiv der Stadt Paris in seinen Bestand aufgenommen. Systematisch wurden "alle beschrifteten Dokumente" erfasst. Ein zehnköpfiges Team hat die Zettel und Zeichnungen, oft aufgeweicht und verwaschen vom Regen, eingesammelt, getrocknet und konserviert. "Es war eine berührende Arbeit", erklärt die Archivarin Mathilde Pintault, "auch weil man das Gefühl hat, die eigene Gegenwart verwandelt sich gerade in Zeitgeschichte."

Nun füllen die Kinderbilder mit weinenden Strichmännchen, die Origami-Blumen, Karikaturen und Gedichte Dutzende schwarze Pappboxen. Auf vielen Zeichnungen ist der Eiffelturm zu sehen oder die Trikolore, und immer wieder die Botschaft: "Je suis Paris". Dokument Nummer eins in der Bataclan-Box Nummer eins ist die Visitenkarte eines Managers aus Norwegen, auf der Rückseite steht in krakeliger Schrift: "The Norwegian people stand with you in this hard time."

Zum Jahrestag werden zunächst 200 Objekte auf der Homepage der Stadt  zu sehen sein, zum Jahresende soll das gesamte Material im Stadtarchiv digital zugänglich werden.

"Natürlich gibt es Menschen, die auch aus dem Bataclan am liebsten ein Museum gemacht hätten", sagt Arthur Dénouveaux, "aber für mich fühlt es sich richtig an, dort endlich wieder zu feiern."

Der Mann mit dem Dreitagebart, Absolvent einer Pariser Eliteuniversität, ist eigentlich Banker. Doch seit August ist Dénouveaux in erster Linie Vizevorsitzender der Opferorganisation "Life for Paris", die mehr als 800 Mitglieder zählt, darunter auch Polizisten und Rettungssanitäter, die am 13. November 2015 im Einsatz waren.

In dieser neuen Rolle kämpft der 30-Jährige für eine angemessene Entschädigung der Opfer, mit der Bürgermeisterin verhandelt "Life for Paris" derzeit über die Errichtung eines Denkmals für die 130 Toten jener Nacht.

Dénouveaux selbst konnte sich aus der Hölle des Bataclan durch einen der Notausgänge ins Freie retten. Er blieb körperlich unverletzt. Aber auch er hat Wunden davongetragen. "Als Überlebender fühlt man sich schuldig", sagt Dénouveaux, "anderen zu helfen hilft mir selbst, mit diesem Gefühl fertigzuwerden."

Dénouveaux weiß wie kein anderer, wie heterogen die Gruppe der Überlebenden und Hinterbliebenen ist - und wie weit daher auch die Meinungen darüber auseinandergehen, wie ein angemessenes Andenken aussehen sollte.

Als die Restaurants und Cafés wiedereröffneten, hätten das alle als eine Selbstverständlichkeit hingenommen, berichtet Arthur Dénouveaux. Das erste Konzert im Bataclan jedoch sei ein Politikum. Er hat mitbekommen, wie lange die Verantwortlichen überlegten: Welcher Künstler sendet das richtige Zeichen? Welche Band ist dem moralischen Druck gewachsen? Und möglicher Kritik? Wer bekommt Freitickets für das Konzert? Dénouveaux sagt: "Ich glaube, es war am Ende eine kluge Wahl. Aber ich bin froh, dass ich diese Entscheidungen nicht treffen musste."

Mit den 10.000 Euro Soforthilfe, die er nach dem Attentat vom französischen Staat erhielt, hat er ein kleines Plattenlabel gegründet und junge Rockbands unterstützt. Das sei sein Zeichen gegen den Terror. "Ich bin durch das Attentat kein Politiker, kein Kämpfer und auch kein Islamismusexperte geworden", sagt Dénouveaux, "und ich habe auch keine Angst davor, wieder in ein Konzert im Bataclan zu gehen. Der Blitz schlägt nie zweimal am selben Ort ein."