Zehn Deutschtürken berichten "Plötzlich ist man Türke"
Arzu Bakici, 42
Hotelfachfrau, Hausfrau und Mutter
Scharbeutz
Ich bin eines dieser typischen Gastarbeiterkinder. Meine Eltern wollten nur kurz hierbleiben und genügend Geld verdienen, um in ihrem Land eine Existenz gründen zu können. Uns Kinder haben sie zur Oma in die Türkei geschickt, damit sie Schichten schieben konnten in der Fabrik. Sie haben es aber nicht geschafft, in ihr Land zurückzukehren.
Schließlich entschieden sie, dass ich endgültig in Deutschland bleiben sollte. Ich wurde aus meiner gewohnten Umgebung herausgerissen und musste mich als 16-Jährige neu orientieren. Aber ich hatte immer die Türkei in meinem Herzen.
Meine Mutter war sehr streng. Ich musste mich hier anpassen und durfte keine türkischen Freunde haben, damit ich die deutsche Sprache lerne. So kam es, dass ich irgendwann einen Deutschen geheiratet habe. Wenigstens haben wir unseren Kindern türkische Namen gegeben, damit sie ihren Ursprung, meinen Ursprung, nicht vergessen.
Eines Tages im Winter nahm mir an der Tankstelle eine Frau im Pelz meinen Platz an der Zapfsäule weg. Auf meine Frage, ob sie bitte etwas weiter vorfahren könne, damit wir beide tanken können, drehte sie sich um und sagte in gebrochenem Deutsch: "Geh in dein Land schimpfen." Auf meine Antwort, das hier sei ja nicht ihr Land, sagte sie voller Stolz: "Ich bin Deutsche." Ich war wie gelähmt. Gleich am nächsten Tag bin ich zum Amt, habe dem Beamten die Geschichte erzählt und gesagt: "So, jetzt muss ich deutsch werden, damit ich solchen Leuten meinen Ausweis unter die Nase halten kann." Er lachte und gab mir die Antragspapiere. Ich war allerdings zu faul, alle Dokumente zu besorgen, und blieb erst mal Türkin.
Aber wenn ich jetzt sehe, was mit der Türkei passiert, dann reicht es mir. Wenn ich sehe, was Erdogan mit meinem Land macht. Wenn ich sehe, dass es genügend Menschen gibt, die ihn wählen, die hinter ihm stehen. Wenn ich sehe, wie die Werte und Normen vernichtet werden, welche Atatürk seiner Zeit voraus in meinem Land eingeführt hat. Wenn ich sehe, dass mein Land, das Religion und Politik voneinander getrennt hatte, jetzt alles dafür tut, diese Trennung aufzuheben - wie kann ich dann noch sagen: Ich bin Türkin? Wie kann man da tatenlos zuschauen? Ich glaube, jetzt bin ich bereit, Deutsche zu werden, denn ich möchte nicht mit Erdogan und seinen Anhängern in einem Atemzug genannt werden.
Yusuf Sönmez, 52
Lebensmittelhändler
Frankfurt am Main
Seit fast 35 Jahren lebe ich in Deutschland. Zuerst habe ich 12 Jahre lang bei der Lufthansa gearbeitet, dann habe ich ein Geschäft aufgemacht. Ich habe als Selbstständiger anderen Menschen Arbeit gegeben und immer ordentlich meine Steuern bezahlt.
Aber in letzter Zeit habe ich mehr und mehr das Gefühl bekommen, dass ich nicht erwünscht bin. Das liegt auch an diesen Politikern, die auf unserem Rücken Stimmung machen. Die ziehen zum Beispiel über den Islam her, nur um bekannt zu werden und in die Zeitungen oder ins Fernsehen zu kommen. Oder die Kampagne gegen Erdogan. Ich bin kein Erdogan-Fanatiker. Aber da geht es um die Politik in der Türkei, und die deutschen Politiker sollten sich um die Politik und die Menschen hier in Deutschland kümmern. Dafür werden sie bezahlt, von unseren Steuergeldern.
