G20-Gastgeber Hauptstadt Hamburg
Da hängen sie. Mit ihren Westen, ihren auf Ernst und Ehrbarkeit gebügelten Gesichtern, in denen die Dreifaltigkeit des Kaufmanns steht, Kassenführung, Buchhaltung, Korrespondenz, und die Bücher stets so sauber wie das Gewissen.
Da hängt sie, die Hamburger Kaufmannschaft, in Öl gemalt ihre Besten, die Präsiden der Handelskammer. Aber wie Tobias Bergmann jetzt vor den Bildern steht, so spillrig und quick, wirken die Porträts seiner Vorgänger eher wie Trophäen. Wie zur Strecke gebracht.
"Es gab und gibt in Hamburg eine Kaufmannsaristokratie, mit ihren Windsors und Orléans. Und die wurde mit dieser Wahl herausgefegt. Jetzt ist der Robespierre in diese Räumlichkeiten eingezogen." Tobias Bergmann, Unternehmensberater, vor 45 Jahren geboren im Flecken Langquaid, Niederbayern. Wo's den Ferkelmarkt gibt.
Tobias Bergmann, der frisch gewählte Präses der Hamburger Handelskammer, setzt gern ein "Sozusagen" in seine Sätze. Das spricht er bayerisch aus, einsilbig: "z'agn". Der Kaufmannsadel hätte ihm das vielleicht verziehen. Auch dass er auf der falschen Seite der Elbe wohnt, in Wilhelmsburg, bei den Proleten, und dass er dort in einem Boxklub trainiert, der nichts, aber auch gar nichts mit den Ruder-Hockey-Polo-Klubs zu tun hat, in denen man Mitglied ist und es schon immer war.
Nein, unverzeihlich ist, es überhaupt gewagt zu haben, die Machtverhältnisse dieser Stadt infrage zu stellen. Die Autorität der Reeder, Industriekapitäne und Großhändler. Der Pfeffersäcke. Und dann auch noch im Februar mit überwältigender Mehrheit zum Kammerpräses gewählt zu werden. Vielleicht die erste geglückte Revolution der Stadtgeschichte.
Es muss erwähnt werden, dass in dieser Stadt die Gebäude von Rathaus und Handelskammer ineinandergehen, für den Passanten kaum zu unterscheiden. Wobei die Kammer gern erwähnt, zuerst da gewesen zu sein. "In Hamburg hat es seit hundert Jahren einen Kompromiss gegeben", erzählt Bergmann. "Das Kapital hat gesagt, ihr Sozis dürft ins Rathaus und die Stadt regieren. Aber die Wirtschaftspolitik machen wir hier in der Kammer."
Es war eine saubere Machtbalance, die jetzt neu austariert werden muss. Und nicht nur die.
Die erfolgreiche Revolution in der Kammer steht dafür, dass etwas anders geworden ist an der Elbe. Nicht nur, weil jetzt alle zur Elbphilharmonie pilgern. Die Stadt ist dabei, sich neu einzuordnen: Was sind wir eigentlich? Kaufleute oder Kulturheinis oder was? Und die Antwort bitte schön fix, bevor zum G20-Gipfel die Gäste kommen und der Krawallmacher aus Washington.
Das mit dem Handel ist jedenfalls nicht mehr ganz so einfach. "Hamburg wusste immer", sagt Tobias Bergmann, "dass der Wohlstand auch davon abhängt, dass die andern arbeiten. Die Schiffe kamen, luden Kaffee aus, und jede Bohne machte die Stadt reicher. Aber wie viel Reichtum kommt denn noch über so ein Containerschiff?" Und drohe nicht der Onlinehandel das Geschäftsmodell von Kaufleuten zu vernichten?
Tobias Bergmann
Foto: Johannes Arlt / DER SPIEGELBergmanns Rebellenliste ist gewählt worden, weil die Unternehmerschaft eine andere geworden ist. Mit immer mehr IT-Firmen wie Xing, Entwicklern, Gründerinnen und Designerinnen, Fahrradlastkurierdiensten, Medienbetrieben und Eventveranstaltern. "Der Hafen wird ein Asset bleiben. Aber wie nutzen wir als Stadt dieses Asset, um neuen Reichtum zu entwickeln?", sagt Bergmann, und man stellt sich jetzt vor, wie solche Sätze im Übersee-Club klingen.
