Dubioser Hilfsverein Wo landete das Spendengeld der Schalker und Dortmunder Fans?
Der Fan von Borussia Dortmund im ausgeleierten Trikot steckt einen Fünfeuroschein in die Dose und blickt den Mann mit der Büchse drohend an. "Ich will dich aber gleich damit nicht am Bierstand sehen!" Dann grinst er. Seine Freunde brechen in Gelächter aus. Schulterklopfen, der Spendensammler lacht mit: "Danke, schönes Spiel und auf'n Sieg!" Er rasselt kurz mit seiner Dose, die Fans prosten ihm zu, er geht weiter. Noch anderthalb Stunden bis zum Anpfiff.
Wenn Zehntausende Richtung Stadion ziehen, stehen die Mitarbeiter des Vereins Kinderwünsche bereit. In einheitliche Shirts gekleidet, schlendern sie über das Gelände rund um die Arenen und klappern mit den Büchsen. Das machen sie seit Jahren, vor den Heimspielen in Dortmund und in Gelsenkirchen. Für viele Fans gehören sie zum Bundesligaalltag dazu. Auch beim Pokalfinale in Berlin waren sie, genauso bei der Siegesfeier in der Dortmunder Innenstadt, auf Weihnachtsmärkten und in Frankfurter Fankreisen.
Als Spendenzweck geben sie die sogenannten Klinik-Clowns an, die kranke Kinder auf der Station besuchen. Aber so gut die Absicht des Sammlervereins zu sein scheint, der Lauf des Geldes bleibt undurchsichtig. Steckt hinter den angeblichen Wohltätern ein perfides Betrugssystem? Vor jeder Partie treffen sich die Fans vor ihrem Stadion und kippen Bier, die Laune steigt, das Misstrauen sinkt. Auftritt der Spendendosen. "Na, seid ihr auch dabei, kranken Kindern zu helfen?" Ein kantiger Sammler mit Bürstenschnitt schiebt sich am zweiten Spieltag der Bundesligasaison durch die Menge vor dem Dortmunder Stadion. Kaum spricht er eine Kleingruppe von Fans an, fassen sie sich wie ertappt an ihre Hosentasche. Dann rappelt es in der Dose, der Sammler schnarrt: "Bedanken wir uns und wünschen noch 'nen schönen Tach." Er sagt das sehr oft. Dass jemand kein Geld einwirft, ist eine Ausnahme.
Torsten Schild ist Vorsitzender der ehrenamtlichen Fanabteilung des BVB in Dortmund. Seit Jahren beobachtet er die Sammler - und erlebt, welche Dynamik sich bei den Fans entwickeln kann. Einmal habe er mit seinen Freunden zusammengestanden, als ein Büchsenmann sie ansprach. "Einer meiner Kumpels gab zwei Euro, der nächste fünf, einer hat sogar einen Zwanziger reingesteckt. Das ging so schnell, da konnte ich gar nicht eingreifen!" Gut möglich, dass sich mancher Fußballfan im nüchternen Zustand mehr Fragen stellen würde.
Cornelia Keisel, Vorstandsmitglied des Gelsenkirchener Vereins Kinderwünsche, behauptet, sie kooperiere mit der Kinderklinik in Dortmund. Dort will man von einer Zusammenarbeit nichts wissen, im Gegenteil. "Kinderwünsche hat offensichtlich den Namen der Kinderklinik gekapert, um die Spendenfreudigkeit vor dem Stadion zu erhöhen", sagt der Klinikchef Rudolf Mintrop. Zwar überweist der Verein 200 Euro im Monat an das Dortmunder Krankenhaus. Andere Einrichtungen haben ähnliche Kleckerbeträge erhalten. Aber die Sammler dürften bei ihren Einsätzen viel höhere Summen einstreichen. Wie viel genau, weiß wohl nur der Vereinsvorstand selbst. Der Wirtschaftsjournalist Stefan Loipfinger hat jahrelang Wohltätigkeitsorganisationen untersucht. Er sagt: "Wer richtig gut ist, macht bis zu tausend Euro am Tag."