Ich glaube, dass meine Familie und ich viel geleistet haben in Deutschland. Meine beiden Söhne haben studiert und sehr gute Abschlüsse gemacht. Die werden sicherlich nie mehr zurück in die Türkei gehen. Aber wenn man hier Bewerbungen schreibt und eine Arbeit sucht, wenn man auf ein Amt geht oder bei einem Unfall mit der Polizei zu tun hat, dann ist man plötzlich wieder der Türke, der sich hinten anstellen muss.
Ich könnte jede Menge Erlebnisse erzählen, bei denen ich mich fühlte wie ein Bürger zweiter Klasse. Ich wünschte, die Politiker würden sich mehr darum kümmern, statt Resolutionen darüber zu verabschieden, was vor über hundert Jahren in der Türkei passiert sein soll.
Baris Türkoglu, 22
Maschinenbaustudent
Hamburg
Endlich fragt mich mal jemand nach meiner Meinung! Eines will ich gleich zu Anfang klarstellen: Ich bin ein Erdogan-Gegner. Deshalb habe ich mich über das Spottlied der Satiresendung "extra 3" gefreut. Als Erdogan Anzeige erstattete, dachte ich nur: Was für eine Kinderkacke! Ich habe es nur wegen der Zeilen "Kurden hasst er wie die Pest, die bombardiert er auch viel lieber als die Glaubensbrüder drüben beim IS" nicht geteilt. Denn Kurden werden hier immer mit der PKK gleichgesetzt. Das ist falsch und regt mich auf. Die Türkei führt einen Krieg gegen die terroristische PKK und nicht gegen alle Kurden. Wenn die Terroristen den Kampf in kurdische Städte tragen, obwohl sie wissen, dass es zivile Opfer gibt, sind sie auch verantwortlich für die Toten.
Aber reden wir lieber über Armenien. Die Armenier haben im Ersten Weltkrieg an der Seite der Russen gekämpft. Die Osmanen mussten etwas unternehmen, um ihr Volk zu verteidigen, hatten jedoch meiner Meinung nach nicht die Absicht, ein ganzes Volk auszurotten. Diese Absicht ist aber Voraussetzung dafür, dass die Definition Völkermord zutrifft. Es gab damals viele Massaker, das steht außer Frage. Wenn jemand beurteilen kann, ob es sich dabei um einen Genozid handelte, dann Juristen und Historiker. Das deutsche Parlament ist dazu sicher nicht befugt.
Dass die türkischstämmigen Politiker bei der Armenien-Resolution mitgemacht haben, finde ich erst recht nicht gut. Die vertreten nicht die Türken in Deutschland, sondern machen die Politik, mit der sie am meisten Stimmen bekommen - von den Deutschen. Ich weiß das, weil ich 2013 selbst Wahlkampf für die SPD gemacht habe und damals viele Leute wie Aydan Özoguz, die heutige Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, kennenlernte. Inzwischen bin ich nur noch offiziell Mitglied, ich engagiere mich nicht mehr in der Partei. Der Opportunismus dieser Politiker ist unsympathisch. Obwohl ich kein Fan des türkisch-islamischen Verbandes Ditib bin, finde ich es nur richtig, dass Özoguz vom Fastenbrechen in der Ditib-Moschee in Hamburg ausgeladen wurde.
Önay Duranoez, 35
Sozialarbeiter
Dinslaken
Ich bin Quartiersmanager für den Deutschen Kinderschutzbund im Stadtteil Lohberg. Die Arbeitslosigkeit bei uns ist hoch, die jungen Menschen haben schlechte Perspektiven. Wenn man Lohberg als türkisches Dorf mitten in Deutschland bezeichnet, trifft es das ziemlich gut: Die meisten Türken hier kamen vor Jahrzehnten, als es den Bergbau noch gab und gute Arbeitsplätze.