Wie wäre es denn etwa, wenn man vom Brexit profitierte und Hamburg, die angelsächsischste Stadt des Kontinents, zum Standort der internationalen Schiedsgerichtsbarkeit machte? Mit niedrigeren Anwaltshonoraren als in London? "Und da passt die Elbphilharmonie gut hinein", so beendet Bergmann seinen Gedankenflug. "Man hat zumindest einen kulturell-touristischen Leuchtturm."
"Elphi" hat die Lokalpresse Hamburgs neues Wahrzeichen genannt.
Für die Hamburger sieht es wie eine Welle aus, andere mögen sich an einen schmelzenden Eisberg erinnert fühlen, ein zufällig belauschter Rheinländer an "eine Karnevalsmütze, nur ohne Bommel". Die "Perle Hamburgs" steht für jeden sichtbar auf dem ehemaligen Kaiserkai-Speicher und ist tatsächlich ziemlich beeindruckend: zwei Gebäudemassen, die sich gegenseitig aufheben und wie von einem Kraftfeld getrennt aufeinander zu schweben scheinen, die eine kristallin, backsteinern die andere. Noch ist der Eintritt gratis, und so lassen sich die Besucher in Scharen die Rolltreppe hinauffahren zur "Plaza", der Aussichtsebene in der Mitte.
Weil die beiden Konzertsäle gewöhnlich verschlossen sind, steht man etwas verloren in der Lobby und tritt hinaus. Und dann ist die Elphi vergessen. Dann sieht man ins Herz der Stadt, aufs Panorama des Hafens. Mit Kaimauern, Docks, Ladekränen, umherfahrenden Staplern und Tiefladern, Containergebirgen über den Spundwänden, ein paar Windrädern und hinten einer Rauchwolke, die in flachem Winkel nach Osten abzieht. Ein Lastkahn zieht zwei Gischtspuren wie eine Schleppe durchs olivbraun dreckige Elbwasser, die Luft ist böig hier oben und riecht nach Schiffsdiesel, Schmieröl und, mit etwas Fantasie, nach Meer - Hamburg.
Carsten Brosda ist hier seit Februar der Kultursenator, ein eloquenter Mensch, der sein Büro in einem ehemaligen Kontorhaus hinter der Alster hat. Die Elbphilharmonie, sagt er, sei keineswegs nur eine Landmarke, wie sie sich überall bauen ließe, mit dem nötigen Geld.
Warum Hamburg?
Hier geboren, viel weg gewesen, immer wieder zurückgekommen. Eben erlebte Heimat. Und eine fantastische Mischung von Stadt, Natur, Klima, Kultur und Menschen, die all das zu schätzen wissen.
Mein Lieblingsort
Das Blankeneser Treppenviertel.
Nein: "Dieses Gebäude ist untrennbar mit dem Ort verbunden. Wenn ich bei Google-Maps 'Hamburg' eingebe, dann kommt der rote Punkt ziemlich präzise dort herunter, wo die Elbphilharmonie steht." Auf der Schnittstelle von altem Stadtkern und dem neuen Hafengebiet, dem industriellen, ökonomischen Kern der Stadt. "Ich habe also einen Akupunkturpunkt der Stadt erwischt", sagt der Senator. "Wenn ich da draufdrücke, dann passieren ganz viele interessante Dinge."
Jedenfalls hoffe er, dass sich die Selbstwahrnehmung der Hamburger durch die Außenwahrnehmung verändern werde: "Bisher ist 'Hamburg' in den Umfragen mit vielem assoziiert worden, aber nicht in erster oder zweiter Linie mit dem Begriff 'Kulturstadt'."
Anders als München oder Berlin ist Hamburg nie Residenzstadt gewesen. Kein Monarch hat hier seine Herrschaft und Herrlichkeit gefeiert, mit Kunstsammlungen, Theatern, Opernhäusern. "Hamburg ist auch die größte Stadt Europas, die niemals Hauptstadt gewesen ist. Also Fokuspunkt einer Nation, in der das nationale kulturelle Erbe zu repräsentieren ist", sagt Brosda. "Das ist eine andere, eher republikanische, dem Citoyen verhaftete Kulturtradition. Diese Stadt repräsentiert sich aus sich selbst und aus eigener bürgerlicher Kraft heraus."
Direkt unterhalb der Elbphilharmonie hat Mick M. seine "Papalagi" vertäut, einen sichtbar in die Jahre gekommenen, elf Meter langen Stahlrumpfsegler. M., der eigentlich Segebarth heißt, ist Sohn eines Seemanns und in Hamburg geboren.
