Donald Trump: Ist er wirklich unberechenbar? - DER SPIEGEL
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Trump als Extremist Der böse Zwilling

Donald Trump erinnert uns an eine verdrängte Wahrheit: Der Fortschritt des Westens war stets begleitet von Rassismus, Frauenhass, Bigotterie. Was tun wir eigentlich, wenn er seine Ansichten wirklich in brutale Politik münzt?
Trump am 6. No­vem­ber in Penn­syl­va­nia
Trump am 6. No­vem­ber in Penn­syl­va­nia

Trump am 6. No­vem­ber in Penn­syl­va­nia

Foto: Evan Vucci / AP
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Manche mögen sich noch an den 8. November 2016 erinnern, bevor Europa zu Bett ging. Es war der letzte Tag einer uns schon jetzt historisch gewordenen Epoche. In jener Nacht klopfte die Geschichte an und wir, die angeblich so gut vernetzten, so gut informierten Zeitgenossen des 21. Jahrhunderts, sind plan- und ratlos, versuchen, uns in einer neuen Zeitrechnung, einer neuen Welt zurechtzufinden.

Man hatte ja gedacht, das gehe ewig so weiter - ganz verdrängt wurde das Wissen um die Endlichkeit auch noch der größten und heiligsten Reiche. Wer in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geboren wurde, hat gelernt, in den Vereinigten Staaten die Schutzmacht der Bundesrepublik, Europas und des Westens allgemein zu sehen. Dem Konzept des Westens, jenem stolzen Bündnis liberaler Gesellschaften, Republiken meist, die auf Menschen und Bürgerrechten basieren und durch ein pluralistisches politisches System, Gewaltenteilung, Rechtsstaatlichkeit und eine entwickelte öffentliche Meinung gekennzeichnet sind, ist zugleich auch ein Fortschrittsgedanke inhärent: So ist es am besten für die Menschen, danach streben jene, die nicht dazugehören.

Wir kannten nichts anderes als den Fortschritt unter westlicher Sonne: Rechte wurden erkämpft und ausgeweitet, Technik, Wissenschaft und Wirtschaft überschritten die Grenzen, die Liste der Staaten, die sich der Demokratie verschrieben, wuchs. Der Fehler war, solch eine historische Entwicklung für eine Art Naturgesetz zu halten. Es lag nahe. Die Ideen des Westens basieren auf den Prinzipien der Aufklärung, auf Empirie und Diskurs, so hielten wir den historischen Fortschritt für ein wissenschaftliches Prinzip: Die Erde rotiert, und alle Menschen werden Brüder - irgendwann. Dachten wir.

Heute, da die Schutzmacht des Westens sich einen Chef gewählt hat, der all das offen verachtet, müssen wir erkennen, dass wir eine historische Ausnahme mit einer Regel verwechselt haben. Das ging womöglich auch den amerikanischen Wählern so: Im Vertrauen auf die Datenmodelle aller Medien, die Tausenden Umfragen, die nie einen Sieg Trumps angezeigt haben, blieben dann doch überraschend viele daheim - im leicht gelangweilten Vertrauen auf den normalen Fortgang der liberalen Dinge und einer Präsidentin Clinton. Sie blieben zu Hause und schrieben genau damit Geschichte.

Warum nur ging - in jener fernen Epoche, die zu Beginn dieser Woche endete - drei Viertel der Welt, auch ich, davon aus, dass die nervösen, gern mal anarchisch gesinnten amerikanischen Bürger auf zwei Amtszeiten eines demokratischen Amtsinhabers nun eine dritte mit einem anderen Kandidaten dieser Partei folgen lassen? Das letzte Mal geschah das 1837, als Martin Van Buren auf Andrew Jackson folgte.

Wir waren Schlafwandler. Wir hielten die Freiheit und die Rechte, die wir geerbt haben, für einen unumkehrbaren Entwicklungsprozess, so als hätte sich die Menschheit aus der Kindheit nun in ein Erwachsenenalter entwickelt, kein Weg zurück. Sehen wir genau hin. Mit dem Sieg Trumps wird eine uralte, fast vergessene gedankliche Disziplin wieder aktuell: die Dialektik.

Was geschehen ist, ist keineswegs neu. Wir hatten bloß vergessen, dass unser Fortschritt auch einen bösen Zwilling hat. Es war von ihm lange nicht die Rede gewesen. Wir hatten vergessen, dass die Landnahme Amerikas, schließlich auch die entwickelte amerikanische Gesellschaft von Rassismus, Frauenhass und Bigotterie durchsetzt ist. Zwar wurde "Zwischen mir und der Welt", das aufrüttelnde Memoir des schwarzen amerikanischen Autors Ta-Nehisi Coates, in dem er den systemimmanenten Rassismus der Vereinigten Staaten analysiert, auch hierzulande rezipiert - aber der Glanz Obamas stellte diese Seite des Landes in den Schatten.