In den letzten Monaten habe ich beobachtet, wie viele von den türkischen jungen Leuten zunehmend frustriert wurden. Das begann mit den Flüchtlingen und den öffentlichen Statements, diese müssten gefördert werden und schnell Chancen auf Ausbildung und am Arbeitsmarkt haben. "Und was ist mit uns?", fragten die Jugendlichen. Dann ging es weiter, dass rechtslastige oder sogar rassistische Sprüche wieder salonfähig wurden. Die Jugendlichen berichteten mir, dass sie im Job stärker angefeindet würden: als Muslime und als Türken.
Die Debatte um Böhmermann und die Armenien-Resolution hat die Dinge für sie nicht besser gemacht. Die Entwicklung der vergangenen Monate hat bei ihnen zu einer stärkeren Rückbesinnung auf die Türkei und zu einer Mischung aus Frustration und Unverständnis gegenüber Deutschland geführt.
Burak Isikdaglioglu, 29
Sportfunktionär
Berlin
Seit Wochen dreht sich in Deutschland alles nur noch um die türkische Politik. Auch in meinem Freundeskreis reden wir ständig darüber, Facebook ist voll davon. Wir Türken fühlen uns angegriffen. Ich war nicht unbedingt ein Unterstützer Erdogans, es geht nicht, dass er aus der türkischen Republik ein präsidiales System machen will. Aber die letzte Zeit hat mich zu einem Erdogan-Unterstützer gemacht, weil er halt unser Staatspräsident ist und die Angriffe nicht nur gegen ihn gehen. Ich fühle mich verletzt, wenn der Staatspräsident als Ziegenficker beleidigt wird.
Ich bin doppelter Staatsbürger, ich respektiere die freiheitlich-demokratische Grundordnung. Ich bin sogar in die CDU eingetreten. Angela Merkel macht mich stolz, sie ist eine gute Kanzlerin und lässt sich von niemandem reinreden. Jetzt hat es ein paar türkischstämmigen Politikern wie Cem Özdemir nicht gefallen, dass sie die Flüchtlingsvereinbarung mit Erdogan getroffen hat. Deswegen die Armenien-Resolution. Und die CDU macht mit. Ich bin sofort aus der Partei ausgetreten, aus Frust.
Die Armenien-Resolution hat der deutsch-türkischen Freundschaft Schaden zugefügt. Unser Blut kocht aus Enttäuschung. Das werden wir Türken den Deutschen nie vergeben. Die meisten Deutschtürken sind nationalkonservativ. Wir werden ganz genau gucken, wer die Resolution eingebracht hat. Diesen Leuten werden wir unsere Stimme bei den nächsten Wahlen verwehren. Die Resolution hat nicht nur Erdogans Partei AKP getroffen, sondern das ganze türkische Volk, in dieser Thematik haben sich fast alle Türken vereint. Da hat es sich Deutschland wirklich verscherzt.
Die Deutschen haben nicht das Recht, den Oberlehrer zu spielen. Kein Land hat eine weiße Weste, Deutschland schon mal gar nicht. Die Bundesrepublik muss erst mal ihr Rassismusproblem klären, erst vor wenigen Tagen wurde einem Mädchen in Berlin das Kopftuch runtergerissen, wir erleben den Rassismus tagtäglich, egal ob auf der Straße oder im Sportverein. Ich fühle mich in diesem Land nicht willkommen, allein aus meinem Umfeld sind drei Familien wieder in die Türkei zurückgegangen.
Die Gemüter müssen sich jetzt wieder beruhigen. Am besten wäre es, wenn wir uns um die aktuellen Probleme kümmern, die Jugendarbeitslosigkeit, die Kriminalität - und nicht um Dinge, die vor über hundert Jahren passiert sind.
