Extremismus in Deutschland "Wir gaukeln uns Sicherheit vor"
Polizist nach Absage des Fußballländerspiels in Hannover im November 2015
Foto: Christian Charisius/ dpa
Andreas Zick, 54, ist Sozialpsychologe und leitet das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld.
SPIEGEL: Herr Zick, stellen Sie sich einen Moment lang vor, der Terrorist Jaber Albakr, der sich in einer Leipziger Gefängniszelle das Leben genommen hat, hätte seine Anschlagspläne für einen der Berliner Flughäfen umgesetzt. Wie hätte das Land darauf wohl reagiert?
Zick: Ich vermute, entsetzt und konfus. Das wäre natürlich in jedem Fall ein furchtbares Ereignis, aber wir haben alles ignoriert, was uns darauf hätte vorbereiten können. Seit Jahren erleben wir eine Zunahme extremer Gewalt im öffentlichen Raum - dschihadistisch und von rechts. Dazu kommen Krawalle in Stadien, Amokläufe wie zuletzt in München oder die Ausschreitungen rechtsextremer Hooligans in Köln. Öffentlicher Raum geht an Radikale verloren.
SPIEGEL: Wie ließe er sich zurückerobern?
Zick: Die Politik kennt bislang nur den Weg, Stärke zu zeigen: mehr Videoüberwachung, mehr Polizisten, mehr Sicherheitsdienste. Das suggeriert den Bürgern eine Handlungsfähigkeit des Staates. Aber das gaukelt uns Sicherheit nur vor. Jeder neue Anschlag zeigt, dass wir nicht alles unter Kontrolle haben. Letztlich wollen wir ja auch kein Leben im Hochsicherheitstrakt. In Israel weiß man zum Beispiel immer, in welchen Luftschutzraum man laufen müsste. Wenn uns das noch befremdet, halte ich das für ein gutes Zeichen.
SPIEGEL: Wenn Überwachung und Hochrüstung keinen geeigneten Schutz gegen Gewalt im öffentlichen Raum bieten, wie soll sich das Land aus Ihrer Sicht schützen?
Zick: Dafür brauchen wir in erster Linie mehr Verständnis dafür, wie Gewalt entsteht. In Behörden wie dem Bundesamt für Migration, aber auch in Nichtregierungsorganisationen oder bei Journalisten haben sich viele Informationen angesammelt, zum Beispiel über die Situation in den Gebieten, aus denen Menschen zu uns fliehen - über die Terrornetzwerke dort, über Schleuserkriminalität oder Menschenhandel. Das könnten wir viel besser nutzen, indem wir es systematisch auswerten und zur Strafverfolgung sowie zur Prävention einsetzen. Der Kriminologe Thomas Bliesener, der über 18.000 Polizeibeamte zu ihren Erfahrungen mit Gewalt befragt hat, empfiehlt, dass auch Polizisten wesentlich besser ausgebildet und fortgebildet werden müssten.
SPIEGEL: Was kann die Bevölkerung tun?
Zick: Bewegungen, die sich gegen Gewalt und Hass wenden, wie "Dresden, zeig Dich!", sind hilfreich, davon brauchen wir mehr. Sie senden ein wichtiges Signal: Seht her, wir überlassen den öffentlichen Raum nicht den Radikalen. Ein wirksamer Beitrag zur Gewaltprävention wäre es außerdem, Flüchtlinge viel häufiger zu Gesprächen in die Schulen zu bitten. Wir müssen aus erster Hand erfahren, was es bedeutet, wenn in Ländern der Terror einzieht. Wir müssen ohnehin lernen, mehr über den Terror zu sprechen und Fragen zuzulassen.
SPIEGEL: Geschieht das nicht zur Genüge?
Zick: Wir haben noch immer Nachholbedarf, das zeigte sich nach den Anschlägen von Paris. Suizidattentate, Hinrichtungen in einer Bar, Angriffe in einem Geschäft, auf den Straßen - da wurde mit einer ungeheuren Geschwindigkeit parallel getötet. Wir alle konnten das nicht fassen. Und die Medien stellten die Bilder in Echtzeit bereit. Wir haben damals eine öffentliche Veranstaltung angeboten. Statt der erwarteten 50 kamen 400 Menschen. Das hat uns im ersten Moment überrascht.
Demonstranten in Paris nach dem Attentat auf "Charlie Hebdo" im Januar 2015
Foto: Fredrik von Erichsen/ dpaSPIEGEL: Und danach?
