Erica Jong: Feminismus in Zeiten Trumps - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Feminismus in Zeiten Trumps Superdaddys Barbieparade

Donald Trump führt uns zurück in eine Ära, in der Frauen nach dem Aussehen beurteilt werden, in der Frauenrechte in Gefahr sind. Er zwingt uns, längst ausgefochtene Kämpfe wieder aufzunehmen. Es ist Zeit aufzuwachen.
Von Erica Jong
Miss-Wahl-Veranstalter Trump bei einem Schönheitswettbewerb in Las Vegas 2008
Miss-Wahl-Veranstalter Trump bei einem Schönheitswettbewerb in Las Vegas 2008

Miss-Wahl-Veranstalter Trump bei einem Schönheitswettbewerb in Las Vegas 2008

Foto: Darren Decker / AP
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?
Erica Jong

Erica Jong

Foto: Awakening/ Getty Images

Erica Jong, 74, wuchs in einer New Yorker Künstlerfamilie auf. Sie wurde berühmt als Autorin des Bestsellers "Angst vorm Fliegen". Seitdem hat sie 23 Bücher geschrieben. Jong begleitet und beobachtet die amerikanische Frauenbewegung seit Jahrzehnten.


Ich hatte wirklich geglaubt, wir wären bereit, eine Frau zur Präsidentin zu wählen. Bereit, Frauen genauso viel zu bezahlen wie Männern. Bereit für Elternzeit, für uneingeschränkte Gesundheitsvorsorge, für einen Schritt nach vorn in unserer Demokratie. Die Wahl Donald Trumps hat mir gezeigt, wie falsch ich lag und wie wenig bereit wir sind.

Amerika hat nicht nur jemanden gewählt, der die Welt zurück in die Vergangenheit führen will - er wurde auch von Frauen unterstützt. Warum? Ist weibliche Unabhängigkeit so bedrohlich? Hat die Wahl eines schwarzen Präsidenten den Bogen überspannt? Es ist entsetzlich zu sehen, wie Leute die Südstaatenflagge schwenken, als wäre das eine neue, mutige Tat. Die Helfer, die Trump sich aussucht, sind Faschisten und Hassprediger. Seine eigene Familie ist durch und durch patriarchal strukturiert.

Werden wir unsere Begeisterung für den "Superdaddy", der alle Probleme lösen kann, jemals überwinden?

Tatsächlich führt Trump uns zurück in eine Ära der Barbiepuppen, in der Frauen nach dem Aussehen beurteilt werden und nicht nach ihrem Verstand, in der das Recht auf Abtreibung angegriffen wird und die Frauenrechte in Gefahr sind. Eine Frau, die nicht blond ist und sich Männern nicht unterordnet, hat offenbar keinen Platz in Trumps Welt. Unter einer Trump-Regierung wird die Gleichberechtigung nicht vorankommen. Alle Zeichen stehen auf Rückschritt.

In seiner 200-jährigen Geschichte stand der Feminismus immer wieder unter Beschuss. Jetzt entwickeln wir uns erneut zurück. Trumps Kommentar, Frauen, die in ihrem Bundesstaat nicht abtreiben dürften, sollten es doch einfach in einem anderen Bundesstaat versuchen, zeugt von einer frappierenden Unfähigkeit, Frauen zu verstehen. Wenn die eine Hälfte der Bevölkerung entmachtet wird, leidet die ganze Gesellschaft darunter.

Dabei hat unser Kongress gezeigt, dass Frauen besser im Kompromisseschließen sind als Männer. Nicht wenige Männer sind jederzeit bereit, den Supreme Court zu entmachten, die Regierung zu entmachten - alles nur aus Rache.

Es macht mir große Angst, dabei zuzusehen, wie mein Land sich einem rückwärtsgewandten Denken und dem Faschismus in die Arme wirft. Wenn die USA mit ihrer Revolutionsgeschichte das können, dann kann es auch jedes andere Land. Demokratie ist kein Automatismus. Wir müssen dafür kämpfen, sonst entgleitet sie uns. Ein paar wenige gedankenlose Anführer und ihre Gefolgschaft können uns auf den Pfad der Tyrannei führen. Nichts ist leichter, als auf diesen Pfad zu geraten. Ich dachte immer, die Frauen wären das Bollwerk davor. Ich habe mich getäuscht.

Ich bin diese Frauen so leid, die nur um des Geldes willen mächtige Männer umschmeicheln. Werden wir jemals in einer Welt leben, in der Frauen keinen Mann mehr brauchen, um ihren Wert zu beweisen? Michelle Obama verkörpert diese Welt.

Geradezu allergisch reagiere ich, wenn es darum geht, die Frauen aus der Trump-Familie zu analysieren, weil das für mich alles so offensichtlich ist: Donald Trumps Töchter halten sich auf fast allen Fotos die Handtaschen vor die Muschi. Was wollen sie uns damit sagen? Müssen wir die alten Kämpfe wirklich immer wieder neu kämpfen? Das wird allmählich langweilig und hoffnungslos. Die Trump-Frauen sind als Vorbilder reaktionär.

Sogar Ivanka, die ja offenbar in die Entscheidungsprozesse ihres Vaters einbezogen wird, scheint seine bevorstehende Präsidentschaft dafür zu nutzen, ihren Schmuck und ihre Kleider unters Volk zu bringen. Es geht nur um Schein, nicht um Substanz. Image ist alles. Wäre es nicht toll, wenn sich eine von Trumps Schwiegertöchtern als lesbisch outen würde? Im Augenblick erscheint das undenkbar.

