Umstrittener "Nationalpark Steigerwald" Warum ein deutscher Wald die Gemüter erhitzt
Buchen im Steigerwald
Foto: imago / imagebrokerDrei Jahre lang sind Naturschützer immer wieder durch den fränkischen Steigerwald gestapft, ausgerüstet mit GPS-Geräten, Forstkarten und Maßbändern. Ihr Befund liegt vor: 7653 "dicke Bäume" haben sie aufgespürt.
Diese Majestäten stehen im Hohen Buchenen Wald, einem malerischen Forst im Hügelland westlich der Stadt Bamberg. Für die Aktivisten ist damit bewiesen, dass dieses Waldstück höchsten Schutz verdient - als Kernzone eines künftigen "Nationalparks Steigerwald".
Mit der Zeit könnte dort ein urtümlicher, artenreicher Buchenwald entstehen, dem Zugriff der Forstwirtschaft auf immer entzogen - zum Nutzen unzähliger Pilze, Käfer, Vögel und Kleinsäuger.
Seit zehn Jahren gilt der Hohe Buchene Wald als Kandidat für einen solchen Paradefleck deutscher Wildnis. Und ebenso lange ist er bitter umkämpft.
Die Gegner hatten sich in dem Verein "Unser Steigerwald" zusammengetan, angeführt vom CSU-Landtagsabgeordneten Gerhard Eck. Auf Veranstaltungen erschienen sie oft in schwarzer Kluft, beinahe wie eine Bürgerwehr, die gegen eine drohende Ökodiktatur im Wald zu Felde zieht.
Es gelte, beizeiten den Anfängen zu wehren, behauptete der Verein. Am Ende werde dem Volk der Zugang zum Schutzgebiet versperrt, die Jagd verleidet und die Entnahme von Brennholz untersagt. Noch heute warnt er vor einem "Entvölkerungsprojekt".
Für die Anhänger eines Nationalparks sah es lange nicht gut aus. Dennoch glückte ihnen im Jahr 2014 ein Etappensieg: Der zuständige Landrat von Bamberg stellte sich auf ihre Seite - und erhob den Hohen Buchenen Wald im Alleingang zum Schutzgebiet.
Rauchblättrige Schwefelköpfe: Jeder sterbende Baum ein Fest des Lebens
Foto: David Ebener / picture-alliance / DPADer Streit aber geht seither unvermindert weiter. In diesen Tagen entscheidet nun das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig, ob die Ausweisung rechtens war. An diesem Verfahren nehmen die 7653 "dicken Bäume" quasi als stumme Zeugen der Natur teil.
Wie so oft, wenn um den deutschen Wald gestritten wird, geht es unversöhnlich ums Prinzip. Auf der Gegenseite kämpfen Forstbetriebe um den Holzertrag, Jäger um die Hoheit im Revier und Bürgermeister um die Freiheit, Gewerbegebiete auszuweisen.
Die Idee vom Nationalpark verdankt sich vor allem dem Forstmann Georg Sperber, 84. Gut ein Vierteljahrhundert stand er dem Forstamt Ebrach vor, zu dem der Hohe Buchene Wald gehört. Dort bemühte Sperber sich schon früh um eine naturnahe Wirtschaftsweise. Beispielsweise ließ er gefällte Bäume von Rückepferden aus dem Wald ziehen, um den Boden nicht mit tonnenschweren Maschinen zu zerstören.
Der Förster vom Steigerwald verschärfte zudem die Jagd auf die Rehe, die ihm die Triebe der Laubbäume abfraßen. Und er weigerte sich, zugunsten neuer Nadelforste seine alten Schaufelbuchen umzuhauen - aus solchen mächtigen Riesen wurden dazumal Getreideschaufeln geschnitzt.
Sperber hat viel für den Naturschutz getan. Aber auch er hat all die Jahre, wie es sein Job als Förster verlangte, dicke Bäume aus dem Wald geerntet. Ihn gänzlich der Natur zurückzugeben fiel ihm erst Jahre nach seiner Pensionierung ein. Da war es schon der Wald seines damaligen Schwiegersohns Ulrich Mergner. Der waltet in Ebrach bis heute als Betriebsleiter für den Eigentümer, die Bayerischen Staatsforsten.
Selbst Naturschützer räumen ein, dass Mergner - für einen Wirtschaftswald - seine Sache ordentlich macht. Auch Sperbers Nachfolger verschont ausgewählte Altbäume und lässt eine Menge Totholz liegen, weil das seltenen Arten als Lebensraum dient. Dennoch wird auf diese Weise aus dem Ebracher Forst nie ein auch nur annähernd urtümlicher Wald.
Für mehr Wildnis gäbe es dringende Gründe. Deutschland war einst von Buchenwäldern bedeckt. Heute stehen Buchen lediglich auf rund 14 Prozent der Waldfläche, und fast alle werden jung gefällt - Bestände älter als 180 Jahre machen nicht einmal drei Promille aus. Echte Urwälder gibt es gar nicht mehr.