Zick: Erschien es uns einleuchtend. Das Kennzeichen menschlicher Gesellschaft ist es nun einmal, dass wir die Welt verstehen wollen, in der wir leben. Jetzt, nach dem Fall des Terroristen Albakr, ist das Bedürfnis ähnlich groß. Auch der ganze Markt von Terrorliteratur spiegelt unseren intensiven Gesprächsbedarf wider. Also sollten wir in Schulen, Vereinen und anderen Orten Foren anbieten. Vielleicht sollten wir auch einen europäischen Bildungstag festlegen, an dem wir darüber reden, was da gerade in unserer Welt geschieht. Auch das hat eine Schutzfunktion.
SPIEGEL: Reden hilft, ja, aber wie soll es helfen, uns zu schützen?
Zick: Wenn wir über Radikalität und Gewalt diskutieren, ist das ein Akt der Prävention. Wir üben gewissermaßen ein, mit dem Schrecken umzugehen, und vergewissern uns dadurch unserer selbst. Und wir bauen Vorurteile und damit Quellen neuer Gewalt ab. Gleichzeitig lassen sich in solchen Foren Hinweise austauschen, die zur Festnahme Verdächtiger führen können.
SPIEGEL: Und solcher Austausch soll in der Schule oder am Arbeitsplatz stattfinden?
Zick: Wir brauchen genau dort niederschwellige Anlaufstellen, an die Menschen sich wenden, wenn sie andere in die Radikalität abdriften sehen. Auch in den sozialen Netzwerken fehlen solche Andockpunkte. Beim Bundesamt für Migration gibt es eine Beratungsstelle, dort kann man anonym anrufen, wenn man Verdacht schöpft. Doch wer weiß das schon? Auch Mitschüler und Lehrer sind auf den Umgang mit radikalisierten Jugendlichen nicht vorbereitet. Viele ahnen nicht einmal, welches Verhalten sie alarmieren müsste.
SPIEGEL: Wollen Sie einen Denunziantenstaat, in dem jeder darauf trainiert ist, den anderen misstrauisch zu beäugen?
Zick: Im Gegenteil. Aber die Menschen mustern einander auf Bahnhöfen und Flughäfen ja längst skeptisch. Zum Oktoberfest gehört in diesem Jahr ein Rucksackverbot: jeder Rucksack ein potenzieller Sprengsatz. Trägt dann noch jemand einen Bart oder sieht irgendwie nach Flüchtling aus, steigt das Misstrauen. All das ist die Folge eines Generalverdachts, der auch entsteht, weil wir zu oberflächlich über Gewalt, Terror und Verhaltensmuster von Tätern sprechen. Die Politik ist da nicht unschuldig.
SPIEGEL: Weil sie Feindbilder zeichnet wie der CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer, wenn er Senegalesen, die Fußball spielen und ministrieren, als "das Schlimmste" darstellt?
Zick: Er hat sich am radikalen Rand angebiedert. Auch moderate Politiker richten Schaden an, weil sie nicht deutlich genug benennen, welcher Schaden durch die Agitation gegen Flüchtlinge und Muslime entsteht. Viele Gewalttaten werden begangen, weil Menschen meinen, in jedem Muslim stecke ein Terrorist.
SPIEGEL: Bundesinnenminister Thomas de Maizière sagte neulich sinngemäß, auch ein noch so starker Rechtsstaat sei gegen Axtmörder und Messerattentäter mitunter machtlos. Hilft solch ein Moment der Ehrlichkeit - oder schürt er weitere Ängste?
Zick: Das ist auf jeden Fall hilfreich. Es wäre intelligent, wenn Politiker öfter die eigene Machtlosigkeit einräumen und die Grenzen der Sicherheit benennen würden.
SPIEGEL: Warum?
Zick: Weil jede enttäuschte Sicherheitserwartung den Populisten und Angstmachern in die Hände spielt. Terror, der dschihadistische zumal, nimmt auf nichts mehr Rücksicht, er nimmt sich die maximale Freiheit, alles infrage zu stellen und zu zerstören. Das hat etwas Magisches, man kann sich darauf nicht vorbereiten. Wenn die Illusion platzt, dass sich alles beherrschen lasse, ist die Enttäuschung über das staatliche Versagen groß.
SPIEGEL: Braucht eine Gesellschaft gemeinsame Rituale, um Terror zu überstehen?
