Brexit "Die Briten wollen immer eine Extrawurst"
Regierungschefinnen Theresa May, Angela Merkel: "Entstünde ein Zweierbund zwischen Deutschland und Großbritannien, hätte es dieses Duett wesentlich leichter"
Foto: TOBIAS SCHWARZ/ AFPDavid Marsh, 64, ist einer der besten Kenner der europäischen Finanzindustrie. Er hat das Official Monetary and Financial Institution Forum mitgegründet, eine Londoner Denkfabrik für Finanz- und Wirtschaftsthemen, und leitet es. Davor arbeitete er bei verschiedenen Instituten und als Journalist. In den Neunzigerjahren war Marsh für die "Financial Times" in Deutschland tätig.
SPIEGEL: Mr Marsh, haben Sie für den Ausstieg der Briten aus der EU gestimmt?
Marsh: Nein, ich war für den Verbleib. Ich habe allerdings etwas getan, was ich sonst nicht mache: Ich bin zu Ladbrokes gegangen, einem Buchmacher, und habe 200 Pfund auf "Ausstieg" gesetzt. Ich wollte mir für den Fall des Falles wenigstens einen Trostpreis sichern.
SPIEGEL: Wie viel haben Sie gewonnen?
Marsh: 600 Pfund. Das lindert ein wenig meinen Schmerz.
SPIEGEL: Nach dem Referendum vor fünf Wochen erwarteten viele einen Absturz der Wirtschaft. Bislang sieht es jedoch nicht danach aus. Waren die Sorgen übertrieben?
Marsh: Ich glaube schon. Natürlich erleben wir jetzt eine Phase der Unsicherheit, die Unternehmen investieren vielleicht weniger. Aber in 20 Jahren werden wir wohl kaum sagen, dass dieses Referendum zu irgendwelchen Katastrophen geführt hat. Der Brexit bietet sogar Chancen.
SPIEGEL: Wo sehen Sie die?
Marsh: Das Pfund hat relativ an Wert verloren. Diese Schwäche hilft unserer Exportwirtschaft, weil britische Produkte international günstiger werden. Und sie zieht ausländische Investoren an, wie vorige Woche zu beobachten war, als Softbank aus Japan ankündigte, das britische Hightechunternehmen ARM für umgerechnet 29 Milliarden Euro zu übernehmen.
SPIEGEL: Ein solcher Coup kann kaum im Sinne der Brexit-Befürworter sein. Fürchten die Briten nicht einen Ausverkauf ihrer Wirtschaft?
Marsh: Der irische Schriftsteller Oscar Wilde hat einmal geschrieben, heutzutage kennen die Leute von allem den Preis und von nichts den Wert. Es ist nichts Besonderes für uns, wenn alles zum Verkauf steht. Wir sind da weniger empfindlich als die Deutschen.
SPIEGEL: Aber bleiben die Briten noch so gelassen, wenn es um ihre Paradebranche geht, die Finanzindustrie? Hier fürchten manche einen regelrechten Exodus.
Brexit-Kritiker Marsh
Foto: Andrea Artz / DER SPIEGELMarsh: Es gibt sicher einige Sektoren, die besonders betroffen sind, beispielsweise die Abwicklung von Euro-Transaktionen. Aber so etwas erledigen vielfach schon Computer. Es könnte auch zu Verlagerungen im Devisenhandel oder im Investmentbanking kommen, allerdings nicht in großem Stil. Von gut 700000 Menschen, die im Londoner Finanzsektor beschäftigt sind, werden vom Brexit höchstens zehn Prozent beeinflusst sein.
SPIEGEL: Aber die Banken werden doch wohl den EU-Pass verlieren, der nötig ist, um ihre Produkte in Europa zu vertreiben.
Marsh: Die großen Häuser haben ohnehin Stützpunkte in Frankfurt, Dublin oder Paris. Sie können diese Standorte nutzen, das erfordert keinen großen Aufwand.
SPIEGEL: Viele Finanzzentren in Europa versuchen nun, Geschäft aus London abzuziehen. Der hessische Wirtschaftsminister will im August dorthin fahren und für den Standort Frankfurt am Main werben ...
Marsh: ... die Pariser waren auch schon da. Alle bemühen sich jetzt, aber ich finde, Konkurrenz belebt auch hier das Geschäft. Dass es nicht einen, sondern zehn Rivalen gibt, hilft London sogar. Die City kann das klassische britische Spiel betreiben, das Bemühen um eine "Balance of Power", und die Rivalen gegeneinander ausspielen.
SPIEGEL: Die Frankfurter machen sich also voreilig Hoffnungen?
Marsh: Frankfurt wird sich kaum über Nacht in ein großes, internationales Finanzzentrum transformieren. Frankfurt und London könnten sich gut ergänzen: Die Hessen konzentrieren sich auf die verarbeitende Industrie in der EU, und London übernimmt die globalen Geschäfte.
SPIEGEL: In dieser Woche haben die Aktionäre einer Fusion der Börsen von Frankfurt und London zugestimmt. Ist es realistisch, den Unternehmenssitz in der britischen Hauptstadt anzusiedeln?