Zühre Sevengül, 50
Gastwirtin
München
Mein Restaurant liegt in einem Viertel, in dem viele glühende Erdogan-Fans Geschäfte betreiben. Hier haben viele die Böhmermann-Satire persönlich genommen. Ich fand's einfach ein schlechtes und geschmackloses Gedicht. In meiner Bar hängt auch kein Erdogan-Porträt, sondern eines von Willy Brandt und das des Münchner Oberbürgermeisters Dieter Reiter.
Ich bin als Gastarbeiterkind in Deutschland zur Welt gekommen und seit 18 Jahren auch auf dem Papier schwarz-rot-gold. Nach der Armenien-Resolution habe ich aber plötzlich gespürt: Mein Herz schlägt türkisch. Die Entscheidung des Bundestags hat meinen türkischen Nationalstolz zum Vorschein gebracht. Wenn ich eines nach 50 Jahren Alltag in Deutschland gelernt habe, dann dass Deutschland nicht mit dem Finger auf andere zeigen sollte, wenn es um Genozide geht.
Selbst meine Tochter, die sich für Tagespolitik gar nicht interessiert und alle Politiker, egal ob deutsch oder türkisch, für korrupt hält, hat sich über die Resolution aufgeregt. Sie findet, dass die Türken damit zu Sündenböcken gemacht werden. Ganz so wie vor der Flüchtlingskrise, als nicht den Asylbewerbern, sondern besonders gerne den türkischen Einwanderern die Schuld an vielen Problemen in Deutschland gegeben wurde.
In letzter Zeit denke ich oft darüber nach, Deutschland den Rücken zu kehren und in die Türkei auszuwandern. Das liegt aber mehr am trüben Wetter als an der Politik. Wenn man alt wird, will man einfach gern ans Meer.
Adil Yigit, 58
Betreiber des Nachrichtenportals Avrupa Postasi
Hamburg
Jedes Mal, wenn ich mein Büro im Hamburger Stadtteil St. Georg verlasse, sehe ich mich um, ob mir vielleicht jemand auflauert oder ich verfolgt werde. Ich habe Angst. Es gibt rechtsextreme, nationalistische Türken in der Stadt, die unberechenbar sind. Sie gehören zu den Erdogan-Anhängern, die mit aller Macht gegen jeden kritischen Gedanken vorgehen.
Der Riss geht quer durch die türkische Gemeinde in Deutschland: Auf der einen Seite stehen rechtskonservative Landsleute, die sich durch die Armenien-Resolution des Bundestags beleidigt fühlen, auf der anderen Seite politisch liberale Türken, von denen viele einen deutschen Pass haben. Diese Leute glauben, dass eine Debatte über den Völkermord an den Armeniern sinnvoll ist.
Die Vorwürfe treffen ja nicht die türkische Republik und ihren Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, sondern das Osmanische Reich. Trotzdem ist der Streit so heftig, als hätte das Ereignis erst gestern stattgefunden. In Deutschland erscheinende nationalistische Zeitungen wie "Sözcü", "Aydinlik" und "Sabah" heizen die angespannte Atmosphäre mit ihrer Propaganda weiter an. Für mich als moderaten Journalisten ist die Lage deshalb schwierig, zumal in der Türkei fast jede Woche Kollegen verhaftet werden, deren Berichterstattung nicht den Vorstellungen des Präsidenten entspricht.
Meine Mutter, die in der Türkei wohnt, fragt jedes Mal, wenn ich anrufe, wann ich sie endlich mit meinen vier Kindern besuchen komme. Ich rede mich dann raus. In Wahrheit befürchte ich, in der Türkei verhaftet zu werden, da ich zusammen mit anderen Journalisten mit Avrupa Postasi ein unabhängiges Nachrichtenportal betreibe, das auch in der Türkei von vielen gelesen wird.