Hier, quasi auf Meereshöhe null, bekommt man den Hafen anders mit, direkter. Mick M. kramt ein kleines Glasgefäß vor, schraubt es auf und steckt einen Finger in die graue, metallisch glänzende Masse darin: "Feinstaub. Die Luft ist voll davon. Das wische ich hier so von Deck. Das blasen die großen Kähne raus, die Containerschiffe und Cruiser. Die fahren mit Schweröl, lassen ihre Maschinen auch im Hafen laufen."
Draußen nieselt, innen schaukelt es. Mick sagt, er habe so viel Elbe im Blut, dass er bei Landgang seekrank werde. Über Wasser hält er sich dennoch lieber als Pantomime und Straßenkünstler. Kulturell, sagt er, sei Hamburg immer eine Stadt der Szenen gewesen. Nicht der herausragenden Gebäude. Karolinenviertel, die Schanze (siehe Seite 18), der Kiez. Es war die Fläche, die wichtig war, nicht ein Punkt.
Von seiner mit Angeln, Kocher, Seekarten, Klamotten bis in den letzten Winkel gefüllten Kajüte aus sieht er die Pilgerströme auf der Kehrwiederspitze: "Fast schon unheimlich, diese Masse von Leuten." Andererseits auch nicht, denn Hamburg sei eben nicht eine Stadt mit Hafen, sondern ein Hafen mit Stadt, und deswegen gehe das schon in Ordnung.
Hamburg schaut verzückt auf die Spiegelfläche der Elbphilharmonie und entdeckt sich als Kulturstadt. Rainer Moritz, der Leiter des Literaturhauses, hat da so seine Zweifel. Nicht nur, weil er gebürtiger Schwabe ist. "Hamburg war doppelt gedemütigt, durch die Kostenverschleppung und durch die abgeschmetterte Olympiabewerbung. Jetzt ist alles vergessen, und man kann sich selbst feiern", sagt Moritz. "Denn die Stadt hat, bei aller gern zur Schau gestellten Zurückhaltung, eine stille Sehnsucht, ganz groß rauszukommen."
Ob die Elphi-Begeisterung Wellen zieht und sich auf andere Kulturbereiche auswirkt, das werde man abwarten müssen: "Die Elbphilharmonie ist bisher eine Attraktion des Ortes. Und Hamburg ist nicht über Nacht zu einer Stadt der Musikconnaisseure geworden, die jahrzehntelang unterdrückt worden sind."
Das "Hamburger Abendblatt" berichtet über jedes hiesige Konzert und leistet Alphabetisierung: "Wann darf man in der Elbphilharmonie klatschen?"
Vom anderen Ufer der Elbe aus, dem südlichen, hätte man den besten Blick auf die Elbphilharmonie. Nur blöd, dass die Containerkräne des Eurogate-Terminals davorstehen, die Autobahnbrücke der A7, ein Tankzug und dann noch die "Yang Ming Width", unter Hongkong-Flagge, mit einer Ladekapazität von 14000 Containern.
Vierzehntausend. Und nur noch 23 Mann Besatzung, bis auf einen Ukrainer alle von den Philippinen. Ein Teil der Mannschaft sitzt im Hof der Seemannsmission "Duckdalben" um eine Ladung Holsten-Edel-Bier und bedient die Handys. Die Schiffe werden immer größer, die Besatzungen immer kleiner, die Liegezeiten kürzer. Der Hafen ist immer schneller, immer dichter bepackt.
Der 2nd Engineer Michael hat von Elphi noch nie gehört. "Hamburg? Only watching. Only money for family." Auf See sind sie unter Deck, im brüllend lauten Maschinenraum, und die Aussicht vorm Bullauge beschränkt sich auf die Rückwand eines Containers: "max. Gross".
Die Seemannsdiakonin heißt Anke Wibel, seit 22 Jahren hier und selbst mit einem Seemann verheiratet. Vom Rotlichtviertel bekommen die Seeleute eine Postkarte in der Auslage der Seemannsmission. Die können sie dann nach Hause schicken, als Erinnerungsersatz. Von dem, was da am Nordufer an neuem Hamburg geschieht, sagt Wibel, bekämen die Seeleute nichts mit. "Außer, dass es bei der Einfahrt ein Monument mehr gibt. Zum Angucken ist zu wenig Zeit. Manche fahren wir zum alten Elbtunnel. Dann haben sie auf ihrem Zettel, dass sie noch mal bei MediaMarkt reinwollen oder bei Lidl, Aldi, Penny eine Runde shoppen gehen. Der Seemann ist arm. Die ernähren mit ihrer Heuer eine ganze Familie."