Marsh: Natürlich wäre eine solche Wahl für den juristischen Sitz nicht besonders klug. Vielleicht wird man sich mit einem anderen Ort arrangieren, zum Beispiel mit Amsterdam oder Dublin.
SPIEGEL: Auch die Europäische Bankenaufsicht müsste wohl aus London abziehen.
Marsh: Das wäre eine Schlappe für die City. Aber es sind noch voraussichtlich zweieinhalb Jahre, bis Großbritannien die EU verlassen wird. Da kann viel passieren. Die Fähigkeit europäischer Politiker, Kompromisse zu finden, verblüfft jedes Mal aufs Neue.
SPIEGEL: Dies wird auch nötig sein, wenn Großbritannien auf die Suche geht nach einem Modell für die Zeit nach der EU. Wie könnte es aussehen?
Marsh: Es wird jedenfalls kein Schweizer Modell sein, kein albanisches, kein grönländisches. Es soll jetzt nicht nationalistisch klingen, aber es wird ein britischer Weg werden. Man ist in Deutschland geneigt zu denken, die Briten wollen immer eine Extrawurst - und das stimmt: Wir wollen eine Extrawurst.
SPIEGEL: Und woraus besteht sie?
Marsh: Wir steuern einen Kompromiss zwischen unseren Vorstellungen und denen der EU an: Wir werden nach wie vor in den EU-Haushalt einzahlen, allerdings deutlich weniger. Wir werden die Einwanderung schärfer kontrollieren. Und wir werden, was den Handel angeht, einen kontinuierlichen Zugang zum EU-Binnenmarkt anstreben.
SPIEGEL: Meinen Sie wirklich, Europa wird es dem Vereinigten Königreich so leicht machen? Dann würden doch EU-Kritiker in den Niederlanden oder Österreich erst recht dem Vorbild der Briten nacheifern und aus der Union aussteigen.
Marsh: Das stimmt, die EU kann deshalb nicht allzu großzügig gegenüber Großbritannien auftreten. Andererseits spielt die Zeit für uns. Hier stehen voraussichtlich erst 2020 Wahlen an, während Deutsche, Niederländer und Franzosen schon kommendes Jahr eine neue Regierung wählen. Die neue Premierministerin Theresa May hat also Zeit, ihre Position gegenüber Europa zu entwickeln. Sie kann darauf aufbauen, dass wir traditionell einen Sonderstatus genießen, weil wir zwar außerhalb des Euroraums agieren, aber einer der größten Handelspartner sind. Wir werden einen britischen Sonderweg finden. Wenn Frank Sinatra einst sang "I Did It My Way", heißt es für Großbritannien künftig: "We did it May way".
SPIEGEL: Wie könnte denn dieser "May way" aussehen? Wird aus dem Vereinigten Königreich ein Niedrigsteuerparadies mit einem Minimum an Regulierung?
Marsh: Wir werden uns sicher nicht in die großen Cayman Islands verwandeln, das können wir uns kaum leisten. Und die Regulierung der Banken sollte mindestens so strikt sein wie in der EU. Wir haben in der Finanzkrise schmerzvoll erfahren, dass weniger Regulierung zu schlechteren Ergebnissen führt. Da ticken wir inzwischen ähnlich wie die Deutschen.
Merkel, May im Bundeskanzleramt
Foto: Getty Images / BundesregierungSPIEGEL: Dass es auch zwischen der Premierministerin und Kanzlerin Angela Merkel eine Menge Gemeinsamkeiten gibt, wurde beim Besuch Mays in Berlin vorige Woche deutlich: ähnliches Alter, ähnliche Herkunft, ähnlich pragmatisch. Hilft das bei den Brexit-Verhandlungen?
Marsh: Die Chemie zwischen den beiden stimmt offenbar. Man könnte auch von "Angela May und Theresa Merkel" als Europas neuem Tandem sprechen. Allerdings hat es die Bundeskanzlerin ungleich schwerer. Ihr Spielraum verringert sich zusehends, je stärker sie mit den ökonomischen Problemen Europas konfrontiert wird: der Schuldenfrage Griechenlands, der Bankenkrise in Italien, der Geldpolitik der Europäischen Zentralbank.
SPIEGEL: Was soll sie tun?
Marsh: Sie steckt in einem Dilemma. Merkel droht von ihren Wählern allein gelassen zu werden, wenn sie zu konziliant auftritt. Aber andererseits können die Deutschen nicht immer Nein sagen, wenn es um Hilfen für Krisenländer geht oder die Aufweichung der Maastricht-Kriterien. Diese Stärke haben sie nicht.
SPIEGEL: Wen trifft nun der Brexit härter: Großbritannien oder den Rest Europas?
Marsh: Die Briten erleben jetzt einen kurzen, scharfen Schock, der relativ schnell nachlässt. In Kontinentaleuropa hingegen wird dieser Prozess länger dauern und schmerzhafter sein. Ich habe zwar gegen den Brexit gestimmt, aber ich sehe die Zukunft Großbritanniens optimistischer als die Zukunft der restlichen europäischen Staaten. Entstünde ein Zweierbund zwischen Deutschland und Großbritannien, hätte es dieses Duett wesentlich leichter.