Wer die ältesten Wälder schützt, legt wenigstens eine eiserne Urwaldreserve für künftige Generationen an. Die Bäume dürfen dort ungestört alt werden und absterben, bis sie eines Tages umfallen und langsam verrotten. So verwandelt sich der Wald mit der Zeit in einen naturnahen Zustand zurück.
Jeder sterbende Baum ist ein Fest fürs Leben. Hunderte Käferarten, viele davon bedroht, bohren ihre Gänge in den geschwächten Stamm. Spechte meißeln Höhlen hinein, die später auch von Fledermäusen und Hohltauben genutzt werden können.
Das morsche Holz wird von Pilzen durchwuchert und weiter zersetzt - darunter so seltene Exemplare wie der Ästige Stachelbart, der wie ein gefrorener Wasserfall aus gestürzten Buchen hervorquillt.
Waldwildnis heißt hauptsächlich Verfall; Tausende Lebewesen sind auf Bäume in allen Stadien des Hinscheidens angewiesen - im Wirtschaftswald gibt es davon viel zu wenige.
Deshalb einigten sich Bund und Länder auf eine "Nationale Strategie zur Biologischen Vielfalt": Fünf Prozent des deutschen Waldes sollen bis 2020 dem Eifer der Forstwirtschaft komplett entzogen werden. Sie dürfen fortan "nutzungsfrei" verwildern. Aber wie es aussieht, sind bestenfalls etwas über zwei Prozent zu schaffen. Zu groß ist vielerorts der Widerstand.
Auch der Forstmann Sperber kam mit seinem Wildnisprojekt jahrelang nicht voran. Die Landesregierung wollte sich nicht mit den lautstarken Rebellen anlegen; ein Nationalpark im Steigerwald galt als nicht durchsetzbar.
Dennoch fand Sperber rasch Unterstützer, darunter den Bamberger Landrat Günther Denzler. Dieser griff schließlich, kurz vor seiner Pensionierung, zu einer List: Denzler ernannte den Hohen Buchenen Wald zum "geschützten Landschaftsbestandteil". So etwas kann sogar ein Landrat einfach dekretieren.
Gedacht ist der Schutztitel eigentlich für überschaubare Kleinode - eine Streuobstwiese, einen lauschigen Löschpfuhl. Aber warum nicht auch für ein großes Stück Wald, das eines Tages die Kernzone eines Nationalparks werden könnte? Und schon waren 775 Hektar der Forstwirtschaft entzogen.
Der Freistaat jedoch schlug zurück - und änderte kurzerhand sein Naturschutzgesetz: Landräte dürfen jetzt lediglich über Flächen bis zu zehn Hektar verfügen. Der Amtsakt des wackeren Denzler wurde im Nachhinein kassiert - rechtlich fragwürdig, politisch eine Schmutzelei. Die Waldschützer sprachen von einer "Lex Steigerwald".
Totholzbewohner Waldkauz
Foto: Johann FörstSeither wird gestritten, ob die Aufhebung des Schutzgebiets rechtens war. Der Bund Naturschutz erhob umgehend Klage. Nun muss das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig entscheiden.
Die Bevölkerung fände inzwischen mehrheitlich einen Nationalpark gut. Nach einer Emnid-Umfrage im Auftrag des Bundes Naturschutz sind 67 Prozent in der Region dafür. Selbst in den Umlandgemeinden der Kernzone ist es noch die Hälfte.
Seit drei Jahren gibt es einen Verein von Nationalparkfreunden. Der Vorsitzende Benedikt Schmitt, im Hauptberuf Polizist, begegnet aber weiterhin vielen Steigerwäldlern, die sich nicht offen bekennen mögen: Der Arzt fürchtet um die Patienten, der Bäcker um die Kundschaft.
Schmitt hofft vor allem auf eine Belebung der Region. Es gibt wenig Arbeit im Steigerwald, die Jungen ziehen weg. Das gilt auch für den Weiler Geusfeld, in dem er aufgewachsen ist. "Von sieben Gleichaltrigen sind noch zwei da", sagt Schmitt.
Die Gegend um Ebrach war schon immer abgeschieden. Große Teile des Forstes gehörten dem Orden der Zisterzienser. Anderswo weideten die Bauern ihr Vieh im Wald und scharrten Laubstreu zusammen, was den Boden stark strapazierte. Die Mönche von Ebrach wollten ihre Ruhe haben, sie verboten den Brauch. Nur hin und wieder ließen sie Bäume fällen, von den Erlösen bauten sie sich ein pompöses Kloster. Heute wird es, mangels anderen Bedarfs, als Jugendstrafanstalt genutzt.