Leiterin Anke Wibel in der Seemannsmission Duckdalben in Hamburg Waltershof
Foto: Johannes Arlt / DER SPIEGELSie tasten mit ihren Smartphones die Auslage im Klub ab, und die Familie daheim kann sich etwas aussuchen, lilafarben verpackte Schokolade, Gummibärchen. Dann kauft er noch für sich eine Asia-Instant-Suppe, weil das an zu Hause erinnert. Dann gehen sie zum Billard. Das ist das Spiel der Seeleute. Als Beweis, dass man festen Boden unter den Füßen hat.
Ausgerechnet diejenigen, denen Hamburg letztlich seine Einzigartigkeit verdankt, seinen Hafen, den Kiez, Reeperbahn und Portugiesenviertel, die gibt es nicht mehr in der Stadt. Dafür gibt es als Matrosen kostümierte Junggesellenabschiedsjunggesellen, die eine Rotlichttour gebucht haben und sich von einer "Titten-Tina" durch den ehemaligen Ludenklub "Ritze" führen lassen, zum 39-Euro-Flatrate-Bordell "Geiz-Club" oder in die Latex-Katheter-Auslagen einer "Boutique Bizarre".
Das ist RTL2 in 3D. Gut für die Übernachtungszahlen, genau wie die Musicalstätten, von denen es mittlerweile schon vier gibt, zwei auf ehemaligem Hafengebiet. Rainer Moritz, der Chef vom Literaturhaus, sprach von einer zunehmenden "Eventisierung" der Kultur in Hamburg, und er nahm die Elbphilharmonie davon nicht aus.
Es ist eine List der Geschichte. Hätte man damals kaufmännisch gerechnet, dann stünde hier heute kein Konzerthaus für 789 Millionen, sondern ein "Media City Port". Weil Hamburg ein einziges Mal die Regeln des guten Kaufmanns verletzt hat, kann es sich jetzt als Kulturstadt feiern lassen. Aber es war ein ziemlicher Schlag ins Kontor. Zumal am Horizont schon die nächste Wolke naht, die Abwicklung der Nordbank HSH, für die Hamburg mit mehreren Milliarden Euro haftet. Das ist es, was jemandem wie Mathias Petersen auf der Seele liegt.
Es gibt in dieser Stadt Familien, für die das Rathaus immer ein zweites Wohnzimmer war. Die Sievekings etwa oder die Petersens. Mathias Petersen gehört zu beiden Familien. Schon sein Urgroßvater war Bürgermeister, sein Großvater das erste Stadtoberhaupt nach dem Krieg, es gab jede Menge Senatoren und Ahninnen, nach denen Parks und Altenstifte der Stadt benannt sind.
Und wenn es vor Jahren nicht eine unschöne Geschichte mit geklauten Wahlzetteln in der SPD gegeben hätte, dann säße Mathias Petersen heute vielleicht dort, wo Olaf Scholz nun sitzt. "Ich bin Hausarzt in Altona", sagt Petersen und hat sich den Moment zwischen zwei Patienten freigenommen. "Politik war für mich immer nur ein Hobby."
Wenn man Petersen fragt, was denn nun zu halten sei von diesem "neuen Hamburg", auf das jetzt die Welt schaue, und von Elphi und dem ganzen Kram, dann sagt er das, was wohl auch seine Vorfahren gesagt hätten: "Die Menschen, die hier leben und ihre Wurzeln haben, brauchen dieses Selbstbewusstsein nicht. So. Wir haben eins, auch wenn wir nicht drüber reden."
Warum Hamburg?
Seit ich 1973 als Dorftrottel herkam, bin ich der schönen Hammonia rettungslos verfallen. Das merke ich besonders, seit ich - vorübergehend - in Osnabrück lebe.
Mein Lieblingsort
In Eimsbüttel, an der Elbe, der Alster und das "Campus" im Schrammsweg.
Die Hamburger Kaufleute, sagt er, seien immer schon in die Welt gezogen. Petersens Großvater musste mit 21 Jahren in Sibirien eine Handelsdependance aufbauen.
"Es gab nie den Wunsch zu sagen, wir müssen jetzt irgendein Gebäude bauen, damit die Welt uns sieht. Die Welt hat uns mit unseren Taten gesehen und sieht uns immer noch. Deswegen brauchen wir nicht so ein Gebäude."
