David Hockney: Golden Boy mit Aschenbecher - DER SPIEGEL
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Besuch bei David Hockney Golden Boy mit Aschenbecher

Als Star der Pop-Art wurde er berühmt, bis heute ist seine Schaffenskraft ungebrochen - und seine Lust auf Zigaretten. Ein Besuch bei David Hockney, zu dessen Werk nun ein gewaltiger Bildband erscheint.
David Hockney
David Hockney

David Hockney

Foto: Christopher Furlong/ Getty Images
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Er sitzt am Küchentisch und rubbelt auf seinem iPad, weiße Schirmmütze, dazu eine grüne Strickjacke gegen die Feuchtigkeit des Londoner Regens. Zwei Brandlöcher am rechten Ärmel. Vor ihm eine qualmende Zigarette und ein Kaffeebecher mit der Aufschrift: "Keep calm and carry on smoking". David Hockney beim Frühstück.

Auf dem iPad ist etwas zu sehen, das wie ein spitzer gotischer Bogen aussieht. "Westminster Abbey", sagt Hockney. Vorgestern habe er den Dekan von Westminster getroffen. Dieser brauche ein neues Fenster für jene Kirche, in der seit Jahrhunderten die englischen Könige gekrönt und bestattet werden. Hockney sagte sofort Ja.

Hockney malt nun lila und gelb mit seinem iPad. "Ich dachte, ich nehme den Weißdornstrauch als Motiv", das passe zur Abbey. David Hockney bei der Arbeit.

Hockney wird im kommenden Jahr 80, aber noch immer gibt es nichts, das er lieber tut als malen. Außer vielleicht rauchen.

Es gehört zu Hockneys Freuden im Leben, dass beides gleichzeitig möglich ist. Kunst und Tabak gehören für ihn zusammen. Die Einschränkungen des Rauchens in der westlichen Gesellschaft sind für Hockney nichts weniger als eine Verschwörung "bös gesinnter Leute, die nicht einmal zurückschrecken, alte Menschen in der Winterkälte mit dem Tabak auf die Straße zu schicken".

David Hockney bei seiner Ausstellung in der Galerie Annely Juda Fine Art in London, Mai 2015

David Hockney bei seiner Ausstellung in der Galerie Annely Juda Fine Art in London, Mai 2015

Foto: Andy Rain/ dpa

Listiges Hockney-Lachen, die blauen Augen hinter den dicken Brillengläsern funkeln frisch. Qualm steigt auf vor seinem Gesicht. Kunstpause. "Ich meine, braucht es wirklich noch mehr Beweise dafür, dass es sich bei Rauchgegnern um Subjekte mit äußerst niedriger Gesinnung handelt?"

Nicht zu rauchen findet Hockney seltsam. Aber fast noch seltsamer findet er es, wenn man ihn fragt, wie sein Wochenende war. "I am not a weekend person", sagt Hockney triumphierend. Auch Wochenenden bestehen aus einzelnen Tagen, und die beginnen bei Hockney stets ähnlich. Morgens gegen neun Uhr am Küchentisch - malend. Seine streitlustige Fröhlichkeit hat Hockney bis heute angetrieben, ihn oft so produktiv werden lassen, dass einigen Kunsthändlern schwindelig wurde.

An die 2000 Bilder hat er gemalt, viele hat er behalten, nicht dem Markt preisgegeben - auch weil der Markt das schlecht aushält und es dieses Etikett verstärkt hätte, das Hockney bis heute anhaftet - dass David Hockney Pop ist.

Ja, Hockney ist Anfang der Sechzigerjahre mit Männern wie Andy Warhol und Henry Geldzahler an angesagten Plätzen rumgehangen; ja, er hat sich mit seinen surferblonden Haaren und der runden Brille als flamboyanter Hedonist inszeniert, aber trotz allem verstand er sich stets als ein Maler und Zeichner, der sein Handwerk gründlich gelernt hatte und nicht mit Avantgarde- und Subkultur-Konzepten den Betrieb gezielt verstören wollte - um sich einen Platz an der Spitze weit vorn herbeizumanipulieren.

Von Anfang an umgab ihn eine optimistische Selbstverständlichkeit, ein dynamisches Einzelgängertum, selbst in der britischen Malerei, wo er zwar am Rand der von den großen Kollegen Lucian Freud und Francis Bacon dominierten School of London angesiedelt war, aber deren Düsternis, Komplexität und Abgründigkeit nicht wirklich zu seiner Sache machte.

Hockneys Kunst liebt das subtile Vergnügen, die elegante Ironie, den frivolen Müßiggang, er hat Spaß an der Welt - auch weil er deren Begrenzung selten als Bedrohung wahrnahm, sondern als Möglichkeit, diese Einschränkungen zu überwinden.

