Medizinerstreit Sind Stethoskope noch zeitgemäß?
Untersuchung mit Stethoskop circa 1939
Foto: Fox Photos/ Getty ImagesVor 200 Jahren sollte der französische Arzt René-Théophile-Hyacinthe Laennec das Herz einer jungen, übergewichtigen Frau untersuchen. Dafür legte man, so war es damals üblich, sein Ohr direkt auf die Brust der Patientin; ihm erschien dies aber unschicklich. Also rollte der Mann, einer Eingebung folgend, ein Blatt Papier zusammen, drückte das eine Ende dieser Röhre gegen den Brustkorb der Frau, das andere gegen sein Ohr - und voilà, fertig war das erste Stethoskop.
Eine Erfolgsgeschichte: Schon Mitte des 19. Jahrhunderts war aus dem Holzrohr, das Laennec als Nachfolgemodell der Papierrolle verwendete, die heute übliche Form des Instruments geworden, mit Ohrstöpseln, Schläuchen und Membran.
Im Lauf der Jahrzehnte avancierte das Stethoskop, neben dem Äskulapstab, zum ärztlichen Symbol schlechthin. "Oder können Sie sich George Clooney in 'Emergency Room' ohne Stethoskop vorstellen?", fragt Bernd Böttiger, Direktor der Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin am Universitätsklinikum Köln. Es sei erstaunlich, wie ein Mensch sofort Kompetenz ausstrahle, wenn er dieses Instrument um den Hals trage. Böttiger kann sich auch noch genau an das "richtig gute Gefühl" erinnern, das er hatte, als er sich als Medizinstudent das erste Mal ein Stethoskop umhängte.
Seit Kurzem ist eine emotionale Debatte um das Gerät entbrannt.
Auf der einen Seite kämpfen namhafte Ärzte dafür, die hohe Kunst des sogenannten Auskultierens - so heißt das Abhören im Fachjargon - trotz neuer technischer Entwicklungen in der Herzmedizin zu erhalten. Andere, nicht minder renommierte Mediziner hingegen würden das in ihren Augen alt-modische Gerät am liebsten ins Museum stecken.
George Clooney (vorne, M.) und "Emergency Room"-Crew in den Neunzigerjahren
Foto: ipol nbc / dpa / picture allianceDer Kardiologe Eric Topol, Direktor des Scripps Translational Science Institute im kalifornischen La Jolla, etwa diskutiert im Fachblatt "The Lancet" darüber, ob das traditionsreiche Instrument durch ein kleines, in die Kitteltasche passendes Herz-Ultraschallgerät ersetzt werden sollte.
Mit Ultraschall, so Topol, könne man die Herzbefunde direkt sichtbar machen, es ließen sich leichter präzise Diagnosen stellen, Folgeuntersuchungen seien seltener nötig. Schon 2012 hatte der für seine Technikliebe bekannte Vordenker der digitalisierten Medizin erklärt, dass er für die Herzdiagnostik seit zwei Jahren kein Stethoskop mehr benutze.
Valentin Fuster hingegen, Chefarzt am berühmten Mount Sinai Hospital in New York und ehemaliger Präsident der American Heart Association, attestierte dem Stethoskop vor wenigen Wochen in einem anderen Fachjournal, es sei "sehr lebendig und sehr notwendig". In den 48 Stunden vor dem Verfassen des Artikels habe er allein sechs Patienten behandelt, bei denen der Auskultationsbefund den Ausschlag für die Therapieentscheidung gegeben habe - obwohl die ebenfalls durchgeführte Ultraschalluntersuchung jeweils etwas anderes nahegelegt habe.
In Deutschland finden sich viele Stethoskop-Fans unter den Ärzten. Topols Idee, das Teil abzuschaffen, sei "völlig irre" und eine "abgedrehte Art, Medizin zu machen", erklärt der Hausarzt Günther Egidi aus Bremen, der sich bei der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin um die Fortbildung kümmert. Anästhesist Böttiger urteilt: "zu technikgläubig". Und Thomas Meinertz, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Herzstiftung, findet, Topols Idee schade der Verbindung zwischen Arzt und Patient und sei "geradezu abwegig".
Der Bonner Kardiologe Thomas Klingenheben hat einen Leserbrief an den "Lancet" geschrieben, in dem er vor der Anwendung von bildgebenden Verfahren ohne ärztliches Augenmaß warnt. Diese Art von Medizin habe "das Potenzial, medizinische Technokraten" hervorzubringen, schreibt er in dem Brief und fügt noch hinzu: "Meine Oma hätte dazu früher gesagt: 'Das kann auch ein dressierter Aff'.'"
Allerdings lässt sich kaum leugnen, dass es um die Auskultationskünste der jungen Mediziner schon seit einiger Zeit nicht mehr gut steht. Eine Untersuchung in den USA, Kanada und Großbritannien ergab, dass Assistenzärzte je nach Land im Durchschnitt nur zwischen 20 und 26 Prozent der vorgespielten Herzgeräusche korrekt erkannten.
In einer anderen Studie erreichten Assistenzärzte in einem umfassenden Auskultationstest im Durchschnitt nur rund 60 von 100 möglichen Punkten - und schnitten kaum besser ab als die ebenfalls getesteten Medizinstudenten.
Die Auskultation müsse unbedingt weiterhin der jüngeren Generation der Ärzte beigebracht werden, fordern deshalb leitende Herzmediziner. Aber kann man von der Generation der Digital Natives wirklich noch ernsthaft verlangen, ein Arrangement von Gummischläuchen als ihr wichtigstes Arbeitsinstrument zu betrachten?
"Es ist wichtig, dass man das Stethoskop nicht romantisch sieht", meint Georg Nickenig, Kardiologe am Bonner Universitätsklinikum. Es könne dabei helfen, sich schnell einen ersten Eindruck vom Gesundheitszustand des Patienten zu verschaffen; und dafür werde das Instrument noch lange gebraucht. Aber viele Ärzte verließen sich bei spezielleren Fragen inzwischen vor allem auf die bildgebende Diagnostik.
"Ich will nicht sagen, dass das eine positive Entwicklung ist", sagt Nickenig. "Aber es sind einfach die Tatsachen: Das hohe Spezialwissen der echten Auskultationskünstler geht langsam verloren."