Und den Gipfel schon gleich gar nicht. In der Hamburger SPD ist es ein gern gelüftetes Geheimnis, dass die Stadt den G20-Gipfel schlucken musste, um bei der Olympiabewerbung 2024 von Berlin unterstützt zu werden. Aber die Hamburger hatten genug von Großbauprojekten und von Sicherheitswahn und stimmten im November 2015 gegen die eigenen Eliten: NOlympia!
Als Hamburger, sagt Mathias Petersen, fände er es "nicht zwingend notwendig", durch die Welt zu reisen und zu sagen: Wir sind die mit der Elbphilharmonie. Besser: Wir sind die mit der Forschung, mit dem Desy, dem Elektronen-Synchrotron in Bahrenfeld, wo gerade ein neuer Röntgenlaser erprobt wird.
Blick auf den Hamburger Hafen aus dem Panoramafenster der Elbphilharmonie
Foto: Johannes Arlt / DER SPIEGELPetersen ist Arzt und Politiker und vor allem aber Hamburger, und der schaut auf das, worauf's ankommt, den Hafen. "Wir haben seit Jahren sinkende Frachtraten. Jetzt hat es den Reeder Bertram Rickmers erwischt. Da müssen wir aufpassen. Von Kulturevents allein wird die Stadt nicht überleben."
Und auch nicht von den Touristen, für die der Hafen letztlich nur Kulisse ist.
Das letzte Wort aber hat Horst Huhn. Nicht, weil er das HH dieser Stadt so schön im Namen trägt, sondern weil er es kraft seines Amtes eben hat. Er gibt Hamburg den Ton vor, morgens um zehn und abends um neun, wenn er Dienst hat. Dann steht er auf dem Türmerboden des Michel, klappt ein Turmfenster an der Ostseite auf, pustet noch kurz die Spucke aus der Trompete, holt tief Luft, setzt an und bläst der Stadt da unten einen Choral.
Sein Wort zum Tag. "Ach wie flüchtig, ach wie nichtig" beispielsweise. Oder "Noch kann ich es nicht fassen", notiert in C-Dur, im freien Dreierrhythmus. Horst Huhn sucht sich den Choral immer erst kurz vorher heraus. Dann blättert er durch das zerfledderte, mit Bleistift annotierte Kirchengesangsbuch und entscheidet nach Laune und nach dem, was der Stadt wohl guttun möchte.
Seitdem der Michel steht, seit 350 Jahren, sei das so. "Manchmal kommen Eltern und sagen, ihr Kind könne erst nach dem Lied einschlafen", sagt Horst Huhn, der selbst als Kind schon den Türmer gehört hat und beschloss, auch Trompeter zu werden.
Heute hat Huhn sich für die Nummer 477 entschieden, "Nun ruhen alle Wälder". Das war schon lange nicht mehr dran, und ein bisschen innehalten kann auch nicht schaden in diesen Tagen.
Erst nach Osten, dann nach Süden, Westen, Norden. Von hier oben sieht man alles. Das Alster-Hamburg mit den Villen, die Arbeitersiedlungen im Osten, Barmbek und Hammerbrook, das stolze Rathaus mit der noch stolzeren Handelskammer im Nacken, die Messehallen unterm Fernsehturm, schon abgeriegelt für den Gipfel. Die Elbhöhen von Blankenese. Und im Süden das andere Hamburg: das Backstein-Wilhelmsburg, die Veddel, Schafsweiden, Deiche, Baracken von Rockerklubs, den Flakbunker, aber vor allem diese Hafenlandschaft, die auch einen Turmbläser noch staunen lässt, nach all den Jahren.
Der Michel hat das alles zusammengehalten, bisschen mühsam, aber immerhin. Wird man sehen, sagt Horst Huhn, ob die Elbphilharmonie das hinkriegt und wie. "Das hätte man besser machen können. Das viele Geld, und dann nur zwei Säle?" Horst Huhn ist jetzt 61 Jahre alt. Früher hat er in Bilbao oder Lissabon oder in Nantes gespielt, Barockmusik, auch Zeitgenössisches. Auch dort gibt es exzellente moderne Konzertgebäude. Ihm ist dieser Hype nicht ganz geheuer.
Er öffnet das Turmfenster nach Süden. Dort, wo er die letzten Jahre das neue Wahrzeichen Hamburgs so mühsam hat emporwachsen sehen, hinein in seinen Hafenblick. "Na ja", sagt er, holt Luft und achtet jetzt besonders auf den richtigen Ansatz. Weil er wie jeder Musiker, bei aller Skepsis und Nüchternheit, den Glauben hat, dass jeder Ton etwas bringt. Es muss nur der richtige sein.