Ivanka (l.), Tiffany (M.) und Melania Trump (r)

Ivanka (l.), Tiffany (M.) und Melania Trump (r)

Foto: Carlos Barria / REUTERS

In den vergangenen Wochen waren viele Amerikaner viel zu fassungslos, um Pläne für den Kampf gegen den Faschismus zu schmieden. Wir glauben immer, das kann hier nicht passieren. Wenn es dann doch passiert, stehen wir entsetzt und ungläubig davor. Aber je ungläubiger wir sind, desto mehr stärken wir damit die Faschisten. Sie haben schließlich immer an ihre eigene Macht geglaubt. Sie wussten immer schon, wie kindisch wir sind. Sie wussten immer, dass wir sie wegen ihrer Lügen nie zur Rechenschaft ziehen werden, und sie haben so geschmeidig gelogen, dass es fast wie Musik klang.

Jetzt ist es Zeit, sich der Realität zu stellen. Donald Trump ist ein Betrüger, der sich nur unter Lügnern und Betrügern wohlfühlt, die ihn bewundern. Auf Kritik reagiert er allergisch. Nur Bewunderung macht ihn loyal. Er hasst die Presse und gibt ihr die Schuld an all seinen Problemen. So, wie er die Berichterstatter von seinen Wahlkampfveranstaltungen ausgeschlossen hat, muss man sich fragen, ob er über kurz oder lang auf die Idee kommen könnte, Journalisten verhaften zu lassen. Wenn wir an seiner Böswilligkeit zweifeln, täuschen wir uns.

Besonders verstörend an Trump finde ich sein Bedürfnis, ständig zu twittern. Twitter ist ein hoch nervöses Medium. Ein Medium des impulsiven, unbedachten Reagierens. Man hat seine Reaktion längst verbreitet, bevor man Zeit findet, darüber nachzudenken. Ein Staatsoberhaupt, das seinen erstbesten Gedanken so viel Glauben schenkt, verwirrt nicht nur, sondern ist auch ausgesprochen unpräsidial. Wenn man die Macht hat, wozu muss man dann noch ununterbrochen reagieren? Macht erfordert eine gewisse Gelassenheit. Sie erfordert die Fähigkeit, Informationen zu begreifen und zu verarbeiten.

Mit Obama hatten wir einen der besonnensten Präsidenten, an denen sich dieses Land je erfreuen durfte. Jetzt haben wir es mit Unbesonnenheit, nervösem Reagieren, einer Abkehr vom Denken zu tun. Mehr als alle anderen Eigenschaften lässt mich diese um unser Land fürchten. Ein Land kann von impulsiven Reaktionen nicht profitieren. Wir brauchen Besonnenheit von unserer Regierung. Aber wie es aussieht, könnte es jetzt auf lange Sicht vorbei sein mit der Besonnenheit. Ich kann nur hoffen, dass unsere Demokratie das überlebt.

Es ist Zeit aufzuwachen. Wir müssen bei klarem Verstand bleiben, wenn wir in dieser neuen Welt überleben wollen. Für Tränen ist jetzt nicht die Zeit. Es ist auch nicht die Zeit, sich die Trump-Familie normalzureden. Es ist Zeit, Pläne zu schmieden, wie wir unser Land zurückerobern.

Und damit fangen wir an, indem wir an das Böse glauben, das da entfesselt wurde.

Woher kommt dieses Böse? Aus einem Mangel an Empathie, aus dem Vergessen, wie ähnlich wir uns jenseits unserer unterschiedlichen Hautfarbe eigentlich sind. Wenn wir die Zivilisation bewahren wollen, müssen wir uns mehr auf unsere Ähnlichkeiten als auf unsere Unterschiede besinnen. Wir müssen uns darauf besinnen, dass uns die Fähigkeit, uns in andere hineinzudenken, erst zu Menschen macht. Unsere Menschlichkeit liegt in der Erinnerung an die Furcht und die Fantasien unserer Kindheit. Nie haben wir diese Erinnerungen mehr gebraucht.

Der Prozess der Zivilisation ist keine einfache Angelegenheit. Er erfordert die Vorstellungskraft, über die eigene Furcht hinauszublicken, das eigene Denken so weit auszudehnen, bis es auch den anderen mit umfasst. Dafür braucht man Demut - etwas, das Trump völlig fehlt. Mit der Demut beginnt das Verständnis.

Was soll man nun tun, wenn das Untier schon auf der Pirsch ist und man fürchtet, es nie erlegen zu können? Die eigenen Klauen schärfen und den Verstand gleich mit. Immer daran denken, dass es viel schwächer ist, als es aussieht. Darum muss es auch so laut brüllen. Man kann es mit Klugheit überlisten. Wach bleiben. Konzentriert bleiben. Soll es ruhig umherstreifen und brüllen. Wir sammeln inzwischen unsere inneren und äußeren Kräfte. Und erinnern uns, dass alle Despoten im Grunde ihres Herzens Feiglinge sind.

Despoten umgeben sich gern mit Speichelleckern, die ihnen nie die Wahrheit sagen, und genau darüber stolpern sie schließlich. Despoten haben eine Heidenangst vor der Wahrheit. Wenn man die Wahrheit als das kostbare Gut hütet, das sie ist, hat man die beste Waffe gegen den Despoten in der Hand. Er kann alles verkraften, nur nicht die Wahrheit. Das dürfen wir nie vergessen.

Früher oder später macht die Wahrheit uns frei.