Das Verhältnis zu den Deutschen hat sich für mich dagegen kaum verändert. Ich bin viel in der Stadt unterwegs, die Leute fragen mich, was ich von der Böhmermann-Satire halte oder vom Streit um die Armenier. Es gibt kaum jemanden, der seinen Unmut über Erdogan auf die hiesigen Türken übertragen würde.
Am 1. Juni gab es vor dem Brandenburger Tor eine Kundgebung gegen die Armenien-Resolution. Kostenlose Busse haben Demonstranten von Hamburg nach Berlin kutschiert. An erster Stelle der Organisatoren stand die Türkische Gemeinde Hamburg e.V. Warum? Über diese Frage ist zwischen liberalen und konservativen Mitgliedern nun ein Streit ausgebrochen. Erdogan trägt den Konflikt durch seine Anhänger gezielt nach Deutschland. Mir ist das unheimlich.
Muhterem Aras, 50
Landtagspräsidentin (Grüne) in Baden-Württemberg
Stuttgart
Dass einige türkischstämmige Bundestagsabgeordnete derzeit unter Polizeischutz gestellt sind, finde ich schlimm. Wir sind deutsche Politiker und vertreten die Interessen der Gesellschaft, die uns gewählt hat. Wer glaubt, türkischstämmige Parlamentarier seien der verlängerte Arm der türkischen Regierung, hat etwas nicht richtig verstanden.
Leider glauben das auch viele junge Menschen aus der dritten Generation, die hier aufgewachsen sind und hier ihre Ausbildung absolviert haben. Gerade sie haben doch in besonderem Maß vom offenen System in Deutschland mit seiner Meinungs- und Religionsfreiheit profitiert. Demokratie ist keine Einbahnstraße, wir müssen sie aktiv verteidigen. Hierzu wünsche ich mir klare Worte von den türkischen Gemeinden und Religionsgemeinschaften in Deutschland. Leider höre ich zu oft Relativierungen, auch von liberalen Deutschtürken. Der Satz etwa, die Deutschen müssten sich zuerst um die Aufarbeitung der NSU-Morde kümmern, bevor sie Solidarität mit frei gewählten Abgeordneten einfordern können, ist falsch: Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.
Genauso wenig geht es bei der Armenien-Resolution des Bundestags darum, die heutige Türkei und ihre Regierung an den Pranger zu stellen. Es geht um Geschichtsaufarbeitung. Dass türkische Politiker deutsche Abgeordnete zu Freiwild erklären und dafür noch Unterstützung bei Deutschtürken finden, ist fatal. Es muss uns wach rütteln, dass in Großbritannien eine Politikerin ermordet wurde. Die sozialen Medien, aber auch das AKP-lastige türkische Fernsehen transportieren viel Hass und Vorurteile. Darüber bin ich schockiert.
Die Hemmschwelle für verbale Attacken ist gesunken, viele Leute agieren im Internet mit ihrem echten Namen. Dazu haben türkische Politiker beigetragen. Alle Verantwortlichen sind aufgerufen, auf ihre Wortwahl zu achten und deeskalierend zu wirken. Wenn ein Staatschef Bluttests für Abgeordnete einfordert, dann ist das nicht hinnehmbar.
Canan Topcu, 50
Journalistin und Hochschuldozentin
Darmstadt
Lange habe ich zu denen gehört, die sich laut empören. Vor einigen Jahren, als es starke Proteste gegen den Bau von Moscheen gab, war ich wirklich wütend. Ich habe mich gefragt: Warum gönnen sie frommen Menschen nicht einen würdigen Platz, an dem sie zu ihrem Gott beten können? Inzwischen hat sich aber einiges verändert. Als Muslima muss ich nicht nur registrieren, dass im Namen des Islam schlimme Verbrechen geschehen. Ich sehe auch, dass viele muslimische Gemeinden sich abschotten und Rituale pflegen, die in eine aufgeklärte Gesellschaft nicht passen. Wenn ich behaupte, dass mein Glaube es mir verbiete, Frauen die Hand zu geben, dann muss ich mich nicht wundern, wenn die Menschen in Deutschland befremdet sind vom Islam. Das Gleiche gilt für diesen merkwürdigen Nationalismus, den viele Deutschtürken hier leben. Ich verstehe nicht, dass jemand sich persönlich angegriffen fühlen kann, weil ein Politiker wie Erdogan für seine autoritäre Herrschaft in der Türkei kritisiert wird. Oder wenn der Bundestag zu Recht feststellt, dass auf dem Gebiet der heutigen Türkei vor hundert Jahren ein Völkermord stattgefunden hat.