Hockney, das war immer auch ein blonder Heliumballon, der Richtung Westen, Richtung Fortschritt, flog, hin zu den Swimmingpools und wohlhabenden Menschen, deren Arbeit auch darin bestand, immer einen Fuß im kühlen blauen Nass zu haben und sich in Sachen Sexualität nichts vorschreiben zu lassen.

Hockney zündet sich die nächste Zigarette an. Mit ihm im Wohnzimmer seines Hauses in London-Kensington sind noch drei Männer, wie Hockney selbst nicht mehr ganz jung. Zusammen bilden sie eine Art Familie, nicht Golden Girls, sondern Golden Boys. Einer kümmert sich um Hockneys Ausstellungen, einer um Hockneys Häuser, einer kocht. "Wann willst du Lunch, David?", fragt er. "Um eins", sagt Hockney, qualmt und malt weiter sein iPad-Kirchenfenster.

Zwischen Küche und Wohnzimmer liegt auf einem Ständer ein überdimensioniertes Buch, das demnächst erscheint. Darin 468 Abbildungen, wenn man so will, die größte Hockney-Retrospektive, die es bisher gab. Hockney ist sehr stolz auf das Buch. Er, der jahrzehntelang die Zukunft oder zumindest die geballte Gegenwart war, macht sich jetzt Gedanken, was von ihm bleiben wird.

"Die meiste Kunst wird einfach vergessen", sagt Hockney. "Das ist richtig so, sonst würden wir bis zum Hals in Schrott und Mist stecken." Von den vielen Komponisten des 19. Jahrhunderts, wie viele höre man heute noch? "Vielleicht 10 oder 15", sagt Hockney.

David Hockney, "Puddle near Kilham"

David Hockney, "Puddle near Kilham"

Foto: DPA/ FIAC PARIS

Die prächtige Farbigkeit seines Werks, seine Leuchtkraft, steht in scharfem Gegensatz zu der Gegend, in der er aufwuchs: Bradford, eine graue Stadt im westlichen Yorkshire, über die meist dunkle Wolken zogen.

Geld war stets knapp in der Familie, aber es gab anderen, kulturellen Reichtum in Form von Scrabble-Spieleabenden, klassischer Musik, es gab eine höfliche Vergnügtheit im Umgang miteinander und eine gewisse Nonchalance dem Leben gegenüber. Zu jener zählte auch der Hinweis des Vaters, die Kinder sollten sich bitte schön nicht um die Meinung der anderen kümmern. Absolut verboten war es ihnen, sich um die Meinung der Nachbarn zu scheren.

Wenn man Hockney heute fragt, ob seine Familie in der streng hierarchisch geteilten Gesellschaft des Nachkriegsgroßbritanniens der Arbeiter- oder der Mittelklasse angehört habe, schelmt es gleich wieder hoch, das Hockney-Lachen. "Ich habe uns stets für erstklassig gehalten", sagt er.

Erste Reihe, oben, auch im Doppeldeckerbus, wenn der durch Bradford fuhr. Es war sein Stammplatz, wo er mit großen Augen die Umgebung aufsog und zeichnete. Künstler sein zu wollen im Bradford der Fünfzigerjahre war als Berufswunsch ungefähr so populär wie ein Leben als Aussätziger. Aber genau dies war der Plan von Hockney. Er ahnte, dass es nicht leicht werden würde, aber sich deswegen mit Sorgen die Perspektive zu verengen war nicht seine Sache. Sie zu erweitern schon eher.

Es gab keine Garantie, dass er einmal von seinen Bildern würde leben können, aber er gewann bereits früh kleine Preise und verkaufte als Teenager in Leeds eine Arbeit für zehn Pfund.

Das letzte Mal, erinnert sich Hockney, bekam er Geld von seinen Eltern im Jahr 1957. Er hatte sie angeschrieben, weil er nicht einmal genug Münzen besaß, um die Heizung in seinem Zimmer in Suffolk zu bedienen. Die Eltern schickten ihm eine halbe Krone, was 30 Pence entsprach. 15 Pence davon investierte Hockney in ein Päckchen Zigaretten. Während er den Rauch einsog, dämmerte ihm: "Von jetzt an bist du auf dich allein gestellt, David."

Der wirkliche Platz, an dem er leben würde, entwickelte sich für den jungen Hockney zur Nebensache. Es gebe ohnehin nur zwei Orte, zwischen denen man sich entscheiden könne, sagt Hockney an diesem Morgen - Suburbia oder Bohemia. Und er habe bereits früh in Bradford beschlossen, dass für ihn nur Letzteres infrage komme: Bohemia. Ein Ort, an dem man Künstler sein kann, wenig Geld benötigt, ein Ort, an dem die Liebe zu Männern nicht strafrechtlich verfolgt wird. Ein Ort schließlich, an dem die Zigaretten niemals ausgehen. "Ein rauchfreies Bohemia ist ein Ding der Unmöglichkeit", sagt Hockney.