Vereinssitz Kinderwünsche: Verworrenes System dubioser Vereine
Foto: Christoph WinterbachSolche Summen finden sich nicht in Kontoaufstellungen des Vereins, die dem SPIEGEL vorliegen. Im September und Oktober 2015 zum Beispiel wurden 13 Heimspiele in Dortmund und auf Schalke ausgetragen - es dürfte dabei locker ein fünfstelliger Betrag erreicht worden sein. Auf dem Kinderwünsche-Konto tauchten für diese Monate genau 616,66 Euro als Bareinzahlungen auf. Das wären rund 47 Euro pro Spieltag - ein Betrag, den ein Sammler in einer halben Stunde schaffen könnte.
Geld sammeln, Alibispende an ein Krankenhaus überweisen, den Rest behalten - es wäre ein denkbar einfaches Betrugssystem. In den meisten Bundesländern gibt es kein Sammlungsgesetz, der Verein Kinderwünsche braucht für Spendenaktionen auf öffentlichem Gelände nicht einmal eine Genehmigung. Und obwohl er als gemeinnütziger Verein von steuerlichen Erleichterungen profitiert, besteht keine Veröffentlichungspflicht für Einnahmen und Ausgaben.
Cornelia Keisel ist meistens selbst mit einer Dose am Stadion. Die 51-Jährige spricht rauchiges Ruhrpottdeutsch und präsentiert sich auf Facebook mit einem grimmigen Porträt. 2006 meldete sie Insolvenz an. Sie taucht bei mindestens vier Vereinen für Kinder und Tierschutz auf. Zum Beispiel beim "Vier Pfoten Verband", den sie in "Pfoten Verband" umbenennen musste, wohl um nicht mit einer großen deutschen Tierschutzstiftung verwechselt zu werden. Ihr Spendenverein "Kinderwünsche" heißt genau so wie die Weihnachtsaktion eines vertrauenswürdigen Dortmunder Spendenvereins. Auf Keisels Shirt steht der Spruch "Dortmunder Fans schenken Kindern ein Lächeln". Dieser Slogan ähnelt dem seriösen Verein Kinderlachen, zu dessen Botschaftern auch BVB-Präsident Reinhard Rauball gehört.
Hauptberuflich hat Keisel nach eigenen Angaben beim Deutschen Tierhilfe Verband (DTV) gearbeitet. 2011 hörte der DTV nach einer rechtlichen Prüfung auf, in Rheinland-Pfalz zu sammeln. Unter Experten sind die Hintermänner des DTV bekannt: Sie lassen sich mit der berüchtigten Organisation Arche 2000 in Verbindung bringen, die vor gut zehn Jahren wegen Spendenbetrugs aufflog. Mehrere Mitarbeiter wurden zu Gefängnisstrafen verurteilt.
Liegen Cornelia Keisel und ihrem Mann wirklich nur kranke Kinder und süße Tiere am Herzen? Thomas Keisel, der Vorsitzende des Kinderwünsche-Vereins, suchte kürzlich per Kleinanzeige mit der Überschrift "Jung arbeitslos!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!" nach Mitarbeitern "für unser Projekt Tierschutz". Außerdem wirbt er "Strom und Gas Vertriebler" an, denen er "gute Provisionen" verspricht. "Stromverträge zu verkaufen ist aktuell die große Nummer in diesen Kreisen", sagt der Berliner Rechtsanwalt Stefan Richter, der sich für abgezockte Verbraucher einsetzt.
"Beim Verein Kinderwünsche würde ich Spendern zu großer Zurückhaltung raten", sagt Burkhard Wilke, der Leiter des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen (DZI). Das DZI warnt vor unseriösen Spendenvereinen. Allein ein Blick auf die Kinderwünsche-Website lässt Wilke zweifeln: Der Verein legt dort weder Jahres- noch Finanzberichte offen. Die Informationen zu Projekten sind dünn und oberflächlich, die Texte voller Rechtschreibfehler.