Wir verdrängen auch, wenn wir von Europa reden, dass der Kolonialismus und der Fremdenhass ältere und wirkmächtigere Traditionen sind als Toleranz und Offenheit. Die Geschichte schreibt sich nicht linear fort. Die Brüche und Rückschläge hatten sich bloß besonders lange Zeit gelassen. So lange, dass wir sie vergessen hatten.

Die Faulheit der Liberalen wurde von der anderen Seite gut genutzt. Die extreme Rechte hat sich modernisiert. Zwar sind die Ressentiments, mit denen Trump die Leute anstachelt, älteste Hüte, dass er aber im Publikum dafür Rezeptoren findet und dass dieser Vorgang bis zum Wahltag unterschätzt wird, das ist nicht zu verstehen, ohne gewisse Prozesse der Digitalisierung in Betracht zu ziehen.

Der Autor, der eine Figur wie Donald Trump am treffendsten beschrieben hat, hat dessen Wahlsieg nicht mehr erlebt. Der verstorbene "FAZ"-Mitherausgeber Frank Schirrmacher hat uns in seinem Buch "Ego: Das Spiel des Lebens" einen Akteur vorgestellt, der sich wie ein Porträt des amerikanischen Wahlsiegers lesen lässt: rücksichtslos, auf den möglichst großen und bloß eigenen Vorteil bedacht, seine Gegner mit unvorhersehbarem Verhalten verwirrend, schnell und im Verborgenen agierend. Schirrmacher nannte diese Figur den "digitalen Zwilling". Seine These war, dass die Modelle, die den großen Internetfirmen, aber auch den digitalisierten Finanzmärkten zugrunde liegen, aus dem militärischen Denken, den strategischen Simulationsmodellen des Kalten Krieges stammen.

Die Algorithmen vom Silicon Valley agieren, so Schirrmacher, nach dem Muster der unkooperativen Spieltheorie: maximaler Vorteil, minimale Kooperation. Die Idee dieser digital umgesetzten Spieltheorie ist es, den besseren Deal, die schnellere Dienstleistung, die effektivere Anwendung, kurz: den eigenen Vorteil zu suchen. Es fällt nicht schwer, in dieser egozentrischen Wirtschaftshaltung auch eine tiefe Rationalität, ja ein passendes Menschenbild zu erkennen. Mit einer Stimme für Donald Trump maximiert man als weißer Amerikaner die disruptive Wirkung des Wahlakts, stürzt beide Parteien in die Krise und hält zunächst jene in Schach und Schrecken, die die symbolische und kulturelle Vorherrschaft der weißen Mittelschicht anzweifeln oder gar beenden könnten.

Und auch Trumps Wähler leben in einer digitalen Welt, in der man sich ohne störende Opposition oder nachfragende Institution radikalisieren kann - wo auf jeden groben Klotz ein noch größerer Keil anzuklicken ist, wo die Wahrheit immer hinter etwas anderem verborgen ist und man fast nie zur Verantwortung gezogen wird. Trump ist eine Benutzeroberfläche, auf der immer etwas los ist: Er fasziniert mit seinen immer heftige Emotionen triggernden Sprüchen und gab selbst die Agenda vor. Die Medien folgten, denn Trump sichert ewige Aufmerksamkeit. Gute Auflagen und große Reichweiten.

Trump-An­hän­ger 2015 in Vir­gi­nia

Trump-An­hän­ger 2015 in Vir­gi­nia

Foto: Alex Wong/ Getty Images

Sein rechtsextremes Gedankengut, seine Menschenfeindlichkeit und sein besorgniserregendes Verhalten wirkten abstoßend, aber alle sahen hin. So bestimmte er die Agenda, die Themen des Wahlkampfs. Nie durfte es langweilig werden, nie wurde ein Thema vertieft. Jede Fehlleistung, eine Beleidigung oder ein sensationell widerlicher Spruch von ihm, geriet zum Vorteil, denn sie raubte die Zeit und die Energie, den Kandidaten objektiv und professionell zu analysieren. Wenn es sachlich wurde, fing er an zu lügen. Auch das passt in die Welt der sozialen Medien, wo man davon enthoben ist, Behauptungen zu begründen. Daher ist es nicht verwunderlich, dass gerade der risikofreudige, stets auf Außenseiter setzende und spielbegeisterte Silicon-Valley-Milliardär Peter Thiel zu Trumps Unterstützern zählte.