Tatsächlich war das London des Royal College of Art für ihn eine Art Bohemia, trotzdem blieb London nur eine Zwischenstation. Zwar war die englische Hauptstadt Anfang der Sechzigerjahre noch immer die Zentrale des Empire. Aber das Neue, das Kraftvolle vermutete der Junge aus dem Norden Englands in Amerika.

Hier waren die Abstrakten Expressionisten um Willem de Kooning, Jasper Johns und Mark Rothko angesiedelt, hier sollte es knallpralles Leben rund um die Uhr geben. Als jemand Hockney auf der Straße von London ein Flugticket für den Preis von 40 Pfund nach New York anbot, sagte Hockney sofort Ja - obwohl er nur zwölf Pfund besaß in diesem Augenblick. Den Rest des Geldes organisierte er schnell. Next Stop Brooklyn, Bohemia.

Es gefiel ihm. Vieles schien möglich. Mit einem Mann nicht nur zu schlafen, sondern auch zu wohnen, sich die Haare wasserstoffblond zu färben, weil die Fernsehwerbung versprochen hatte: "blondes have more fun" - dass Blonde mehr Spaß hätten. Aber eine Verheißung fehlte an der im Winter düsteren Ostküste. Genau, die Surfer.

Hockney hatte deren muskulöse, braun gebrannte Körper in kleinen Westküsten-Magazinen wie "Physique Pictorial" gesehen. Noch in London hatte er 1963, inspiriert davon, nackte Männer beim Duschen gemalt. Mit den Geldern seiner ersten Londoner Galerie-Ausstellung kaufte er ein Flugticket - und fand sein schwules Paradies in Kalifornien. Er malte morgens, ging nachmittags zum Strand, malte wieder bis abends um zehn Uhr, danach ging es ab in verschiedene Bars, Hauptsache, sie hatten geöffnet bis zwei Uhr früh. "Diese Sperrstunde ist ideal", sagt Hockney. "Vier Uhr früh wäre viel zu spät." Der ganze nächste Arbeitstag würde leiden.

Es klopft an der Tür. Der Mann, der in Hockneys Clique für das Essen zuständig ist, erklärt, dass der Lunch fertig sei. Es ist eine sehr maskuline Mahlzeit. Kein Salat, kein Obst, kein Gemüse, nur eine Schüssel gefüllt mit gebratenen Würsten und eine mit ruppig abgerissenem Baguette.

Die Männer legen die Würste auf das Brot, essen mit der Hand. Einzige Zutat: Senf aus der Tube - und natürlich die Zigarette danach. Um am Hof von David Hockney bestehen zu können, so scheint es, hilft es, wenn man Nikotin als Nahrungsmittel begreift. Als unverzichtbares Grundnahrungsmittel.

Am Ende des Essens übergibt der Mann, der für die Ausstellungen zuständig ist, Hockney einen neuen Führerschein. Der Maler packt ihn neben jenes kalifornische Ausweispapier, das ihm den legalen Bezug von Marihuana erlaubt.

Heute gibt es in Los Angeles eine der lebendigsten Kunstszenen der westlichen Welt, aber als David Hockney Mitte der Sechzigerjahre dort ankam, existierte im ganzen Großraum der Stadt kaum eine Galerie. "Was willst du in dieser kulturellen Wüste?", fragten jene Freunde, die es gut mit Hockney meinten.

"Kulturelle Wüste?", fragte Hockney. "Es ist die Heimat einer Hochkultur, genannt Hollywood."

Hollywood, sagt Hockney heute, sei gewissermaßen die zweite Heimat gewesen, in der er aufwuchs. Hinaus aus den grauen Straßen von Yorkshire, hinein ins Kino, und los ging die Reise. Hockney erinnert sich an einen Film, in dem Stan Laurel und Oliver Hardy Weihnachtsbäume verkaufen. Die beiden Komiker tragen dicke Mäntel im Sonnenschein, die Bäume und Figuren werfen dicke Schatten. Er habe den Film mit zwölf Jahren gesehen, sagt Hockney, er habe damals beschlossen, später in diesem Licht zu leben. Nicht in Bradford. Nicht an diesem Ort, wo man die Sonne so selten sah, dass der Schatten als solcher praktisch unbekannt war.