Zick: Zumindest reagieren wir jedes Mal so. Blicken wir wieder nach Paris: Man trauert symbolisch, ausländische Staatsoberhäupter reisen an, Touristen legen an der Place de la République Blumen ab, wir vereinigen uns auf Twitter hinter einem Hashtag. Das ist eine Kultur des Terrormanagements. Die Franzosen versichern sich zudem in einer etwas pathetischen Art ihrer Unbeugsamkeit: Wir sind Frankreich! Freiheit, Weltoffenheit, Leben - für diese Werte renne ich mit offenem Visier in die Gefahr, erschießt mich doch! Das ist ihre Attitüde, dem potenziellen Terrortod die Stirn zu zeigen.
SPIEGEL: Sie nehmen das nicht ernst?
Zick: Doch, natürlich. Es hat den Sinn, die verletzte Gemeinschaft zu stabilisieren, und ist jedenfalls besser, als wenn Bürger sich mit Schreckschusspistolen und Pfefferspray ausstatten - lauter Dinge, vor denen Gewaltforscher warnen, weil sie meist wenig helfen, sich zu verteidigen, und häufig zu gefährlicher Eskalation führen. Ich habe hier in Bielefeld mit Waffenhändlern gesprochen. Sie berichten, dass zu Heiligabend ganze Familien ausgestattet werden.
SPIEGEL: Reagieren die Bürger also wie der Staat und rüsten auf?
Zick: Das ist unterschiedlich. Manche Menschen reagieren auf permanente Bedrohungen, indem sie im Alltag höhere Risiken eingehen: Studien zeigen, dass Soldaten, die an ihre Sterblichkeit erinnert werden, rasanter Auto fahren. Das ist unbewusst, man erhebt sich über die eigene Endlichkeit, indem man sich vormacht, auch in Risikosituationen die Kontrolle wahren zu können ...
SPIEGEL: ... und fordert das Schicksal erst recht heraus.
Zick: Andere zünden in der Kirche eine Kerze an. Wir reagieren auf Gewalt mit fünf Grundemotionen: Trauer, Wut, Zorn, Ekel, Abscheu. In der Geschichte der Menschheit haben wir gelernt, diese Emotionen weitgehend zu kontrollieren, indem wir ihnen symbolisch Ausdruck verleihen. Das macht, wie es der Soziologe Norbert Elias einmal formuliert hat, den Prozess unserer Zivilisation aus.
SPIEGEL: Was bedeutet es, wenn, wie kürzlich in Magdeburg, Neonazis eine Polizeiwache überfallen?
Zick: Das ist ein hoch symbolisches Bild für die Brüchigkeit von Zivilisation - und für die Labilität unserer Gesellschaft: Der Vertrag zwischen Staat und Bürgern, der die Sicherheit aller gewährleisten soll, gilt in manchen Gruppen nicht mehr. Der Rechtspopulismus ist auch dadurch stark geworden, dass er sich als Gegenbewegung zu diesem Vertrag formiert. Seine Grundaussage lautet: Die staatliche Kontrolle versagt, Recht und Ordnung werden nicht gewahrt, und deswegen übernehmen wir jetzt die Kontrolle.
Zick mit den Redakteurinnen Beate Lakotta und Katja Thimm
Foto: Marcus Simaitis / DER SPIEGELSPIEGEL: Wie würden Sie den Zustand unserer Demokratie dann zusammenfassen?
Zick: Sie ist längst höchst fragil, das zeigen all unsere Studien. Viele Menschen stehen kaum noch hinter der Demokratie. Extreme Gewalt im öffentlichen Raum ist eine Folge dieses Erosionsprozesses, und sie beschleunigt ihn zusätzlich: Egal von welcher Seite die Gewalt kommt - sie ist Wasser auf die Mühlen von Pegida und Rechtsextremisten. Mittlerweile spielt alles, was in diesem Staat nicht zur allgemeinen Zufriedenheit funktioniert, den Populisten in die Karten - auch scheinbare Kleinigkeiten wie Wartezeiten in Bürgerämtern oder der marode Zustand öffentlicher Toiletten.
SPIEGEL: Und deswegen werfen Menschen Brandsätze?
Zick: Ein individuelles Mangelgefühl ist unproblematisch für den Bestand der Zivilgesellschaft. Problematisch werden Mangelgefühle, wenn ihre Ursache anderen angelastet wird - wenn also plötzlich die Idee vorherrscht, dass es nur deshalb keine ordentlichen Toiletten oder Kinderfeste gibt, weil alles Geld den Flüchtlingen zugutekommt. Da docken Populisten an. Sie spielen soziale Gruppen gegeneinander aus.