Trump wurde zum Avatar einer rechtsgesinnten Bevölkerungsgruppe, die Kompromisse für eine Schwäche, Minderheitenrechte für kulturellen Luxus und den politischen Gegner für eine Ausgeburt hält. Das allerdings hat sie in der politischen Praxis ihrer Partei, den Republikanern, nun auch jahrelang eingetrichtert bekommen. Trump bekam die Stimmen dieses Lagers, indem er die Dosis stets erhöhte, sich spieltheoretisch optimal als völlig unberechenbaren Mann darstellte. Seine Fernsehprominenz wirkte gewissermaßen sterilisierend: Wer oft im Fernsehen ist, kann kein Verbrecher im wirklichen Leben sein. Diesen sentimentalen Hintereingang in die Wohnzimmer der Bürger nutzte er geschickt.

So kombinierte Trump die inneren Mechanismen zweier Medienwelten. Und auch die Ablehnung durch beinahe die gesamte amerikanische Presse nutzte ihm, denn sie bewirkte eine asymmetrische Mobilisierung, die wir aus unseren Landen kennen: Davon überzeugt, dass Trump ein Extremist ohne Chance sei, blieben viele Zeitungsleser am Wahltag daheim.

Es gibt nicht den geringsten Grund anzunehmen, dass Trump und seine Leute ihre disruptive Energie nun zügeln werden. Wer unterstellt, diese extreme Truppe von Republikanern, die selbst in ihrer rechten Partei Außenseiter waren und ihre politische Zukunft weitgehend hinter sich hatten, werde ihre späten Jahre nun mit Mäßigung vergeuden, der schlafwandelt weiter. Trump wird die herkömmliche Politik ebenso umgestalten wie Amazon, Google und Facebook die Medienlandschaft und die soziale Kommunikation. Und was tun wir eigentlich, wenn er also seine Ansichten in brutale Politik münzt und Millionen Menschen deportiert und drangsaliert?

Die Geschichte hat angeklopft, wir sollten schnell antworten. Weder Trump noch seine Freunde im Kreml, im Ku-Klux-Klan, bei der AfD oder dem Front National sind etwas Neues, ihr Schwung basiert einzig auf unserer Faulheit. Um ihnen die Mehrheitsfähigkeit streitig zu machen, empfiehlt sich das Studium der Arbeiten des amerikanischen Linguisten George Lakoff. Er warnte schon im Sommer eindringlich vor einem Erfolg Trumps. Lakoff erinnert daran, dass wir Informationen in einem bestimmten Rahmen, einem Kontext verarbeiten.

Kaum jemand rechnet politische Programme wirklich durch oder studiert Gesetzesvorschläge. Vielmehr orientieren wir uns an bestimmten Metaphern und Begriffen, die wir früh erlernen, in der Familie nämlich. Sieht man von seiner Vulgarität ab, operierte Trump mit den Worten und Gesten eines strengen, aber beschützenden Familienvaters alten Stils. Das mobilisierte seine Anhänger, seine vielen Lügen interessierten sie gar nicht. Die Einzige, die dem etwas entgegenzusetzen hatte, war Michelle Obama, die ebenfalls von Familie, allerdings einer modernen Form davon, sprach, in der der Ehemann ein Feminist ist. Hillary Clinton hatte es auf dem Gebiet schwerer, und die tiefen Vorurteile gegen arbeitende Mütter hemmten Wähler, die ansonsten den Demokraten zuneigen.

Es geht, so Lakoff, in der Politik um Prozesse und Urteilsfindungen, die ganz tief im Familienbild der Bürger wurzeln. Es stimmt: Die Leute interessieren sich nicht für den Alltag der Politik, wenn er in dem üblichen Jargon vorgetragen wird - dort aber, wo man es in verständlichen Begriffen formuliert, verstehen sie ganz genau, dass es in der Politik wie in der Familie um alles geht.

Es war ein liberaler Irrglaube, Politik als eine Art Agentur zur Optimierung von Rentenberechnungen, Straßenverläufen und sonstigen bürokratischen Prozessen aufzufassen und sie weitgehend den Politprofis zu überlassen. Es geht in ihr um alles, der Sieg Trumps erinnert uns daran.

Es hatte seinen Grund, weshalb Schriftsteller wie Günter Grass den sehr schwarzen Text Albert Camus' "Den Mythos von Sisyphos" zu ihrem politischen Leitfaden erkoren. Camus schrieb ihn in der dunkelsten Stunde des 20. Jahrhunderts und beschwört den Leser, im rastlos an seinem Felsen arbeitenden Sisyphos einen glücklichen Menschen zu sehen. Nun, uns ist auch so ein Brocken durch die Hände gerauscht, und wir warten auf den Aufprall. Heute erst ermessen wir auch die Weisheit der Sätze, die Willy Brandt in seiner letzten Rede formulierte: "Nichts kommt von selbst. Und nur wenig ist von Dauer." Viele Jahre ging es uns gut, nun müssen wir uns das Erbe wieder aneignen. Und schnell wach werden.

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