Das ist mir genauso unheimlich wie der zunehmende Nationalismus in der deutschen Mehrheitsgesellschaft. Für mich sind AfD-Leute und diese völkisch denkenden Rechten lauter kleine Erdogans. Aber es reicht nicht, über sie zu schimpfen. Ich gebe Seminare über die Migrationsgesellschaft und spreche mit angehenden Polizisten an der Polizeihochschule in Wiesbaden über Rassismus. Dabei stelle ich fest, dass viele junge Leute sich noch nie damit auseinandergesetzt haben, dass wir eine plurale Gesellschaft sind und wie wir miteinander leben wollen.
Gönül Kurt, 45
Rechtsanwältin für Familienrecht und Strafverteidigerin
München
Ich bin in Deutschland geboren, habe einen deutschen und einen türkischen Pass. Hier wähle ich die SPD und in der Türkei die AKP, deren Mitgründer Recep Tayyip Erdogan ist. In meinen Augen macht die AKP-Regierung erfolgreich sozialdemokratische Politik: Das Gesundheitssystem wurde reformiert, Behandlungen beim Arzt hängen nicht mehr vom Geldbeutel ab. Überall im Land werden Brücken, Flughäfen, Schulen und Staudämme gebaut. Minderheitenrechte, wie Kurdisch zu schreiben und zu sprechen, wurden wieder erlaubt, was seit Langem verboten war. Vor allem das einfache Volk profitiert. Aber in Deutschland wird nur über den angeblichen Diktator Erdogan berichtet. Es findet zurzeit ein Türkei-Bashing statt. Selbst die PKK wird von manchen Bundestagsabgeordneten als politische Organisation gesehen. Die PKK ist keine kurdische Arbeiterpartei, sondern eine Terrororganisation und in Deutschland zu Recht verboten.
Mir scheint, dass sich die Volksparteien in Deutschland Wählerstimmen am rechten Rand auf Kosten der Türken zurückholen wollen. Ein CDU-Politiker hat neulich das Aufenthaltsrecht ausländischer Staatsbürger infrage gestellt, die sich der angeblichen "Hetze" Erdogans anschließen. Das ist doch Rassismus. Ich finde es auch eine hochnäsige Haltung vieler Europäer, hier die Grenzen hochziehen zu wollen, während die Türkei bitte alle Flüchtlinge aufnehmen soll. Bei mir und vielen türkischen Freunden hat die Armenien-Resolution zu einem großen Vertrauensverlust geführt. Beim gemeinsamen Fastenbrechen ist Hauptthema die Politik. So wie ich verstehen viele Türken nicht, warum der Bundestag dafür zuständig ist, andere Länder des Völkermordes zu bezichtigen. Schuldfragen sind die Sache von Historikern und Juristen. Ich hätte mir gewünscht, dass sich Volksvertreter - insbesondere die mit türkischen Wurzeln - für Verständigung zwischen den Völkern einsetzen. Die Resolution hat neue Fronten entstehen lassen und gefährdet den sozialen Frieden zwischen Deutschen und Türken.
Aufgezeichnet von: Laura Backes; Matthias Bartsch; Sven Becker; Anna Clauß; Jan Friedmann; Hubert Gude; Dietmar Hipp; Frank Hornig; Fidelius Schmid