Ebay-Kleinanzeigen: Weshalb eine Eisenbahnstrecke über Ebay verkauft werden soll - DER SPIEGEL
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Kurioses bei Ebay-Kleinanzeigen Ein Männertraum auf Schienen

Elf Kilometer Gleise, ein Lokschuppen - über Ebay-Kleinanzeigen soll eine Eisenbahnstrecke verkauft werden. Was steckt dahinter?
Jürgen Baumgardt
Jürgen Baumgardt

Jürgen Baumgardt

Foto: Dialika Neufeld/DER SPIEGEL
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das Gefährt, das Jürgen Baumgardt auf Schienen durch sein Traumland führt, besteht aus einer Platte, zwei Fahrradsitzen, Lenkern, Pedalen und vier Rädern. In die Mitte ist ein roter Sonnenschirm montiert. Er tritt in die Pedale und rollt über stillgelegte Gleise durch seine Heimat Schenklengsfeld, an Rapsfeldern vorbei, an Radfahrern, die stehen bleiben und diesen seltsamen Mann in der Neonweste grüßen. Baumgardt wirkt glücklich auf seiner Fahrraddraisine. Und da beginnt auch schon das Problem: Sein Glück droht zu verschwinden.

Baumgardt ist 59 Jahre alt, ein freundlicher Mann mit Dreiviertelhosen, Musketierbart und einer sanften Pocke, die vom Bierchen kommen könnte, das er gern mit seinen Vereinskollegen trinkt.

Er ist Erster Vorsitzender des Fördervereins Werra-Fulda-Bahn e.V. Ein Verein, der chronisch pleite ist, keinen Nachwuchs findet, aber eine Aufgabe hat, die er ernst nimmt. Er muss sich um 11 Kilometer stillgelegte Bahnstrecke kümmern.

Baumgardt zieht an seiner Selbstgedrehten und erzählt, wie es dazu kam, dass dieser kleine Verein auf einmal bekannt wurde im ganzen Land. Es begann mit einer Biertisch-idee, sagt er. Jemand in der Runde fragte: "Warum stellen wir das hier eigentlich nicht mal auf Ebay-Kleinanzeigen?"

Ebay-Kleinanzeigen ist so etwas wie der digitale Flohmarkt der Deutschen. Alles, was die Leute nicht brauchen, landet als Anzeige auf der Website: Klapprad mit Spinnenkolonie, Einhornstirnband, Fuß-Ausstechformen. Warum nicht 11 Kilometer Gleise? Das war die Idee, sie sollte ihnen die Zukunft sichern.

Schenklengsfeld liegt in Hessen, ein 4500-Einwohner-Örtchen. Die Gemeinde hat eine Burgruine, die wohl älteste Linde Deutschlands, einen jüdischen Friedhof, einen historischen Friedhof. "Das war's eigentlich an Attraktionen", sagt Baumgardt. Und dann ist da eben noch das Stück ehemalige Kreisbahnstrecke.

Schon Baumgardts Großvater war bei der Kreisbahn angestellt. Der Enkel hörte Geschichten, wie die Großmutter während des Krieges mit drei Kindern aus der Stadt floh und im Bahnhofsgebäude unterkam. Wie seine Mutter und seine Tante auf die Schienen schlichen, um Kohle zu klauen. Wie sein Großvater später Kontrolleur wurde und streng auf jeden Fahrschein schaute. 1993 fuhr der letzte Personenzug. Aber noch immer höre er das Geräusch, klackklack, "wie die Kreisbahn über die Schnittstellen der Gleise fuhr", erzählt Baumgardt.

Manche Menschen klopfen in ihrer Freizeit gern Steine, manche dressieren Frettchen, Jürgen Baumgardt, man kann das verstehen oder nicht, umgibt sich gern mit stillgelegten Gleisen.

Jeden Tag fährt er mit der Draisine die Strecke ab. Er schneidet Bäume zurück, trimmt Hecken, pflegt den Lokschuppen. Doch sobald er einen Streckenabschnitt fertig hat, fängt's am nächsten wieder an zu wuchern. Es ist unschaffbar, sagt Baumgardt, und es gibt keinen Nachwuchs, und damit verliert die Sache ihre Zukunft. "Die Jungen werden weggesaugt vom Land in die Städte, und wir sind immer hart auf Kante, finanziell."

Früher bestand der Verein vor allem aus ehemaligen Eisenbahnern. Nun sind da nur noch Baumgardt, ein ehemaliger Telekomtechniker und ein paar andere, die weder eine Bahn steuern noch einen Betrieb leiten können. Die Strecke ist wie ein Stück Autobahn im Besitz von Menschen ohne Führerschein.

Baumgardt und seine Kollegen haben eigentlich jede Menge Ideen, wie man die Strecke in die Zukunft retten könnte. Immer wieder hätten sie der Gemeinde Vorschläge gemacht: eine Museumsbahn, Draisinenrennen, eine Fahrraddraisine für Touristen. Aber egal, was sie vorschlugen: Die Gemeinde rührte sich nicht. Der Bürgermeister sagt: "Wir sind hier auf dem platten Land, hier gibt es keinen Bedarf für so ein Riesenprojekt." Und die Gemeinde sei gar nicht zuständig.

Als im vergangenen Jahr Baumgardts Vater starb und er auch noch seine Mutter pflegen musste, wurde es ihm zu viel, so erzählt er es, er war müde, vom Heckenschneiden, vom Pleitesein.

Anfang März saßen die Vereinsmitglieder am Biertisch, in Untergangsstimmung, und dachten nach. Sie sahen nur wenige Möglichkeiten: Weitermachen wie bisher. Oder die Strecke an die Gemeinde zurückgeben, und die macht sie platt und baut sie zu einem Fahrradweg aus. "Nee", sagt Jürgen Baumgardt.

Dann kam die Idee mit Ebay-Kleinanzeigen.

"Komplette Eisenbahnstrecke abzugeben" stand wenig später auf der Seite. "Preis: VB", Verhandlungsbasis. Erst klickten nur wenige. Dann wurde eine Boulevardzeitung auf die Anzeige aufmerksam, zog die Sache hoch, und die Zahlen explodierten. Mehr als 40.000 Menschen sahen sich die Annonce an. Es kamen unzählige Angebote. War viel Unsinn dabei, aber auch einige, die es ernst meinen, Dampflokbesitzer, Gleisbaufirmen, Draisinenbetreiber.

Bald soll es ein Treffen mit den Interessenten geben. Die Frage ist nicht mehr, ob man 11 Kilometer stillgelegte Bahnstrecke verkaufen kann, die Frage ist nur noch, wer sie bekommt. Die Geschichte der Werra-Fulda-Bahn ist die eines verblühten Männervereins, der durch den Strukturwandel an den Abgrund geschoben und dann von den Möglichkeiten der digitalen Welt wieder aufgefangen wird.

Vor Kurzem bekam Baumgardt einen Brief von der Gemeinde, eine Einladung vom Bürgermeister. Man wolle über geeignete Lösungsansätze beraten, hieß es darin, um den zukünftigen Erhalt der Strecke sicherzustellen.