SPIEGEL: Sie zeichnen ein sehr düsteres Szenario. Was hätte die Politik alldem entgegenzusetzen - außer Reden?
Zick: Sie könnte es mit einem Konzept der paradoxen Intervention versuchen und Gegenden aufwerten, in denen sich Menschen abgewertet fühlen. Die Architekten Hubert Klumpner und Alfredo Brillembourg verfolgen solche Projekte, die planen etwa ein wunderschönes Schwimmbad in einem Armenviertel von Caracas.
SPIEGEL: In Caracas. Aber was wäre die passende Intervention für Bautzen?
Zick: Auf jeden Fall der Bau einer sehr gut ausgestatteten Asylunterkunft: Denn je elender das Quartier ist, desto stärker die Ressentiments gegenüber den Bewohnern.
SPIEGEL: Das wäre allerdings teuer und würde den Neid erst recht befördern.
Zick: Nicht, wenn damit Angebote verbunden wären, von denen auch die Stadtgesellschaft einen Gewinn hätte. Ein innerstädtischer Skater-und-Inliner-Park zum Beispiel, der für alle offen ist. Die Stadt Lüneburg bietet Studenten günstige Zimmer in Flüchtlingsunterkünften an. Man muss Situationen schaffen, in denen sich Einheimische bei einer gemeinsamen Sache mit Flüchtlingen begeistern. Das wäre eine Symbolpolitik, bei der die Chance besteht, dass Rechtsextreme an Rückendeckung verlieren. Wenn man Gewalt verhindern will, muss die Gesellschaft das Vertrauen in ihre Institutionen zurückgewinnen.
SPIEGEL: Reicht das aus? Die Institutionen müssten ja auch in der Lage sein, das Vertrauen einzulösen.
Zick: Unser Staatsapparat funktioniert, verglichen mit anderen, noch immer ziemlich gut. Was fehlt, sind sinnstiftende, verbindende Ideen. Soziale Gemeinschaften beruhen auf Prämissen. Eine davon ist Zugehörigkeit, davon profitiert Pegida mit ihrem Versprechen: Ihr gehört zu einem höherwertigen Volk, das an Platz eins steht. Dazu braucht man einen Gegenentwurf.
SPIEGEL: Wie könnte der aussehen?
Zick: Vielleicht wäre die Idee einer starken Zivilgesellschaft ausbaufähig. Sie hat parallel zum Populismus ja ebenfalls Konjunktur. Vor ein paar Jahren hielten das viele noch für eine Ringelpiez-Mode, aber als Tausende warmherzig die Züge voller Flüchtlinge empfingen, kam eine kulturelle Tugend zum Tragen, die Bindekraft hat ...
SPIEGEL: ... und die viele als beglückend empfunden haben.
Zick: Seither ist noch klarer geworden: Eine gleichberechtigte, menschenfreundliche Demokratie ist nicht einfach da, sie ist kein Lieferservice. Aber diese Idee ist sehr verbreitet, und im Bringdienst arbeiten die Lieferhelden Gauck und Merkel. Daraus erwächst umgekehrt die massive Merkel-muss-weg-Bewegung: Die Kanzlerin liefert nicht mehr wie gewünscht. Die Grundannahme, dass Frau Merkel alles regeln könne, ist natürlich absurd. Der Wunsch nach solchen Autoritäten, die durchregieren, hat sich, historisch betrachtet, disqualifiziert. Demgegenüber war die Willkommenskultur etwas sehr Modernes.
SPIEGEL: Inwiefern?
Zick: Jeder konnte sehen, dass er für die Idee der Integration selbst wirksam werden kann. Es war ein Moment, in dem wir ein neues Bild unserer Gesellschaft hätten entwerfen können: das einer Einwanderungsgesellschaft, die durch ihre Integrationskraft Identität gewinnt.
SPIEGEL: Sogar aus Orten, deren Bewohner sich erst gegen Flüchtlinge wehrten, hört man manchmal, dass es erstaunlich gut lief, als die Menschen erst mal da waren.
Zick: Ja, dieses Narrativ hätte Kraft entwickeln können: Eine Gesellschaft ist stark, wenn sie über Integrationsqualität verfügt, das ist ein Qualitätsmerkmal. Man kann stolz sein, wenn man schwierige Menschen integriert, das kennt jeder aus seinem Alltag, in der Familie, der Firma. Aber ich sehe nicht, wo diese Idee noch politisch repräsentiert wird. Ich fürchte, wir haben diesen historischen Moment verpasst.
SPIEGEL: Herr Zick, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.