In Los Angeles kam vieles zusammen: das Licht, die freie Homosexualität, die Surfer, das Wasser, der lässige Wohlstand, das alles kann man besichtigen in seiner wichtigsten Schaffensperiode dort. Die Bilder leuchten, trotzdem wohnt ihnen etwas Dunkles inne, die Schatten der Vergänglichkeit. Nirgendwo kommt diese Düsternis im Hellen besser zum Ausdruck als in Hockneys Meisterwerk dieser Periode, "A Bigger Splash". Es bleibt nur das ewige Blau, die unerschütterliche Strahlkraft des Pools, an den Menschen erinnern nur ein paar Spritzer - die Hockney allerdings mit feinsten Strichen in wochenlanger Tüftelei ausgemalt hat.

Das Werk Hockneys im Los Angeles der späten Sechzigerjahre war so gewaltig und eigenständig, dass es ihn zu einem großen Star werden ließ. Das Licht, das er gesucht hatte, schien nun auf ihn, und es konnte mitunter ziemlich unbarmherzig sein. Bereits in den Siebzigerjahren schrieben die ersten Kritiker über Hockney, ihm falle nichts mehr ein. Er sei fertig.

Jenes Los Angeles, das Hockney hatte reich und berühmt werden lassen, das dämmerte dem Maler, war auch eine Falle. Das Blau der Swimmingpools, das ja stets auch ein demokratisches Versprechen war, das des Wohlstands, der möglichst viele einschließen sollte, legte sich nun schwer auf seinen Weg in die Zukunft. Was sollte als Nächstes kommen? Mehr Swimmingpools?

Hockney zog nach Paris, zog nach London, dann wieder nach Los Angeles, wo er ein Haus direkt am Pazifik kaufte, aber es so gut wie nie bewohnte, weil es ihn langweilte, nachdem er den Pazifik gemalt hatte. Hockney verzaubert die Welt mit seinen Abbildungen, aber für sich selbst malt er sie auch leer. Er, der Lebemann und Hedonismusbeschwörer, tat sich schwer mit dem Genießen. Er musste weiter.

David Hockney

David Hockney

Foto: Andy Rain/ dpa

Als gegenständlicher Maler war Hockney in der modernen Kunst phasenweise eine Anomalie, und die Tatsache, dass er die Welt liebt und preist in seinen Bildern und noch dazu sehr fleißig ist, hat ihm in den Augen einiger Kritiker gelegentlich eine gewisse Abschätzigkeit eingetragen. Das Leiden, das Hässliche, der Tod, das, was seinen Werken so fremd scheint, wird immer noch für die substanziellere Kunst gehalten.

Larry Gagosian, den reichsten und mächtigsten Kunsthändler der Welt, kennt Hockney seit den frühen Siebzigerjahren, jener Zeit, als Gagosian noch einen Posterladen in Westwood hatte. Immer wieder trat Gagosian an ihn heran, um ihn zu vertreten. Immer wieder hat Hockney abgelehnt. "Alles, was Larry will, ist verkaufen, verkaufen, verkaufen", sagt Hockney. Der aber will das nicht.

Hockney hat einen Herzinfarkt überlebt und vor vier Jahren einen Schlaganfall, der ihm zwischenzeitlich die Sprache raubte, aber all diese Einbußen und Rückschläge, die andere zweifeln oder bitter werden lassen, haben ihm kaum etwas von seinem Schwung und seinem Schalk genommen. Seine Werke wurden immer größer. In der Royal Academy in London beispielsweise hing die Abbildung eines Waldes aus Yorkshire. Sie nahm die gesamte Wand ein. Viele Frühlingstage brauchte Hockney dafür. Oft stand er ab sechs Uhr morgens malend in der Landschaft. "Ich finde es aufregend zu sehen, wenn Regen in eine Pfütze fällt. Und das dann zu malen. Ich gebe zu, es gibt nicht gerade viele Menschen, die diese Erregung teilen. Ich schon. Ich bestehe darauf, dass das Leben spannend und reich sein soll. Und das ist es. Ich tue jedenfalls mein Bestes, um sicherzustellen, dass es so ist", sagt Hockney.

Wenn man ein paar Stunden mit David Hockney zusammen ist, fällt es einem immer schwerer, sein Alter zu schätzen. Er hat die Energie eines shakespeareschen Narren. Er unterhält einen nonstop, er macht einen fertig. Schließlich zündet er sich noch eine an.

Das letzte Bild in Hockneys Buch zeigt eine brennende Zigarette in einem Aschenbecher. Dazu hat er geschrieben: "In case you had forgotten" - für den Fall, dass ihr vergessen habt, was das ist.

Ein Scherz möglicherweise, aber ausnahmsweise einer, den er bitterernst meint. Wenn es um Aschenbecher geht, versteht Hockney keinen Spaß. Sie sind, neben der Malerei, sein Leben.

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