Als Empfänger der Spenden taucht etwa der Name der Vestischen Kinder- und Jugendklinik Datteln auf. Die Spendensammler beschreiben die "förderungswürdige" Arbeit der Onkologie. Den Text haben sie ohne Quellenangabe aus einer Pressemitteilung der Klinik übernommen. Gisela Stöver te Kaat, die Spendenbeauftragte der Klinik in Datteln, ist entsetzt darüber, dass ihre Einrichtung auf der Kinderwünsche-Website erscheint. "Wir lassen nie mit Spendendosen auf der Straße für uns sammeln, das ist nicht unsere Art." Seit 2015 habe die Kinderklinik vom Verein einmal 125 Euro, einmal 100 Euro erhalten.
Klinik-Clowns: "Den Namen der Kinderklinik gekapert"
Foto: dpa Picture-Alliance / Jens Büttner/ picture alliance / ZBDer SPIEGEL hat Cornelia Keisel am vergangenen Samstag vor dem Dortmunder Stadion mit den Vorwürfen konfrontiert. Nach Rücksprache mit ihrem Anwalt hat sie es abgelehnt, ihre Spendendose in Anwesenheit der Reporter zu öffnen, um den wahren Spendenumfang zu belegen. Anschließend hat sie die Betrugsvorwürfe durch einen weiteren Anwalt schriftlich zurückweisen lassen. In dem Schreiben bestreitet sie, dass ihr Verein regelmäßig vor dem Stadion sammle, und behauptet, erst seit 2015 beim BVB und auf Schalke im Einsatz zu sein. Seltsam. Dem SPIEGEL liegt ein Brief des BVB vor, in dem er dem Kinderwünsche-Verein eine Absage für Sammelaktionen auf dem Stadiongelände erteilt. Die Sammler waren durch ihre Auftritte vor dem Stadion aufgefallen. Das Schreiben ist aus dem Jahr 2014.
Offensichtlich bewegt sich Keisel in einem verworrenen System mehrerer dubioser Wohltätigkeitsorganisationen mit ähnlich klingenden Namen. Dabei scheint sie selbst den Überblick verloren zu haben: Zu einer Anfrage des SPIEGEL über ihre Beziehungen zu einem Verein namens "Verband deutscher Tierfreunde" lässt ihr Anwalt ausrichten, das Magazin sei einem "Übernahmefehler erlegen". Man habe wohl den Verein mit dem Namen "Verbindung deutscher Tierfreunde" gemeint. Seltsam. Am Vereinssitz von Kinderwünsche hängt ein handschriftlich bekritzelter Papierfetzen am Klingelschild, der auf Keisels Vereine und Unternehmen hinweist. Darunter auch besagter "Verband deutscher Tierfreunde". Einen Verein mit diesem Namen gibt es aber in Deutschland nicht.
Borussia Dortmund hat in dieser Woche einen Anwalt beauftragt, die Erkenntnisse zum Verein Kinderwünsche zu sammeln und ihn wegen Betrugsverdacht anzuzeigen. "Das Wohl unserer Mitglieder und Fans ist uns sehr wichtig", sagt BVB-Präsident Rauball. Jeder Anhänger, der schon einmal etwas in die Spendendosen geworfen hat, kann sich für nähere Informationen und Beratung an die BVB-Fanabteilung wenden. "Es ist ein ungeheurer Verdacht, dass hier seit Jahren Betrüger am Werk sein könnten", sagt deren Vorsitzender Torsten Schild.
Auch der FC Schalke 04 hat reagiert: "Wir haben aktuell alle Spendensammler-Aktivitäten auf unserem Gelände untersagt", sagt Schalke-Sprecherin Anja Kleine-Wilde. Der Verein habe von allen Sammlern Spendennachweise und Jahresberichte angefordert. "Vom Verein Kinderwünsche e.V. liegen uns derzeit keine vollständigen Unterlagen vor."