Den Leuten in der Gegend ist nicht entgangen, wie viele Touristen die bestehenden Nationalparks Bayerischer Wald und Berchtesgaden anlocken: Dort sind Hunderte Arbeitsplätze entstanden, die jährlichen Einnahmen bewegen sich im zweistelligen Millionenbereich.
Dem Steigerwald spendierte der Freistaat nun immerhin einen Baumwipfelpfad und ein Nachhaltigkeitszentrum - das dem Publikum freilich vor allem die Vorzüge des Wirtschaftswaldes nahebringt. "Da können Sie lernen, wie man fachgerecht eine Fichte umsägt", spöttelt Altförster Sperber. Zum Geschäftsführer des Trägervereins rückte ausgerechnet einer der schärfsten Eiferer gegen einen Nationalpark auf: Oskar Ebert, ein ehemaliger Bürgermeister aus der Gegend.
In dieser verfahrenen Lage setzt nun der Bund Naturschutz auf seine Volkszählung im Wald: 7653 dicke Bäume mit einem Durchmesser von mehr als 60 Zentimetern - ist das nicht Grund genug, die Sache noch einmal zu überdenken?
Freilich wird diese Zahl von niemandem bestritten. Der Forstbetrieb Ebrach selbst kam bei seiner letzten Inventur auf einen ähnlichen Befund. Das wahre Problem ist: Auf die Dicke kommt es gar nicht an.
Bei Buchen besagt der Durchmesser nicht viel. Ein Baum, der genügend Platz und Licht hat, schießt schnell in die Höhe; er kann mit 100 Jahren schon dick sein. Aber erst ab etwa 180 Jahren werden Buchen für viele Tiere interessant. Dann beginnen die Bäume zu schwächeln, Risse und Klüfte entstehen, Käfer dringen durch die marode Rinde ein.
Von diesem für Besiedler appetitlichen Greisenalter sind die allermeisten Buchen im Hohen Buchenen Wald noch viele Jahrzehnte entfernt. Kleine Bestände urtümlicher Riesen, über 300 Jahre alt, finden sich zwar in den Naturwaldreservaten "Brunnstube" und "Waldhaus". Dort sind sie aber ohnehin schon streng geschützt. Weitere halbwegs wertvolle Flächen im Hohen Buchenen Wald hat der Forstbetrieb Ebrach bereits aus der Nutzung genommen.
Ansonsten gibt es dort nicht viele wirklich alte Bäume. Förster Mergner schätzt den Bestand auf höchstens 20 Hektar.
Einem Urwald weit näher ist der benachbarte Spessart. Dort wachsen alte Buchen (und noch ältere Eichen) auf ungleich größerer Fläche - weit über tausend Hektar. Auch die Vielfalt gefährdeter Arten ist dort größer. Der Käferforscher Heinz Bußler suchte in beiden Regionen nach seltenen Krabblern, die höchste Ansprüche an Naturnähe stellen. Im Spessart fand er 13 solcher "Urwaldreliktarten", im Steigerwald nur 7.
Welches wäre also der bessere Ort? Im Moment steht es schlecht für beide. Im Sommer vorigen Jahres verblüffte Ministerpräsident Horst Seehofer mit der Ankündigung, er werde sich für einen dritten Nationalpark in Bayern einsetzen - aber ausgerechnet den Steigerwald schloss er dabei sogleich aus, aufgrund des erbitterten Widerstands in der Region.
Totholzbewohner Mittelspecht
Foto: Thomas StephanIm vergangenen Juli nahm das bayerische Kabinett zudem den Spessart aus dem Rennen. Denn auch dort gibt es längst einen Verein, der mit großem Furor gegen die verhasste Schutzzone für ein Stück Waldwildnis kämpft.
Damit findet die Suche nach einem dritten Nationalpark ohne die beiden besten Kandidaten statt. Verblieben sind die Rhön und die Donau-Auen bei Ingolstadt. In beiden Regionen drohen weder Aufruhr noch übergroße Begeisterung für das Projekt.
"Die Rhön kann man vergessen", sagt der Korbacher Buchenwaldexperte Norbert Panek, der die Lage für Greenpeace begutachtet hat. "Das Gebiet ist stark zerschnitten, und auf vielen Flächen überwiegt der Nadelwald." Die Auwälder an der Donau wiederum bedecken nur einen schmalen Landstreifen. Ein bescheidenes Biosphärenreservat, glaubt Panek, wäre da eher angebracht.
Gut möglich also, dass sich nach all den Schlachten das Projekt "Dritter Nationalpark" bald von selbst erledigt. Andererseits ist derzeit kaum berechenbar, wie es mit der regierenden CSU weitergeht. Der designierte Ministerpräsident Markus Söder, geborener Franke, ist kaum eine Autostunde vom Steigerwald entfernt aufgewachsen. Plötzlich scheint doch wieder vieles denkbar.
Forstmann Georg Sperber ist zuversichtlich. "Nach Seehofer", sagt er, "wird die Diskussion neu aufgerollt."